Herbes Bier durch weiches Wasser

Jever Pilsener – ein Bier macht seine Heimat bundesweit bekannt

Von Helmut Burlager

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Das Friesische Brauhaus mit seinen Spiegeltürmen

Jever. Friesland mit seinem typisch herben Wetter ist nicht das ideale Anbaugebiet für Braugerste. Der Rohstoff muss sozusagen importiert werden. Und der beste Hopfen wächst ebenfalls in wärmeren Gefilden, in der Hallertau in Niederbayern. Was macht Jever also zum Standort einer der anerkannt besten Brauereien Deutschlands mit einem der anerkannt besten Biere der Welt? Es ist die dritte Zutat, die nach dem 1516 erlassenen Reinheitsgebot in einem Bier zu finden sein darf – das Wasser. Weit und breit findet sich kein vergleichbar weiches Wasser: kalk- und rückstandsfrei, gefiltert durch die dicken eiszeitlichen Sandschichten der friesischen Geest, aus großer Tiefe zu Tage gefördert im brauereieigenen Wasserwerk in Siebetshaus. Durch eine eigene Druckleitung über Kilometer hinweg zur Brauerei befördert, erlaubt dieses besondere Wasser den erfahrenen Braumeistern in Jever, dem Bier jene zusätzliche Prise Hopfen hinzuzufügen, die den friesisch-herben Geschmack des Jever Pilsener ausmacht.

Wer einmal einen Blindtest mitgemacht hat, der weiß, wie verwechselbar deutsche Biere in ihrem Geschmack sind und wie wenig sich gottlob auch die Qualität unterscheidet. „Jever“ ist dagegen eine echte Spezialität, seine besondere, herbe Note zwar oft kopiert, aber nie erreicht worden. Gewiss kein Bier nach jedermanns Geschmack, aber eines, das im Laufe der Jahre immer mehr Kenner überzeugt und treue Freunde gewonnen hat, die keine Kompromisse mehr wollen.

Wie kein anderes Bier ist „Jever“ eine unzertrennliche Verbindung eingegangen mit der Stadt, in der es zu Hause ist und die ihm den Namen gab, und mit der Region drum herum. Die Marke bezieht ihre Identität aus ihrer norddeutschen Herkunft, der Slogan „friesisch-herb“ ist assoziativ verbunden mit Kühle, Weite, Natur, Wasser, Ruhe, Entspannung. Die Bilder von Leuchttürmen, Dünen, Deichen und Watt haben sich über Generationen von Werbespots hinweg einem Millionenpublikum in ganz Deutschland eingeprägt. Da ist es für die Marketingstrategen der Fremdenverkehrsregion Friesland ein Leichtes, den Effekt umzukehren: Wer auf Tourismusmessen in den deutschen Großstädten und Ballungszentren mit den Begriffen Friesland und Jever wirbt, rennt offene Türen ein. Bei dem umworbenen potenziellen Urlauber ruft das Unterbewusstsein sofort die aus tausend Werbeminuten verinnerlichten Bilder von der Nordseeküste ab (auch wenn, man muss es gestehen, die frühen Spots in Schleswig-Holstein gedreht wurden. Inzwischen ist man schlauer).

So ist der Jever-Mann, der so hinreißend rückwärts in den Dünensand fällt (ein Franzose übrigens), zu einem Botschafter Frieslands geworden, ohne dass der Verkehrsverein Jever, die Wangerland Touristik GmbH, die Kurverwaltung Neuharlingersiel oder das Wilhelmshavener Stadtmarketing nur einen Pfennig dazubezahlt hätten. Und jeder Friesland-Auftritt auf einer Tourismusbörse wo auch immer ist zugleich ein Werbestand für die Marke „Jever“. Die Symbiose ist perfekt. Der branchenweit bekannte Slogan „Bier braucht Heimat“ – hier wird er gelebt.

So etwas kommt nicht von allein. So etwas muss wachsen. Das Friesische Brauhaus zu Jever hat vor kurzem erst sein 150-jähriges Jubiläum gefeiert, zum Festakt im altehrwürdigen Schloss zu Jever gab sich sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder die Ehre – der damals noch Ministerpräsident in Niedersachsen war. 1848 war das Gründungsjahr gewesen. Brauereien gab es damals viele, meist waren sie Gaststätten angeschlossen, und auch Diedrich König, der Gründer, war Gastwirt, ein „Zugereister“ aus dem Ostfriesischen. Schon sieben Jahre später übernahm der Sohn, Diedrich König junior, die Geschäfte und legte im Garten seines Vaters an der Pferdegraft mit einem Neubau den Grundstein für die heutige Brauerei.

Wiederum nur ein paar Jahre später verkaufte König das junge Unternehmen, 1867 übernahm der aus Allershausen bei Uslar stammende Theodor Fetköter die Brauerei, und dieser, ein hart und diszipliniert arbeitender Mann, der sich um seine große Familie ebenso kümmerte wie um das Gemeinwohl der Stadt Jever, leistete richtige Aufbau- und industrielle Pionierarbeit. 1880 wurde die Brauerei von Hand- auf Maschinenbetrieb umgestellt, eine Dampfkesselanlage und ein Sudhaus wurden gebaut, eine Eismaschine folgte zum Ende des 19. Jahrhunderts. Als Theodor Fetköter 1908 starb, hinterließ er seinem gleichnamigen Sohn ein florierendes Unternehmen, doch es lag nicht an mangelnder Tüchtigkeit des Nachfolgers, sondern an den schwierigen Zeiten – erst der Krieg, dann die Inflation – dass die Fetkötersche Brauerei im Mai 1923 in der Bavaria- und St. Pauli-Brauerei in Hamburg aufging.

Die stets auf Eigenständigkeit bedachten Friesen sind damit 75 Jahre lang zwar nicht so recht glücklich gewesen, schließlich saß die Unternehmensleitung jetzt in Hamburg. Im Nachhinein ist es aber wohl doch ein Glücksfall gewesen, denn über die Bavaria eroberte sich das Bier aus Jever nun vor allem in der Nachkriegszeit zunächst den Hamburger und dann den ganzen norddeutschen Markt. „Jever Pilsener“ als Marke war 1937 eingeführt worden, blieb zunächst allerdings eher regional geprägt. Seinen Siegeszug trat es erst in den sechziger und siebziger Jahren an. Das Brauhaus war damals schon Teil großer Konzerne, wobei die Eigentümerwechsel von der Kaffeerösterfamilie Herz (Tchibo) über die Tabakdynastie Reemtsma zum später in Konkurs gegangenen bayrischen Fleisch- und Molkereikonzern März, dann die Dortmunder Brau und Brunnen AG und schließlich der Oetker-Konzern mit seiner Radeberger-Gruppe nicht immer nur erfreuliche Begleiterscheinungen mit sich brachten. Eines kann man jedoch keinem der bisherigen Mutterkonzerne nachsagen, nämlich dass er „Jever“ über einen längeren Zeitraum vernachlässigt hätte. Stets galt das Friesische Brauhaus als die „Perle“ im jeweiligen Konzern und machte beim Weiterverkauf oft den Großteil des Wertes des Gesamtkonzerns aus, entsprechend wurde in das Brauhaus selbst und in das Marketing für die Produkte investiert. Zur Jever-Familie gehören heute neben dem Pilsener das alkoholfreie „Fun“ und das alkoholarme „Light“, alle drei sind im Markt gut positioniert.

Das Friesische Brauhaus ist weder der wichtigste industrielle Arbeitgeber in Friesland noch der größte Gewerbesteuerzahler in Jever, auch wenn sich das bei der Bedeutung des Produkts – das immerhin vom Ausstoß her unter den Top Ten der deutschen Biermarken zu finden ist- vermuten ließe. Gleichwohl hängt das Selbstbewusstsein einer ganzen Region am Wohl und Wehe dieses Unternehmens. Auch wenn über die Jahrzehnte die Entscheidungen über die Marke „Jever“ mal in Hamburg, mal in Rosenheim, mal in Dortmund, heute in Radeberg bei Dresden fallen: Das Herz des Friesischen Brauhauses schlägt auf dem Brauereigelände an der Pferdegraft. Und die Seele, die ist in all den Jahren sowieso in Jever geblieben.

Der Beitrag erschien in seiner Ursprungsfassung im Jeverschen Wochenblatt / Friesischen Tageblatt

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