Wir waren damit beschäftigt zu überleben und etwas aufzubauen

Hans-Georg Drescher aus Schortens, Oberstudiendirektor a.D, hielt am 15. März 2013 bei der Vorstellung des Buches „Respekt – Porträts von alten Menschen aus dem Jeverland“, eine bemerkenswerte Rede stellvertretend für alle anderen, die mit ihm zusammen in dem Buch porträtiert werden. Hier die Ansprache im Wortlaut:

Wir, die von Ihnen auserwählten älteren Bürger des Jeverlandes stehen mit unseren individuellen Geschichten hier beispielgebend, stellvertretend jeweils für eine ganze Kriegsgeneration, für alle unserer Generation, welche heute nicht hier sind. Sie haben uns gesucht und entdeckt als die Repräsentanten einer – wie mir erst ganz langsam bewusst wurde – bedeutenden Aufbaugeneration, Startergeneration in eine neue, bessere Zukunft: Bundesrepublik Deutschland.

Sie stellten diese Aktion unter das Leitwort: Respekt. Dieser Begriff ist in der Pädagogik sehr hoch bewertet und besetzt. Er enthält die erklärenden Teilbegriffe, welche Sie uns damit zuschreiben: Achtung, Anerkennung, Verehrung, Bewunderung, Ehrerbietung, Rücksicht, Ehrfurcht, Toleranz. Respekt erfordert somit einen besonderen, herausragend positiv besetzten sozialen Bezug zwischen Menschen, ist die Grundlage menschlichen Verhaltens.

In dem Sie uns und unsere Zeitgeschichte unter diesem Begriff öffentlich machen, erheben Sie uns beispielgebend zu öffentlichen Autoritäten für unsere und die nachfolgenden Generationen. Sie wollen öffentlich machen, dass wir in verschiedenen Berufen und Positionen daran mitgearbeitet haben, die Grundlagen eines neuen wirtschaftlich, sozialen, demokratischen Rechtsstaates zu legen. Die uns damit auch indirekt zugewiesene werte- und normenbezogene Haltung und Leistung bedeutet uns eine hohe Anerkennung und Wertschätzung. Wir empfinden es glückhaft und dankbar, dass Sie sich zeitgeschichtlich auf uns, die Generation der oft vergessenen Kriegskinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, welche fürchterliche Situationen und starke Entbehrungen in der Kriegszeit erleben mussten, besinnen und unsere Lebensläufe öffentlich nachzeichnen.

Viele von uns sind durch Krieg, Flucht und Vertreibung von heute auf morgen mit ihren Eltern in ein existenzielles Nichts gefallen. Herr Reents hat dies treffend im Jeverschen Wochenblatt vom 29. Dezember letzten Jahres zum Ausdruck gebracht. Wir wurden zum Teil Asylanten im eigenen Land. Unsere Väter und älteren Geschwister waren in dem wahnsinnigen, brutalen nazistischen Raub-, Eroberungs- und ethnischen Vernichtungskrieg eingebunden, verwundet oder gefallen. Sie wurden missbraucht als Helden im Dienst für Führer, Volk und Vaterland. Es war eine Zeit, in der ein blutiger, grausamer Krieg tobte, in welcher eine Entwertung oder noch gefährlicher, eine Umwertung humaner Werte und Normen menschlichen Verhaltens und Handelns stattgefunden hatte.

  1. Nach diesem furchtbaren Krieg mit vielen menschlichen Tragödien, hatten wir großes Glück. Wir hatten überlebt – unfassbar.
  2. Unsere Sieger wollten eine durch den Nationalsozialismus „entgleiste“ Kulturnation nicht vernichten, sondern in Frieden wieder aufbauen. Die Besatzungsmächte halfen, die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Lebensmittelkarten zu regeln, dies in Zusammenarbeit mit neu eingerichteten deutschen Stellen.
  3. Es fanden sich unbelastete Politiker, welche die Wiederbegründung demokratischer Parteien besorgten und parteiübergreifend mit der Ausarbeitung des Grundgesetzes die Grundlagen eines demokratischen Rechtsstaates schufen: Bundesrepublik Deutschland.
  4. Der Marschallplan stellte unerwartet finanzielle Mittel zum Wiederaufbau bereit. – 20. Juni 1948 -.
  5. Westdeutschland wurde nun glaubhaft für einen neuen Anfang in Frieden und es erfolgte die Aufnahme in die westliche Staatengemeinschaft zunächst mit einer Anbindung und endlich mit einer partnerschaftlichen Einbindung in die Staatengemeinschaften Montanunion, EWG und weiteren Formationen bis zur EU. Aus Feindschaft wurde Partnerschaft und letztlich Freundschaft. Der Wiederaufbau begann und es kam die Währungsreform.

Aus der sowjetischen Besatzungszone entstand die DDR. Damit war die Teilung Deutschlands vollzogen. Die Einführung des Sozialismus sowjetischer Prägung führte zu Enteignung und Verfolgung der Regimekritiker. Es setzte eine erneute, zweite Fluchtbewegung größten Ausmaßes ein. In dieser vielschichtigen Ausgangslage haben wir begonnen. Wir Kriegskinder, Jugendliche und junge Erwachsenen gingen zum großen Teil mit 14 Jahren in die Lehre in Handwerk und Handel, Industrie, Bergbau oder in die Arbeitstellen für Jungarbeiter. Die Mädchen und jungen Frauen gingen oft nicht in Berufe, sondern in der Mehrzahl in „Stellung“ im Haushalt oder als ungelernte Kräfte in eine Arbeitsstelle. Damals herrschte die konservative Auffassung, dass Mädchen keine höhere Schulbildung, keinen Beruf oder gar ein Studium brauchen, da sie heiraten, eine Familie gründen und versorgt sind.

Nur wenige konnten aufgrund der sozialen Bedingungen in den verarmten Familien zur höheren Schule oder zum Studium. Die arbeitende Bevölkerung hatte in den Anfängen Wochenarbeitszeiten von 50 bis 60 Stunden bei sehr geringem Einkommen. Viele von uns besuchten später neben der Arbeit Abendschulen und gelangten danach zum Studium. Das war die so genannte „Ochsentour“ auf dem zweiten Bildungsweg. Zielsetzung und Folge waren ein besonderer Berufswunsch und die Verbesserung der Lebenssituation. Die Grundeinstellungen der 50ziger und 60ziger Jahre waren vorwiegend Arbeiten, Ausbilden, Sparen, Solidarität, Familie gründen, ein Stück Heimat finden, Wohnung, Haus und Garten. Erste Erfolge stellten sich Ende der 50er ein.

Es ging ein motivationaler Schub durch das Land. Alle wollten aufräumen und durch Arbeit etwas schaffen zur Verbesserung der persönlichen Lebenssituation. Wir waren im Aufbruch. In dieser Zeit vollzog sich auch eine Rückbesinnung auf menschliche Werte und ein Normensystem des gegenseitigen Respekts. Es wurde zusammengehalten und gegenseitig geholfen. Wir mussten uns befreien von autoritären, bürgerlichen Werten und Normen, welche noch immer vom nationalsozialistischen Geist mit Feindbildern, durchdrungen waren – 68er -.

Viele ehemalige Wähler und Beteiligte am Nationalsozialismus haben damals ihre Vergangenheit im Stillen infrage gestellt, bereut und geschwiegen. Unsere Fragen wurden nicht beantwortet, es herrschte ein Tabu. Keiner hat`s gewusst, keiner war dabei, keiner war`s gewesen. Alle mussten im Befehlsnotstand handeln; nur wenige haben sich bekannt. Der demokratische Rechtsstaat garantiert nun grundgesetzlich gesicherte Meinungsfreiheit, daher meldeten und melden sich immer wieder Ehemalige, Unverbesserliche und besorgniserregend sogar auch jüngere Generationen in totaler Unkenntnis bis heute mit NS-Themen zu Wort. Wir alle müssen wachsam sein und aufklären, damit so etwas nicht noch einmal geschieht. Es ist geradezu gefährlich, wenn uns die Gegenwartsprobleme den Blick dafür verstellen, wie wir am Beispiel NSU sehen können.

Wir haben damals gar nicht wahrgenommen, welche Bedeutung unser Verhalten und Handeln für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung hatte. Kabarettisten bezeichneten den Zeitgeist mit den Versen: „ Heute wird wieder in die Hände gespuckt, wir schaffen das Bruttosozialprodukt“. Den Begriff Bruttosozialprodukt lernten wir erst später kennen. Dazu hatten wir auch keine Zeit. Denn wir waren ständig existenziell in den Aufgaben herausgefordert, damit beschäftigt, zu überleben, etwas aufzubauen, eine Existenz zu schaffen und zu sichern. Eingebunden in die Probleme und Herausforderungen hielten wir das damals alles für normal und selbstverständlich. Wir haben unsere Pflicht erfüllt und darüber hinaus auch noch das, was wir sehr engagiert für unsere Pflicht hielten. Viele Errungenschaften von heute waren damals die Träume von unserer Zukunft. Bald waren wir wieder wer und konnten unsere Erfolge auch genießen. Da wurde gefeiert und gut gegessen.

Sehr geehrte Herren der Fresenia-Loge, sie haben eine geniale Idee auf die Schiene gebracht.

Sehr geehrtes Respekt-Team, Sie haben eine geniale Idee in Zeitgeschichte umgesetzt. Lebensgeschichten dieser Form sind immer auch ein Stück Zeitgeschichte von Zeitzeugen. Was Sie genial mit großem Einsatz geleistet haben:
– primär dargestellte Geschichte von Betroffenen und Beteiligten in ihrer Zeit,

– im Gegensatz zu sekundär dargestellter Zeitgeschichte in epochalen Beschreibungen, aus Büchern, Bildern, Filmen und anderen Medien.

Hier werden geschichtliche Abläufe am konkreten Beispiel im Detail von den darin Beteiligten aus deren individuellen Lebenssituationen anschaulich berichtet, persönlich begründet und bewertet. Dies könnten die Medien außer in Interviews sonst kaum wirkungsvoller leisten.

Aus den geschichtlichen Zeiten, Fakten, einzelnen Situationen, Abläufen, Bedingungen in einem individuell erlebten und gelebten Leben und einem entsprechenden reagierenden Verhalten entsteht ein anschauliches Bild von früher. Dies erlaubt eine kompetente, überzeugende Nachbewertung und einen möglichen Vergleich zur Gegenwart. Dies macht auch Ihr Buch besonders anschaulich und lebendig.

Alle nach uns folgenden Generationen lernen aus diesem Geschichtsbuch, können erkennen, können uns besser verstehen, einschätzen und an Beispielen bewerten:

  • Woher wir kommen
  • Wodurch und was wir heute sind
  • Wir alle können und müssen uns ständig neu besinnen und zielsetzend entscheiden wohin wir wollen.

Wir Betroffenen mussten uns noch einmal mit unserem Lebenslauf beschäftigen und viel Positives und auch Negatives aus unserer Vergangenheit holte uns ein. Wir erinnerten uns an Abgelegtes. Manches hat uns noch einmal emotional berührt, zutiefst bewegt. Unsere Generation hat psychisch, sozial und materiell schwer gelitten. Belastende Traumata haben wir zum großen Teil in Arbeit und Erfolg und in positiven sozialen Beziehungen gemindert und besiegt. Ich möchte aber keinesfalls ausblenden, dies gelang nicht allen von uns. Sie mussten und müssen noch immer leiden, ohne von außen wirksame Hilfe bekommen zu können. Die Probleme wurden in der Medizin erst spät erkannt.

Als Zeitzeuge zweier Diktaturen möchte ich den nachfolgenden Generationen noch einmal deutlich machen: Das Fundament unseres gegenwärtigen Seins ist der marktwirtschaftliche, soziale, demokratische Rechtsstaat. Ihn zu erhalten und weiterzuentwickeln ist unsere größte, ständige Herausforderung. Auf dieser Basis konnten und können wir alle Probleme lösen.

Mir wurde und wird immer wieder klar, wenn wir unsere Freiheit verlieren, haben wir verloren. Heute wird uns durch ihre Arbeit, sehr geehrtes Respekt-Team, mehr denn je bewusst, unsere Generation hat daran mitgearbeitet, den Grundstein für unser jetziges Deutschland zu legen. Ich bin voller Zuversicht und betone voller Respekt, die Generationen nach uns haben bis heute den marktwirtschaftlichen, sozialen, demokratischen Rechtsstaat erhalten, geschützt und weiterentwickelt. Deutschland ist weltweit anerkannt, geschätzt, genießt großes Vertrauen, ist in Europa und der ganzen Welt vernetzt und leistet friedensstiftende Einsätze. Wir sind wieder wer! Gleichwohl tragen wir eine schwere Hypothek aus unserer Vergangenheit und eine große Verantwortung für humanes, werte- und normenbezogenes, demokratisches Handeln in Gegenwart und Zukunft.

Bei all unseren Gegenwartsproblemen dürfen wir uns hier im Tagesgeschäft nicht den Blick auf das Wesentliche, Existenzielle verstellen. Es sei noch einmal wiederholt: es ist der demokratische Rechtsstaat, der uns ein Leben in Freiheit und Würde garantiert. Dazu habe ich noch einen Wunsch: Zu dem Mindestlohn gehört auch für die Benachteiligten der älteren Generation eine Mindestrente. Denn wer ein Leben lang in einer niedrigen Lohngruppe arbeitete, ist auch an der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung beteiligt, hat auch Respekt und Würde im Alter verdient und muss an den Erfolgen mehr beteiligt sein.

Ich bin überzeugt, nun werden die jetzt tragenden Generationen zukünftig auch die digitale und globale wirtschaftliche Vernetzung zu unser aller Vorteil bewältigen, eine neue Herausforderung. Wir, die Alten, bewundern das alles und gehen, soweit unser Gesundheitszustand dies noch erlaubt, neben unseren Ehrenämtern und Hobby`s zu unseren Enkeln und Urenkeln in die Computerschule. Dann googlen und surfen wir uns mit Hilfe der Jugend in eine neue, weite Welt und senden E-Mails. So nehmen wir am aktiven Leben integriert teil. Ein Stück unserer Zukunft, wenn das Schicksal mitspielt.

Im Namen der hier eingeladenen älteren Persönlichkeiten sage ich herzlichen Dank. Ich wünsche uns allen hier ganz viel Gesundheit, Zufriedenheit, stets ein bisschen Glück und insgesamt eine erträgliche Lebensqualität.

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