Hilfe für verwaisten jüdischen Friedhof

Bodo Gideon Riethmüller berichtete über die Anlage in Schenum bei Jever

Von Christoph Hinz

Jever – Heilig und unantastbar sind den Juden ihre Friedhöfe, selbst wenn sich auf ihnen kein Grabstein mehr findet und die jüdische Gemeinde, die für seine Pflege und Instandhaltung zuständig wäre, nicht mehr existiert. Dieser Anspruch gilt nach jüdischer Tradition für die Ewigkeit – eine Synagoge kann aufhören ein heiliger Ort zu sein, wenn die Thora nicht mehr im Thoraschrank liegt, ein jüdischer Friedhof aber bleibt „ein Ort jüdischen Lebens und jüdischer Lebenserwartung“. So formulierte es Bodo Gideon Riethmüller vor den Mitgliedern des Lions-Clubs Jever.

Lions Riethmüller
Bodo Gideon Riethmüller (links) vom Landesverband Jüdischer Gemeinden in Hannover mit Lions-Präsident Andreas Kreye. Foto: Christoph Hinz

Riethmüller ist beim Landesverband Jüdischer Gemeinden von Niedersachsen zuständig für pflegeverwaiste jüdische Friedhöfe, eben für solche, deren Gemeinden nicht mehr existieren. Und die sind zahlreich seit Vertreibung und Ermordung der Juden durch das NS-Regime. 210 sind es in Niedersachsen – für ihre Instandsetzung stellen Bund und Länder Mittel, die der Landesverband einsetzt.

Die Lions wollen sich für die Renovierung des pflegeverwaisten jüdischen Friedhofs in Schenum stark machen, wie ihr Präsident Andreas Kreye ausführte. Um mehr über den Friedhof, jüdische Begräbniskultur und die Finanzierung von Instandhaltungsprojekten zu erfahren, habe man den Beauftragten  des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden eingeladen.

Riethmüller kam diesem Wunsch mit einem ausführlichen Referat nach, in dem die Mitglieder des Clubs viel über die Historie und die Besonderheiten jüdischer Bestattungsvorschriften erfuhren.

Landesverband betreut 13 jüdische Gemeinden

Der Landesverband Jüdischer Gemeinden ist die Dachorganisation für 13 jüdische Gemeinden in Niedersachsen, die von ihm betreut sowie in rechtlichen und sozialen Fragen beraten werden. Auch die Verteilung der Mittel vom Zentralrat der Juden an die Gemeinden obliegt dem Landesverband. Die Ausstattung mit rituellen Gegenständen – die Kosten für eine Thora liegen zwischen 100 000 und 150 000 Euro – wird ebenso gefördert wie die Bereitstellung eines Mohels (Beschneider) und die Bezahlung der Rabbiner. Auch die Pflege der Friedhöfe verantwortet der niedersächsische Landesverband, finanziell gelte dies aber nicht für die 210 pflegeverwaisten Friedhöfe, wie der Referent ausführte. Für sie hätten Bund und Länder 1957 die finanzielle Verantwortung übernommen.

Mittel von Bund und Ländern reichen nicht

Doch das Geld für landschaftsgärtnerische Aufgaben und das Aufrichten von Grabsteinen reiche vorne und hinten nicht für eine angemessene Instandhaltung. „Grabsteine fallen ja nicht um, sie werden umgestoßen und dabei meistens schwer beschädigt“, erklärte Riethmüller. Seit 1999 sei durch Grabschändungen in Niedersachsen ein Schaden in Höhe von mehr als 340.000 Euro entstanden. Bei den pflegeverwaisten Friedhöfen (300 000 Quadratmeter) kommen jährlich 150 000 Euro für die Instandsetzung der Grabsteine einschließlich der Einfriedungen und Pforten zusammen, die landschaftsgärtnerische Pflege schlägt mit 200 000 Euro zu Buche, die Nebenausgaben (Abgaben, Versicherungen) belaufen sich auf 40 000 Euro. Über jeden ausgegebenen Cent müsse er dem Innenministerium Rechenschaft ablegen. „Es heißt ja, die Juden seien reich, aber das stimmt schon mal gar nicht“, betonte der Referent. Renovierungen können nur schrittweise vorgenommen werden, so auch beim jüdischen Friedhof in Schenum (1618 Quadratmeter, 221 Grabsteine).

10 000 Euro kostet die Restaurierung in Schenum

Bestattungen fanden in Schenum von 1796 bis 1941 statt, dann wieder im Jahr 1967 und zuletzt 1983. Die Pflege der Gedenkstätte haben die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit übernommen.

Der vorausgegangene Bauabschnitt wurde von der Stadt Jever, dem Landkreis, dem Niedersächsischen Amt für Denkmalschutz und der Philipp-Orth-Stiftung unterstützt. Um den Friedhof begehbar zu machen, also die Verkehrssicherheit herzustellen, ist geplant, die losen Grabsteine, die im ersten Bauabschnitt nicht instand gesetzt und befestigt werden konnten, in diesem Jahr zu vorzunehmen. Dies werde rund 10.000 Euro kosten. 2500 Euro werde das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege bereitstellen. „Den Rest müssen wir tragen“, sagte Bodo Gideon Riethmüller. Bisher seien weitere Zuschussanträge bei Institutionen erfolglos geblieben. Riethmüller betonte in diesem Zusammenhang, die Stadt Jever habe sich beim ersten Bauabschnitt absolut vorbildlich eingebracht.

Den anwesenden Lions schlug er diverse Möglichkeiten vor, das Projekt zu unterstützen. Der Friedhof müsse den Menschen ins öffentliche Gedächtnis zurückgerufen werden, um Akzeptanz für ihn als Ort des Gedenkens und des Lernens herzustellen. Tote Bäume und Sträucher müssten herausgeschnitten, Neuanpflanzungen vorgenommen und Grabsteine gereinigt werden. „Sie können vielleicht mit der Stadt Jever die soziale Kontrolle ausüben und gemeinsam nach Möglichkeiten der Verbesserung der landschaftsgärtnerischen Pflege suchen.“ Er regte zudem an, in der Stadt einen Arbeitskreis für den jüdischen Friedhof zu gründen. Auf Nachfrage erklärte er, ein solcher Arbeitskreis könne sich gegebenenfalls auch dafür einsetzen, dass der Friedhof für die Öffentlichkeit geöffnet werde. „Wir vom Landesverband haben haben bestimmt nichts dagegen“, sagte der Gast aus Hannover.

Teil 2: „Es gibt keine ehemaligen jüdischen Friedhöfe“  Zur Fortsetzung

(Der Beitrag erschien zuerst am 15. Juli 2011 im Jeverschen Wochenblatt)

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