Mein Problem und das meines Nachbarn

Klagelied eines Stamm-Liberalen 

Von Fritz Kleinsteuber

Heute ist Sonnabend, morgen  sollen wir in Niedersachsen unser neues Landesparlament wählen. Am Sonntag werde ich meine Stimme abgeben, mich entscheiden müssen – die Stimme eines einzigen Wahlberechtigten. Ach, sie geht ohnehin unter im Meer der Stimmen, könnte ich mir jetzt sagen, sie beeinflusst gar nichts. Wenn dieser Gedanke sich verbreitete, wir also mehrheitlich zu Hause blieben, dann wählten nur einige recht wenige das Parlament. Und dort bildet dann irgendeine Mehrheit die Regierung. Irgendeine. Wäre das so schlecht, wie verhält es sich mit den mathematischen Wahrscheinlichkeiten, dass Unsinn dabei herauskäme? Ist die Realität besser?

Ich habe nämlich ein Problem bei dieser Wahl. Ich gehöre zu den jämmerlichen zwei bis drei Prozent Stamm-Liberalen im Lande. Zu den wenigen, die sich vor langer Zeit und aus wohlüberlegten Gründen für den politischen Liberalismus entschieden haben. Er kommt meinem Menschenbild und meiner Grundeinstellung darüber, was und wie ein Staat sein sollte, am nächsten. In der Theorie jedenfalls. Über meine liberale Partei aber lacht ganz Deutschland. Ich bin einer der Vollpfosten, ungefähr 95 Prozent des Volkes denken anders. Und frage mich: Habe ich einen Schaden im Gehirn? Oder machen sie ihre Witzchen, weil Häme heute voll ausgelebt wird? Nur ein Viertel des Volkes interessiert sich für politische Inhalte, nur etwa vier Prozent engagieren sich. Das ist jämmerlich – aber sehr deutsch.

Andererseits bin auch ich äußerst unzufrieden. Ein klares liberales Programm sehe ich nicht, das Personal kann nicht befriedigen. Liberale Wirtschaftsminister müssen Format haben, auch im Bundesland. Das ist gute Tradition. Die Realität ist ein Trauerspiel. Soll ich dennoch liberal wählen?

Was sagt mein Nachbar, ein treuer Sozialdemokrat? Ihn plagt ein ähnliches Problem: Wenn doch sein Kanzlerkandidat sagen würde: „Ich werde aufräumen mit dem kriminellen Machenschaften im Finanzsektor, werde wieder gute Ordnung ins Bankensystem bringen. Werde verhindern, dass durch falsche Politik unser Land in den Abgrund gerissen wird!“ Statt dessen bekämpfen ihn Medien und die eigenen Leute unverdrossen. Er muss wieder einmal Sozialversprechen abgeben, darf die wichtigen Aufgaben der Nation nicht angehen. Aber Niedersachsen ist für ihn die Nagelprobe. Ein Verlust der Wahl hätte schlimme Folgen. Muss also ein Sozialdemokrat zur Wahl gehen, auch wenn er das Programm nicht mag? Natürlich, er muss! Wer sonst könnte gegen „Mutti“ bestehen?

Und der alte Kartenspielfreund, der traditionelle Christdemokrat? Er ist zufrieden mit seinem Ministerpräsidenten. Ein sympathischer Mann, das Land steht vergleichsweise gut da. Der hannoversche Klüngel und die Skandälchen sind keine Aufreger, der ehemalige Bundespräsident tut inzwischen allen leid. Niemand wirft der Kanzlerin ihren katastrophalen Kandidaten-Missgriff vor. Die Christdemokraten dürften sich freuen. Allerdings: Regierung gibt es nur im Doppelpack mit den Liberalen. Die müssten daher rein in den Landtag.

Und hier ist mein Problem. Meine Partei gehört abgestraft wegen der Fehlentscheidungen und ihrer Programmlosigkeit. Geltungsbewusstsein, mangelndes intellektuelles Kaliber und Postengeilheit gibt es überall. Den Liberalen verzeiht man das nicht: Theodor Heuss oder den Grafen Lambsdorff hätte kein C-Klasse Promi veralbert. Was mache ich also am Sonntag? Bei der SPD kaufe ich Grün mit ein. Nein, immerzu Umwelt, Kita und Sozial, das ist mir zu wenig. Das rettet nicht unser Land. Und gewänne die SPD, müsste der Kanzlerkandidat beim langweiligen Programm bleiben. Dann wird es im Herbst noch enger gegen die „Mutti“, die sich hüten wird, das heiße Eisen anzupacken – wer triebe sie dann vorwärts? Wähle ich CDU, muss ich auch FDP wählen. Deren Personal bliebe, das ödet mich an. Also, was denn nun? Alles ist so schwierig. Ach, gäbe es doch wieder Liberale von Format in einer Partei mit klarem Profil. Oder eine moderne, mutige SPD. Das wären Alternativen, die man sich wünscht.

Dr. Fritz KleinsteuberFoto (c): H. Burlager
Dr. Fritz Kleinsteuber
Foto (c): H. Burlager

Dr. Fritz Kleinsteuber war viele Jahre Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indonesischen Industrie- und Handelskammer in Jakarta, Indonesien. Er lebt in Jever und Jakarta. Seit Jahrzehnten ist er in der FDP aktiv.

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1 Kommentar zu „Mein Problem und das meines Nachbarn“

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