Hält Mikrofinanz, was sie verspricht?

Experten diskutierten über Mikrofinanz im Spannungsfeld zwischen erfolgreicher Armutsbekämpfung und Fehlentwicklung

Berlin, 7. Juli 2011. Mikrofinanz wurde in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Instrumente der internationalen Zusammenarbeit. Im Kampf gegen die Armut werden große Hoffnungen mit der Finanzsektorentwicklung verbunden. Jedoch wurde in jüngster Zeit auch Kritik an der Mikrofinanz laut: Zweifel an der Wirksamkeit, eine starke Kommerzialisierung einiger Mikrofinanzinstitutionen und Selbstmorde von Kreditnehmern in Indien, die auf Überschuldung zurück zu führen seien.

Fachdiskussion Mikrofinanz in Berlin. Foto: Thomas Ecke

Mikrofinanz, die lange als Patentrezept für die Überwindung von Armut gesehen wurde, wird heute in Presse, Wissenschaft und Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Ist die Mikrofinanz entzaubert? Zeit für eine Standortbestimmung – am 5. Juli diskutierten internationale Experten auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, Oikocredit, Opportunity International Deutschland, dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Bertelsmann Stiftung im GIZ-Haus Berlin über die Situation der Mikrofinanz.

Susanne Dorasil, Leiterin des Referats Wirtschaftspolitik und Finanzsektor des BMZ, betonte, dass Mikrofinanz sich nicht auf Mikrokredite beschränke. Es gehe auch um Dienstleistungen wie Sparbücher und Versicherungen. Mikrofinanz sei ein wichtiger Beitrag zur Armutsbekämpfung, aber kein Allheilmittel. Durch den großen Erfolg des Ansatzes seien die Erwartungen natürlich sehr hoch. Die Frage sei nun, wie man die Mikrofinanzinstitutionen auf soziales Vorgehen verpflichten könne.

Dr. Tilman Ehrbeck, Geschäftsführer des unabhängigen Politik- und Forschungsinstituts CGAP aus Washington D.C., betonte, dass immer noch rund 2,7 Milliarden Menschen ohne Zugang zu formellen Finanzdienstleistungen seien. Mikrofinanz verringere Armut dann, wenn das richtige Finanzprodukt am richtigen Ort den richtigen Empfänger erreiche. Ein funktionierendes Finanzsystem sei zudem als wichtiger Bestandteil der Infrastruktur eines Landes zu sehen.

Günther Kastner, Gründer und Geschäftsführer der Absolute Portfolio Management GmbH, forderte die Politik dazu auf, die Mikrofinanzbranche durch den Aufbau von Kreditbüros und Verbesserungen der Infrastruktur zu stärken, nur dann könne die Mikrofinanzbranche marktwirtschaftlich funktionieren. Die Wiener Investmentfirma legt seit 2006 Mikrofinanzfonds auf.

„Eine der Herausforderungen, vor denen wir stehen, ist die Regulierung der Banken und insbesondere die Aufsicht von Finanzinstitutionen“, so Wolfgang Bücker, Leiter des Kompetenzfeldes Finanzsystementwicklung der GIZ. „Es ist außerdem wichtig, Personal zu qualifizieren: Wir brauchen Fachkräfte im Bereich Finanzierung von Kleinunternehmen sowie bei der Beaufsichtigung von Finanzinstitutionen. Darüber hinaus müssen wir verstärkt auf den Schutz von Kunden und finanzielle Grundbildung setzen.“

„Das eigentliche Ziel, Menschen aus der Armut zu helfen, ist einigen Akteuren in den vergangenen Jahren abhanden gekommen“, kritisierte Ben Simmes, Direktor Soziales Wirkungsmanagement beim Entwicklungsfinanzier Oikocredit. „Die Branche muss jetzt für eine bessere Balance zwischen finanziellem und sozialem Gewinn sorgen. Hierfür gibt es verschiedene Instrumente wie eine Scorecard, mit der wir bei Oikocredit die soziale Ausrichtung einer Mikrofinanzinstitution überprüfen, bevor wir einen Kredit vergeben. Wir setzen uns auch dafür ein, dass branchenweite Standards wie die Kundenschutzrichtlinien und die UN-Richtlinien für „Inclusive Finance“ flächendeckender eingeführt werden“, so Simmes weiter.

Opportunity Vorstand Stefan Knüppel mit Dr. Stefan Empter Bertelsmann Leiter Themenfeld Wirtschaft und Soziales. Foto: Thomas Ecke

Stefan Knüppel, Vorstand von Opportunity International Deutschland, betonte, der Klient und seine Bedürfnisse müsste stärker in den Mittelpunkt gestellt werden. Deswegen seien weitergehende Angebote wie Schulungen, mobile Banken oder auch Vertriebsgenossenschaften wichtig. „Das ist teuer und aufwendig. Viele Anbieter können sich das nicht leisten“, erklärte Stefan Knüppel. „Da wir mit Spenden arbeiten, sieht das bei uns anders aus. Deswegen funktioniert unser ganzheitlicher Ansatz“, sagte er mit Blick auf die Ergebnisse einer Wirkungsstudie aus Malawi. „89 Prozent unserer Klienten berichten, dass sich ihre Lebensqualität innerhalb eines Jahres verbessert hat. Dies ist unsere wichtigste Benchmark“, resümierte Stefan Knüppel.

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