Hein Bredendiek

Jever war seine Lebensform

Der Maler-Schriftsteller starb vor zehn Jahren

Von Helmut Burlager

Jever/Oldenburg, im April 2011. Es sollte ein kurzer Besuch werden, als wir ihn im Frühjahr 2001, das letzte Mal sahen. Hein Bredendiek sei schwach geworden, lange Besuche könne er nicht mehr verkraften, hatten uns Freunde erzählt. Wie immer meldeten wir uns telefonisch an. „Seid mir willkommen. Das ist die beste Idee dieses Wochenendes“, lud er uns mit unverhofft kräftiger Stimme ein. Als wir in der Huntemannstraße 5 a klingelten, kam er wie stets im Sonntagsanzug samt korrekt gebundener Krawatte an die Haustür und strahlte: „Willkommen Jever. Gut, dass Ihr pünktlich seid, ich habe den Tee fertig“, führte er uns in sein gemütliches Wohnzimmer.

Bredendiek1 Der Besuch, der ein Abschied war, dauerte länger als drei Stunden, und als wir uns bei Einbruch der Dunkelheit voneinander trennen mussten, da spürten wir, dass er gerne noch weiter erzählt hätte. Er war tief eingetaucht in die Vergangenheit, hatte uns die schon oft gehörte Geschichte seines Besuches beim großen Philosophen Karl Jaspers in den fünfziger Jahren in Basel noch einmal vorgetragen, aber auch Neues über seine gerade erschienene CD und vom Treiben seiner Enkelkinder berichtet und uns dann mit der Erzählung überrascht, er habe den betagten Maler Emil Nolde kurz vor dessen Tod im Jahre 1956 einmal in dessen Ruhesitz Seebüll besucht. „Kommt mal mit, ich will Euch etwas zeigen“, leitete er uns in sein Atelier und Bücherzimmer, suchte ein wenig und zog dann ein altes, schon etwas abgegriffenes Büchlein heraus, schlug die Titelseite auf und wies auf eine mit blauer Tinte hingesetzte Unterschrift: Emil Nolde.

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Hein Bredendiek (im Bild  während eines Empfangs zu seinen Ehren im Schloss Jever, mit Bürgermeisterin Margot Lorentzen und Pastor Volker Landig) lebte seine letzten Lebensjahre nicht wie so viele Hochbetagte in der Vergangenheit. Er war bis zuletzt von äußerst klarem Verstand und nahm Anteil an allen Diskussionen der Gegenwart. Aber er lebte in seiner Kunst, und die Wochen und Monate vor seinem Tod verbrachte er zunehmend damit, zu sichten, zu sortieren, zu bewerten und sich noch einmal zu erinnern, Rückschau auf ein langes, erfülltes Leben zu halten, dessen Kreis sich jetzt schloss.

Bredendiek als KindIn Jever, Alter Markt 12, wurde er am 18. September 1906 geboren. Wiewohl Hein Bredendiek die Stadt 1954 endgültig verlassen hat, um in Oldenburg als Studiendirektor am Alten Gymnasium Kunst zu unterrichten und am Staatlichen Studienseminar als Fachleiter für Kunst angehende Lehrer auszubilden, blieb er seiner Marienstadt immer treu. „Es ist ja so, dass man immer wieder heimkehrt“, sagte er, als Bürgermeister Dr. Heinz Behrends ihm 1986 im Auftrag des Rates die Ehrenbürgerschaft der Stadt Jever verlieh. Behrends zitierte damals Karl Veit Riedel mit den Worten: „Jever ist mehr als ein Wohnort, Jever ist eine Lebensform“. Auf wen hätte das mehr zugetroffen als auf Hein Bredendiek, der der Stadt und ihren Menschen in zahlreichen plattdeutschen Erzählungen, mit vielen Zeichnungen und Gemälden und in seinem jahrzehntelangen Engagement für das Schlossmuseum, die Heimatgeschichte und für die regionale Kultur ein bleibendes Denkmal gesetzt hat?

Mit Krystyna und Frau Ludewig Leben und Arbeiten Bredendieks ging über diese kleine Stadt weit hinaus. Schon Studium und Berufsanfang hatten ihn aus provinzieller Enge herausgeführt, Berlin, Hamburg, Flensburg, Cottbus waren die Stationen, bevor er von 1940 bis 1945 Kriegsdienst bei der Marine leisten musste. Begegnungen seiner Jugendzeit, von Barlach bis Hindemith, von Yehudi Menuhin bis zum erwähnten Karl Jaspers, der seine Wurzeln ebenfalls in Jever hatte, prägten ihn bis zuletzt, doch keiner prägte sein künstlerisches Leben stärker als sein jeverscher Lehrer und väterlicher Freund, der Malerdichter Georg von der Vring, dessen Gedichte noch an seinem Sterbebett lagen.

Hein Bredendiek schrieb in seiner plattdeutschen Muttersprache, kraftvoll wie kaum ein anderer, und weitab von Heimattümelei und Verklärung. „Die plattdeutsche Dichtung muss vor allen Dingen echt und wahr sein, und sie muss einen guten Grund haben und muss jegliches Wortgeklingel vermeiden“, sagte der Schriftsteller einmal, und so war er als Leiter des Schrieverkrings, der Arbeitsgemeinschaft Niederdeutsche Sprache und der Bevensen-Tagungen auch ein kritischer Förderer und Wegbegleiter für viele andere, die Niederdeutsch schrieben. Sein plastisches Plattdeutsch und seine markante Stimme machten ihn auch zu einem beliebten Gast bei Radio Bremen, dessen Sendung „Hör mal’n beten to“ er viele Dutzend Mal mit seinen Beiträgen bereichert hat.

Buchvorstellung Summa Summarum In seinen plattdeutschen Bildbetrachtungen über Breughel, Rembrandt und Barlach schlug er die Brücke zu seiner zweiten Leidenschaft, der Malerei. Hunderte und Tausende von Skizzen, Zeichnungen, Aquarellen, Ölbildern hat er im Laufe seines Lebens geschaffen, seinen Stil dabei oft gewandelt, sowohl gegenständlich als auch abstrakt gearbeitet – auch diese Arbeit von dem „echten und aufrichtigen Ernst geprägt, die Dinge unserer Anschauung zu analysieren und ohne Formgeklingel darzustellen“, wie der Oldenburger Oberbürgermeister Dr. Heinrich Niewerth es bei der Verleihung des Großen Stadtsiegels im Jahre 1986 ausdrückte.

Bredendiek4 Die größte Begabung Hein Bredendieks aber war es wohl, auf andere zugehen zu können, bis ins hohe Lebensalter.

Befragt nach seinem Rezept fürs Altwerden, sagte der über 90-Jährige, der einen riesigen Freundes- und Bekanntenkreis hatte, einmal: „Das macht der dauernde Umgang mit den Menschen.“

Bild: Bürgermeister Dr. Heinz Behrends überreicht Hein Bredendiek die Ehrenbürgerurkunde der Stadt Jever. Fotos: Helmut Burlager

(Der Beitrag erschien 2001 in etwas längerer Fassung als Nachruf auf Hein Bredendiek im Jeverschen Wochenblatt).

Wikipedia-Eintrag zu Hein Bredendiek

Aus Anlass des zehnten Todestages von Hein Bredendiek lief im Schlossmuseum Jever die Austellung

Hein Bredendiek – summa summarum

In der Ankündigung hieß es:

Für den Maler und Dichter Hein Bredendiek (1906-2001) war das „Unterwegssein“ wohl eines der herausragendsten Kennzeichen seines künstlerischen Schaffens. Eng verbunden mit seiner Heimat Jever schloss jedoch die Breite seiner klassischen Bildung und die Begeisterung für die mediterane Welt eine enge regionale Fixierung oder gar Heimatümelei immer aus. In der Retrospektive aus Anlass seines Todestages, der sich 2011 zum 10ten Mal jährt, stellt die Ausstellung die wichtigsten Seiten seines OEvres zusammen: die Landschaftsbilder, die liebevoll seine norddeutsche Heimat zeigen, die ungegenständlichen Bilder, die von Experimentierfreude und Schaffenslust zeugen, die fast meditativ anmutendenen Stilleben und seine einfühlsamen Illustrationen. Ergänzt werden die Bilder durch Zeugnisse seiner Dichtkunst und literarischer Kostbarkeiten.

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