Mein Freund Bernard

DSC_4740Von Helmut Burlager

Sonderbar, auf welch krummen Wegen Menschen manchmal zueinander finden. In einem Restaurant in Hannover lief mir vor Jahren ein Mann über den Weg, kräftige Statur, Dreimillimeterhaarschnitt, Dreitagebart, von dem ich dachte, er wäre der neue Pressesprecher der Stadt Wilhelmshaven. Eine gute Gelegenheit, sich ihm vorzustellen. „Hallo, guten Abend, Sie sind doch Arnold Preuß?“ Der Mann lachte und sagte mit französischem Akzent: „Bonsoir. Nein, das bin ich nicht. Aber ich kenne ihn. Ich bin Bernard Kajdan aus Vichy. Und wer sind Sie?“ So lernte ich Bernard kennen.

Die Wilhelmshavener, deren Freund er ist, haben nur ein einziges Problem mit Bernard: seinen Nachnamen. Er spricht sich nämlich ungefähr so aus: Kasch-dahn. Ich gehe also irgendwann in Kaisers Hotel in Wilhelmshavens Rheinstraße hinein, wo ich mit ihm verabredet bin, und frage, ob Herr Kasch-dahn schon da sei. „Wer?“, fragte die ältere Dame an der Rezeption. Ich wiederhole „Herr Kasch-dahn“, und füge zur Erläuterung hinzu, „der Franzose. Der steigt doch seit Jahren hier ab.“ „Ach sooo“, sagt die Dame mitleidig-verständnisvoll. „Sie meinen Herrn Keidan!“

Besser also, dass ihn alle nur „Bernard“ nennen, und da er ohnehin schätzungsweise jeden zweiten Wilhelmshavener kennt, ist das mit dem Vornamen auch völlig in Ordnung. Nun hat er also die Stadtmedaille bekommen, was für einen Auswärtigen fast so etwas für eine Ehrenbürgerschaft ist, und die hat er auch verdient.

Beim nächsten Mal, hat er mir versprochen, will er auch mal wieder nach Jever kommen und mit uns unterm Kirschbaum Apfelkuchen essen wie bei einem der inzwischen vielen schönen Treffen, die wir hatten, obwohl sein Terminkalender immer so randvoll ist, wenn er zwischen Rio und New York mal wieder Zeit für Wilhelmshaven gefunden hat. Doch ein Schwätzchen bei einer Tasse Kaffee geht immer. Und überhaupt nimmt der Mann sich Zeit für Freundschaften. Er ist der einzige Mann, den ich kenne, der jedes Jahr zu Weihnachten noch handgeschriebene Postkarten verschickt…

Aus dem Jeverschen Wochenblatt vom 16. Mai 2011:

Jadestadt ehrt einen Franzosen

Stadtmedaille für Bernard Kajdan

DSC_4732 Wilhelmshaven/hbu – Die Stadt Wilhelmshaven hat am Sonnabend einem Franzosen die höchste Auszeichnung zuteil werden lassen, die sie für Nicht-Wilhelmshavener zu vergeben hat. In einer Feier im Ratssaal übergab Oberbürgermeiser Eberhard Menzel die Stadtmedaille für besondere Verdienste an Bernard Kajdan aus Vichy.

In der Partnerstadt Wilhelmshavens ist Kajdan Ratsherr und Beauftragter für die internationalen Beziehungen, doch nicht nur das: Seit genau 40 Jahren kümmert sich der 54-Jährige um die Verbindung zwischen Wilhelmshaven und der 25.000-Einwohner-Stadt Vichy in der Auvergne westlich von Lyon. Als 14-Jähriger kam er erstmals nach Wilhelmshaven und ist seitdem mit Wilfrid Adam und Ehnste Lauts einer der Motoren der Partnerschaft. Er hat zeitweise sogar in Wilhelmshaven gelebt und gearbeitet.

Oberbürgermeister Menzel würdigte Kajdan als einen „Freund Wilhelmshavens“, der auch im Bereich der Wirtschaftsförderung und des Tourismus viel für die Jadestadt getan habe. Seine Diplomarbeit nach dem Touristikstudium schrieb Kajdan, der bei Air France arbeitet, im Jahr 1978 über „Die grüne Stadt am Meer“. Am Sonnabend sagte er, seine Prognosen von damals seien eingetreten: „Die Stadt hat sich in die richtige Richtung entwickelt. Und es ist eine andere Stadt geworden.“

Aus dem Jeverschen Wochenblatt vom 16. Mai 2011:

Ein „Europa der Freundschaft“ geschaffen

Bernard Kajdan ist seit 40 Jahren ein Motor der Städtepartnerschaft mit Vichy

Wilhelmshaven/hbu – 46 Jahre besteht die Städtepartnerschaft zwischen Wilhelmshaven und dem französischen Vichy. Und fast genauso lange schon ist Bernard Kajdan aus Vichy einer der Stützpfeiler dieser stabilen Beziehung. Vor genau 40 Jahren kam er zum ersten Mal nach Wilhelmshaven und verlor sein Herz an die Stadt. Er hat hier gelebt, gearbeitet, kommt zwei bis dreimal im Jahr zu Besuch, hat viele Freunde, und wenn er durch die Fußgängerzone geht, rufen ihm ständig Leute zu: „Moin Bernard, wie geht’s?“

Familiär ging es deshalb auch zu, als dem 54-Jährigen am Sonnabend im Ratssaal die Stadtmedaille verliehen wurde (siehe Seite 1). Mit fast halbstündiger Verspätung begann der Festakt – was nicht an französischem Verständnis von Pünktlichkeit lag, sondern am Organisationstalent eines Wilhelmshavener Taxiunternehmens – doch bevor Oberbürgermeister Eberhard Menzel dann wirklich mit seiner Ansprache beginnen konnte, musste „Bernard“, wie ihn alle nennen, erst einmal durch die Reihen gehen und nach französischer Sitte viele „Bisous“ (Küsschen) verteilen.

Einen „Freund Wilhelmshavens“ nannte Menzel den Weltenbummler Kajdan. Der ist nach einem Touristikstudium, das er mit einer Diplomarbeit über Wilhelmshaven abschloss, zu Air France gegangen und als Chefsteward in den Metropolen der Welt zu Hause. Bei seinen Besuchen an der Jade, zwei bis dreimal im Jahr mindestens, kommt er oft direkt von Übersee nach Bremen eingeflogen. „Mittags Paris, abends Wehlens“, witzelte denn auch Wilfrid Adam, der in seiner Laudatio etliche Anekdoten erzählte, auch von Besuchen auf dem Bauernhof von Ehnste Lauts bei Sengwarden, einem der vielen guten Freunde Kajdans.

Anlass für die Ehrung des Franzosen war zunächst einmal die Tatsache, dass dieser seit genau 40 Jahren für die Städtepartnerschaft engagiert ist. 14-jährig kam er mit einer Schüleraustauschgruppe erstmals nach Wilhelmshaven. Ein schmächtiger Junge, der mit seinen Kameraden im Freizeitheim Krähenbusch untergebracht wurde. Der aber damals schon auffiel durch sein Sprachtalent: Er konnte sich schon gut auf Deutsch verständigen, fiel dem damaligen Stadtjugendpfleger Wilfrid Adam sofort auf. Und war fortan immer dabei, wenn Franzosen aus Vichy nach Wilhelmshaven kamen. DSC_4744 Schließlich wurde er sogar Betreuer für Wilhelmshavener Gruppen, wenn die nach Vichy fuhren – fast immer chauffiert von „Hinni“ Memenga aus Jever (links im Bild), langjähriger Busfahrer bei Pekol und Fass-Reisen, der am Sonnabend natürlich auch dabei war.

Noch als Schüler und dann als Student suchte sich Kajdan Ferienjobs in Wilhelmshaven – verkaufte Fahrkarten bei den Verkehrsbetrieben, arbeitete für die „Freizeit GmbH“ und im Presseamt der Stadt. Er schlief dann im Schwesternwohnheim des Krankenhauses. Sein Studium schließlich endete mit einer Diplomarbeit über Wilhelmshaven, deren Ergebnisse tatsächlich in die Tourismusentwicklung der Stadt einflossen. Die Arbeit liegt heute im Stadtarchiv.

In Vichy ist Bernard Kajdan Ratsherr der Konservativen, was die Freundschaft zum „roten“ Wilhelmshaven nicht beeinträchtigte. „Ich habe vier Oberbürgermeister erlebt“, sagte Kajdan in seiner Dankesrede, und zählte sie alle auf. „Aber wir haben nie über Politik gesprochen.“ Durch die enge Partnerschaft, in die dann auch noch das schottische Dunfermline und das spanische Logrono als gemeinsame Partnerstädte einbezogen worden seien, sei „ein Europa der Freundschaft“ geworden.

Für die Städtepartnerschaft wird Bernard Kajdan künftig sogar noch mehr Zeit haben, denn als Flugbegleiter kann er mit 55 aufhören, er will sich dann noch stärker politisch engagieren. Mal sehen, meinte er verschmitzt, in welcher Funktion er dann im nächsten Jahr nach Wilhelmshaven kommen werde.

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