Alles nur gekauft?

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft … ?
Eine neue Kolumne vom Ombudsmann.

Ombuds-News

Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen, deshalb vorweg der Hinweis: Ich habe zweimal an der Spargelfahrt des Seeheimer Kreises der SPD-Bundestagsfraktion teilgenommen, Bier getrunken und mich am Büffet bedient, ohne dafür zu bezahlen. Eine von drei Sprechern der Seeheimer ist Siemtje Möller aus Friesland. Mich hat damals die Abgeordnete Karin Evers-Meyer eingeladen.

Dieses Bekenntnis ist notwendig, um unbefangen über ein Thema schreiben zu können, das die Bild-Zeitung und danach die Zeitschrift „The Pioneer“ aufgegriffen hat. Es ging um das Sponsoring, mit dem die Parlamentarier alljährlich die luxuriöse Wannsee-Schiffstour finanzieren. „The Pioneer“ nannte etliche Namen aus der langen Spenderliste. Die reicht vom Rüstungsunternehmen Rheinmetall bis zum Bundesverband der Zigarrenindustrie, von der Veltins-Brauerei bis zu Union Investment.

5000 Euro, hieß es in dem Artikel, müssten Verbände und Firmen mindestens hinlegen, um mit ihrem Logo auf einer diskret angebrachten Werbewand auf dem Schiff vertreten zu sein. Vor allem aber, um…

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Staatsknete für die Zeitungen?

Staatsknete für Verlagshäuser? Die Diskussion ist nicht neu, aber sie gewinnt an Aktualität und Brisanz. Meine Ombudsmann-Kolumnen findet Ihr bei Ombuds-News. Den Blog dürft Ihr natürlich gerne auch abonnieren.

Ombuds-News

Der eine Satz klingt harmlos. Der andere auch, aber nur auf den ersten Blick. „Freie und unabhängige Medien sind in einer Demokratie unverzichtbar“, lautet der erste. Der zweite: „Wir wollen die flächendeckende Versorgung mit periodischen Presseerzeugnissen gewährleisten und prüfen, welche Fördermöglichkeiten dazu geeignet sind.“ So steht es im Koalitionsvertrag, den SPD, Grüne und FDP 2021 unterschrieben haben.

Bedrucktes Papier, ist das noch die Zukunft der Zeitungen?
Foto: Helmut Burlager

Warum auch nicht, es wird ja alles Mögliche gefördert, weshalb nicht die Zeitungen? Weil die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse sich nicht mit einer Subventionierung durch den Staat verträgt, sagen Kritiker. Sie fürchten Einflussnahme der Regierenden auf die Medien, nach dem Motto „Wer zahlt, bestimmt die Musik“.

Dass es überhaupt zu der Diskussion gekommen ist, liegt daran, dass ein erfolgreiches Geschäftsmodell in Schwierigkeiten geraten ist. Zeitungsverleger, sagten Spötter früher, hätten die Lizenz zum Gelddrucken. Abo-Erlöse sprudelten so kräftig wie die Einnahmen…

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We kehr for you

Sabine Thümler. Foto: BSR

Den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern, nur weil eine Kehrmaschine vorbeifährt – das muss man erstmal hinkriegen.  „Wie kehr for you!“ steht auf den Fahrzeugen der Berliner Stadtreinigung (BSR). Das ist ein schönes Wortspiel mit dem englischen „to care for“, also sich um etwas oder jemanden kümmern. Für die legendäre Werbekampagne stand Sabine Thümler, Kommunikationschefin der BSR. Sie war bekannt wie ein bunter Hund und eine Legende unter den Berliner Pressesprechern. Im Dezember 2021, kurz vor Weihnachten, starb sie ganz plötzlich und unerwartet, wenige Monate vor ihrer Pensionierung. Etliche der Hauptstadtzeitungen veröffentlichten Nachrufe. Müllwagen ließ die PR-Chefin auch mit „Mülle grazie“ oder mit „Leerwagen“ beschriften, Nachweis ihres speziellen Humors, den sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatte. Sabine Thümler, die eigentlich Biologie und Geografie auf Lehramt studiert hatte, stammte gebürtig aus Friesland.

Fernsehserie „Der 7. Sinn“ lebt in Friesland weiter

Die zweite Folge der Video-Aufklärungsserie von Landkreis und Verkehrswachten ist auf Youtube veröffentlicht worden.

Von Helmut Burlager

Wer regelmäßig im Ausland unterwegs ist, weiß sie zu schätzen, für viele Verkehrsteilnehmer in Deutschland sind sie immer noch der Angstgegner: Kreisverkehre. Der Landkreis Friesland und die Verkehrswachten Jeverland und Varel haben deshalb das zweite Video ihrer neuen Reihe „Der 7. Sinn“ diesem Thema gewidmet. Es ist auf Youtube zu sehen.

In Friesland gibt es immerhin knapp ein Dutzend Kreisverkehre. Immer mal wieder kommt es zu kleineren und größeren Karambolagen oder zu Konflikten zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern, weil nicht alle Verkehrsteilnehmer wissen, wie man einen Kreisverkehr richtig nutzt. Dem soll das knapp vier Minuten lange Video entgegenwirken.

Denn eigentlich sorgen Kreisverkehre nicht nur für einen besseren Verkehrsfluss als Ampelkreuzungen, für weniger Umweltbelastung und auf längere Sicht auch für geringere Kosten. Sie sind im Prinzip auch sicherer, schon weil die Fahrzeuge mit niedrigerer Geschwindigkeit durchfahren und Unfälle oft glimpflicher ausgehen als bei Fahrfehlern auf konventionellen Kreuzungen und an Einmündungen.

Das Video zeigt anhand von Beispielsituationen an den verschiedensten Kreisverkehren in Friesland, wie man es richtig macht: Dass Vorfahrt hat, wer sich im Kreisel bewegt, dass man möglichst an den Verkehrsfluss angepasst hineinfährt, ohne zu blinken, und dass man beim Herausfahren den Blinker setzen muss. Dass Autofahrer wie auch Radfahrer beim Ein- und Ausfahren auf querende Radfahrer und Fußgänger achten müssen, die auch aus der „falschen“ Richtung kommen können. Und dass mit Rücksichtnahme alles besser geht – was die Quintessenz jedes Videos der neuen Reihe „Der 7. Sinn“ sein soll.

Im Juli 2021 hatten der Landkreis und die Verkehrswachten das erste Video der Reihe veröffentlicht, es drehte sich um das Thema Sicherheitsabstand zu Radfahrern. Bewusst knüpft das Projekt an die bekannte Fernsehserie an, die von 1966 bis 2005 im ersten Programm ausgestrahlt wurde und mit der Zeit Kultstatus bekommen hatte, Kultstatus – nicht nur wegen der eingängigen Titelmusik. Aus heutiger Sicht kuriose Folgen, etwa über „Frauen im Straßenverkehr“, werden bis heute auf Youtube viel geklickt.

Von der anhaltenden Popularität der Aufklärungsfilme wollen der Landkreis Friesland und die Verkehrswachten Jeverland und Varel-Friesische Wehde profitieren. Sie legen die Serie mit dem offiziellen Segen des Westdeutschen Rundfunks, der die Rechte besitzt, neu auf. Bei der Vorstellung des Projekts sagte Thorsten Hinrichs, der Leiter der Straßenverkehrsbehörde des Landkreises, im Juli, es sei beim „gemeinsamen Nachdenken“ von Polizei, Verkehrswachten und Landkreis darüber entstanden, wie sich die  Verkehrssicherheitsprävention noch verbessern lasse und wie man neue Zielgruppen erreichen könnte. Zudem höre man immer wieder die Klage, dass sich im Verkehrsrecht ständig so viele ändert, dass die Leute kaum nachkämen.

Die Serie „Der 7. Sinn Friesland“ soll mit drei bis vier Beiträgen im Jahr solche Themen aufgreifen. Ideen gibt es noch viele. Sie in Videoclips umzusetzen, damit wurden Jana und Manfred Eckhoff von FRI-Media aus Jever beauftragt. Die können aber nicht nur auf ihre eigene lange Erfahrung mit der Produktion von Kurzfilmen zurückgreifen, sondern werden bei der Konzeption und Umsetzung von den Fachleuten der Verkehrswachten und der Polizei unterstützt.

„Über allem“, so Thorsten Hinrichs, „schwebt der Gedanke der Rücksichtnahme im Verkehr. Rücksicht, Rücksicht und noch mal Rücksicht.“

Polizei-Geschichte(n)

Plakat zur Wanderausstellung „Freunde – Helfer – Straßenkämpfer“

Eine hilfsbereite, bürgernahe Polizei zu sein – das Ideal galt in der Weimarer Republik (1918-1933) so wie heute. Wie schnell sich so ein Anspruch in der Wirklichkeit und im Alltag verlieren kann, zeigt die Geschichte: Blutige Straßenkämpfe zwischen politischen Gegnern zersetzen die junge Demokratie. Die Polizei wird durch die Gewalt gefordert und ist nicht selten überfordert. Das Küstenmuseum Wilhelmshaven zeigt in Zusammenarbeit mit der Polizeiinspektion Wilhelmshaven-Friesland bis zum 23. Januar die Wanderausstellung „Freunde – Helfer – Straßenkämpfer“. Sie handelt von der widersprüchlichen Geschichte der Polizei in der Weimarer Republik; Exponate aus der Sammlung des Polizeimuseums Niedersachsen laden zu einer interessanten Zeitreise ein. Anlass ist auch ein lokales Jubiläum. Vor genau 100 Jahren, 1921, entstand die „Schutzpolizei Wilhelmshaven“. Deshalb ergänzt der Förderverein für Polizeigeschichte Wilhelmshaven die Ausstellung um spannende Objekte und Anekdoten. Quelle: Pressemitteilung der Polizeiinspektion Wilhelmshaven-Friesland

https://www.kuestenmuseum.de/

Zeitungen im Nordwesten sammeln Spenden für Flutopfer in Rheinland-Pfalz

Überflutete Straße im Katastrophengebiet. Bild: THW/Jan Herpertz

Wer hinterm Deich wohnt, den lässt es nicht kalt, wenn irgendwo auf der Welt Flutkatastrophen über eine Region hereinbrechen. Ob Elbehochwasser, Oderflut oder Tsunami im Indischen Ozean, immer war die Spendenbereitschaft im Nordwesten Deutschlands riesig. Und immer haben sich auch die Zeitungen der Region besonders engagiert. Das ist auch nach der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen nicht anders. Die Nordwest-Zeitung, das Jeversche Wochenblatt, die Wilhelmshavener Zeitung und der Anzeiger für Harlingerland haben sich diesmal allerdings entschlossen, keine eigene Sammelaktion zu starten, sondern die ihrer Kollegen von der Rhein-Zeitung in Koblenz zu unterstützen. Ab sofort wird um Spenden gebeten, die dann direkt und ohne zeitlichen Verzug im Hochwasser-Gebiet eingesetzt werden können.

„Viele Familien stehen vor dem Nichts und haben nicht mehr als ihr nacktes Leben retten können“, schreibt Wochenblatt-Redaktionsleiterin Cornelia Lüers in der heutigen Ausgabe des Jeverschen Wochenblatts (21. Juli 2021). Deshalb unterstützten die Zeitungen der Region die Spendenaktion, die die Rhein-Zeitung gemeinsam mit dem Verein „Helft uns leben“ initiiert habe. Die Kollegen in Koblenz hätten das Unterstützungsangebot dankend angenommen.

Manuela Lewentz-Twer, Vorsitzende der Hilfsaktion „Helft uns leben“, wird mit den Worten zitiert: „Man möchte sofort losfahren und helfen, helfen, helfen. Aber im Moment ist es erst einmal das Beste, ein wenig abzuwarten und dann in Gesprächen mit den zuständigen Behörden zu schauen, wo man Gutes tun kann, ohne die übrigen Abläufe zu stören.“

Erste Spenden sind bereits verteilt worden: „Ein Beispiel, wie der Verein vor Ort hilft: Eine Firma stellte ihr Verkaufsfahrzeug zur Verfügung, das mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Kindernahrung bestückt wurde und nach Bad Neuenahr fuhr. In der Kurstadt konnten so rund 400 Familien mit dem Nötigsten versorgt werden.“

Spendenkonto: Helft uns Leben, Sparkasse Koblenz, DE72 5705 0120 0000 0013 13, Stichwort „Der Nordwesten hilft“

Levy und die vergebliche Suche nach Heimat

Eckhard Harjes hat sein neues Buch über den letzten Juden von Jever veröffentlicht

Von Helmut Burlager

„Diese Gegend hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe solange, bis man ihr das anmerkt.“ Nein, das ist keiner von den vielen Sprüchen, die Fritz Levy auf kleine Zettel geschrieben und in der ganzen Stadt verteilt hat. Aber der Satz hätte von ihm stammen können, wie so viele, die er mit seiner Schreibmaschine verfasste, die nun im Mittelpunkt eines neuen Buches steht.

„Fritz Typewriter oder: Eine Reise mit Fritz Levy um die Welt und andere Geschichten von Heimatsuchenden“ heißt das Werk. Eckhard Harjes ist der Autor, und er bringt in seinem zweiten Buch über den letzten Juden von Jever nicht nur neue Facetten des 81 Jahre währenden Lebens von Fritz Levy ans Licht. Es ist auch eine intensive Erzählung über den Verlust von Heimat.

Cover des neuen Buchs von Eckhard Harjes über Fritz Levy.

„Die Behauptung, ein Idiot zu sein, habe ich mit dem Argument zu bestätigen, dass ich nach Deutschland zurückgekehrt bin.“  Dieser Spruch stammt tatsächlich von Fritz Levy, der seine Heimat   zurückerobern wollte. Er hat es nicht geschafft, aber er blieb in Jever, jahrzehntelang ein Stachel im Fleisch der Kleinstadt. Wie der Komantsche aus dem Film von Herbert Achternbusch, von dem das im Buch wiedergegebene Eingangszitat stammt, war auch er wild entschlossen, so lange zu bleiben, bis man der Stadt anmerkt, wie sie ihn und die anderen Juden von Jever kaputt gemacht hat.

Die Geschichte, die Eckhard Harjes erzählt, beginnt damit, dass vor wenigen Jahren die alte Schreibmaschine von Fritz Levy, eine „Wanderer Continental“, wieder aufgetaucht ist. Sie weckte bei Harjes nicht nur Erinnerungen an seinen alten Freund, sondern auch die Fantasie. Der Autor begab sich gedanklich selbst auf die lange Reise, die Fritz Levy 1939 in Hamburg antrat und von der er erst 1950 zurückkehrte. Er erzählt von der beschwerlichen Fahrt auf verschiedenen Dampfern bis nach Shanghai, vom harten Alltag der Flüchtlinge dort. Davon, wie der Lebenskünstler Levy sich durchschlägt, schreibt, liebt und leidet, von seiner Sehnsucht, wieder nach Hause zu kommen, was ihm nach dem Krieg über eine Zwischenstation in San Francisco schließlich gelingt. Als er wieder da ist, findet er nicht Heimat, sondern Ablehnung.

Die meisten Menschen, die Levy noch gekannt haben, erinnern sich an den renitenten, oft verwirrt wirkenden Alten. Eckhard Harjes macht in seiner Fiktion den jungen Fritz Levy sichtbar, eine starke Persönlichkeit voller Tatendrang, ein Frauentyp, immer den Schalk im Nacken. Und den sensiblen Levy, der in der Fremde nicht glücklich wird, dem seine Familie fehlt, der charmant und romantisch sein kann und für seine Freunde da ist. Harjes hat sich das nicht nur ausgedacht. Er hat als Jugendlicher viel Zeit mit Levy verbracht und bei der Recherche den kompletten schriftlichen Nachlass Levys, einige tausend Dokumente, ausgewertet.

In Nebensträngen erzählt Harjes von seiner eigenen Jugend in Jever und seinem zwiespältigen Verhältnis zur Heimatstadt, die sich so schwer damit tat anzuerkennen, was während der NS-Zeit passiert ist und was sie den Juden angetan hat. Er geht zurück in die Zeit, als die Jugendlichen in der Stadt rebellierten, um ein Jugendzentrum kämpften, die Nazigeschichte aufarbeiteten und sich gegen das Verdrängen und Vergessen wehrten. Und dann geht es noch um die alte Schule, das Mariengymnasium, um seinen Lehrer Hartmut Peters, dem Harjes im Buch ebenso ein Pseudonym verpasst wie vielen anderen Akteuren, die man leicht wiedererkennt. Und Musik spielt eine große Rolle, denn sie war für die Jugendlichen das wirkliche Vehikel, sich vom ganzen Mief und Muff der Nachkriegszeit zu befreien. Das lesenswerte Buch endet in einer Träumerei des Autors, in der Fritz Levy mit all seinen Wegbegleitern und seiner Familie nach Jever zurückkehrt und sich hier wohlfühlt. Zurück in der Heimat, die es für Levy in Wirklichkeit nie wieder gegeben hat.

Eckhard Harjes: Fritz Typewriter oder: Eine Reise mit Fritz Levy um die Welt und andere Geschichten von Heimatsuchenden. Taschenbuch, 248 Seiten, Fuego Verlag, 14,90 Euro, ISBN 978-3-86287-963-2

Dieser Beitrag erschien zuerst im Jeverschen Wochenblatt.

Wild Thing – Leben ohne Sicherheitsgurt

Kariona Kuffmann schrieb ein Buch über ihr wilden Zeiten in Ostfriesland und Berlin

Von Helmut Burlager

Wer in den Sechziger- und Siebzigerjahren als Jugendlicher in Ostfriesland aufwuchs, dem kommt das bekannt vor. Raus aus der Enge des Dorfes, weg von der Spießigkeit von Eltern und Nachbarschaft. Es lockten das Kino, der Tanzschuppen oder die Disko in der nächstgelegenen Kleinstadt oder irgendwo auf dem Fehn. Aber wie hinkommen? An die Straße stellen, Daumen raus, und irgendwie fand sich immer jemand, der einen mitnahm. Wenn du Glück hattest, war er oder sie nicht betrunken oder bekifft und fasste dir nicht ans Knie. Und meist ging es gut.

Buchcover „Wild Thing. Sex & Drugs & Rock ’n‘ Roll. Kariona Kuffmann als Jugendliche in Ostfriesland.

Weg von zu Hause, tauchten die jungen Leute in eine andere Welt ein, in der die Musik lauter, die Sitten lockerer, die Jungs langhaarig und cool und die Mädchen nicht so keusch und züchtig gekleidet waren, wie die Mütter und Väter es gern gesehen hätten. Und wenn die wirklich gewusst hätten, was der Nachwuchs da so treibt, wären sie wahrscheinlich eingeschritten.

Die Sechziger und Siebziger, das war für viele der damals jungen Leute ein Hauch von Wildheit und Abenteuerlust, sogar auf dem Lande. Aber natürlich auch Gefahr und Risiko – ein Leben ohne Sicherheitsgurt im wahren, aber auch im übertragenen Sinn des Wortes. High sein, frei sein, überall dabei sein, so hieß das Motto, und nicht für jeden und jede ging das gut aus.

„Wild Thing. Sex & Drugs & Rock ’n‘ Roll“ heißt das Buch, das die gebürtige Ostfriesin Kariona Kuffmann (ein Künstlername) jetzt veröffentlicht hat und in dem sie diese Zeit im Rückblick beschreibt. Es ist die Geschichte eines unangepassten Mädchens, das früh aus den Zwängen eines schwierigen Elternhauses ausbrach und zunächst in Ostfriesland, dann in Berlin die Freiheit suchte. Leute wie Otto Waalkes und Rollo Fuhrmann waren ihre Weggefährten, Musikschuppen wie „Meta’s“ in Norddeich und „Sound“ in Berlin ihr Wohnzimmer. Die Autorin erzählt von ihrer nicht ganz einfachen Kindheit, von Schule und Ausbildung, von Abenteuern in Cliquen und Discos, von ihrer Liebe zur Musik und dem Hang zu Drogen, immer auf der Suche nach der großen, wahren Liebe.

Nur geriet sie dabei, auch nachdem sie als 18-Jährige nach Berlin gegangen war, immer wieder an die Falschen. Männer zumeist von tollem Aussehen und weniger tollem Charakter. Der Weg führte Kariona, wie sie sich in Abwandlung ihres richtigen Vornamens nennt, durch interessante Jobs und seriöse Büros bis hinein in Striptease-Bars, wo sie tanzte und sich auszog. Und wieder zurück ins halbwegs bürgerliche Leben, durch Dutzende verschiedener Wohnungen und fast genauso viele Beziehungen, bis sie am Ende doch noch den Mann ihres Lebens fand, ohne dass daraus wirklich ein Happyend geworden wäre.

„Wenn ich heute auf meine wilden Jahre zurückschaue, in denen ich mich sehr oft unglücklich, einsam und verloren fühlte, dann tue ich dies ohne Reue, Zorn oder Bedauern – es war mein Weg und ich habe versucht, immer das Beste daraus zu machen“, zieht Kariona Kuffmann am Ende des Buches Bilanz.

Es ist ein sehr persönliches Buch, dem anzumerken ist, dass sie gerne schreibt, aber keine Schriftstellerin ist und dass ihr kein Lektor zur Hand ging. Sie erzählt frei von der Leber weg. Nicht jeder würde so viel Privates ungeschminkt in der Öffentlichkeit ausbreiten, aber auch das spiegelt Leben und Haltung der Autorin wider, denn sie ist zeitlebens eine Unangepasste geblieben.

Wer wie ich in Ostfriesland aufgewachsen ist, wird vor allem in den Kapiteln über eine Jugend auf dem Lande viel selbst Erlebtes und Erfahrenes wiederentdecken. Ein Buch zum Erinnern. Zu beziehen ist es unter kariona.de

Rebell im schwarzen Anzug

Umweltpolitik: Klimaaktivist und Fahrradlobbyist Heinrich Strößenreuther ist in die CDU eingetreten

Von Helmut Burlager

Wilhelmshaven – Fahrradlobbyist und Klimaaktivist, Gründer der Initiative German Zero und Erfinder der Falschparker-Melde-App Wegeheld, Initiator des Berliner Fahrrad-Volksentscheids und Chef des Vereins Changing Cities. Ein bundesweit bekannter Tausendsassa auf dem Gebiet erfolgreicher  Umweltkampagnen – welche Parteizugehörigkeit würde man bei einem solchen Mann wohl vermuten? Richtig!

(c) Heinrich Strößenreuther

Doch weit gefehlt, seit dem 17. März ist Heinrich Strößenreuther (53) Mitglied der Christlich Demokratischen Union Deutschlands. Und die ist mächtig stolz auf den Neuzugang, denn der gebürtige Wilhelmshavener, der in Berlin lebt und sich dem CDU-Ortsverband Alt-Tempelhof anschloss, gilt wahlweise als der „erfolgreichste deutsche Verkehrslobbyist“ (taz) oder „Verkehrsrebell im schwarzen Anzug“ (Die Zeit).

Das unerwartete Bekenntnis Strößenreuthers zu einer Partei, die sich bislang nicht so als Speerspitze der Klimabewegung hervorgetan hat, löste ein enormes Medienecho aus. Zeitungen vom Tagesspiegel bis zur Süddeutschen berichteten ausführlich, vielfach mit Spekulationen darüber, ob die Entscheidung des „Ober-Radlers“ ein Vorbote von Schwarz-Grün wenige Monate vor den Wahlen sein könnte. Manche sparen auch nicht mit Kritik. Die CDU wolle jetzt „die Grünen kopieren“, und CDU-Wähler hätten zurzeit andere Sorgen, als 2035 „klimaneutral“ zu sein, hieß es.

Für Heinrich Strößenreuther war es hingegen ein Wandel bei der CDU, der ihn zu der Entscheidung gebracht hat. „Das Bekenntnis von 29 CDU-Bundestagsabgeordneten zur Grünen Null war die Motivation, mich in der Union zu engagieren. In der Klimapolitik ist die Union aus CDU und CSU der entscheidende Hebel, um die 1,5-Grad-Klimapolitik voranzubringen. Es gibt in der Union längst starke klimapolitische Ambitionen“, äußerte er in einer Pressemitteilung. Er wolle die gesamte Partei für das Ziel der Klimaneutralität 2035 gewinnen. In einem Interview hat Strößenreuther zugleich Kritik an der rot-rot-grünen Regierung in Berlin geübt. Sie habe viel versprochen und wenig gehalten.

Ganz fern ist dem Klimaaktivisten die CDU nie gewesen. Heinrich Strößenreuther wuchs in Breddewarden bei Sengwarden auf. Er hat, wie er sich in einem Gespräch erinnert, als Jugendlicher bei Wind und Wetter das Jeversche Wochenblatt ausgetragen und ist bis heute ein großer Jever-Fan. Er stammt aus einer bürgerlich-konservativen Familie, in der schon in den 1970er-Jahren Müll getrennt und wenig Auto gefahren wurde. Seine Eltern waren nicht nur in der CDU, sondern auch sonst sehr engagiert, seine Mutter als Stadtelternratsvorsitzende und der Vater in Ehrenämtern. „Das hat mir immer imponiert“, erzählt er. Er selbst war in der evangelischen Jugend aktiv und während seines Studiums der Wirtschaftsinformatik in Mannheim Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Doch sein Weg führte in eine ganz andere Richtung. Seit Studententagen verband er persönliches Engagement in Sachen Klimaschutz mit seinen beruflichen Ambitionen und wechselte zwischen verschiedenen Rollen: Mitarbeiter des Bundestags, Vorstand eines Wirtschaftsforschungsinstituts, Campaigner für Ökosteuern bei Greenpeace, Projektmanager im Vorstand der Deutschen Bahn, Gründer eines Fernbusunternehmens, jetzt Berater, Interims-Manager, Inhaber der Agentur für clevere Städte, Buchautor und „Business Angel“. Womit nur ein kleiner Teil seiner vielen Aktivitäten genannt ist. Und ja, er war tatsächlich auch etliche Jahre Mitglied der Grünen.

Eine schillernde Persönlichkeit also, und in der CDU sicher ein Paradiesvogel. Man habe ein prominentes und spannendes Mitglied gewonnen, schrieb der Spitzenkandidat der Union für die Abgeordnetenhauswahl, Kai Wegner: „Herr Strößenreuther hat in Deutschland maßgeblich dazu beigetragen, den Diskurs zu den notwendigen Klimaschutz-Bemühungen ideologiefrei und wertebasiert zu verändern“. Diesen Weg will die CDU nun mitgehen. Ob es für beide Seiten ein Spaziergang wird, muss sich herausstellen.

(Der Beitrag erschien zuerst im Jeverschen Wochenblatt)

Fritz Levy – Viehlosoph und Vielschreiber

Von Helmut Burlager

Über Fritz Levy ist alles gesagt. Die Lebensgeschichte des letzten Juden von Jever ist verfilmt worden, sie füllte Zeitungsseiten vom Jeverschen Wochenblatt bis zur New York Times, wurde in Sachbüchern und Romanen beschrieben, in Vorträgen und Konzertabenden ausgebreitet. Sie kommt Passanten in den Sinn, die an seinen früheren Häusern an der Schlosserstraße und Bismarckstraße vorbeigehen. Und sie erfährt bis heute immer weitere Ausschmückungen, wenn Menschen zusammensitzen und ins Erzählen geraten, die Levy noch gekannt haben. Was wäre also noch über Levy zu schreiben? Vielleicht seine Geschichte als Autor. Als Autor?

Dieser Beitrag erschien zuerst am 3. Dezember 2020 im Jeverschen Wochenblatt

Eckhard Harjes mit der Reiseschreibmaschine von Fritz Levy. Foto: Jan Ole Harjes

Auch wenn der einstige Viehhändler, der im Exil in Shanghai und San Francisco als Kraftfahrer gearbeitet hatte, nie ein Buch geschrieben hat und vermutlich keine Zeitung seine Texte druckte, war Levy doch ein Vielschreiber. Ob in schwungvoller Handschrift auf ausgerissenen Heftseiten oder in akkurater Maschinenschrift auf schmalen Schnipseln, unermüdlich brachte er seine mal klaren, mal konfusen Gedanken zu Papier und anschließend hektographiert unters Volk.

Seine Pamphlete, die er bei seinen Touren durch die Stadt jedem in die Hand drückte, der keinen großen Bogen um ihn machte, liegen bis heute in vielen Schubladen. Und Berge von beschriebenem Papier fanden sich, als nach Levys Freitod im Jahr 1982 seine Häuser leergeräumt wurden.

Vor zwei Jahren tauchte die Schreibmaschine wieder auf, mit der Levy zeitlebens viele seiner Flugblätter getippt hatte. Eine in Chemnitz produzierte „Wanderer Continental“ mit amerikanischer Tastatur und einigen chinesischen Schriftzeichen. Levy hatte von 1939  bis 1949 im Exil in Shanghai gelebt, danach zwei Jahre in San Francisco, bis er 1951 nach Jever zurückkehrte. Die Schreibmaschine hat ihm noch viele weitere Jahre gedient. Vor seinem Tod brachte er sie irgendwann zur Reparatur in die Schreibwaren- und Büromaschinenhandlung von Herbert Grundei in der Großen Wasserpfortstraße. Die war ausgerechnet in jenem Geschäftshaus ansässig, das anstelle der 1939 von den Nazis zerstörten Synagoge errichtet worden war. Heute beherbergt es das Dokumentationszentrum Gröschler-Haus. Levy hat seine Schreibmaschine nie mehr abgeholt, so blieb sie unbeachtet in der Ecke stehen, bis die Familie Grundei sie 2018 wiederfand und dem Gröschler-Haus zur Verfügung stellte.

Hier beginnt nun die Geschichte eines neuen literarischen Projekts. Der Songwriter und Autor Eckhard Harjes aus Leer arbeitet zurzeit an seinem zweiten Buch über Fritz Levy; es soll  im Frühjahr 2021  unter dem Titel „Fritz‘ Typewriter“ erscheinen. Es geht also um die Schreibmaschine von Fritz Levy  und was auf ihr geschrieben wurde. Aber nicht nur. „Anders als mein erstes Buch, Das Haus in der Schlosserstraße, wird es keine lineare Geschichte. Sie ist halb fiktional und hat mehrere Handlungsebenen“, erzählt Harjes, der als Schüler zu den jugendlichen Freunden Levys zählte und viel Zeit mit dem betagten Mann verbrachte.

Harjes ging nach dem Abitur zum Studium nach Oldenburg und lebt seit vielen Jahren in Leer, wo er bei einem Bildungswerk sein Geld verdient. Fritz Levy ist ihm nie wieder aus dem Kopf gegangen, und in seinem zweiten Leben als Musiker und Songwriter hat er dem Alten, der wahlweise als Genie oder als Clown angesehen wurde, als Spinner oder als Provokateur,  schon mehrfach ein Denkmal gesetzt. Ob in dem bereits erwähnten Buch oder mit seinem Liederalbum und Konzertprogramm „Lieder von Fritz“. 

Er besorgte sich also die alte Schreibmaschine und lud sich den Wagen voll mit dem enormen Nachlass an Schriftstücken, die nach Levys Tod gefunden worden waren. Pastoren der evangelischen Kirchengemeinde hatten sie damals geborgen und zunächst im Kirchturm verstaut. Als sie dort zu arg unter den schlechten klimatischen Bedingungen litten, nahm der Historiker Hartmut Peters sie irgendwann in seine Obhut.

Zwischen den zahlreichen Manuskripten, die Eckhard Harjes sichtete, fand er auch diese Kuriosität: ein Zigarrenmundstück der Firma Handelsgold. Fritz Levy hatte man selten ohne einen Zigarrenstumpen im Mund oder zwischen den Fingern gesehen. Bild: Eckhard Harjes

Das übernahm jetzt Eckhard Harjes. „Ich habe alles abfotografiert und vieles verarbeitet“, berichtet er. „Ich gehe da allerdings nicht wissenschaftlich ran, eher literarisch. Ich erzähle.“ Wie schon bei seinem ersten, 2018 erschienenen Buch, das subjektives Erleben und objektive Fakten schildert. „Die Erzählung musste einfach raus. Das ist mir jahrelang im Kopf herumgegangen“, sagt Harjes.

Nun muss wieder etwas raus. „Fritz‘ Typewriter“ soll im Frühjahr erscheinen. Der Bremer Fuego-Verlag, ein Independent Musik- und Buch-Verlag, wird auch dieses Buch herausbringen. Wer sich nicht bis dahin gedulden mag, kann sich ja schon mal „Das Haus in der Schlosserstraße“ oder „Lieder von Fritz“ vornehmen. Sie sind weiter im Buchhandel erhältlich.

Über Fritz Levy

Fritz Levy, der letzte Jude von Jever. Bild: Helmut Burlager

1901 als Sohn einer jüdischen Viehhändlerfamilie geboren, besuchte Fritz Levy das Mariengymnasium in Jever bis zur Obersekunda und anschließend eine Veterinärfachschule in Berlin. Die Ausbildung musste er abbrechen, nachdem sein Vater ums Leben gekommen  war. Er übernahm den Betrieb. Früh legte Leva sich mit den Nazis an, im Juni 1938 wurde er verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Im Dezember – mittlerweile war die jeversche Synagoge bei der Pogromnacht vom 9. November zerstört worden – wurde Levy freigelassen. Er beschloss auszuwandern und reiste mit dem Frachtdampfer „Oder“ nach Shanghai, wo er als Fahrradkurier, später als Kraftfahrer arbeitete. 1949 zog er nach San Fancisco weiter, wo er bleiben wollte. Doch sein Heimweh ließ ihn 1951 nach Jever zurückkehren. Dort war er nicht willkommen. Levy kämpfte um sein Eigentum, eckte an, entwickelte sich zum Sonderling, verfiel in Aggression und Depression. Zu einer bundesweit bekannten Persönlichkeit wurde Levy, nachdem er sich mit Jugendlichen in der Jugendzentrumsbewegung engagiert hatte und 1981 mit deren Unterstützung in den Stadtrat von Jever gewählt worden war. Der Trubel um ihn wurde ihm letztlich zu viel. 1982 setzte Levy seinem Leben ein Ende. Er ist auf dem jüdischen Friedhof in Schenum begraben.

Levys Leben wurde von Elke Baur verfilmt („Fritz lebt – Geheimtäter und Viehlosoph“) und Thema eines Romans von Peter Faecke („Ankunft eines Schüchternen im Himmel“). Darüber hinaus gibt es zahlreiche Publikationen zum Leben des letzten Juden von Jever, unter anderem von Eckhard Harjes:

„Das Haus in der Schlosserstraße“ –  Erzählung. Fuego-Verlag Bremen. ISBN 978-3-86287-974-8. Hier kaufen…

„Lieder von Fritz“ – Album. Fuego-Verlag Bremen. Hier kaufen…