Wenn in Wüppelser Altendeich ein Spaten umfällt. Das Magazin Kowalski und das Jeversche Wochenblatt

Eine eigenartige Liebeserklärung an das Jeversche Wochenblatt

Für Wochenblatt-Leser ist es seit einem Vierteljahrhundert ganz normal, dass auf der Titelseite nicht „die große weite Welt“ passiert. Als Verlag und Redaktion die „lokale“ Seite eins einführten, war das in Deutschland noch eher ungewöhnlich und rief hier und da auch Hohn und Spott hervor. Der besondere Umstand brachte das Jeversche Wochenblatt zur Jahreswende 1989/99 sogar einen langen illustrierten Beitrag im Satiremagazin „Kowalski“ ein.

Recht hat er ja ...
Recht hat er ja …

Zu dessen Autoren gehörte der inzwischen sehr bekannte Romancier, Satiriker und Sachbuchautor Gerhard Henschel, dessen familiären Wurzeln in Jever liegen und der die Stadt in mehreren seiner Schlüsselromane verewigt hat. Die bissige Satire im „Kowalski“ führte zu einem Schriftwechsel zwischen dem Wochenblatt und dem Chefredakteur des Magazins, auf den später noch einzugehen sein wird.

Zunächst zu dem Beitrag „Wer kennt eigentlich Jever? Wissenswertes über die Perle Friesland“, in dem Henschel „die zivilisatorisch am weitesten zurückgebliebene Kleinstadt zwischen Fedderwardergroden und Westeraccumersiel“ nennt, die sich im Wesentlichen zusammensetze aus a) dem Pils, b) dem Schloss und c: dem „Jeverschen Wochenblatt“. Während die ersten beiden schnell erklärt sind – das „mit Gestank und Getöse“ erzeugte Bier, das „ca. sieben Millionen Jahre alte“ Schloss – widmet sich der Autor ausführlichst dem Wochenblatt, von dem es heißt:

„Wenn im Jeverland also mal wieder rein gar nichts passiert ist, steht es garantiert fünf Tage später im „Jeverschen Wochenblatt“: „Toter Seehund aus Hafen geborgen“, „Sturz eines Fußgängers“, „Kritik am Gülleplatten-Beschluss des Kreistages geübt“, „CDU spendet einen Apfelbaum“, „Sanierungsarbeiten in der Leichenhalle Carolinensiel“, „Seniorenschwimmen fällt aus“ oder „14 Firmen verwirklichen eine Toilettenanlage“.

Wogegen ja auch überhaupt nichts einzuwenden wäre – im Lokalteil ist schließlich jede Zeitung ein Klatschblatt. Mit dem Lokalteil des „Jeverschen Wochenblatts“ hat es jedoch eine sehr spezielle Bewandtnis. Er beginnt schon auf der Titelseite. Setzt sich fort auf S. 2 („Lokales“), greift über auf S.3 („Stadt Jever“), schwenkt um auf S.4 („Ostfriesland“), gurkt weiter über S.5 („Schortens) und 6 („Wangerland“), beansprucht auch noch S.7 („Sande/Wilhelmshaven“) und scheitert in der Regel erst an S.8 („Fernsehen“). Die große, unbegreifliche Weltpolitik spielt sich unter ferner liefen erst auf den Seiten 15 und 16 ab, woraufhin dann sogleich der „Lokalsport“ sein erbarmungswürdiges Haupt erhebt („Frisia Loga – Warsingsfehn 9:10 nach Elfmeterschießen“).

Die Titelseite bleibt bis auf alle weiteren Ewigkeiten Schlagzeilen wie dieser hier vorbehalten: „Förderquote beim Gülleprogramm von 90 auf 50 Prozent gesenkt“ („Kreislandwirt Hajo Tjarks fand harte Worte für das Durcheinander beim Gülleprogramm: ‚Ein Flop!’“). Harte Worte, aber klingen sie nicht fast unangemessen milde, wenn man an dieser Stelle den Titelseiten-Aufmacher vom 1.9. in Betracht zieht? „Mühle ohne Gartenzwerg. „Kunst“ am Heidmühler Ortseingang weg“.

Der Autor amüsiert sich über das Aufbauschen der „hühnerbrüstigsten Delikte“ aus dem Polizeibericht und führt viele lustige Beispiele an, um zu bilanzieren: „Da mag der Papst an Brustkrebs sterben, die Sintflut kommen und die ganze Welt in Scherben gehen: Wenn im Wüppelser Altendeich ein Spaten umfällt, hat er auf der Titelseite des ‚Jeverschen Wochenblatts’ Vorfahrt.“

Ja, so ist es wohl. Der Mettcker-Verlag antwortete mit einer satirischen Antwort, in der er sich für die kostenlose Werbung bedankte und dem „Kowalski“ eine Rechnung aufmachte, wonach er für die ohne Genehmigung veröffentlichten Fotos und Textauszüge 181,90 Euro verlangte und außerdem als Bearbeitungsgebühr „1 Kiste Bölkstoff“, denn immerhin erschien „Kowalski“ im Semmel Verlach, der auch die Werner-Comics herausgibt.

Chefredakteur Hans Saalfeld schrieb nach einer Woche an die „lieben Kolleginnen und Kollegen zurück, sie müssten „jetzt ganz stark sein“, er wollte für die Zitate nichts zahlen. Aber: „Wo Sie Recht haben, haben Sie Recht: Bearbeitungsgebühr fällt schon an.“ Und so schickte er einen Scheck über 20 D-Mark, „für den Sie mühelos eine Kiste Jever Pilsener bekommen.“ Damit war die Sache aus der Welt, alle hatten ihren Spaß gehabt.

Das redaktionelle Konzept des Jeverschen Wochenblatts wies sich am Ende dem des Magazins „Kowalski“ doch überlegen. Während die mehr als 220 Jahre alte Zeitung des Jeverlandes bis heute auf Titelseite 1 vermeldet, wenn in Wüppelser Altendeich ein Spaten umfällt, wurde das Satiremagazin 1993 im zarten Alter von sechs Jahren wieder eingestellt. Wer zuletzt lacht …

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