Hugo Rase

Reporterglück oder die Männer der Leicas

Von Hugo Rase (†)

Hugo Rase, der rasende Reporter, mit seiner Kamera.

Lenkt man seine Gedanken und Erinnerungen auf die ersten Jahre nach dem zweiten Weltkrieg zurück, so klafft da bei den Soldaten, die aus der Kriegsgefangenschaft zurückkamen, zunächst ein großes Loch. An seiner tiefsten Stelle stand das Wort „Überleben“. Ich will wieder auf die Reihe kommen, war der zweite oder dritte Satz, der mir durch meinen Kopf ging, als ich im April 1947 in die damalige Bauleitungsbaracke an der Rahrdumer Straße einzog. Der damalige Bezirksvorsteher Gerd Eggerichs wies mir mein Zimmer an. Immerhin 14 Jahre habe ich dort gelebt und gewirkt.

Und mir meine erste Schreibmaschine und meinen ersten Fotoapparat gekauft. Die Schreibmaschine holte ich mir von einem Händler in Esens. Es waren Ostzonen-Maschinen, die auf heimlichem Wege in die Bundesrepublik gelangt waren. Ihr besonderes Kennzeichen: Sie hatten nur einen schwarzen Drehknopf an der Walze an der rechten Seite. Fünf- und zehn-Marks-weise wurde die Maschine abbezahlt. Es war ein mühseliges Ringen um die Monatsraten.

Ähnlich war es mit dem ersten Fotoapparat. Ich kaufte ihn bei dem damaligen Optiker Hans Staschen in der Mühlenstraße. Das war im Sommer 1952. Damals wurde in der neu entstandenen Gemeinde Cleverns-Sandel ein Verwaltungsgebäude gebaut. Beim Richtfest für dieses Gebäude probierte ich den mir überlassenen „Voigtländer Perkeo“, eine Kleinbild-Kamera, aus. Bei dem Richtfest lernte ich den Vareler Journalisten Willy Hinck kennen. Er tanzte schon damals mit einer „Leica“ um den Hals an. Es nieselte ein leichter Regen vom Himmel, als der damalige Bürgermeister Rudolf Rieniets aus Sandel und der Gemeindedirektor Karl Bröckmann von den Bauleuten auf dem Balken durchs Dorf getragen wurden.

Damals war ich neidisch auf Willy Hinck und seine „Leica“. Der Gedanke, auch einen solchen Fotoapparat zu besitzen, fraß sich förmlich in mich hinein, als ich – nur kurze Zeit später – dem Wochenblatt-Redakteur Otto Hintze begegnete, der ebenfalls eine „Leica“ aus dem großen Krieg hinüber gerettet hatte. Heimlich liebäugelte ich mit der „Leica“ im Glasschrank bei Hans Staschen. Aber die 975 Mark, die der Apparat kosten sollte, davor schreckte ich ganz einfach zurück.

Doch dann lief mir ein Ereignis über den Weg, das von hunderten und tausenden friesländischen und ostfriesischen Mitbürgern als die Sensation der Jahre 1956/57 angesehen und teilweise auch mitgefeiert wurde: Es war die Hochzeit des Wittmunder Lottokönigs Walter Knoblauch im Januar 1957.

Ganz Wittmund stand Kopf, vom Bürgermeister bis zum Arbeiter. Aber das Feiern und das Mitzechen mich nicht, ich wollte bei der standesamtlichen und bei der kirchlichen Trauung mit dabei sein, wenn „sie“ oder „er“ unterschreibt. Oder wenn das Paar Arm in Arm zur Kirche oder zur Hochzeitsfeier ging. Diese Bilder spukten mir im Kopf herum.

Und es gelang! Der Standesbeamte und auch Walter Knoblauch waren einverstanden. Ein Wittmunder Fotograf und ich waren die einzigen Reporter, die im Trauzimmer mit dabei waren.

Später dann, vor der Kirche, in der Kirche und auf dem roten Teppich vor dem Hotel traten sich die Fotografen gegenseitig auf die Füße. An diesem Tag stand das Reporterglück voll auf meiner Seite: Die ganzen 36 Negative mit dem damals viel verwendeten KB 17 waren die reinste Wonne. Eines noch schöner und besser als das andere!

Noch am selben Abend schickte ich acht Bilder von der Wittmunder Lotto-Hochzeit an die Zeitschrift „Quick“ nach München. Drei Wochen später kam eine Belegnummer und zwei Wochen danach die große Freude und die Riesenüberraschung: „Quick“ zahlte mir für vier Bilder die runde Summe von 800 Mark.

Am Nachmittag des gleichen Tages, wo das Geld auf dem Konto stand, schlich ich mich – einen Dieb nachahmend – bei Hans Staschen durch die Ladentür: Die acht Hundertmarkscheine in der ausgestreckten Hand, zeigte ich auf die „Leica M 3“ in der Vitrine und forderte mit gespielt barscher Stimme: „Jetzt will ich sie haben. Jetzt oder nie!“ Hans Staschen, aus seiner Werkstatt herauskommend, hatte sofort gemerkt, um was es ging, denn ich hatte ihm ja von den Bildern erzählt. Außerdem sah er ja das Geld in meiner Hand. „Hat es geklappt bei Quick?“, fuhr es spontan aus ihm heraus. „Ja! Ja! Ja! Es hat geklappt“, freute ich mich und zählte ihm die acht Hunderter auf den Ladentisch. Jetzt hatte auch Tochter Lisa Staschen erkannt, um was es ging.

Zehn Jahre lang bin ich mit dieser „Leica M 3“ durch das Jeverland gezogen, habe die großen Deich- und Sielbauwerke eine Karl Tillessen fotografiert, war mit dabei, als die jeversche Kreuzkirche in Flammen aufging und die einstmalige Wochenblatt-Volontärin Mareike Hohnholtz mit einem Starfighter F-104 in die Lüfte stieg, als Udo Jürgens auf dem Flugplatz weilte und Nato-Generalsekretär Manfred Wörner seinen ersten Düsenjägerflug riskierte. Nicht zu vergessen die jährlichen Schützen- und späteren Altstadtfeste und die ungezählten Verkehrsunfälle von der „Scharfen Ecke“ in Sande bis nach Javenloch vor Carolinensiel. Und wer könnte vergessen die hunderte und tausende von Boßelwettkämpfen auf den friesischen Landstraßen oder die großen Klootschießerwettkämpfe zwischen Oldenburg und Ostfriesland, wenn der Kahlfrost auf den Weiden herrschte und die blau gefrorenen Finger gerade noch den Auslöser niederdrücken konnten.

Und wer erinnert sich nicht an die Sturmflutkatastrophe von 1962, als Frieslands Deiche ihre härteste Widerstandsprobe gegen den „Blanken Hans“ zu bestehen hatten und nur um ein Haar die große Flutkatastrophe abgewehrt werden konnte. Franz Tuhy aus Hohenkirchen und Otto Hintze waren damals jene Fotomänner, die mit ihren „Leicas“ die ganze Wucht jener Jahrhundert-Katastrophe einfingen.

Einen ansehnlichen Teil all dieser Zeitereignisse und Begebenheiten in Stadt und Land hat auch meine „Leica M 3“ in den langen Jahren meiner Reportertätigkeit beim Jeverschen Wochenblatt miterlebt und mit erspäht. Ob mit „Elmar“-Objektiv oder „Sonnor“, ob mit Weitwinkel oder Teleobjektiv – immer identifizierten sich die „Männer der Leicas“ mit ihren Erzeugnissen, mit ihren gelungenen Bildern vom jeverländischen Alltag zu allen vier Jahreszeiten. Nur wer jemals eine „Leica“ in der Hand gehalten hat, wer das sanfte Klicken ihres unübertroffenen Verschlusses vernahm und wer hinterher die gestochene Schärfe ihrer Positive bewunderte – der weiß, was es bedeutet, wenn eine „Leica“ verloren geht.

(Diesen Text fand Erika Rase, Hugo Rases Witwe, im umfangreichen Nachlass des legendären Wochenblatt-Reporters und stellte ihn dem langjährigen viel jüngeren Kollegen und Freund ihres Mannes Helmut Burlager zur Verfügung.)

Das Buch mit Bildern von Hugo Rase: Wegen Reichtums geschlossen

Hugo Rase wurde  am 17. Dezember 1910 in Braunschweig geboren, er lernte bei der Reichsbahn, war von 1939 bis 1946 Soldat und landete nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht im Jeverland. Er wurde als Reporter und Fotograf freier Mitarbeiter mehrerer Zeitungen, bis er eine Festanstellung beim Jeverschen Wochenblatt, der Tageszeitung des Jeverlandes, fand. Dort war er bis zum 31. Dezember 1984 hauptberuflich, danach als Rentner wiederum viele Jahre freiberuflich tätig. Er starb am 19. Juli 1995.

Mehr über Hugo Rase: Rede anlässlich der Buchvorstellung und der Nachruf im Jeverschen Wochenblatt.

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2 Kommentare zu „Hugo Rase“

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