Jürgen Schmädeke

Kind der Küste und Kenner der Hauptstadt

Nachruf: Der Historiker, Journalist und Berlin-Kenner starb im Alter von 74 Jahren

Von Helmut Burlager

Berlin/Jever – Spaziergänge mit ihm durch Berlin waren stets auch Geschichtsstunden. Wie kaum ein anderer wusste Dr. Jürgen Schmädeke über die alte und neue Hauptstadt Bescheid, namentlich über die Preußenkönige und ihre mehr oder weniger glorreichen Regierungszeiten, über die wiederkehrenden Veränderungen der Grenzziehungen und damit einhergehend der deutschen Landkarten, vor allem aber – sein Spezialgebiet – über die Geschichte des Reichtstages und des Reichstagsbrandes, der zum Markstein von Hitlers Machteroberung im Deutschen Reich wurde und dessen Hintergründe Jürgen Schmädeke in seinen wissenschaftlichen Forschungen und Publikationen erhellte. Am 7. Februar 2012, nur wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag, ist Dr. Jürgen Schmädeke gestorben, ein großer Verlust für seine Familie und viele Freunde.

Dr. Jürgen Schmädeke, Freizeit am Nordseestrand in Dangast. Foto: Helmut Burlager
Dr. Jürgen Schmädeke, Freizeit am Nordseestrand in Dangast. Foto: Helmut Burlager

Dass er unter anderem die Kleine Berlin-Geschichte, eine Art historischen Reiseführer, veröffentlichen würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt, denn eigentlich stammt er aus Bremen und war bis zuletzt seiner Heimatstadt treu verbunden, nicht allein, weil er in einer Zeitungsverlegerfamilie hineingeboren wurde und so zum verzweigten Kreis der Anteilseigner der Bremer Tageszeitungen AG zählte. So lag ihm der Journalismus wohl in den Genen, so wie er sich für Geschichte und Politik begeisterte – er pendelte infolgedessen zeitlebens zwischen diesen beiden Welten, der Wissenschaft und dem Journalismus.

Studiert hat er in Berlin Geschichte und Germanistik, 1964 promovierte er an der Freien Universität mit dem Thema „Militärische Kommandogewalt und parlamentarische Demokratie. Zum Problem der Verantwortlichkeit des Reichswehrministers in der Weimarer Republik“. Als Dr. phil. schlug Jürgen Schmädeke dann allerdings doch die Medien-Laufbahn ein und wurde Redakteur beim „Kurier“ in Berlin, zwei Jahre später dann (1966) beim Tagesspiegel, wo er zwölf Jahre im Politikressort arbeitete, bevor er 1978 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Historischen Kommission zu Berlin wurde.

Mit seinen Forschungsarbeiten zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus und dem daraus resultierenden, gemeinsam mit Peter Steinbach herausgegebenen Forschungsband, sowie durch seine Veröffentlichungen zum Thema Reichstagsbrand wurde Schmädeke bekannt, vor allem, weil er sich gegen die These von der Alleintäterschaft Marinus von der Lubbes wandte und Indizien für eine von der NS-Führung angestiftete Tat fand. Mehr zum Lebenslauf bei Wikipedia.

Zeitlebens blieb der Berliner Jürgen Schmädeke ein Kind der Küste, nicht nur wegen seiner Bremer Kindheit und Jugendzeit, sondern auch, weil er Friesin geheiratet hatte, seine aus Jever stammende Frau Susanne. Und so interessierte er sich auch für alles, was mit dieser Region zu tun hatte, gehörte zu den Abonnenten des Jeverschen Wochenblatts, bewahrte in seinem Haus in Berlin-Lankwitz selbst aufgenommene Super-8-Filme aus dem Jever der 60er Jahre auf und hielt sich häufig sowohl in Bremen als auch in Jever auf, wo die Familie zeitweise eine kleine Zweitwohnung im Elternhaus besaß. Ein Jahr nach der Oder-Flut begleitete er als fachkundiger Reiseführer auch eine Leserreise des Jeverschen Wochenblatts in den Oderbruch östlich von Berlin.

Noch im vergangenen Jahr war er wieder zu Besuch hier in Friesland, wie immer verbunden mit einem Blick über den Nordseedeich, auf einem Spaziergang mit dem Verfasser dieses Nachrufs. Und wie immer hatte Jürgen Schmädeke viel zu erzählen, ein kluger Kopf, ein wertvoller Berater und ein väterlicher Freund. Am 15. Februar wurde er auf dem Kirchhof Marienfelde zu Grabe getragen.

Lesen:  Jürgen Schmädeke. Der Reichtstag im Spiegel der deutschen Geschichte. Beitrag in  „Kulturbox“, 1995

Buchrezensionen von Jürgen Schmädeke im Tagesspiegel

Außerdem: Literaturkritik.de

1 Kommentar zu „Jürgen Schmädeke“

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