Fritz Levy

Fritz lebt

Der letzte Jude von Jever ist auch knapp 30 Jahre nach seinem Tod unvergessen

Dokumentarstreifen von Elke Baur aus dem Jahr 1994 ist wieder im Handel erhältlich

Von Helmut Burlager

Jever – „Fritz lebt“ – der Titel des Films Datei0016über den letzten Juden von Jever, der 1994 in die Kinos kam, erinnert eigentlich nicht an das Leben, sondern an den Tod von Fritz Levy. In der Nacht nach dem Suizid des 81-Jährigen hatten Unbekannte auf die Wand eines Supermarktes in der Wittmunder Straße den Satz „Fritz lebt weiter“ gesprüht. Die Filmemacherin Elke Baur verkürzte das Zitat, es ist bis heute programmatisch: Auch knapp 30 Jahre nach seinem Tod ist Levy in Jever wirklich unvergessen. Als ob er weiterspukte, als ständige Mahnung, so nicht mit Menschen umzugehen, wie mit dem Juden und dem Jeveraner Fritz Levy umgegangen worden ist.

Der Film, der die Geschichte Fritz Levys erzählt und der zumindest in Jever ein Kinohit wurde, ist jetzt als DVD erhältlich. Angeboten wird er von Filmsortiment und vertrieben im Internet über Amazon, er kostet 21 Euro. Billiger ist er bei der Produzentin selbst zu beziehen: http://bit.ly/goP8gT Das Cover der DVD zeigt, wie damals das Filmplakat, ein Foto von Fritz Levy mit seinem Mischlingshund vor der Ruine seines Wohnhauses in der Bismarckstraße, aufgenommen hat es der Verfasser dieses Beitrags. Ansonsten aber ist es der Blick von außen, der diesen Film so besonders und der das jeversche Publikum im Jahre 1995 so betroffen machte. Schonungslos zeigte die Dokumentation auf, welches Schicksal der Jude Levy erlitten hatte, der den Nazis entkommen, ins Exil gegangen und dann in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Er war wieder zu Hause und fühlte sich doch fremd unter seinen Mitbürgern, von denen keiner ein Täter gewesen sein wollte.

1901 in Jever geboren, war Fritz Levy eines von sechs Kindern des angesehenen Viehhändlers und Schlachters Josef Levy. Er besuchte die Volksschule und das Mariengymnasium, begann ein Studium in Berlin, doch als 1918 sein Vater und sein Bruder tödlich verunglückten, kehrte er zurück, um mit seiner Mutter das Geschäft weiterzuführen. Ein Viehhändler aus Naturtalent – im hohen Alter bezeichnete er sich deshalb als „Viehlosoph“. 1934 gab er den Betrieb ab, wurde 1938 ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, kam nach vier Monaten wieder frei und verließ Deutschland im Jahre 1939 mit dem Ziel Shanghai. Zehn Jahre lebte er in China, danach kurz in San Francisco, schlug sich als Lastwagenfahrer durch. 1950 kehrte er nach Jever zurück. Gezeichnet durch Verfolgung und Flucht, hat er nicht wieder Fuß fassen können, wurde verletzt und geschmäht, eckte aber auch selbst vielfach an. Mehr und mehr wuchs er in seine Rolle als Provokateur hinein, wurde schließlich – vor allem von jungen, unangepassten Leuten unterstützt – in den Stadtrat gewählt. 1982 starb er.

Der Film schildert ihn als Eulenspiegel, der den Mitbürgern, die keine Nazis gewesen sein wollten, 61ljLHX62zL den Spiegel vorgehalten hat. Elke Baur kombinierte historisches Material mit dokumentarischen Bildern und inszenierten Szenen. Gespräche mit Verwandten und Freunden Levys verknüpfte sie mit einer Off-Stimme, die aus dem Leben des Weiberhelden, Weltfahrers, Viehhändlers und ehemaligen KZ-Häftlings erzählt. „Baurs Film ist eine Hommage an Levys Eigensinn und an seinen Mut, immer weiter und weiterzumachen“, schrieb damals die Frankfurter Rundschau.   Die Evangelische Zeitung rezensierte: „Die Lebens- und Leidensgeschichte dieses letzten Juden Jevers hat die mehrfach ausgezeichnete Filmemacherin Elke Baur in einem ergreifenden und einfühlsamen Dokumentarfilm nachgezeichnet. Mit Fotos, Stadt- und Landschaftsaufnahmen, mit Aussagen von Bekannten und Freunden, gelang ihr das Filmporträt eines ungewöhnlichen Menschen.“

Zitiert wird in dem Artikel Levys Freund, der Pastor Enno Ehlers, der im Film sagte: „Er war ein Mensch, der nach Deutschland zurückkam, um seine Heimat wiederzufinden, die er nie gefunden hat … Der liebe Gott hat mir einen Freund über den Weg geschickt, verstanden habe ich ihn auch nicht …“

Und Wochenblatt-Redakteur Klaus-Dieter Heimann schrieb nach der Filmpremiere in Jever: „Fritz lebt ist mehr als das Porträt eines Spökenkiekers. Levy steht für viele Menschen, die mit ihrem Witz, ihren Träumen und ihrem Anderssein anecken, auf Widerstand und Ablehnung stoßen. Typen wie ihn gab und gibt es überall. Dass Levy in Jever lebte, ist ein Zufall. Der Film sagt viel über Stimmungen, Strömungen und Neigungen der Nation – vor und nach 1945.

Der Beitrag ist dem Jeverschen Wochenblatt, Ausgabe vom 4. Februar 2011, entnommen. Foto/Copyright: Helmut Burlager

Fritz lebt – Erinnerungen an Friedrich Levy (1901-1982)

Ergänzende Materialien und Fotos zum Beitrag “Fritz lebt” hier im Friesenblog Zum Beitrag „Fritz lebt“

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Fritz Levy vor seinem Wohnhaus, vor dem Jugendzentrum

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Fritz Levy: täglicher Besuch bei den Zeitungsredaktionen (links), Levy bei einer Abstimmung im Stadtrat (1981)

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Elke Baur, Elsa Schwarz und Wissenschaftsministerin Helga Schuchardt bei der Filmpremiere von “Fritz lebt” (Bild links), rechts Fritz Levy – im Foto links – in einer Vollversammlung des selbstverwalteten Jugendzentrums Jever. Levy war in den JZ-Beirat gewählt worden, dann kandidierte er für den Stadtrat und wurde vor allem von jungen Leuten in den Rat hinein gewählt.

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Feuer im Haus von Fritz Levy im Haus an der Bismarckstraße. Mehrfach hat es dort gebrannt, wobei nicht ganz klar wurde, ob es sich um Brandstiftungen durch Fremde oder um Fahrlässigkeit durch Hausbewohner handelte. Gebäude und Grundstück des Levyschen Anwesens an Schlosserstraße und Bismarckstraße glichen teilweise einer Müllhalde.

Hier habe ich noch ein paar weitere interessante und typische Fotos von Fritz Levy gefunden: http://www.fotocommunity.de/pc/pc/pcat/348733/display/8532735

7 Kommentare zu „Fritz Levy“

  1. Kleine Korrekturbitte: Die zwei Bilder vom Hausbrand sind seitenverkehrt eingestellt. Falls möglich, bitte ändern!

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