Ein Vorweihnachtswunder in der Nordwestbahn

Eine wahre Geschichte, diese Woche zwischen Oldenburg und Wilhelmshaven erlebt

Von Désirée Warntjen

„Das glaubt uns kein Mensch“, meint der Zugreisende, der gerade mit ein paar Freunden die Nordwestbahn verlässt. Auf seiner Heimfahrt Richtung Wilhelmshaven hatte der Mann eine halbe Stunde zuvor einfach nur ein bisschen adventliche Stimmung im Abteil schaffen wollen – und wurde mitsamt der weiteren Mitreisenden mit einem kleinen Vorweihnachtswunder beschert.

„Heute ist der vierte Advent, wollen wir nicht zusammen ein Weihnachtslied singen?“, hatte der Bahnfahrer vorgeschlagen. Erst zögerlich, dann stimmkräftiger wurde erst einmal sehr passend zur Landschaft, durch die man fuhr, „Leise rieselt der Schnee“ intoniert.

Beim Weitersingen stellte sich heraus, dass das Erste-Strophen-Syndrom auch unter den anwesenden Mitreisenden gravierend verbreitet war: Mehr als die jeweils ersten Zeilen bis zu einem Refrain brachte man nicht zustande. Eine junge Frau konnte helfen und zog ein Notenheft mit Weihnachtsliedern hervor. Nach zwei, drei Liedern tauchte dann die neugierige Frage auf, warum sie Weihnachtsnoten mit sich führte.

„Die Lieder habe ich in Osnabrück gespielt“, sagte sie und zauberte unter Jubelrufen eine Querflöte aus ihrer Tasche. Die nächsten Lieder sangen die Reisenden etwas leiser, damit der Flötenton zu hören war.

Das Ankunftsziel der Flötistin rückte in absehbare Nähe, das Instrument verschwand wieder in der Tasche – doch nun tauchte eine weitere Musikerin auf, mit einem Geigenkasten unter dem Arm. Bettelnde Blicke und Worte erweichten sie: Der Kasten wurde geöffnet, das Instrument ein bisschen nachgestimmt – und weiter ging das kleine Weihnachtskonzert, das zwei Dutzend Menschen, die sich überwiegend fremd waren, gemeinsam singen und lächeln ließ.

Am meisten hat der spontan wachsende Umfang des Konzerts den Initiator selbst überrascht. Und so wiederholt er beim Aussteigen noch ein paar Mal: „Das glaubt uns kein Mensch!“

Aus dem Jeverschen Wochenblatt vom 21. Dezember 2010

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