Fritz Levy – Viehlosoph und Vielschreiber

Von Helmut Burlager

Über Fritz Levy ist alles gesagt. Die Lebensgeschichte des letzten Juden von Jever ist verfilmt worden, sie füllte Zeitungsseiten vom Jeverschen Wochenblatt bis zur New York Times, wurde in Sachbüchern und Romanen beschrieben, in Vorträgen und Konzertabenden ausgebreitet. Sie kommt Passanten in den Sinn, die an seinen früheren Häusern an der Schlosserstraße und Bismarckstraße vorbeigehen. Und sie erfährt bis heute immer weitere Ausschmückungen, wenn Menschen zusammensitzen und ins Erzählen geraten, die Levy noch gekannt haben. Was wäre also noch über Levy zu schreiben? Vielleicht seine Geschichte als Autor. Als Autor?

Dieser Beitrag erschien zuerst am 3. Dezember 2020 im Jeverschen Wochenblatt

Eckhard Harjes mit der Reiseschreibmaschine von Fritz Levy. Foto: Jan Ole Harjes

Auch wenn der einstige Viehhändler, der im Exil in Shanghai und San Francisco als Kraftfahrer gearbeitet hatte, nie ein Buch geschrieben hat und vermutlich keine Zeitung seine Texte druckte, war Levy doch ein Vielschreiber. Ob in schwungvoller Handschrift auf ausgerissenen Heftseiten oder in akkurater Maschinenschrift auf schmalen Schnipseln, unermüdlich brachte er seine mal klaren, mal konfusen Gedanken zu Papier und anschließend hektographiert unters Volk.

Seine Pamphlete, die er bei seinen Touren durch die Stadt jedem in die Hand drückte, der keinen großen Bogen um ihn machte, liegen bis heute in vielen Schubladen. Und Berge von beschriebenem Papier fanden sich, als nach Levys Freitod im Jahr 1982 seine Häuser leergeräumt wurden.

Vor zwei Jahren tauchte die Schreibmaschine wieder auf, mit der Levy zeitlebens viele seiner Flugblätter getippt hatte. Eine in Chemnitz produzierte „Wanderer Continental“ mit amerikanischer Tastatur und einigen chinesischen Schriftzeichen. Levy hatte von 1939  bis 1949 im Exil in Shanghai gelebt, danach zwei Jahre in San Francisco, bis er 1951 nach Jever zurückkehrte. Die Schreibmaschine hat ihm noch viele weitere Jahre gedient. Vor seinem Tod brachte er sie irgendwann zur Reparatur in die Schreibwaren- und Büromaschinenhandlung von Herbert Grundei in der Großen Wasserpfortstraße. Die war ausgerechnet in jenem Geschäftshaus ansässig, das anstelle der 1939 von den Nazis zerstörten Synagoge errichtet worden war. Heute beherbergt es das Dokumentationszentrum Gröschler-Haus. Levy hat seine Schreibmaschine nie mehr abgeholt, so blieb sie unbeachtet in der Ecke stehen, bis die Familie Grundei sie 2018 wiederfand und dem Gröschler-Haus zur Verfügung stellte.

Hier beginnt nun die Geschichte eines neuen literarischen Projekts. Der Songwriter und Autor Eckhard Harjes aus Leer arbeitet zurzeit an seinem zweiten Buch über Fritz Levy; es soll  im Frühjahr 2021  unter dem Titel „Fritz‘ Typewriter“ erscheinen. Es geht also um die Schreibmaschine von Fritz Levy  und was auf ihr geschrieben wurde. Aber nicht nur. „Anders als mein erstes Buch, Das Haus in der Schlosserstraße, wird es keine lineare Geschichte. Sie ist halb fiktional und hat mehrere Handlungsebenen“, erzählt Harjes, der als Schüler zu den jugendlichen Freunden Levys zählte und viel Zeit mit dem betagten Mann verbrachte.

Harjes ging nach dem Abitur zum Studium nach Oldenburg und lebt seit vielen Jahren in Leer, wo er bei einem Bildungswerk sein Geld verdient. Fritz Levy ist ihm nie wieder aus dem Kopf gegangen, und in seinem zweiten Leben als Musiker und Songwriter hat er dem Alten, der wahlweise als Genie oder als Clown angesehen wurde, als Spinner oder als Provokateur,  schon mehrfach ein Denkmal gesetzt. Ob in dem bereits erwähnten Buch oder mit seinem Liederalbum und Konzertprogramm „Lieder von Fritz“. 

Er besorgte sich also die alte Schreibmaschine und lud sich den Wagen voll mit dem enormen Nachlass an Schriftstücken, die nach Levys Tod gefunden worden waren. Pastoren der evangelischen Kirchengemeinde hatten sie damals geborgen und zunächst im Kirchturm verstaut. Als sie dort zu arg unter den schlechten klimatischen Bedingungen litten, nahm der Historiker Hartmut Peters sie irgendwann in seine Obhut.

Zwischen den zahlreichen Manuskripten, die Eckhard Harjes sichtete, fand er auch diese Kuriosität: ein Zigarrenmundstück der Firma Handelsgold. Fritz Levy hatte man selten ohne einen Zigarrenstumpen im Mund oder zwischen den Fingern gesehen. Bild: Eckhard Harjes

Das übernahm jetzt Eckhard Harjes. „Ich habe alles abfotografiert und vieles verarbeitet“, berichtet er. „Ich gehe da allerdings nicht wissenschaftlich ran, eher literarisch. Ich erzähle.“ Wie schon bei seinem ersten, 2018 erschienenen Buch, das subjektives Erleben und objektive Fakten schildert. „Die Erzählung musste einfach raus. Das ist mir jahrelang im Kopf herumgegangen“, sagt Harjes.

Nun muss wieder etwas raus. „Fritz‘ Typewriter“ soll im Frühjahr erscheinen. Der Bremer Fuego-Verlag, ein Independent Musik- und Buch-Verlag, wird auch dieses Buch herausbringen. Wer sich nicht bis dahin gedulden mag, kann sich ja schon mal „Das Haus in der Schlosserstraße“ oder „Lieder von Fritz“ vornehmen. Sie sind weiter im Buchhandel erhältlich.

Über Fritz Levy

Fritz Levy, der letzte Jude von Jever. Bild: Helmut Burlager

1901 als Sohn einer jüdischen Viehhändlerfamilie geboren, besuchte Fritz Levy das Mariengymnasium in Jever bis zur Obersekunda und anschließend eine Veterinärfachschule in Berlin. Die Ausbildung musste er abbrechen, nachdem sein Vater ums Leben gekommen  war. Er übernahm den Betrieb. Früh legte Leva sich mit den Nazis an, im Juni 1938 wurde er verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Im Dezember – mittlerweile war die jeversche Synagoge bei der Pogromnacht vom 9. November zerstört worden – wurde Levy freigelassen. Er beschloss auszuwandern und reiste mit dem Frachtdampfer „Oder“ nach Shanghai, wo er als Fahrradkurier, später als Kraftfahrer arbeitete. 1949 zog er nach San Fancisco weiter, wo er bleiben wollte. Doch sein Heimweh ließ ihn 1951 nach Jever zurückkehren. Dort war er nicht willkommen. Levy kämpfte um sein Eigentum, eckte an, entwickelte sich zum Sonderling, verfiel in Aggression und Depression. Zu einer bundesweit bekannten Persönlichkeit wurde Levy, nachdem er sich mit Jugendlichen in der Jugendzentrumsbewegung engagiert hatte und 1981 mit deren Unterstützung in den Stadtrat von Jever gewählt worden war. Der Trubel um ihn wurde ihm letztlich zu viel. 1982 setzte Levy seinem Leben ein Ende. Er ist auf dem jüdischen Friedhof in Schenum begraben.

Levys Leben wurde von Elke Baur verfilmt („Fritz lebt – Geheimtäter und Viehlosoph“) und Thema eines Romans von Peter Faecke („Ankunft eines Schüchternen im Himmel“). Darüber hinaus gibt es zahlreiche Publikationen zum Leben des letzten Juden von Jever, unter anderem von Eckhard Harjes:

„Das Haus in der Schlosserstraße“ –  Erzählung. Fuego-Verlag Bremen. ISBN 978-3-86287-974-8. Hier kaufen…

„Lieder von Fritz“ – Album. Fuego-Verlag Bremen. Hier kaufen…

Ein Gedanke zu “Fritz Levy – Viehlosoph und Vielschreiber

  1. Sehr geehrter Herr Burlager, Ihre Darstellung ist an einer Stelle falsch. Ich habe den schriftlichen Nachlass von Fritz Levy aufwändig geordnet und für eine Biografie ausgewertet. Diese Biografie habe ich auf http://www.groeschlerhaus.eu und auf http://www.fritzlevy.de veröffentlicht. Gleichzeitig wurden hier mit Einverständnis der Rechtsnachfolger in England und den USA Levys Erinnerungen „Chronik eines Remigranten“ publiziert. Mit freundlichen Grüßen, Hartmut Peters .

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