Sex and Crime statt Datenrecherche

Wie Journalisten mit Material von Wikileaks umgehen

Prof. Dr. Andrea Czepek in der Vortragsreihe des Instituts für Medienwirtschaft und Journalismus

Von Katrin Busch

Andrea Czepek
Prof. Dr. Andrea Czepek lehrt im Studiengang Medienwirtschaft und Journalismus an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. (c) Katrin Busch

Wilhelmshaven 250 000 teilweise geheime Dokumente des US-Außenministeriums veröffentlichte die Enthüllungsplattform Wikileaks ab Dezember 2010. Es handelte sich um Korrespondenz zwischen dem Außenministerium und den Botschaften der USA. Eigentlich eine wahre Einladung an Journalisten, die Daten auszuwerten und investigativ zu berichten. Doch die Medien beschäftigten sich kaum mit dem brisanten Material, sondern vornehmlich mit dem Wikileaks-Sprecher Julian Assange, den gegen ihn erhobenen Vorwürfen der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung und mit seiner Festnahme. Das ergab eine Analyse von Prof. Dr. Andrea Czepek, die sie am Donnerstagnachmittag als zweiten Beitrag der Vortragsreihe „Journalismus vordenken …“ des Instituts für Medienwirtschaft und Journalismus an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven vorstellte.

Czepek hat in einer Inhaltsanalyse 1125 Fernsehbeiträge und Zeitungsartikel über Wikileaks vom Dezember 2010 aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Schweden verglichen. Drei Studierende, die Schwedisch, Französisch bzw. Spanisch sprechen, unterstützten sie dabei. Ein zentrales Ergebnis: Der Datenjournalismus ist bei den traditionellen Medien noch nicht angekommen. „Sex and Crime“ spielte in der Berichterstattung eine weit wichtigere Rolle. Fast ein Drittel der untersuchten Nachrichtenbeiträge erwähnte Assange als handelnde Person. Ein Großteil der Berichte handelte von den Vergewaltigungsvorwürfen, die mit in Wikileaks veröffentlichten Dokumenten nichts zu tun hatten. Neben der Personifizierung waren „Nähe“ und „Konflikt“ weitere entscheidende Nachrichtenfaktoren. In allen untersuchten Ländern war das Land, über das in den Wikileaks-Artikeln am meisten berichtet wurde, das eigene Land. Und durchschnittlich rund 73 Prozent aller Beiträge in den fünf Ländern betonten einen Konflikt.

Weitaus größere Unterschiede als zwischen den Ländern stellte Andrea Czepek zwischen den verschiedenen Medienarten fest. Der Zwang, im Fernsehen zu visualisieren, führte in den untersuchten TV-Nachrichten zu einer stärkeren Personifizierung und Ereignisbezogenheit. So interviewte zum Beispiel die britische BBC den Rocksänger Meat Loaf, der erklärte, er wolle Julian Assange am liebsten „die Zehen abschneiden“. In einem anderen BBC-Beitrag waren peruanische Schamanen zu sehen, die in ihren Vorhersagen für 2011 Assange als große Gefahr für US-Präsident Barack Obama identifizierten und den Wikileaks-Sprecher mit einem Fluch belegten. Insgesamt verwendeten Fernsehnachrichten mehr Interviews mit Experten – wie etwa ehemaligen Botschaftern – während Zeitungen mehr Analysen und zum Teil drastische Kommentare veröffentlichten. So bezeichnete der Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), Ulrich Reitz, die Veröffentlichung der Dokumente als größten Geheimnisverrat der Geschichte.

Insgesamt wurde jedoch mit Ausnahme der britischen Zeitung „The Guardian“ recht wenig Bezug auf die Originaldokumente genommen oder gar aus ihnen zitiert. Czepek führt diese länderübergreifende Erscheinung auf die weiter zunehmende Digitalisierung und Ökonomisierung der Mediensysteme zurück: Erhöhter Zeit- und Wettbewerbsdruck ließen kaum noch Raum für journalistische Leistungen wie das aufwändige Untersuchen umfangreicher Datensammlungen. Stattdessen werde auf leicht zugängliche Informationen wie PR-Texte oder bereits in anderen Medien veröffentlichte Inhalte zurückgegriffen.

Dass die Professorin mit ihrem Vortragsthema den Nerv der Medienwirtschaft- und Journalismus-Studierenden und ihrer Kollegen im Publikum getroffen hatte, zeigte die anschließende lebhafte Diskussion über den Datenjournalismus, über die Zukunft von Wikileaks und über das Schicksal des US-Soldaten Bradley Manning, der beschuldigt wird, Wikileaks die geheimen Daten zugespielt zu haben.

Quelle: Pressemitteilung der Jade Hochschule, Autorin Katrin Busch

Jade Hochschule

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