Zwei weitere Journalisten in Syrien getötet

Hamburg/Damaskus – Reporter ohne Grenzen (ROG) ist bestürzt darüber, dass erneut zwei Journalisten in Syrien getötet wurden. Walid Blidi und Nassim Terreri kamen einer Pressemitteilung von ROG zufolge am 26. März bei einem Angriff syrischer Truppen in Darkusch nahe der syrisch-türkischen Grenze ums Leben. Ein weiterer Reporter wurde verletzt und in ein Krankenhaus in der türkischen Grenzstadt Antakya gebracht.

„Wir verurteilen die gezielte Ermordung der beiden Journalisten“, so ROG. Die zwischen 28 und 32 Jahre alten Reporter waren zu Recherchen für eine Dokumentation über das Gebiet Idlib im Nordwesten Syriens unterwegs. Die Region gilt als einer der Ausgangspunkte der Aufstände in Syrien. Walid Blidi ist britischer Staatsbürger mit algerischen Wurzeln, die Nationalität seines Kollegen ist bislang unklar.

„Mitunter ist es sehr schwierig, Identität und Nationalität getöteter oder verletzter Journalisten festzustellen“, so ROG. Die Organisation appelliert an freie Journalisten, sich vor dem Einsatz in Krisengebieten entsprechend zu versichern und Kollegen über ihre Reisepläne zu unterrichten. Redaktionen müssten Kosten für Versicherungen und entsprechende Ausrüstung freiberuflicher Reporter in Krisengebieten übernehmen bzw. im Honorar berücksichtigen.

Ausführliche Informationen zum Thema Sicherheit für Journalisten in Krisengebieten unter: http://bit.ly/H6gqKG.

Reporter ohne Grenzen: Maikel Nabil Sanad freilassen

Ägyptischer Blogger im Hungerstreik

Hamburg / 6.9.2011 – Reporter ohne Grenzen (ROG) wiederholt seine Forderung nach einer umgehenden, bedingungslosen Freilassung des ägyptischen Bloggers Maikel Nabil Sanad. Der Gesundheitszustand des inhaftierten Cyberdissidenten ist äußerst besorgniserregend, nachdem Sanad am 23. August 2011 in den Hungerstreik getreten war.

Mittlerweile wurde Sanad in das Krankenhaus des El-Marg-Gefängnis von Kairo verlegt und ihm wurde Glukose zugeführt. Der 25-Jährige verweigert allerdings weiter die Einnahme von Medikamenten, die er wegen seiner Herzkrankheit nehmen muss. Er kündigte zudem an, erneut in den Hungerstreik treten zu wollen, um den Protest gegen seine unrechtmäßige Gefängnisstrafe fortzusetzen.
Für den aktuellen kritischen Gesundheitszustand von Sanad macht ROG den Obersten Rat der ägyptischen Streitkräfte verantwortlich: „Auch wenn der Hungerstreik eine persönliche Entscheidung des Bloggers ist, so sind die Behörden doch für die Ursache seines Protestes verantwortlich: für die unrechtmäßige und antidemokratische politische Inhaftierung“, so ROG-Generalsekretär Jean-François Julliard.

Der 25-jährige Sanad gilt als erster politischer Gefangener seit Beginn der ägyptischen Revolution. Er wurde am 28. März 2011 verhaftet, nachdem er in seinem Blog Kritik an der Armee geübt hatte. Er warf dem Militär unter anderem vor, während der Revolution an Verhaftung und Folter von Demonstranten beteiligt gewesen zu sein.

Dafür musste sich der Blogger und Kriegsdienstverweigerer vor einem Militärgericht verantworten. Am 10. April wurde er wegen Verunglimpfung der Armee, Verbreitung falscher Informationen und Störung der öffentlichen Ordnung zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Der Prozess fand in Abwesenheit der Rechtsanwältin des Bloggers statt. Eine Berufung wurde ausgeschlossen.

ROG kritisierte seinerzeit die Art des Verfahrens gegen Sanad: Nach eigenem Bekunden strebt die ägyptische Übergangsregierung den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft an. Es widerspreche aber demokratischen Standards, wenn Zivilisten vor ein Militärgericht gestellt würden, so ROG. Es müsse außerdem möglich sein, die Armee wie jede andere Institution des Staates zu kritisieren.

Noch könnten die ägyptischen Behörden verhindern, dass der Blogger zum Symbol eines repressiven „post-Mubarak“-Ägypten werde, so Julliard. Die Entlassung von Sanad wäre gleichfalls eine wichtige symbolische Geste gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft.

Mit gutem Auge und wachem Geist

Rede anlässlich der Buchvorstellung “Wegen Reichtums geschlossen”, Bildband mit 450 Fotos des legendären Wochenblatt-Reporters Hugo Rase, herausgegeben von Ingo Hashagen und Klaus Andersen

Von Helmut Burlager

Ich möchte Ingo Hashagen und Klaus Andersen zu diesem Buch gratulieren, haben sie doch etwas geschafft, was weder das Verlagshaus, für das Hugo Rase so viele Jahre gearbeitet hat, noch seine Journalistenkollegen, noch das Schlossmuseum Jever in den 15 Jahren nach Hugos Tod geschafft haben: Aus dem typischerweise flüchtigen Werk eines Journalisten, in das schlimmstenfalls am nächsten Tag Fisch eingewickelt wird, etwas Bleibendes zu machen: ein Buch.

Das hätte Hugo Rase sich gewünscht. Wenn überhaupt eines in seinem langen Arbeitsleben offengeblieben ist, dann dies: ein Buch zu schreiben.

Hugo_Rase_303 Ich bin gebeten worden, ein paar Sätze über den Journalisten und meinen Kollegen Hugo Rase zu sagen, und wenn mir eines besonders am Herzen liegt, dann dies: Herauszustellen, dass Hugo eben nicht der „rasende Reporter“ war, zu dem er wegen der so naheliegenden Wortspielerei gerne gemacht wurde.

Er hatte viel um die Ohren, aber er war nicht hektisch. Er musste viele Termine wahrnehmen und eine Menge schreiben, aber er war dabei nicht oberflächlich. Im Gegenteil. Er feilte an seinen Sätzen herum, er diskutierte darüber mit seinen Kollegen, er war sorgfältig im Umgang mit der deutschen Sprache und auch mit dem, was zwischen den Zeilen zu lesen war. Er war – das wissen viele sicherlich nicht – ein Schöngeist. Belesen und klug.

Und schon habe ich den Bezug zu diesem schönen Buch, das Ingo Hashagen und Klaus Andersen gemacht haben. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mit zwei möglichen Missverständnissen aufzuräumen, die entstehen könnten, wenn jemand das Buch durchblättert und durchliest, der Hugo Rase nicht gekannt hat.

Erstens könnte der Eindruck entstehen, Hugo Rase sei in erster Linie ein Fotograf gewesen. Das war er auch. Ein guter sogar, mit einem Auge für den richtigen Bildausschnitt und den richtigen Moment, auf den Auslöser zu drücken – auch wenn es ihn zeitlebens geärgert hat, dass nicht er, sondern Franzl Tuhy es war, der im genau richtigen Moment abdrückte, als der Dachreiter der Stadtkirche beim traurigen Kirchenbrand herunterstürzte. Dafür hat er bei vielen anderen Gelegenheiten den Finger „am Abzug“ gehabt, wenn’s drauf ankam. Nur so konnte dieses Buch entstehen.

Aber er war eben nicht nur Fotograf, sondern auch ein guter Schreiber, der anschaulich schildern konnte, wie sich ein Ereignis zugetragen hat, warum es so war und wohin es führen könnte. Er wurde oftmals verkannt …

Das zweite Missverständnis, das entstehen könnte, ist Folgendes: Die teilweise pointierten Kommentare unter und neben den Fotos, die aus der Feder von Ingo Hashagen und teils auch von Klaus Andersen stammen, könnten dazu verleiten zu glauben, auch Hugo Rase hätte Texte dieser Art geschrieben. Das hat er nicht. Es wäre Hugo Rase eher nicht in den Sinn gekommen, zu kommentieren, wo er seine Aufgabe doch darin sah, zu beschreiben. Zu beschreiben, was war und was er gesehen und was er gehört hatte. Ein Foto vom Alten Markt mit dem Johann-Ahlers-Haus – Hugo hat sich sicher seinen Teil gedacht über das Bauwerk, das man dort in den Siebzigern hingestellt hat. Ich weiß nicht, ob er es eher schön fand oder eher hässlich. Aber geschrieben hätte er nur, dass es dort steht und nicht, dass es weg muss…

Apropos Ahlers-Haus. Das war nur eine von Hugos Wirkungsstätten, wo er sich Informationen holte. Anders als mancher Journalistenkollege heute ist Hugo kein Schreibtischtäter gewesen. An seinem Schreibtisch, der so groß war wie ein größerer Umzugskarton von Obi, gab es auch keinen Grund sich wohlzufühlen. Er brauchte ihn, um dort auf seiner Olympia herumzuhacken, was bei Hugos voluminösen Händen einigen Lärm verursachte, und er brauchte ihn, um seinen Aschenbecher für die unvermeidlichen Filterlosen abzustellen oder auch mal ein Whiskyglas. Wobei ich miterlebt habe, dass mal dies, mal jenes über Bord ging, weil der Tisch gar zu winzig war, und in einem Fall geriet schließlich der danebenstehende Papierkorb in Brand, was einigen Alarm auslöste.

Zu den anderen Wirkungsstätten gehörten – neben den Sportplätzen übrigens, Hugo war ja auch Sportreporter – vor allem die Gaststätten. Hier fanden erstens die meisten Termine statt, hier holte er sich zweitens seine Informationen ab, die er oftmals exklusiv besaß, weil er sie am Tresen als erster erfahren hatte. Stand er bei Hans Dardemann an der Theke, so holte dieser zuerst zwei Gläser hervor, um sie mit Jägermeister zu befüllen, und dann seine Terminkladde, aus der Hugo sich sorgfältig notierte, was dort an interessanten Terminen für ihn stand.

Hugo_Rase_289

Hugo Rase mit seinen Kollegen Helmut Burlager, Helmut “Theo” Bath und Wilfried “Ackermann” Zucht.

Soll ich am Ende noch verraten, dass Hugo mich, den 20-jährigen Jungredakteur, der da von Ostfriesland nach Jever kam und – wie er, der damals schon fast Siebzigjährige, anfangs glaubte – an seinem Stuhl sägte, dass er mich also zunächst nicht besonders mochte und mir nichts von seinen vielfach exzellenten Informationen verriet. Allenfalls eine Telefonnummer, denn das Telefonbuch von Jever hatte er im Kopf.

Umso besser haben wir uns später verstanden, als wir beide begriffen hatten, dass wir keine Konkurrenten sind, sondern Brüder im Geiste eines guten, seriösen Journalismus. Ich freue mich aufrichtig, dass Hugo nun endlich „sein“ Buch bekommen hat.

Das Buch “Wegen Reichtums geschlossen”, Herausgeber Ingo Hashagen und Klaus Andersen, Brune-Mettcker-Verlag Jever (ISBN 978-3-87542-074-6, 22,90 Euro) ist für 22,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

Lesetipp: Reporterglück oder die Männer der Leicas – Erinnerungen von Hugo Rase