„Klang der Erinnerung“ in Jever

Zwei Gedenkveranstaltungen zum 88. Jahrestag der Novemberpogrome

Mit einem Konzert samt Vortrag unter dem Titel „Klang der Erinnerung“ wird am kommenden Montag, 9. November 2026, um 17.30 Uhr im Gröschlerhaus, Große Wasserpfortstraße 19 in Jever, an die Novemberpogrome erinnert. Die Veranstaltung findet aus Anlass des 88. Jahrestags des Pogroms gegen die Juden vom 9. November 1938 statt und schließt an die Gedenkfeier am Nachmittag an.

Von der jeverschen Synagoge blieb der Grundstein erhalten. Er befindet sich heute auf dem jüdischen Friedhof in Schenum bei Jever. Foto: Helmut Burlager

In Jever wurden in der von den Nationalsozialisten als „Reichskristallnacht“ bagatellisierten Pogromnacht jüdische Bürger drangsaliert, Wohnungen und Geschäfte beschädigt und die Synagoge in der Wasserpfortstraße in Brand gesetzt. Sie wurde vom Feuer völlig zerstört.

Heute befindet sich dort in dem Nachfolgerbau ein Erinnerungsort mit Bildungs- und Dokumentationszentrum. Das Gröschlerhaus erinnert mit seiner Namensgebung an Hermann und Julius Gröschler. Die beiden Brüder waren die letzten Vorsteher der jeverschen Synagogengemeinde und wurden von den Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Auschwitz ermordet.

Am Montag gestalten Agnes Grube (Oboe), Yevgeny Sapozhnikov (Cello) und Dr. Roman Salyutov (Klavier/Harmonium) das musikalische Programm. Salyutov, von dem das Konzept stammt, übernimmt die Moderation. Im Mittelpunkt steht ein Harmonium: Es gibt Hinweise darauf, dass ein solches Instrument einst in der Synagoge in Jever zur Unterstützung des Chors der Synagogengemeinde gespielt wurde. Zwischen den Musikstücken lässt Roman Salyutov persönliche Stimmen jüdischer Künstlerinnen und Künstler hörbar werden – ein emotionaler Zugang zu Zugehörigkeit, Verlust und Erinnerung, der Raum für Stille und Nachdenken bietet.

Veranstalterin ist die Volkshochschule Friesland / Wittmund in Kooperation mit dem Gröschlerhaus. Der Eintritt ist frei.

Bereits um 16 Uhr findet am selben Tag an der Synagogen-Gedenktafel am selben Ort die Gedenkfeier für die Opfer des Pogroms statt. Vorgesehen sind eine Gedenkrede und eine Kranzniederlegung durch die Stadt Jever, den Landkreis Friesland und die Kirchen in Jever. Organisatorin ist die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Im Anschluss an die Gedenkfeier ist das Gröschlerhaus geöffnet.

„Ich habe meinen Vater neu kennengelernt“

Iko Andrae über das Jubiläumsjahr 100 Jahre Oswald Andrae und die Abschlussveranstaltung am 8. November

Von Helmut Burlager

Jever – 100 Jahre Oswald Andrae – mit einer Veranstaltung am Sonntag, 8. November, um 19 Uhr im Graf-Anton-Günther-Saal geht das Jubiläumsjahr zu Ende. Die Besucher erwartet ein Kaleidoskop aus Bildern, Erzählungen, O-Tönen, Songs und Beiträgen der mitwirkenden Gäste. Wer war Oswald Andrae? Wer es bisher nicht wusste, kann es an diesem Abend erfahren und erleben. Und wer den Schriftsteller und Lyriker kannte, ist herzlich eingeladen, zu diesem Abschlussabend mit seinen Erinnerungen beizutragen.

Oswald Andrae an seinem Lieblingsort Schillig. An der Nordsee fühlte der niederdeutsche Dichter sich wohl. Foto: privat

Dabei ist es nicht so, dass an Oswald Andrae, der 1926 in Jever geboren wurde und bis zu seinem Tod 1997 hier lebte, nicht schon erinnert würde. Eine Straße in einem Neubaugebiet ist ebenso nach ihm benannt wie ein Raum im Mariengymnasium. Und der vielleicht markanteste Grabstein auf dem Friedhof steht auf seinem Grab: ein aufrecht stehender Bleistift aus Stein. Zum 100. Geburtstag, am 25. Juni, gab es einen Oswald-Andrae-Abend im Lokschuppen. „Riet dien Muul up“ war das Konzert überschrieben, das Andraes Sohn mit seiner Band gab. Fragen an Iko Andrae:

Wenn man bedenkt, dass Oswald Andrae einer der bedeutendsten Literaten war, die Jever hervorgebracht hat, ist es in seiner Heimatstadt rund um das Jubiläum recht ruhig geblieben, auch von Seiten der Stadt selbst. Oder täuscht der Eindruck?

Ich kann das so nicht sagen. Wir hatten mit dem Jubiläumsprogramm bis jetzt sieben Auftritte im ganzen Nordwesten. In Jever war es vielleicht nicht ganz so voll. Die beste Resonanz hatten wir tatsächlich in Oldenburg, wo mein Vater mit seinen Verbindungen zur Uni und zum Theater sicher einen besonderen Namen hatte. Aber die Veranstaltung in Jever war sehr intim und intensiv, wir waren damit sehr zufrieden. Zum Abschlussabend am 8. November hat sich auch der Bürgermeister angesagt.

Sie haben sich seit Jahren als Liedermacher mit eigenem plattdeutschen Repertoire einen Namen gemacht. Wie ist es dann, vor allem Lieder und Texte des eigenen bekannten Vaters vorzutragen?

Es war jedenfalls sehr intensiv. Ich habe das vor fünfzehn, zwanzig Jahren schon einmal gemacht. Ich hatte damals noch nicht so viele eigene plattdeutsche Texte, und irgendwann fragte  meine Mutter mich, ob ich nicht weitere Gedichte von Oswald vertonen könnte. Zu einigen hatte er ja selbst schon die Musik geschrieben. Ich habe dann damit angefangen und bin auf diese Weise auch meinem Vater wieder näher gekommen, der ja leider früh gestorben ist.

Wieder nähergekommen? Vater-Sohn-Verhältnisse sind nicht immer einfach, oder?

Mein Vater war ja in mancher Hinsicht in seinem Denken recht radikal. Ein in seiner frühen Jugend überzeugter Nationalsozialist, der später daran verzweifelte, wie er politisch verführt und missbraucht worden war. Und der eine ziemlich deutlich linke Sicht auf die Dinge entwickelte. Als Jugendlicher war ich mit vielem von dem, was er sagte und schrieb, nicht einverstanden und bin es bis heute nicht in jedem Fall. Aber das hat nichts mit den Inhalten zu tun, sondern eher mit seiner manchmal schulmeisterlichen Art. In mancher Hinsicht war er aber auch politisch etwas naiv. Vielleicht hätte er selbst heute einen anderen Blick auf die Dinge.

Heute sehen Sie ihn anders?

Iko Andrae hat sich von früher Jugend an als Liedermacher und mit seinen verschiedenen Bands einen Namen gemacht. Am 8. November führt er durch den Abschlussabend der Oswald-Andrae-Gedächtnistour. Foto: privat

In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich noch einmal besonders intensiv mit seinem Nachlass beschäftigt. Mit seiner Lyrik und den vielen Aktenordnern aus seinem Arbeitszimmer. Es liegt ja alles im Landesarchiv in Oldenburg, völlig ungeordnet, so wie es zu Hause in seinem Arbeitszimmer auch herumstand. Ich habe viel gelesen und manches gefunden, von dem ich nichts wusste. Zurzeit lese ich sein Buch „Strand der verlassenen Häuser“, mit dem ich früher nichts anfangen konnte und es gerade neu entdecke. Ich lerne ihn noch einmal anders kennen, als ich ihn damals als Vater erlebt habe. Er zeigte seinen drei Kindern gegenüber seine Gefühle nicht so sehr. Die vielen Bögen, die ich über die Jahre um ihn herum gemacht habe, die habe ich beim Lesen wiedergefunden, aber auch verstanden, wie sehr ihn die Trauer über das, was in seiner Kindheit und mit seinen jüdischen Nachbarn und Spielkameraden passiert ist, geprägt hat.

Was erwarten Sie von dem Abschlussabend am 8. November?

Es wird kein klassisches Konzert, sondern ein Abend, an dem so unterhaltsam wie möglich an Oswald erinnert wird. Hartmut Peters wird über das Skandalgedicht „De Fahn“ erzählen, Volker Landig als ehemaliger Nachbar und Pastor. Wolfgang Steinborn, Walter Russ und Bahli Bahlmann werden kurze Texte lesen und ich natürlich ein paar Songs zu jedem Abschnitt vortragen. Es geht um seine Lebensthemen, „Laway“ und die Küste, Kindheit und Jugend, den  Blick zurück in die NS-Zeit, um literarische Vorbilder und Weggefährten, um Krankheit und den Blick nach innen, um das „Leed för den Häftling #562“, Carl von Ossietzky. Und die Frage: Was bedeutet das Werk von Oswald Andrae, seine Streitkultur, der Umgang mit der niederdeutschen Sprache und er als Mitmensch und Mitstreiter für uns heute? Ich freue mich jedenfalls sehr auf den Abend.

Dieses Interview erschien zuerst im Jeverschen Wochenblatt und der Wilhelmshavener Zeitung

„Ein Alptraum für die Steuerzahler“

Bund der Steuerzahler nimmt Thalasso Meeres Spa in sein Schwarzbuch zur Steuerverschwendung 2026 auf

Horumersiel – Als hätte der Schiffbruch, den die WTG mit dem Thalasso Meeres Spa in Horumersiel erlitten hat, nicht schon genug Schlagzeilen gemacht, hat dieses unrühmliche Kapitel wangerländischer Tourismuspolitik nun auch ins jährliche „Schwarzbuch“ des Bundes der Steuerzahler Eingang gefunden. Unter der Überschrift „Matsch, Meersalz und Millionen. Nordseegemeinde geht mit Thalasso-Tempel baden“ lässt der Autor Nico Steinert im Jahrbuch 2026, das soeben erschienen ist und zahlreiche Fälle öffentlicher Geldverschwendung dokumentiert, die Pleiten-Pech-und-Pannen-Geschichte des neuen Kurzentrums und die daraus resultierende Pleite der WTG  Revue passieren.

Titel des Beitrags über das Wangerland im „Schwarzbuch 2026“ des Bundes der Steuerzahler. Screenshot, Foto Nico Steinert, BdSt

Der Bund der Steuerzahler sieht ein generelles Problem darin, dass großzügig gewährte Fördergelder die Städte und Gemeinden zu Fehlinvestitionen verleiten. Für das Wangerland kommt das „Schwarzbuch“ zu dem Fazit: „Erst die üppigen Förderversprechen verleiteten die Gemeinde dazu, auf einen privaten Investor und sein Know-how zu verzichten. Damit nahm das Unheil seinen Lauf. Mit dem Bau in Eigenregie war die Tourismusgesellschaft maßlos überfordert.“

Wie das ablief, schildert das Schwarzbuch ganz undramatisch. „Als im Jahr 2017 die Idee reifte, das leerstehende Kurmittelhaus in ein modernes Kur- und Gesundheitszentrum umzuwandeln, verband die Gemeinde Wangerland damit große Hoffnungen. Als wesentliche Geschäftsfelder wurden Fitness- und Wellnessangebote, Physiotherapie und Badekuren ausgemacht. (…) Die Investitionskosten wurden seinerzeit auf 4,6 Mio. Euro geschätzt und die Eröffnung des Zentrums für 2020 in Aussicht gestellt.“

Bei der Entscheidung darüber, das Vorhaben über die gemeindeeigene Wangerland Touristik GmbH (WTG) oder über einen privaten Investor abzuwickeln, habe der Gemeinderat sich für die hausinterne Lösung entschieden, weil nur so drei Millionen Euro Fördergelder vom Land Niedersachsen und 500.000 Euro vom Landkreis hätten fließen können. Darauf habe die Gemeinde keinesfalls verzichten wollen. „Im Juli 2018 gab der Gemeinderat daher grünes Licht für den Bau in Alleinverantwortung der WTG. Eine schwerwiegende Fehlentscheidung, wie sich zeigen sollte“, so der Bund der Steuerzahler.

Weitere sollten folgen, schreibt Steinert. Die einzigartige Spezialisierung auf Thalasso (medizinische Anwendungen mit Elementen des Meeres wie Schlick, Algen, Salz und Meerwasser), gestalterische Sonderwünsche, Bauverzögerungen, Lieferengpässe, Schäden am Baukörper und andere Entscheidungen und Ereignisse hätten die Kosten auf 23 Millionen Euro steigen lassen. Laut Schwarzbuch „eine Bürde, die die WTG nicht imstande war zu tragen. Im Juni 2025 musste sie den Weg ins Insolvenzverfahren antreten und war gezwungen, zwei Schwimmbäder zu schließen und ihr Tafelsilber (u. a. Campingplätze, Strandkörbe) zum Verkauf anzubieten.“ Das Spa selbst stehe zwar nicht zum Verkauf, da erhaltene Fördergelder dann zurückgezahlt werden müssten; allerdings suche die WTG nach einem Betreiber ab 2027. „Man wäre sogar bereit, ihm ein Geschäftsbesorgungshonorar zu zahlen – in der Hoffnung, dass dieses geringer ausfällt als die Defizite von ca. 1,3 Mio. Euro im Jahr, welche die WTG mit dem Spa im Eigenbetrieb erwirtschaftet. Der Traum vom Thalasso-Tempel, so die Zusammenfassung des Bundes der Steuerzahler, habe sich in einen Alptraum für die Steuerzahler verwandelt.

Helmut Burlager

Hein Bredendiek und der Nationalsozialismus

Vortrag von Andreas Wojak im Gröschlerhaus

Von Helmut Burlager

Hein Bredendiek in Jever im Jahr 1996. Foto: Helmut Burlager

Zu den bleibenden Erinnerungen unserer Familie, von uns Eltern und den damals noch halbwüchsigen Kindern, gehört ein Besuch von Hein Bredendiek in unserem Haus in Jever, das fünf Jahre älter ist als der damals schon hochbetagte Maler und Schriftsteller. Wir saßen am Kaffeetisch im Garten, unter großen Kirschbäumen, und während unser Freund Hein, der ein großer Erzähler war, tief in seine jeversche Vergangenheit eintauchte, saßen unsere Kinder oben in den Ästen und hörten aufmerksam zu.

Die NS-Zeit sparte Hein Bredendiek in solchen privaten Gesprächen nicht aus, sprach von der „dunklen Zeit“ und in Andeutungen auch davon, dass er selbst dem Treiben der Braunen nichts entgegengesetzt habe, was er im Nachhinein als beschämend, als einen Fehler ansah. Erwähnte er, dass er Parteimitglied gewesen ist? Ich glaube nicht, aber er behauptete auch nicht, es nicht gewesen zu sein. Wir haben ihn auch nicht gefragt, so wie wir unsere etwa gleichaltrigen Großeltern zeitlebens (leider) nicht gefragt haben, nicht fragen konnten. In Kürze wird man mehr wissen.

Hein Bredendiek (1906 – 2001), so heißt es in einer Pressemitteilung des Gröschlerhauses Jever, zählt zu den großen Fi­guren der niederdeutschen Literatur. Der Oldenburger Gymnasiallehrer, der aus Jever stammte und hier auch kurz am Mariengymnasium unterrichtete, machte sich zunächst vor allem als Kunstmaler einen Namen. Zu Lebzeiten erhielt er hohe Auszeichnungen und Preise; die Stadt Jever verlieh ihm 1986 die Ehrenbürgerschaft, die Stadt Oldenburg das Große Stadtsiegel, und posthum erfolgten in Jever und in drei weiteren Ortschaften Straßenbenennungen nach ihm.

Bredendiek verfasste viele Hörspiele und trat als Autor zahlreicher Bücher und Erzählungen in niederdeutscher Sprache hervor. Fünfundzwanzig Jahre lang führte er den Schrieverkring Weser-Ems. Auch der Nationalsozialismus spielte in seinen Texten hin und wieder eine Rolle; allerdings räumte er seine eigene Beteiligung erst im hohen Alter ein. In seinen Lebenserinnerungen, 1998 veröffentlicht, gibt er an, seit 1933 Mitglied der NSDAP und der paramilitärischen SA gewesen zu sein. Nicht lange davor noch hatte er in einem Interview eine Partei-Mitgliedschaft verneint. Das Eingeständnis in seiner Autobiografie blieb jedoch bisher fast ohne jede öffentliche Resonanz. Bis in die jüngste Zeit hinein wurde in ehrenden Rückblicken Bredendieks NS-Vergangenheit ausgespart. Dabei lassen Texte, davon einer aus der Nazizeit, der bisher unbeachtet blieb, deutliche Rück­schlüsse auf seine Haltung zu.

Der Arbeitskreis Gröschlerhaus im Heimatverein Jever freut sich sehr, mit Dr. Andreas Wojak einen engagierten Journalisten und Autor, begrüßen zu dürfen, der sich in Radiofeatures, Vorträgen und Veröffentlichungen intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus und seinen Folgen auseinandergesetzt hat. Wojak, geboren 1952, stammt aus Ostfriesland, ist plattdeutsch aufgewachsen und lebt in Oldenburg. Seine 1992 veröffentlichte sozialhistorische Dissertation über Moordorf in Ostfriesland erregte über die Region hinaus Aufsehen. In seinem Projekt „Kriegsbriefe“ ging es auch um die Verstrickung seiner eigenen Familie.

Ein Vortrag Wojaks über die Ehrung des ehemaligen SS-Mediziners Arend Lang durch die Ostfriesische Landschaft 1976 mit der „Ubbo-Emmius-Medaille“ führte erst vor kurzem zur posthumen Aberkennung dieser höchsten Auszeichnung Ostfrieslands. Neben Hein Bredendiek hat sich Wojak mit weiteren niederdeutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern beschäftigt, so mit Wilhelmine Siefkes, Oswald Andrae, Johann Schoon und Greta Schoon.

Im Anschluss an den Vortrag wird Gelegenheit sein, mit dem Referenten und untereinander ins Gespräch zu kommen. Der Eintritt ist frei.

Zeitungsverleger über sechs Generationen – Ende einer langen Tradition in Jever

Die Mettcker-Dynastie prägte das Zeitungsgeschäft im Jeverland seit 210 Jahren

Von Helmut Burlager

Es ist nur eine Nachricht unter vielen ähnlichen in diesen Tagen; der Verkauf der Anteilsmehrheit des Brune-Mettcker-Verlages (Wilhelmshavener Zeitung, Jeversches Wochenblatt) an die NOZ-Gruppe in Osnabrück ist vom Kartellamt genehmigt worden. Die Nachricht reiht sich ein in die vielen anderen über Fusionen und Übernahmen, die derzeit den Weg der Medienbranche in eine gravierend veränderte Zukunft säumen. Für die Region stellt der Teilverkauf, der absehbar in eine Komplettübernahme münden wird, allerdings eine historische Zäsur da. Er bedeutet nicht weniger als das absehbare Ende einer 210-jährigen Familientradition. Nach sechs Generationen gibt die Verlegerfamilie Mettcker, heute Allmers, das Ruder aus der Hand.

Das Jeversche Wochenblatt, 1791 gegründet, gehört zu den ältesten Zeitungen in Deutschland. Nicht ganz von Anfang an, aber doch seit 1816, ist der Name der Zeitung untrennbar mit dem Namen Mettcker verbunden. In dem Jahr war der Gründer des Unternehmens, Hinrich Ludolph Borgeest, gestorben. Sein Gehilfe Christian Ludolph Mettcker bewarb sich beim Magistrat der Stadt Jever erfolgreich um die Nachfolge; seinerzeit mussten der Betrieb einer Druckerei und die Herausgabe einer Zeitung noch von der Stadt genehmigt werden.

Christian Ludolph Mettcker, Gründer des Zeitungsverlages in Jever.

So wurde Mettcker der neue „oldenburgisch-privilegierte Buchdrucker“ und brachte den bis dahin eher schlecht als recht existierenden Verlag technisch und wirtschaftlich auf Vordermann. Neben dem Jeverschen Wochenblatt, das zunächst „Jeverische wöchentliche Anzeigen und Nachrichten“ hieß, gab er ab 1844 die „Jeverländischen Nachrichten“ als vaterländische Wochenschrift heraus, gewann namhafte Autoren aus der intellektuellen Elite des Jeverlands, erhöhte die Zahl der Erscheinungstage, nahm 1854 seine Söhne Johann Ludolph und Andreas Wilhelm mit ins Boot, die 1890 die beiden Blätter zusammenführten. Seitdem ist das Wochenblatt eine Tageszeitung.

Sie hat, auch politisch, eine wechselvolle Geschichte durchgemacht, von einer fortschrittlich-aufklärerischen Vorkämpferin für Demokratie über eine völkisch-antidemokratische Wegbereiterin des Nationalsozialismus bis zu dem unabhängigen und überparteilichen Informationsmedium, als das die Zeitung sich seit der Gründung der Bundesrepublik versteht. 1862 hatte die Familie Mettcker zudem in Wittmund den „Anzeiger für Harlingerland“ gegründet – so erfolgreich, dass diese Zeitung über Jahrzehnte das wirtschaftliche Rückgrat des Verlagsunternehmens bildete.

1916 hatte mit Enno Mettcker die dritte Generation die Verantwortung übernommen, eine vierte Generation aktiver Verleger gab es nicht, weil beide Söhne von Enno und Maria Mettcker im Zweiten Weltkrieg fielen. Nach einer Interimszeit, in der der aus Rathenow stammende Verleger Dr. Fritz Blume sen. das Unternehmen als Generalbevollmächtigter, Geschäftsführer und Chefredakteur leitete, übernahm mit Hajo Allmers, dem Enkel von Maria Mettcker, und seiner Frau Elisabeth in den Achtzigerjahren die fünfte Generation, vor zehn Jahren ging dann mit Robert Allmers bereits die sechste Generation an den Start.

Die Familie Mettcker im Jahr 1889.

1999 hatte der Mettcker-Verlag mit dem Wilhelmshavener Brune-Verlag fusioniert, seitdem firmiert man unter Brune-Mettcker. Die Wilhelmshavener Zeitung, 1847 gegründet, gehört ebenfalls zu den familiengeführten deutschen Zeitungen mit langer publizistischer Tradition. Nach dem Tod des WZ-Verlegers Manfred Adrian übernahm Mettcker-Nachfahre Robert Allmers 2021 alle Anteile an dem Unternehmen, verkaufte dafür jedoch den „Anzeiger für Harlingerland“ an die NWZ-Mediengruppe (Nordwest-Zeitung) in Oldenburg.

Die Wilhelmshavener Zeitung und das Jeversches Wochenblatt wurden in den vergangenen Jahren organisatorisch und redaktionell ebenfalls stark in die NWZ-Gruppe integriert, blieben aber unternehmerisch selbstständig. Mehr als eine enge Zusammenarbeit ließen die Vorgaben des Bundeskartellamtes, das eine strenge Pressefusionskontrolle ausübt und den Wettbewerb am Zeitungsmarkt erhalten möchte, nicht zu.

Doch ein Ende der Geschichte als Familienunternehmen wurde, auch angesichts der dramatischen Veränderungen in der gesamten Medienbranche, mehr und mehr absehbar. Der Verkauf der NWZ-Gruppe an den Madsack-Konzern in Hannover erforderte endgültig eine Entscheidung über die Zukunft des Hauses. Mit der Verlagsgruppe NOZ/mh:n in Osnabrück wurde ein starker Partner gefunden, der den Fortbestand der traditionsreichen Zeitungstitel  gewährleisten kann, auch wenn es fortan kein Familienunternehmen mehr ist. Wie lange es dann noch auf Papier gedruckte Zeitungen sein werden, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ein ganzes Leben voller Bücher

Verleger Hermann Lüers starb im Alter von 92 Jahren

Von Helmut Burlager

Jever – Sollte man das Leben von Hermann Lüers mit einem Wort charakterisieren, es lautete: Bücher. Nun ist das letzte Kapitel beendet. Im Alter von 92 Jahren ist der Verleger am 10. Januar im „Pflegebutler“ friedlich eingeschlafen. Er war dort erst vor wenigen Wochen eingezogen. Der 1933 als Sohn eines Binnenschiffers in Thedinghausen geborene und 1959 in der Marienstadt angekommene Wahl-Jeveraner lebte bis fast zum Schluss in seiner eigenen Wohnung und hatte noch bis vor einem Jahr seinen Ein-Mann-Verlag geführt.

Hermann Lüers umgeben von Büchern. Das war seine Welt. Foto: Christoph Hinz (+)

Mehr als hundert Bücher hat er im Laufe vieler Jahre publiziert, nicht mitgezählt die unzähligen Werke, deren Erscheinen er zuvor im Verlag C. L. Mettcker & Söhne verantwortet hatte. Denn Hermann Lüers startete nach seiner Ausbildung zum Schriftsetzer und dem Meisterlehrgang an der Muthesius-Werkschule in Kiel nicht in die Selbstständigkeit, sondern bewarb sich in Jever. Als Lehrmeister eingestellt, wurde er 1963 Technischer Betriebsleiter für die Setzerei und Druckerei mit Verantwortung für bis zu 80 Mitarbeiter. 1997 ging er in den Ruhestand.

Gedruckt wurde alles von der Zeitung über Prospekte und Visitenkarten bis zu Büchern. Doch der Verlag konnte nicht alle Autoren aufnehmen, die Manuskripte einreichten. Manchmal schien der Geschäftsleitung ein Projekt zu riskant. Da konnte Hermann Lüers als Privatmann eine Alternative bieten. Ab 1982 veröffentlichte er solche Bücher, das Risiko mit den Autoren teilend, in seinem eigenen Verlag. Und machte weiter, als Mettcker mit der Buchproduktion aufhörte.

Mit seinem profunden Wissen begleitete er viele Autoren von der Idee bis zum fertigen, nach allen Regeln der Kunst erstellten Buch. Heimatkundliches, Historisches, Plattdeutsches, Erinnerungen, Romane, Bildbände, Gedichte, Kalender – es gibt fast nichts, was im Hermann Lüers Verlag nicht gedruckt werden konnte. Seine Autoren dankten es ihm, auch wenn nicht jedes Projekt den erwünschten Erfolg brachte. Dann hatte Hermann Lüers in seiner ruhigen, freundlichen, aber immer ehrlichen Art wenigstens davor gewarnt.

Seine Leidenschaft für das Gedruckte und das Wort hat er übrigens vererbt, von den drei Kindern des früh verwitweten Hermann Lüers haben zwei den Weg in die Verlagsbranche gefunden und zwei Enkel bereiten sich gerade darauf vor. An Hermann Lüers wird auch der Name seines Verlages weiter erinnern. Den führt sein Sohn Kai-Uwe fort.

Stefan Lange: Einmal die Treppe hoch

Journalist aus Friesland ist neuer Leiter der Wirtschaftsredaktion beim RND in Berlin

Sieben Jahre berichtete er als Hauptstadtkorrespondent für die „Augsburger Allgemeine“. Zu Jahresbeginn ging es für Stefan Lange zurück zu seinen norddeutschen Wurzeln. Der aus Friesland stammende Journalist ist neuer Leiter der Berliner Wirtschaftsredaktion des Redaktions-Netzwerks Deutschland (RND).

Foto: Michael Kappeler, dpa

Ein beruflicher Aufstieg im doppelten Sinne, denn Lange ist von seinem Büro bei der „Augsburger Allgemeinen“ im Haus der Bundespressekonferenz am Schiffbauerdamm nur zwei Stockwerke höher gezogen in die Räume des RND. Eine renommierte Adresse; das Redaktions-Netzwerk wurde 2013 als zentrale Mantelredaktion der Madsack-Mediengruppe (Hannoversche Allgemeine Zeitung) gegründet, es hat seine Büros in Hannover und Berlin und versorgt heute mehr als 100 Partner mit Inhalten für Tageszeitungen. Seit Jahresbeginn gehört die NWZ-Mediengruppe  zu Madsack und ist damit ebenso Partner des RND wie das Jeversche Wochenblatt und die Wilhelmshavener Zeitung als Kooperationspartner der NWZ. Stefan Lange wird in Berlin künftig die Wirtschaftsberichterstattung verantworten.

Seine journalistische Laufbahn begann Lange, der in Sande geboren wurde und in Schortens aufgewachsen ist, Anfang der Neunzigerjahre beim Jeverschen Wochenblatt, zunächst als freier Mitarbeiter für die Jugendseite, dann nach einem Volontariat als festangestellter Redakteur. Mit seiner Kollegin, Lebensgefährtin und heutigen Ehefrau Wiebke Eden ging er vor 25 Jahren nach Berlin, arbeitete für verschiedene Nachrichtenagenturen und schließlich ab 2018 für die Zeitung aus Bayern. „Im März werde ich 59 Jahre alt. Es ist eine schöne Herausforderung, noch einmal etwas anderes zu machen“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Er freue sich sehr darauf, die Wirtschaftsredaktion zu leiten. „Kanzler Friedrich März hat schließlich erklärt, dass alles mit der Wirtschaft steht und fällt. Im Moment fällt er eher. Wir werden sehen.“

Für Stefan Lange schließt sich damit auch ein Kreis. In die friesische ei

Heimat hält er zusammen mit seiner Frau Wiebke bis heute enge private und familiäre Kontakte. „Was mich sehr freut“, so Lange: „Da die Mantelseiten für das Jeversche Wochenblatt von der NWZ geliefert werden und die nun auch zum RND gehört, schreibe ich in Zukunft wieder für meine liebe Heimatzeitung, bei der alles angefangen hat.“ Man wird seinen Namen in Friesland in Zukunft wohl wieder öfter lesen.

Goodbye, Veggiewurst?

Sven Ambrosy ist kein „Lame Duck“, Rieke Havertz mal wieder in Amerika, Gitta Connemann will dem Reformationstag an den Kragen und bei der EU geht es um die Wurscht

Vom vielleicht besten und umtriebigsten aller bisherigen Außenminister der Bundesrepublik ging der Witz um, er fliege so viel in der Weltgeschichte herum, dass sich zwischen Bonn und Washington einmal zwei Regierungsmaschinen begegnet seien, in denen jeweils Hans-Dietrich Genscher saß. Das kam mir in den Sinn, als ich diese Woche mal wieder routinemäßig den Namen von Rieke Havertz googelte, um zu schauen, was die zu einiger Bekanntheit gelangte Journalistin aus Jever so treibt.

Man weiß ja nie, in welchen Talkshows, Presseclubs, Vortragsveranstaltungen und Expertenrunden die 45-Jährige einem gerade begegnet und ob sie ihre neuesten Podcasts in Berlin oder doch schon wieder in Ohio aufgenommen hat. Sie ist als USA-Expertin begehrt und schlägt sich auf den verschiedensten Podien immer gleich gut. In letzter Zeit war sie viel in Deutschland unterwegs und wird es wohl noch mehr sein, wenn sie in Kürze ihr neues Buch „Goodbye, Amerika?“ auf einer ausgiebigen Lesereise vorstellen wird. Unter anderem auch in Wilhelmshaven, wo die Veranstaltung des Brune-Mettcker-Verlages allerdings schon ausverkauft ist, wie man diese Woche erfuhr.

Zwischendurch hat sie aber wieder „Good Morning, America!“ gesagt, denn die Internationale Korrespondentin der „Zeit“ ist zur Abwechslung – in Washington. Diese Woche war sie in einem Podcast der Zeit zu hören; sie erklärt darin, was es mit dem von Donald Trump befohlenen Einsatz der Nationalgarde in Chicago auf sich hat. (Hier der Link zum Podcast, reinhören ab Minute -4.30, https://www.zeit.de/politik/2025-10/krise-autoindustrie-bundesregierung-nachrichtenpodcast )

Wenn ein Politiker ankündigt, nicht wieder kandidieren zu wollen, gilt er, um es mit einem Amerikanismus zu sagen, gemeinhin als „Lame Duck“, als lahme Ente, auf deren Meinung keiner mehr was gibt. Ganz anders bei Sven Ambrosy. Frieslands Landrat, der 2026 aus persönlichen Gründen nach 23 Jahren keine weitere Amtszeit anstreben will, ist zurzeit ein gefragter Gesprächs- und Interviewpartner. Vielleicht auch, weil man von jemandem, der nichts mehr werden oder bleiben will, erwarten kann, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Sollten die Kollegen der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) darauf gehofft haben, so wurden sie nicht enttäuscht. In einem ausführlichen Interview, das am Dienstag erschien, rechnete Ambrosy mit der „großen Politik“ ab, die die Kommunen im Regen stehen lässt, und beklagte ausufernde Bürokratie.

Die Kommunen trügen 25 Prozent der staatlichen Ausgaben in Deutschland, bekämen aber nur 15 Prozent der Einnahmen. „Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, ist wohl offensichtlich“, sagte der Landrat. Mit Einsparungen komme man da nicht mehr weiter. „Freiwillige Leistungen werden überall zusammengestrichen, wo es irgendwie geht. Das tut weh, weil das oft Leistungen sind, die eine Kommune lebenswert machen: Kultur, Tourismus, Sport etc. Aber wir haben keinen Einfluss auf die Gesetze, die aus Berlin oder Hannover kommen. Wir müssen sie dann nur umsetzen und bezahlen.“

Bürokratie, so Ambrosy, sei „das Papier gewordene Misstrauen des Staates gegenüber seinen Bürgern. Mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung der Menschen und nicht immer nur unterstellen, dass der Bürger Böses will. Das System frisst sich da selbst auf, weil es seine Akzeptanz gefährdet.“

Den Ausbau einer Schule zum Beispiel müsse der Landkreis aktuell europaweit ausschreiben, das koste unnötige zwei Jahre Planung und Vorbereitung. Aber noch nicht einmal habe sich ein ausländisches Bauunternehmen auf ein derartiges Projekt in Friesland beworben, schilderte Ambrosy als Beispiel.

Die große Politik beschäftigt sich derweil mit wichtigen Fragen. Zum Beispiel, ob der Reformationstag als Feiertag abgeschafft werden soll, was die ostfriesische CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann aus Leer vorschlug und worüber man ja durchaus diskutieren kann. Ich habe schon bei der Einführung in Niedersachsen meine Zweifel gehabt, wozu das taugen soll.

Ob eine vegetarische Wurst weiter Wurst heißen darf, war die große Frage in Brüssel und wurde vom EU-Parlament mehrheitlich verneint. In der Diskussion darüber gefiel mir in dieser Woche ein Spruch von Andre Wolf auf Facebook. „All jene, die Veggie-Würste mit Fleisch-Würsten verwechseln, dürften bereits verstorben sein, nachdem sie Scheuermilch anstatt Vollmilch getrunken haben.“

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und am Ende des Monats einen geruhsamen Reformationstag. Genießen Sie ihn, vielleicht ist es der letzte freie …

Ihr Helmut Burlager

Ein Überlebender unter Alt-Nazis

Vortrag im Gröschlerhaus Jever über den Landwirt Robert de Taube vom Horster Grashaus

Zu den „Erinnerungsorten“, die in Friesland in den vergangenen Jahren zum Gedenken an das Leid von NS-Verfolgten eingerichtet wurden, gehört das Horster Grashaus zwischen Neustadtgödens und Kleinhorsten. Dass das Schicksal der hier bis Ende der 1930er-Jahre lebenden jüdischen Bewohner gut dokumentiert werden konnte, ist auch einem Zufallsfund zu verdanken.

Robert de Taube im Jahr 1935, bevor er sich vor den Nazis verstecken musste. Foto: Archiv Peters

Im Jahr 2018 kamen in Kentucky, USA, aus einem alten Schrank drei Audio-Kassetten ans Licht. Auf ihnen schildert der jüdische Landwirt Robert de Taube (1896 – 1982), langjähriger Inhaber des Horster Grashauses, seine Überlebensgeschichte. Den Bericht hatte Pfingsten 1971 sein Neffe Walter John Pohl (USA) bei einem Besuch aufgenommen.   

Er beginnt mit der Pogromnacht vom 9. November 1938 auf dem Horster Grashaus und im Ort Neustadtgödens. De Taube schildert anschließend seine Verschleppung in das KZ Sachsenhausen, die gescheiterten Bemühungen, ein rettendes Exilland zu finden, und den Raub des landwirtschaftlichen Eigentums durch die Nationalsozialisten, die ihn 1940 von Wilhelmshaven aus nach Berlin in die Zwangsarbeit vertrieben.

Als 1943 die Deportationszüge nach Auschwitz zu rollen begannen, nahm er sein Versteck auf den Straßen der Reichshauptstadt und in den Waggons der Stadtbahn. Er fuhr kreuz und quer durch Berlin bis hin in die Vorstädte, handelte mit Gemüse, Obst und Kleidung, arbeitete als Gärtner und wechselte ständig seinen Unterschlupf. Töchter aus Nazi-Familien verliebten sich in ihn. In einer Grunewald-Villa fand er als Hausmeister seine beste Bastion. Ohne mutige Unterstützer hätte er nicht überlebt.

Bereits wenige Monate nach seiner Befreiung in Berlin war Robert de Taube wieder zurück in Wilhelmshaven und versuchte, das geraubte Eigentum in Horsten von den nunmehr „Alt-Nazis“ zurückzuerlangen.  Das gelang ihm erst nach  Jahren unter Anspannung aller Kräfte und durch Hilfe von im Ausland überlebenden  Familienangehörigen. Robert de Taube gehörte – wie Fritz Levy in Jever – zu den Juden, die nach der Niederschlagung von Hitler-Deutschland an ein weiteres Leben in der Heimat glaubten, die aber dafür bitter bezahlen mussten.

Die Kompaktkassetten mit dem Interview, das sein Neffe Walter John Pohl 1971 mit Robert de Taube geführt hat. Bild: Archiv Peters

Im Gröschlerhaus, dem Erinnerungsort und Dokumentationszentrum in Jever, hält der Historiker Hartmut Peters am Mittwoch, 8. Oktober, um 19 Uhr einen Bildervortrag unter dem Titel „Ein Leben im offenen Versteck und unter Alt-Nazis. Der jüdische Landwirt Robert de Taube (1896 – 1982) aus Horsten“. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.

Hartmut Peters hat mit Unterstützung von Nachfahren der Familie de Taube in den USA, Mexiko und England den erschütternden Bericht ediert, kommentiert und unter dem Titel „Das offene Versteck“ im Bremer Verlag Fuego veröffentlicht.  In seinem Vortrag stellt Peters die Erinnerungen de Taubes  und auch die spannenden Recherchen dazu vor. Es werden die aufgefundenen Audiokassetten angespielt und auch ein Amateurfilm gezeigt, der 1971 auf dem Horster Grashaus entstand.

Das Gröschlerhaus steht an der Stelle der zerstörten ehemaligen Synagoge von Jever in der Großen Wasserpfortstraße 19.

Da brat mir doch einer ’nen Matjes

Was das Internetportal t-online über die Urlauberstadt Jever herausgefunden hat

Von Helmut Burlager

Nach Jever müsste man mal fahren. Soll unheimlich schön sein. „Klein, urig und voller Geschichte“, wie das Internet-Nachrichtenportal t-online schreibt. „Urlaub am Wasser“ – das sei schließlich das, worauf sich viele Menschen das ganze Jahr über freuen. Nun ja, mit Wasser fängt die jüngst veröffentlichte Reisereportage über die Marienstadt tatsächlich an. Mit demjenigen, das im Friesischen Brauhaus zu Bier veredelt wird. Gerstensaft, Handwerkskunst, Grünkohl, Schloss, Fräulein Maria, der Verfasser bedient im Artikel die gängigen Klischees. Liest sich nett, aber unspektakulär.

Das Schloss von Jever. Touristische Attraktion – aber doch nicht in der Friesischen Wehde, oder?
Bild: Helmut Burlager

Doch dann, nach drei, vier Absätzen, holt er so richtig aus. Denn auch wer kein Bier mag oder seinen Urlaubsfokus eher auf Naturerlebnisse legt, wird  laut t-online fündig. „Jever liegt im Herzen der Friesischen Wehde, einem flachen, weiten Landstrich zwischen Moor, Marsch und Geest“, erfährt das Publikum. Moment mal … Friesische Wehde? Liegt die nicht viel weiter südlich?

Aber tapfer weitergelesen: „Direkt vor den Toren der Stadt erstrecken sich gut ausgeschilderte Rad- und Wanderwege durch das Naturschutzgebiet Upjeversche Heide.“ Was sich laut Verfasser auch empfiehlt: „Ein Abstecher ins Fehn- und Schifffahrtsmuseum im Stadtteil Cleverns lohnt sich für maritime Geschichtsfreunde.“ Damit nicht genug: „Wer zeitgenössische Kunst schätzt, findet in der Kunsthalle Jever wechselnde Ausstellungen lokaler und internationaler Künstler.“

War der Autor vielleicht in Lüneburg? In Westrhauderfehn? In Wilhelmshaven? Aber nein, er setzt unbeirrt fort: „Wer tiefer in die Landschaft eintauchen will, startet eine Kanutour auf der Harle – ein ruhiger Fluss, der sich gemächlich durch Felder und Dörfer schlängelt …“ Kanus kann man in Jever tatsächlich mieten, aber um damit auf der Harle zu fahren, müsste man erstmal über das Hookstief nach Hooksiel und auf die Nordsee, weiter bis nach Harlesiel paddeln, wo der ostfriesische Fluss mündet.

Aber vielleicht sollte man vorher was essen. Zum Beispiel „gebratenen Matjes mit Zwiebeln“, das soll angeblich eine Spezialität sein in Jever, serviert im Haus der Getreuen oder im Hof von Oldenburg, wie t-online schwärmt. „Wer es feiner mag: Die Brasserie & Vinothek Charlotte verbindet norddeutsche Zutaten mit französischer Leichtigkeit.“ Hinterher kann man dann im Eiscafé San Marco ein handgemachtes Eis aus regionalen Zutaten, darunter Sorten wie  „Friesensahne“ oder „Schietwetter-Schokolade“ genießen.

Toll, nur findet man die erwähnte Brasserie in Jever überhaupt nicht, und für das Schietwetter-Eis müsste man nach Schillig fahren, da gibt es nämlich ein Eiscafé, auf das immerhin der genannte Name zuträfe. Ob’s dort „Friesensahne“ gibt, wäre eine Recherche wert.

Womit wir beim Thema wären. Recherche. Das Wort scheint man bei t-online nicht zu kennen. Dafür wahrscheinlich das Wort KI, was für künstliche Intelligenz steht. KI wird immer beliebter, obwohl sie, wie der Beitrag auf dem Internetportal zeigt, doch ein wenig fehlerbehaftet zu sein scheint. Kluge Journalisten verlassen sich besser nicht drauf, sondern machen sich selbst schlau. Und will man partout mit KI arbeiten, empfiehlt es sich, die Ergebnisse zu prüfen, am besten mithilfe der natürlichen Intelligenz. Darüber muss man allerdings erstmal verfügen.