„Ich habe meinen Vater neu kennengelernt“

Iko Andrae über das Jubiläumsjahr 100 Jahre Oswald Andrae und die Abschlussveranstaltung am 8. November

Von Helmut Burlager

Jever – 100 Jahre Oswald Andrae – mit einer Veranstaltung am Sonntag, 8. November, um 19 Uhr im Graf-Anton-Günther-Saal geht das Jubiläumsjahr zu Ende. Die Besucher erwartet ein Kaleidoskop aus Bildern, Erzählungen, O-Tönen, Songs und Beiträgen der mitwirkenden Gäste. Wer war Oswald Andrae? Wer es bisher nicht wusste, kann es an diesem Abend erfahren und erleben. Und wer den Schriftsteller und Lyriker kannte, ist herzlich eingeladen, zu diesem Abschlussabend mit seinen Erinnerungen beizutragen.

Oswald Andrae an seinem Lieblingsort Schillig. An der Nordsee fühlte der niederdeutsche Dichter sich wohl. Foto: privat

Dabei ist es nicht so, dass an Oswald Andrae, der 1926 in Jever geboren wurde und bis zu seinem Tod 1997 hier lebte, nicht schon erinnert würde. Eine Straße in einem Neubaugebiet ist ebenso nach ihm benannt wie ein Raum im Mariengymnasium. Und der vielleicht markanteste Grabstein auf dem Friedhof steht auf seinem Grab: ein aufrecht stehender Bleistift aus Stein. Zum 100. Geburtstag, am 25. Juni, gab es einen Oswald-Andrae-Abend im Lokschuppen. „Riet dien Muul up“ war das Konzert überschrieben, das Andraes Sohn mit seiner Band gab. Fragen an Iko Andrae:

Wenn man bedenkt, dass Oswald Andrae einer der bedeutendsten Literaten war, die Jever hervorgebracht hat, ist es in seiner Heimatstadt rund um das Jubiläum recht ruhig geblieben, auch von Seiten der Stadt selbst. Oder täuscht der Eindruck?

Ich kann das so nicht sagen. Wir hatten mit dem Jubiläumsprogramm bis jetzt sieben Auftritte im ganzen Nordwesten. In Jever war es vielleicht nicht ganz so voll. Die beste Resonanz hatten wir tatsächlich in Oldenburg, wo mein Vater mit seinen Verbindungen zur Uni und zum Theater sicher einen besonderen Namen hatte. Aber die Veranstaltung in Jever war sehr intim und intensiv, wir waren damit sehr zufrieden. Zum Abschlussabend am 8. November hat sich auch der Bürgermeister angesagt.

Sie haben sich seit Jahren als Liedermacher mit eigenem plattdeutschen Repertoire einen Namen gemacht. Wie ist es dann, vor allem Lieder und Texte des eigenen bekannten Vaters vorzutragen?

Es war jedenfalls sehr intensiv. Ich habe das vor fünfzehn, zwanzig Jahren schon einmal gemacht. Ich hatte damals noch nicht so viele eigene plattdeutsche Texte, und irgendwann fragte  meine Mutter mich, ob ich nicht weitere Gedichte von Oswald vertonen könnte. Zu einigen hatte er ja selbst schon die Musik geschrieben. Ich habe dann damit angefangen und bin auf diese Weise auch meinem Vater wieder näher gekommen, der ja leider früh gestorben ist.

Wieder nähergekommen? Vater-Sohn-Verhältnisse sind nicht immer einfach, oder?

Mein Vater war ja in mancher Hinsicht in seinem Denken recht radikal. Ein in seiner frühen Jugend überzeugter Nationalsozialist, der später daran verzweifelte, wie er politisch verführt und missbraucht worden war. Und der eine ziemlich deutlich linke Sicht auf die Dinge entwickelte. Als Jugendlicher war ich mit vielem von dem, was er sagte und schrieb, nicht einverstanden und bin es bis heute nicht in jedem Fall. Aber das hat nichts mit den Inhalten zu tun, sondern eher mit seiner manchmal schulmeisterlichen Art. In mancher Hinsicht war er aber auch politisch etwas naiv. Vielleicht hätte er selbst heute einen anderen Blick auf die Dinge.

Heute sehen Sie ihn anders?

Iko Andrae hat sich von früher Jugend an als Liedermacher und mit seinen verschiedenen Bands einen Namen gemacht. Am 8. November führt er durch den Abschlussabend der Oswald-Andrae-Gedächtnistour. Foto: privat

In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich noch einmal besonders intensiv mit seinem Nachlass beschäftigt. Mit seiner Lyrik und den vielen Aktenordnern aus seinem Arbeitszimmer. Es liegt ja alles im Landesarchiv in Oldenburg, völlig ungeordnet, so wie es zu Hause in seinem Arbeitszimmer auch herumstand. Ich habe viel gelesen und manches gefunden, von dem ich nichts wusste. Zurzeit lese ich sein Buch „Strand der verlassenen Häuser“, mit dem ich früher nichts anfangen konnte und es gerade neu entdecke. Ich lerne ihn noch einmal anders kennen, als ich ihn damals als Vater erlebt habe. Er zeigte seinen drei Kindern gegenüber seine Gefühle nicht so sehr. Die vielen Bögen, die ich über die Jahre um ihn herum gemacht habe, die habe ich beim Lesen wiedergefunden, aber auch verstanden, wie sehr ihn die Trauer über das, was in seiner Kindheit und mit seinen jüdischen Nachbarn und Spielkameraden passiert ist, geprägt hat.

Was erwarten Sie von dem Abschlussabend am 8. November?

Es wird kein klassisches Konzert, sondern ein Abend, an dem so unterhaltsam wie möglich an Oswald erinnert wird. Hartmut Peters wird über das Skandalgedicht „De Fahn“ erzählen, Volker Landig als ehemaliger Nachbar und Pastor. Wolfgang Steinborn, Walter Russ und Bahli Bahlmann werden kurze Texte lesen und ich natürlich ein paar Songs zu jedem Abschnitt vortragen. Es geht um seine Lebensthemen, „Laway“ und die Küste, Kindheit und Jugend, den  Blick zurück in die NS-Zeit, um literarische Vorbilder und Weggefährten, um Krankheit und den Blick nach innen, um das „Leed för den Häftling #562“, Carl von Ossietzky. Und die Frage: Was bedeutet das Werk von Oswald Andrae, seine Streitkultur, der Umgang mit der niederdeutschen Sprache und er als Mitmensch und Mitstreiter für uns heute? Ich freue mich jedenfalls sehr auf den Abend.

Dieses Interview erschien zuerst im Jeverschen Wochenblatt und der Wilhelmshavener Zeitung

Schätze aus dem Kartenraum

Ausstellung über historische Lehrkarten in der Bibliothek des Mariengymnasiums

Wenn ein Schüler heute etwas über das soziale Leben der Braunbären wissen will, kann er sich bei Wikipedia schlau machen, bei Google Bilder anschauen oder auf Youtube Videos gucken. Und für einen Aufsatz darüber gibt es ja sowieso KI. Das war vor ein paar Jahrzehnten noch deutlich schwieriger. Vielleicht stand „Brehms Tierleben“ zu Hause im Bücherregal, vielleicht wurde zufällig eine Folge von Bernhard Grzimeks „Ein Platz für Tiere“ mit dem Thema Bären ausgestrahlt oder man hatte ein Abenteuerbuch von James Fenimore Cooper gelesen, in dem ein Trapper so ein Wildtier besiegt hatte. Ansonsten half nur das Biologie-Buch. Oder der Kartenraum der Schule.

Ursus arctos (Braunbär), Wandtafel / Pappe, um 1880; gezeichnet vom Lithographen und Tiermaler Friedrich Specht (1839 – 1909). Bild: Förderverein der Bibliothek des Mariengymnasiums

An diese alten Zeiten knüpft eine Veranstaltung des Fördervereins der Bibliothek des Mariengymnasium Jever an. Am Sonntag, 8. November, von 15 bis 18 Uhr und am darauffolgenden Sonntag, 15. November, zur gleichen Zeit präsentiert er in einer neuen Ausstellung einen seltenen Einblick in die Geschichte des Schulunterrichts. Gezeigt werden in den Räumen der Bibliothek historische Lehrkarten, die bis in das Jahr 1860 zurückreichen.

Raupe des Großen Kohlweißlings, Wandtafel / Leinwand, um 1900; gezeichnet vom Zoologen  Prof. Dr. Paul Pfurtscheller (1855 – 1927). Bild: Förderverein der Bibliothek des Mariengymnasiums

Den zeitlichen Schwerpunkt der bunten Auswahl von 30 Karten bildet die Epoche um 1900, doch sind auch spätere Karten mit dabei. Die Ausstellung umfasst vor allem Motive aus der Biologie, aber auch lange nicht mehr gezeigte regionale Landkarten. Bei den Exponaten handelt es sich meist um Rollkarten auf Leinwand, während die ältesten Stücke als stabile Papptafeln gefertigt sind.

Die Eröffnung findet Sonntag, 8. November 2026, um 15 Uhr in der Bibliothek des Mariengymnasiums, Terrasse 3, statt. Hans-Jürgen Klitsch, Christian Omonski, Werner Menke und Hartmut Peters berichten exemplarisch über die Künstler und Wissenschaftler hinter den Karten oder stellen ihre „Lieblingskarte“ vor.

Wissenschaft trifft Kunst und wird Didaktik

Die Lehrkarten bestechen durch ihre künstlerisch-detailreiche  Gestaltung, häufig handelt es sich um echte Farblithographien. Die Vorlagen für diesen aufwändigen Steindruck stammen von seinerzeit namhaften Wissenschaftlern  wie  dem Wiener Zoologen Paul Pfurtscheller (1855 – 1927) und wurden von Illustratoren wie dem bekannten niederländischen Vogellithographen John Gerrad Keulemans (1842 – 1912) umgesetzt. Um 1900 begegneten sich Wissenschaft, kunsthandwerkliche Ästhetik und Didaktik auf Augenhöhe.

Rettung und Erschließung durch den Förderverein

Lange schlummerten die Lehrmittel ausgesondert und unbeachtet in stillen Ecken des Schulgebäudes, ehe sie von den Aktiven des Fördervereins Bibliothek wiederentdeckt wurden. In zeitintensiver Kleinarbeit haben die Ehrenamtlichen rund 200 Karten gesichtet, fotographisch dokumentiert und archivarisch erschlossen. Jetzt sind  sie wieder für die Öffentlichkeit und die Schulgeschichte zugänglich.

Um auch diesen Bestand der Lehr- und Lerngeschichte des Mariengymnasiums für die Zukunft zu bewahren, ist die Restaurierung besonders beschädigter Exemplare geplant.

Vom Klassenzimmer zum nostalgischen Erinnerungsstück

Im Zeitalter digitaler Whiteboards und der Verfügbarkeit von allem im Internet spielen physisch erlebbare Karten keine Rolle mehr. Gerade deshalb entfalten sie ihre nostalgische Wirkung: Generationen von Schülerinnen und Schülern haben an ihnen gelernt, bevor sie aus dem Kartenraum, den es inzwischen gar nicht mehr gibt,  in den Ruhestand verabschiedet wurden. Die Ausstellung einer kollektiven Erinnerung schlägt eine Brücke von der analogen Lernkultur von damals zur Schule von heute.

Moderne Didaktik damals: Ausstellung historischer Lehrkarten des Mariengymnasiums Jever

Veranstalter: Förderverein Bibliothek des Mariengymnasiums e.V.

Bibliothek des Mariengymnasiums Jever, 26441 Jever, Terrasse 3

Sonntag, 8. November 2026, 15 – 18 Uhr, Eröffnung 15 Uhr

Sonntag, 15. November 2026, 15 – 18 Uhr

Eintritt frei

Hein Bredendiek und der Nationalsozialismus

Vortrag von Andreas Wojak im Gröschlerhaus

Von Helmut Burlager

Hein Bredendiek in Jever im Jahr 1996. Foto: Helmut Burlager

Zu den bleibenden Erinnerungen unserer Familie, von uns Eltern und den damals noch halbwüchsigen Kindern, gehört ein Besuch von Hein Bredendiek in unserem Haus in Jever, das fünf Jahre älter ist als der damals schon hochbetagte Maler und Schriftsteller. Wir saßen am Kaffeetisch im Garten, unter großen Kirschbäumen, und während unser Freund Hein, der ein großer Erzähler war, tief in seine jeversche Vergangenheit eintauchte, saßen unsere Kinder oben in den Ästen und hörten aufmerksam zu.

Die NS-Zeit sparte Hein Bredendiek in solchen privaten Gesprächen nicht aus, sprach von der „dunklen Zeit“ und in Andeutungen auch davon, dass er selbst dem Treiben der Braunen nichts entgegengesetzt habe, was er im Nachhinein als beschämend, als einen Fehler ansah. Erwähnte er, dass er Parteimitglied gewesen ist? Ich glaube nicht, aber er behauptete auch nicht, es nicht gewesen zu sein. Wir haben ihn auch nicht gefragt, so wie wir unsere etwa gleichaltrigen Großeltern zeitlebens (leider) nicht gefragt haben, nicht fragen konnten. In Kürze wird man mehr wissen.

Hein Bredendiek (1906 – 2001), so heißt es in einer Pressemitteilung des Gröschlerhauses Jever, zählt zu den großen Fi­guren der niederdeutschen Literatur. Der Oldenburger Gymnasiallehrer, der aus Jever stammte und hier auch kurz am Mariengymnasium unterrichtete, machte sich zunächst vor allem als Kunstmaler einen Namen. Zu Lebzeiten erhielt er hohe Auszeichnungen und Preise; die Stadt Jever verlieh ihm 1986 die Ehrenbürgerschaft, die Stadt Oldenburg das Große Stadtsiegel, und posthum erfolgten in Jever und in drei weiteren Ortschaften Straßenbenennungen nach ihm.

Bredendiek verfasste viele Hörspiele und trat als Autor zahlreicher Bücher und Erzählungen in niederdeutscher Sprache hervor. Fünfundzwanzig Jahre lang führte er den Schrieverkring Weser-Ems. Auch der Nationalsozialismus spielte in seinen Texten hin und wieder eine Rolle; allerdings räumte er seine eigene Beteiligung erst im hohen Alter ein. In seinen Lebenserinnerungen, 1998 veröffentlicht, gibt er an, seit 1933 Mitglied der NSDAP und der paramilitärischen SA gewesen zu sein. Nicht lange davor noch hatte er in einem Interview eine Partei-Mitgliedschaft verneint. Das Eingeständnis in seiner Autobiografie blieb jedoch bisher fast ohne jede öffentliche Resonanz. Bis in die jüngste Zeit hinein wurde in ehrenden Rückblicken Bredendieks NS-Vergangenheit ausgespart. Dabei lassen Texte, davon einer aus der Nazizeit, der bisher unbeachtet blieb, deutliche Rück­schlüsse auf seine Haltung zu.

Der Arbeitskreis Gröschlerhaus im Heimatverein Jever freut sich sehr, mit Dr. Andreas Wojak einen engagierten Journalisten und Autor, begrüßen zu dürfen, der sich in Radiofeatures, Vorträgen und Veröffentlichungen intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus und seinen Folgen auseinandergesetzt hat. Wojak, geboren 1952, stammt aus Ostfriesland, ist plattdeutsch aufgewachsen und lebt in Oldenburg. Seine 1992 veröffentlichte sozialhistorische Dissertation über Moordorf in Ostfriesland erregte über die Region hinaus Aufsehen. In seinem Projekt „Kriegsbriefe“ ging es auch um die Verstrickung seiner eigenen Familie.

Ein Vortrag Wojaks über die Ehrung des ehemaligen SS-Mediziners Arend Lang durch die Ostfriesische Landschaft 1976 mit der „Ubbo-Emmius-Medaille“ führte erst vor kurzem zur posthumen Aberkennung dieser höchsten Auszeichnung Ostfrieslands. Neben Hein Bredendiek hat sich Wojak mit weiteren niederdeutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern beschäftigt, so mit Wilhelmine Siefkes, Oswald Andrae, Johann Schoon und Greta Schoon.

Im Anschluss an den Vortrag wird Gelegenheit sein, mit dem Referenten und untereinander ins Gespräch zu kommen. Der Eintritt ist frei.

NOZ hat bei BruneMettcker jetzt das Sagen

Übernahme der Wilhelmshavener Zeitung und des Jeverschen Wochenblatts offiziell vollzogen

Jever/Wilhelmshaven – Die im Mai bekanntgegebene und im Juni vom Bundeskartellamt genehmigte Übernahme des Medienhauses BruneMettcker durch die Neue Osnabrücker Zeitung ist jetzt offiziell vollzogen worden. Nach Mitteilung des Verlages, der die Wilhelmshavener Zeitung und die Tageszeitung Jeversches Wochenblatt herausgibt, ist die NOZ/mh:n-Gruppe seit dem 30. Juni mit 50,01 Prozent als Hauptgesellschafter mit an Bord. Der bisherige Alleininhaber Robert Allmers hält demnach noch eine Minderheitsbeteiligung von 49,99 Prozent.

Das neue Impressum der Zeitungen aus dem Medienhaus BruneMettcker. Auch bei der Wilhelmshavener Zeitung sind nun zwei weitere Herausgeber genannt, die Verleger der NOZ-Gruppe.

Damit endete nun auch formal die Ära des selbstständigen Medienhauses BruneMettcker, 1999 hervorgegangen aus dem Mettcker-Verlag in Jever und dem Brune-Verlag in Wilhelmshaven, als reines Familienunternehmen. Ende einer Ära.

Aufmerksame Leserinnen und Leser der beiden Zeitungen, die nun zur NOZ-Gruppe gehören, konnten dies schon seit dem 2. Juli am Impressum der Wilhelmshavener Zeitung und des Jeverschen Wochenblatts ablesen, wo seitdem als Herausgeber neben Robert Allmers die NOZ-Verleger Werner Ebke und Jan Dirk Elstermann aufgeführt werden und als Chefredakteure Burkhard Ewert und Louisa Riepe, die diese Funktion auch bei der NOZ sowie bei den jüngst hinzugekauften Titeln „Rheiderland“ in Weener und „Ostfriesischer Kurier“ in Norden ausüben. Die bisherige Gesamtredaktionsleiterin in Wilhelmshaven und Jever, Cornelia Lüers, wird im Impressum jetzt als „Verantwortlich für die lokalen Inhalte“ geführt.

Welche weiteren Veränderungen die Übernahme der beiden Lokalblätter und des Verlagsgeschäfts in Wilhelmshaven und Jever durch die NOZ nach sich ziehen, ist von den Beteiligten noch nicht kommuniziert worden. Nach der Umstellung der Mantellieferung – seit dem 15. April beziehen WZ und JW ihren überregionalen und Politikteil von der Neuen Osnabrücker Zeitung und nicht mehr von der Nordwest-Zeitung (NWZ) in Oldenburg – werden zweifellos weitere Umstellungen erfolgen. Bislang sind beide Zeitungen organisatorisch und redaktionell stark in die NWZ-Gruppe eingebunden gewesen. Der redaktionelle Austausch zwischen NWZ und den beiden Zeitungen in Jever und Wilhelmshaven ist vor einigen Wochen ausgelaufen, seitdem greifen die Redaktionen stärker auf regionale Inhalte von anderen Zeitungen und Korrespondenten aus dem NOZ-Umfeld zurück. Gedruckt werden beide Blätter des BruneMettcker-Verlages weiter in Oldenburg, auch besteht eine die Verlagsgruppen übergreifende Zusammenarbeit im Anzeigenbereich.

Bei einem Antrittsbesuch der Führungsriege aus Osnabrück in Wilhelmshaven ist in einer Mitarbeiterversammlung der BruneMettcker-Belegschaft gute Stimmung verbreitet worden. Wie es in einem am 6. Juli veröffentlichten Bericht darüber heißt, sei im Beisein der NOZ-Geschäftsführer Paul Wehberg und Jens Wegmann, der Chefredakteurin Louisa Riepe und weiterer Führungskräfte aus Osnabrück und von Mitgesellschafter Robert Allmers sowie Geschäftsführer Helmut Loerts-Sabin „ein neues Kapital einer Partnerschaft aufgeschlagen“ worden. Sie verbinde zwei Häuser, die nicht nur gleiche Werte, sondern ihre Leidenschaft für starken, lokalen Journalismus verbinde. Die Häuser ergänzten sich optimal. Man wolle den Markt in Wilhelmshaven und Friesland davon überzeugen, dass die beiden Zeitungen die beste Adresse für Lokalnachrichten seien und blieben.

NOZ-Geschäftsführer Wehberg sprach von einem „Familienzuwachs“, der den strategischen Plänen seines Hauses entspreche und agiles Handeln, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit ermögliche. Mitherausgeber Robert Allmers wird mit den Worten zitiert, die neue  Partnerschaft bündele technologische Kompetenz mit starker lokaler Identität. „Rückenwind für alles, was kommt“, erwartet Brune-Mettcker-Geschäftsführer Helmut Loerts-Sabin von dem Zusammenschluss. Zu dem, was kommt, gehört absehbar auch ein Wechsel in der Geschäftsführung, denn Loerts-Sabin (70) hat mit der Vorbereitung des Verkaufs der Anteilsmehrheit auch den Weg für sich selbst bereitet, in den verdienten Ruhestand gehen zu können.

Zeitungsverleger über sechs Generationen – Ende einer langen Tradition in Jever

Die Mettcker-Dynastie prägte das Zeitungsgeschäft im Jeverland seit 210 Jahren

Von Helmut Burlager

Es ist nur eine Nachricht unter vielen ähnlichen in diesen Tagen; der Verkauf der Anteilsmehrheit des Brune-Mettcker-Verlages (Wilhelmshavener Zeitung, Jeversches Wochenblatt) an die NOZ-Gruppe in Osnabrück ist vom Kartellamt genehmigt worden. Die Nachricht reiht sich ein in die vielen anderen über Fusionen und Übernahmen, die derzeit den Weg der Medienbranche in eine gravierend veränderte Zukunft säumen. Für die Region stellt der Teilverkauf, der absehbar in eine Komplettübernahme münden wird, allerdings eine historische Zäsur da. Er bedeutet nicht weniger als das absehbare Ende einer 210-jährigen Familientradition. Nach sechs Generationen gibt die Verlegerfamilie Mettcker, heute Allmers, das Ruder aus der Hand.

Das Jeversche Wochenblatt, 1791 gegründet, gehört zu den ältesten Zeitungen in Deutschland. Nicht ganz von Anfang an, aber doch seit 1816, ist der Name der Zeitung untrennbar mit dem Namen Mettcker verbunden. In dem Jahr war der Gründer des Unternehmens, Hinrich Ludolph Borgeest, gestorben. Sein Gehilfe Christian Ludolph Mettcker bewarb sich beim Magistrat der Stadt Jever erfolgreich um die Nachfolge; seinerzeit mussten der Betrieb einer Druckerei und die Herausgabe einer Zeitung noch von der Stadt genehmigt werden.

Christian Ludolph Mettcker, Gründer des Zeitungsverlages in Jever.

So wurde Mettcker der neue „oldenburgisch-privilegierte Buchdrucker“ und brachte den bis dahin eher schlecht als recht existierenden Verlag technisch und wirtschaftlich auf Vordermann. Neben dem Jeverschen Wochenblatt, das zunächst „Jeverische wöchentliche Anzeigen und Nachrichten“ hieß, gab er ab 1844 die „Jeverländischen Nachrichten“ als vaterländische Wochenschrift heraus, gewann namhafte Autoren aus der intellektuellen Elite des Jeverlands, erhöhte die Zahl der Erscheinungstage, nahm 1854 seine Söhne Johann Ludolph und Andreas Wilhelm mit ins Boot, die 1890 die beiden Blätter zusammenführten. Seitdem ist das Wochenblatt eine Tageszeitung.

Sie hat, auch politisch, eine wechselvolle Geschichte durchgemacht, von einer fortschrittlich-aufklärerischen Vorkämpferin für Demokratie über eine völkisch-antidemokratische Wegbereiterin des Nationalsozialismus bis zu dem unabhängigen und überparteilichen Informationsmedium, als das die Zeitung sich seit der Gründung der Bundesrepublik versteht. 1862 hatte die Familie Mettcker zudem in Wittmund den „Anzeiger für Harlingerland“ gegründet – so erfolgreich, dass diese Zeitung über Jahrzehnte das wirtschaftliche Rückgrat des Verlagsunternehmens bildete.

1916 hatte mit Enno Mettcker die dritte Generation die Verantwortung übernommen, eine vierte Generation aktiver Verleger gab es nicht, weil beide Söhne von Enno und Maria Mettcker im Zweiten Weltkrieg fielen. Nach einer Interimszeit, in der der aus Rathenow stammende Verleger Dr. Fritz Blume sen. das Unternehmen als Generalbevollmächtigter, Geschäftsführer und Chefredakteur leitete, übernahm mit Hajo Allmers, dem Enkel von Maria Mettcker, und seiner Frau Elisabeth in den Achtzigerjahren die fünfte Generation, vor zehn Jahren ging dann mit Robert Allmers bereits die sechste Generation an den Start.

Die Familie Mettcker im Jahr 1889.

1999 hatte der Mettcker-Verlag mit dem Wilhelmshavener Brune-Verlag fusioniert, seitdem firmiert man unter Brune-Mettcker. Die Wilhelmshavener Zeitung, 1847 gegründet, gehört ebenfalls zu den familiengeführten deutschen Zeitungen mit langer publizistischer Tradition. Nach dem Tod des WZ-Verlegers Manfred Adrian übernahm Mettcker-Nachfahre Robert Allmers 2021 alle Anteile an dem Unternehmen, verkaufte dafür jedoch den „Anzeiger für Harlingerland“ an die NWZ-Mediengruppe (Nordwest-Zeitung) in Oldenburg.

Die Wilhelmshavener Zeitung und das Jeversches Wochenblatt wurden in den vergangenen Jahren organisatorisch und redaktionell ebenfalls stark in die NWZ-Gruppe integriert, blieben aber unternehmerisch selbstständig. Mehr als eine enge Zusammenarbeit ließen die Vorgaben des Bundeskartellamtes, das eine strenge Pressefusionskontrolle ausübt und den Wettbewerb am Zeitungsmarkt erhalten möchte, nicht zu.

Doch ein Ende der Geschichte als Familienunternehmen wurde, auch angesichts der dramatischen Veränderungen in der gesamten Medienbranche, mehr und mehr absehbar. Der Verkauf der NWZ-Gruppe an den Madsack-Konzern in Hannover erforderte endgültig eine Entscheidung über die Zukunft des Hauses. Mit der Verlagsgruppe NOZ/mh:n in Osnabrück wurde ein starker Partner gefunden, der den Fortbestand der traditionsreichen Zeitungstitel  gewährleisten kann, auch wenn es fortan kein Familienunternehmen mehr ist. Wie lange es dann noch auf Papier gedruckte Zeitungen sein werden, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ein ganzes Leben voller Bücher

Verleger Hermann Lüers starb im Alter von 92 Jahren

Von Helmut Burlager

Jever – Sollte man das Leben von Hermann Lüers mit einem Wort charakterisieren, es lautete: Bücher. Nun ist das letzte Kapitel beendet. Im Alter von 92 Jahren ist der Verleger am 10. Januar im „Pflegebutler“ friedlich eingeschlafen. Er war dort erst vor wenigen Wochen eingezogen. Der 1933 als Sohn eines Binnenschiffers in Thedinghausen geborene und 1959 in der Marienstadt angekommene Wahl-Jeveraner lebte bis fast zum Schluss in seiner eigenen Wohnung und hatte noch bis vor einem Jahr seinen Ein-Mann-Verlag geführt.

Hermann Lüers umgeben von Büchern. Das war seine Welt. Foto: Christoph Hinz (+)

Mehr als hundert Bücher hat er im Laufe vieler Jahre publiziert, nicht mitgezählt die unzähligen Werke, deren Erscheinen er zuvor im Verlag C. L. Mettcker & Söhne verantwortet hatte. Denn Hermann Lüers startete nach seiner Ausbildung zum Schriftsetzer und dem Meisterlehrgang an der Muthesius-Werkschule in Kiel nicht in die Selbstständigkeit, sondern bewarb sich in Jever. Als Lehrmeister eingestellt, wurde er 1963 Technischer Betriebsleiter für die Setzerei und Druckerei mit Verantwortung für bis zu 80 Mitarbeiter. 1997 ging er in den Ruhestand.

Gedruckt wurde alles von der Zeitung über Prospekte und Visitenkarten bis zu Büchern. Doch der Verlag konnte nicht alle Autoren aufnehmen, die Manuskripte einreichten. Manchmal schien der Geschäftsleitung ein Projekt zu riskant. Da konnte Hermann Lüers als Privatmann eine Alternative bieten. Ab 1982 veröffentlichte er solche Bücher, das Risiko mit den Autoren teilend, in seinem eigenen Verlag. Und machte weiter, als Mettcker mit der Buchproduktion aufhörte.

Mit seinem profunden Wissen begleitete er viele Autoren von der Idee bis zum fertigen, nach allen Regeln der Kunst erstellten Buch. Heimatkundliches, Historisches, Plattdeutsches, Erinnerungen, Romane, Bildbände, Gedichte, Kalender – es gibt fast nichts, was im Hermann Lüers Verlag nicht gedruckt werden konnte. Seine Autoren dankten es ihm, auch wenn nicht jedes Projekt den erwünschten Erfolg brachte. Dann hatte Hermann Lüers in seiner ruhigen, freundlichen, aber immer ehrlichen Art wenigstens davor gewarnt.

Seine Leidenschaft für das Gedruckte und das Wort hat er übrigens vererbt, von den drei Kindern des früh verwitweten Hermann Lüers haben zwei den Weg in die Verlagsbranche gefunden und zwei Enkel bereiten sich gerade darauf vor. An Hermann Lüers wird auch der Name seines Verlages weiter erinnern. Den führt sein Sohn Kai-Uwe fort.

NWZ-Verkauf an Madsack vom Kartellamt genehmigt

Der Verkauf der Nordwest-Zeitung und mehrerer weiterer Blätter und Unternehmen der Nordwest Mediengruppe kann über die Bühne gehen. Das Bundeskartellamt hat, wie die Behörde in einer Pressemitteilung bekanntgab, das Vorhaben der Madsack Mediengruppe, Hannover, genehmigt, „wesentliche Teile der Nordwest Mediengruppe“ in Oldenburg zu erwerben.

Madsack verlegt etliche regionale und lokale Tageszeitungen und betreibt das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Im Südosten Niedersachsens erscheinen insbesondere die Titel „Hannoversche Allgemeine“ und „Neue Presse“. Die Nordwest Mediengruppe verlegt insbesondere die „Nordwest-Zeitung“, den „Anzeiger für das Harlingerland“ und die „Emder Zeitung“ in Teilen West-Niedersachsens. Daneben sind die Beteiligten in weiteren Geschäftsbereichen wie etwa Anzeigenblättern, Online-Portalen sowie Brief- und Pakettransport tätig.

Nach den Worten von Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, ist das Vorhaben ist aus wettbewerblicher Sicht unbedenklich: „Die Verbreitungsgebiete der Zeitungen der Madsack Mediengruppe und der Nordwest Mediengruppe überlappen sich nicht, sodass nicht von einem Wettbewerbsverhältnis auszugehen ist“, wird Mundt in der Pressemitteilung zitiert.

Bei Fusionen von Zeitungsverlagen untersucht das Bundeskartellamt regelmäßig die Auswirkungen sowohl auf den Leser- als auch auf den Anzeigenmärkten. Es kann Zusammenschlüsse nur danach bewerten, ob durch die Fusion der Wettbewerb auf den betroffenen Märkten erheblich behindert würde. Dabei zieht das Bundeskartellamt die Auswahlmöglichkeiten der Leser als Kriterium heran, auch wenn die Meinungsvielfalt als solche kein eigener kartellrechtlicher Bewertungsmaßstab sein kann.

Die im Verlagshaus BruneMettcker erscheinende Wilhelmshavener Zeitung und ihre Schwesterzeitung, das Jeversche Wochenblatt (erscheint werktäglich in Jever) sind, obwohl sie sehr eng mit der Nordwest Mediengruppe kooperieren, nicht Teil des Deals der beiden großen Medienhäuser in Hannover und Oldenburg. Indirekt werden sie von den absehbaren Veränderungen in der niedersächsischen Zeitungslandschaft aber betroffen sein. Der Anzeiger für Harlingerland, der bis vor einigen Jahren zum BruneMettcker-Verlag gehörte, war 2022 von der Nordwest Mediengruppe gekauft worden. In dem Zuge wurde der Verleger Robert Allmers alleiniger Inhaber von BruneMettcker. Dieser Verlag war 1999 aus dem Zusammenschluss der Verlage Mettcker in Jever und Brune in Wilhelmshaven entstanden.

Goodbye, Veggiewurst?

Sven Ambrosy ist kein „Lame Duck“, Rieke Havertz mal wieder in Amerika, Gitta Connemann will dem Reformationstag an den Kragen und bei der EU geht es um die Wurscht

Vom vielleicht besten und umtriebigsten aller bisherigen Außenminister der Bundesrepublik ging der Witz um, er fliege so viel in der Weltgeschichte herum, dass sich zwischen Bonn und Washington einmal zwei Regierungsmaschinen begegnet seien, in denen jeweils Hans-Dietrich Genscher saß. Das kam mir in den Sinn, als ich diese Woche mal wieder routinemäßig den Namen von Rieke Havertz googelte, um zu schauen, was die zu einiger Bekanntheit gelangte Journalistin aus Jever so treibt.

Man weiß ja nie, in welchen Talkshows, Presseclubs, Vortragsveranstaltungen und Expertenrunden die 45-Jährige einem gerade begegnet und ob sie ihre neuesten Podcasts in Berlin oder doch schon wieder in Ohio aufgenommen hat. Sie ist als USA-Expertin begehrt und schlägt sich auf den verschiedensten Podien immer gleich gut. In letzter Zeit war sie viel in Deutschland unterwegs und wird es wohl noch mehr sein, wenn sie in Kürze ihr neues Buch „Goodbye, Amerika?“ auf einer ausgiebigen Lesereise vorstellen wird. Unter anderem auch in Wilhelmshaven, wo die Veranstaltung des Brune-Mettcker-Verlages allerdings schon ausverkauft ist, wie man diese Woche erfuhr.

Zwischendurch hat sie aber wieder „Good Morning, America!“ gesagt, denn die Internationale Korrespondentin der „Zeit“ ist zur Abwechslung – in Washington. Diese Woche war sie in einem Podcast der Zeit zu hören; sie erklärt darin, was es mit dem von Donald Trump befohlenen Einsatz der Nationalgarde in Chicago auf sich hat. (Hier der Link zum Podcast, reinhören ab Minute -4.30, https://www.zeit.de/politik/2025-10/krise-autoindustrie-bundesregierung-nachrichtenpodcast )

Wenn ein Politiker ankündigt, nicht wieder kandidieren zu wollen, gilt er, um es mit einem Amerikanismus zu sagen, gemeinhin als „Lame Duck“, als lahme Ente, auf deren Meinung keiner mehr was gibt. Ganz anders bei Sven Ambrosy. Frieslands Landrat, der 2026 aus persönlichen Gründen nach 23 Jahren keine weitere Amtszeit anstreben will, ist zurzeit ein gefragter Gesprächs- und Interviewpartner. Vielleicht auch, weil man von jemandem, der nichts mehr werden oder bleiben will, erwarten kann, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Sollten die Kollegen der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) darauf gehofft haben, so wurden sie nicht enttäuscht. In einem ausführlichen Interview, das am Dienstag erschien, rechnete Ambrosy mit der „großen Politik“ ab, die die Kommunen im Regen stehen lässt, und beklagte ausufernde Bürokratie.

Die Kommunen trügen 25 Prozent der staatlichen Ausgaben in Deutschland, bekämen aber nur 15 Prozent der Einnahmen. „Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, ist wohl offensichtlich“, sagte der Landrat. Mit Einsparungen komme man da nicht mehr weiter. „Freiwillige Leistungen werden überall zusammengestrichen, wo es irgendwie geht. Das tut weh, weil das oft Leistungen sind, die eine Kommune lebenswert machen: Kultur, Tourismus, Sport etc. Aber wir haben keinen Einfluss auf die Gesetze, die aus Berlin oder Hannover kommen. Wir müssen sie dann nur umsetzen und bezahlen.“

Bürokratie, so Ambrosy, sei „das Papier gewordene Misstrauen des Staates gegenüber seinen Bürgern. Mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung der Menschen und nicht immer nur unterstellen, dass der Bürger Böses will. Das System frisst sich da selbst auf, weil es seine Akzeptanz gefährdet.“

Den Ausbau einer Schule zum Beispiel müsse der Landkreis aktuell europaweit ausschreiben, das koste unnötige zwei Jahre Planung und Vorbereitung. Aber noch nicht einmal habe sich ein ausländisches Bauunternehmen auf ein derartiges Projekt in Friesland beworben, schilderte Ambrosy als Beispiel.

Die große Politik beschäftigt sich derweil mit wichtigen Fragen. Zum Beispiel, ob der Reformationstag als Feiertag abgeschafft werden soll, was die ostfriesische CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann aus Leer vorschlug und worüber man ja durchaus diskutieren kann. Ich habe schon bei der Einführung in Niedersachsen meine Zweifel gehabt, wozu das taugen soll.

Ob eine vegetarische Wurst weiter Wurst heißen darf, war die große Frage in Brüssel und wurde vom EU-Parlament mehrheitlich verneint. In der Diskussion darüber gefiel mir in dieser Woche ein Spruch von Andre Wolf auf Facebook. „All jene, die Veggie-Würste mit Fleisch-Würsten verwechseln, dürften bereits verstorben sein, nachdem sie Scheuermilch anstatt Vollmilch getrunken haben.“

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und am Ende des Monats einen geruhsamen Reformationstag. Genießen Sie ihn, vielleicht ist es der letzte freie …

Ihr Helmut Burlager

Ein Überlebender unter Alt-Nazis

Vortrag im Gröschlerhaus Jever über den Landwirt Robert de Taube vom Horster Grashaus

Zu den „Erinnerungsorten“, die in Friesland in den vergangenen Jahren zum Gedenken an das Leid von NS-Verfolgten eingerichtet wurden, gehört das Horster Grashaus zwischen Neustadtgödens und Kleinhorsten. Dass das Schicksal der hier bis Ende der 1930er-Jahre lebenden jüdischen Bewohner gut dokumentiert werden konnte, ist auch einem Zufallsfund zu verdanken.

Robert de Taube im Jahr 1935, bevor er sich vor den Nazis verstecken musste. Foto: Archiv Peters

Im Jahr 2018 kamen in Kentucky, USA, aus einem alten Schrank drei Audio-Kassetten ans Licht. Auf ihnen schildert der jüdische Landwirt Robert de Taube (1896 – 1982), langjähriger Inhaber des Horster Grashauses, seine Überlebensgeschichte. Den Bericht hatte Pfingsten 1971 sein Neffe Walter John Pohl (USA) bei einem Besuch aufgenommen.   

Er beginnt mit der Pogromnacht vom 9. November 1938 auf dem Horster Grashaus und im Ort Neustadtgödens. De Taube schildert anschließend seine Verschleppung in das KZ Sachsenhausen, die gescheiterten Bemühungen, ein rettendes Exilland zu finden, und den Raub des landwirtschaftlichen Eigentums durch die Nationalsozialisten, die ihn 1940 von Wilhelmshaven aus nach Berlin in die Zwangsarbeit vertrieben.

Als 1943 die Deportationszüge nach Auschwitz zu rollen begannen, nahm er sein Versteck auf den Straßen der Reichshauptstadt und in den Waggons der Stadtbahn. Er fuhr kreuz und quer durch Berlin bis hin in die Vorstädte, handelte mit Gemüse, Obst und Kleidung, arbeitete als Gärtner und wechselte ständig seinen Unterschlupf. Töchter aus Nazi-Familien verliebten sich in ihn. In einer Grunewald-Villa fand er als Hausmeister seine beste Bastion. Ohne mutige Unterstützer hätte er nicht überlebt.

Bereits wenige Monate nach seiner Befreiung in Berlin war Robert de Taube wieder zurück in Wilhelmshaven und versuchte, das geraubte Eigentum in Horsten von den nunmehr „Alt-Nazis“ zurückzuerlangen.  Das gelang ihm erst nach  Jahren unter Anspannung aller Kräfte und durch Hilfe von im Ausland überlebenden  Familienangehörigen. Robert de Taube gehörte – wie Fritz Levy in Jever – zu den Juden, die nach der Niederschlagung von Hitler-Deutschland an ein weiteres Leben in der Heimat glaubten, die aber dafür bitter bezahlen mussten.

Die Kompaktkassetten mit dem Interview, das sein Neffe Walter John Pohl 1971 mit Robert de Taube geführt hat. Bild: Archiv Peters

Im Gröschlerhaus, dem Erinnerungsort und Dokumentationszentrum in Jever, hält der Historiker Hartmut Peters am Mittwoch, 8. Oktober, um 19 Uhr einen Bildervortrag unter dem Titel „Ein Leben im offenen Versteck und unter Alt-Nazis. Der jüdische Landwirt Robert de Taube (1896 – 1982) aus Horsten“. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.

Hartmut Peters hat mit Unterstützung von Nachfahren der Familie de Taube in den USA, Mexiko und England den erschütternden Bericht ediert, kommentiert und unter dem Titel „Das offene Versteck“ im Bremer Verlag Fuego veröffentlicht.  In seinem Vortrag stellt Peters die Erinnerungen de Taubes  und auch die spannenden Recherchen dazu vor. Es werden die aufgefundenen Audiokassetten angespielt und auch ein Amateurfilm gezeigt, der 1971 auf dem Horster Grashaus entstand.

Das Gröschlerhaus steht an der Stelle der zerstörten ehemaligen Synagoge von Jever in der Großen Wasserpfortstraße 19.

Da brat mir doch einer ’nen Matjes

Was das Internetportal t-online über die Urlauberstadt Jever herausgefunden hat

Von Helmut Burlager

Nach Jever müsste man mal fahren. Soll unheimlich schön sein. „Klein, urig und voller Geschichte“, wie das Internet-Nachrichtenportal t-online schreibt. „Urlaub am Wasser“ – das sei schließlich das, worauf sich viele Menschen das ganze Jahr über freuen. Nun ja, mit Wasser fängt die jüngst veröffentlichte Reisereportage über die Marienstadt tatsächlich an. Mit demjenigen, das im Friesischen Brauhaus zu Bier veredelt wird. Gerstensaft, Handwerkskunst, Grünkohl, Schloss, Fräulein Maria, der Verfasser bedient im Artikel die gängigen Klischees. Liest sich nett, aber unspektakulär.

Das Schloss von Jever. Touristische Attraktion – aber doch nicht in der Friesischen Wehde, oder?
Bild: Helmut Burlager

Doch dann, nach drei, vier Absätzen, holt er so richtig aus. Denn auch wer kein Bier mag oder seinen Urlaubsfokus eher auf Naturerlebnisse legt, wird  laut t-online fündig. „Jever liegt im Herzen der Friesischen Wehde, einem flachen, weiten Landstrich zwischen Moor, Marsch und Geest“, erfährt das Publikum. Moment mal … Friesische Wehde? Liegt die nicht viel weiter südlich?

Aber tapfer weitergelesen: „Direkt vor den Toren der Stadt erstrecken sich gut ausgeschilderte Rad- und Wanderwege durch das Naturschutzgebiet Upjeversche Heide.“ Was sich laut Verfasser auch empfiehlt: „Ein Abstecher ins Fehn- und Schifffahrtsmuseum im Stadtteil Cleverns lohnt sich für maritime Geschichtsfreunde.“ Damit nicht genug: „Wer zeitgenössische Kunst schätzt, findet in der Kunsthalle Jever wechselnde Ausstellungen lokaler und internationaler Künstler.“

War der Autor vielleicht in Lüneburg? In Westrhauderfehn? In Wilhelmshaven? Aber nein, er setzt unbeirrt fort: „Wer tiefer in die Landschaft eintauchen will, startet eine Kanutour auf der Harle – ein ruhiger Fluss, der sich gemächlich durch Felder und Dörfer schlängelt …“ Kanus kann man in Jever tatsächlich mieten, aber um damit auf der Harle zu fahren, müsste man erstmal über das Hookstief nach Hooksiel und auf die Nordsee, weiter bis nach Harlesiel paddeln, wo der ostfriesische Fluss mündet.

Aber vielleicht sollte man vorher was essen. Zum Beispiel „gebratenen Matjes mit Zwiebeln“, das soll angeblich eine Spezialität sein in Jever, serviert im Haus der Getreuen oder im Hof von Oldenburg, wie t-online schwärmt. „Wer es feiner mag: Die Brasserie & Vinothek Charlotte verbindet norddeutsche Zutaten mit französischer Leichtigkeit.“ Hinterher kann man dann im Eiscafé San Marco ein handgemachtes Eis aus regionalen Zutaten, darunter Sorten wie  „Friesensahne“ oder „Schietwetter-Schokolade“ genießen.

Toll, nur findet man die erwähnte Brasserie in Jever überhaupt nicht, und für das Schietwetter-Eis müsste man nach Schillig fahren, da gibt es nämlich ein Eiscafé, auf das immerhin der genannte Name zuträfe. Ob’s dort „Friesensahne“ gibt, wäre eine Recherche wert.

Womit wir beim Thema wären. Recherche. Das Wort scheint man bei t-online nicht zu kennen. Dafür wahrscheinlich das Wort KI, was für künstliche Intelligenz steht. KI wird immer beliebter, obwohl sie, wie der Beitrag auf dem Internetportal zeigt, doch ein wenig fehlerbehaftet zu sein scheint. Kluge Journalisten verlassen sich besser nicht drauf, sondern machen sich selbst schlau. Und will man partout mit KI arbeiten, empfiehlt es sich, die Ergebnisse zu prüfen, am besten mithilfe der natürlichen Intelligenz. Darüber muss man allerdings erstmal verfügen.