Tag 12 | Karteileiche

Ich bin eine Karteileiche. Das merke ich jedesmal zu Jahresbeginn, wenn Spendenbescheinigungen ins Haus flattern und wieder fleißig vom Konto abgebucht wird von all den Vereinen, Verbänden und Hilfsorganisationen, in die man im Laufe des Lebens so eintritt oder denen man sich als Dauerspender verpflichtet hat. Manchmal auf einen Anruf hin oder aus einer Laune heraus, ohne mit großem Engagement dahinter zu stehen. Es geht ja meist auch nicht um weltbewegende Summen, hier zehn Euro im Monat, dort 24 Euro im Halbjahr. Aber übers Jahr läppert es sich schon. Es ist die reine Bequemlichkeit oder das Gefühl, niemandem weh tun zu wollen, dass man nicht einfach austritt, abbestellt, kündigt, widerruft. Es scheint leichter sein, aus der Kirche und der Gewerkschaft rauszukommen als aus dem örtlichen Sportverein, dem Bürgerverein, den ganzen Fördervereinen und Freundeskreisen, weil man ja die Vorsitzenden kennt oder die Schatzmeister oder vielleicht doch noch mal eine Dienstleistung in Anspruch nehmen möchte, die an eine Mitgliedschaft gebunden ist. Auch wenn man das seit Jahren nicht getan hat. Jahr für Jahr nimmt man sich also vor, das doch endlich mal zu bereinigen und mehr Geld dort zu investieren, wo es einem wirklich wichtig ist, in meinem Fall zum Beispiel bei Opportunity International oder für das Friedel-Orth-Hospiz. Aber am Ende werden es wohl doch die Erben erledigen müssen, den ganzen Kram zu beenden, wenn eines hoffentlich fernen Tages aus der Karteileiche eine echte geworden ist.

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