Freiwild. Kein schönes Wort. Und kein schönes Thema.

Von Carsten Feist

Mir fällt mit fast schon inflationärer Häufigkeit auf, wie sehr sich der Umgang der Menschen miteinander ändert. Im Internet. Besonders im Facebook.
Diese Entwicklung hat Vorteile. Neue Kontakte entstehen, alte Kontakte werden wiederbelebt und gepflegt, zum Teil über weite Entfernungen hinweg. Informationen stehen zur Verfügung. Immer wieder entwickeln sich spannende Diskussionen.
Die Kehrseite sind öffentliches Kesseltreiben, virtuelle Dauerbeleidigungen, scheinintelektuelle Besserwisserei und vernichtende Polemik unterhalb jeder Toleranzschwelle. Warum eigentlich müssen sich Verantwortungsträger aus Politik, Gesellschaft, Verwaltung, Sport, Kirche und Wirtschaft von Menschen in der virtuellen Welt öffentlich alles gefallen lassen, was ihnen diese selbsternannten „Kritiker“ in der realen Welt nicht einmal abgeschwächt ins Gesicht sagen würden?
Warum erlauben sich Menschen, die gerne auch noch ihren überlegenen Bildungsstatus vor sich hertragen, den virtuellen Pranger zu ihrem persönlichen Eigentum zu erklären? Als Raum frei von Grundrechten (der Angeprangerten) und frei von Regeln eines gesellschaftlichen Grundkonsens’, den ich in meiner Erziehung unter Begriffen wie „Anstand“, „Respekt“ und „Toleranz“ kennengelernt habe?
Was ist denn so anders in der virtuellen Welt? – Vielleicht – und dies ist nur der VERSUCH eines Ansatzes zur Erklärung – ist es die Anonymität, die den Feiglingen den Mut verleiht, ihren Schmutz auszuschütten. Hier, im Netz, wo ich mich hinter Pseudonymen verstecken kann, wo ich nicht über mich und mein Tun Rechenschaft ablegen muss, mich aber dennoch über andere erhaben darf, hier ist noch der größte Feigling mutig genug, andere mit Schmutz zu bewerfen.
Vielleicht – und dies ist der zweite VERSUCH eines Ansatzes zur Erklärung – ist es aber auch der Umstand, dass im Virtuellen selbst die noch Gehör finden, deren geballten Unsinn real niemand mehr hören will und wahrscheinlich noch nie hören wollte. Eine Kommunikationsplattform der Gescheiterten.

Autor dieses Beitrags ist Carsten Feist, Wilhelmshaven, Blogger, Präventionsexperte, Leiter des Jugendamtes, vielseitig sozial und ehrenamtlich engagiert.
Autor dieses Beitrags ist Carsten Feist, Wilhelmshaven, Blogger, Präventionsexperte, Leiter des Jugendamtes, vielseitig sozial und ehrenamtlich engagiert.

Wie auch immer. Ich nutze das Internet, ich mag seine Möglichkeiten. Und zu Weihnachten wünsche ich mir, dass sich alle mal wieder ein wenig besinnen und Kritik als große Chance sehen, Zustände zu verändern, ohne dass die Kritisierten dabei gleich mit vernichtet werden müssen. Bisweilen habe ich leider den Eindruck, dass es den virtuellen Heckenschützen nur noch um Selbstbefriedigung und Vernichtung Dritter geht.
Und je lauter sie durchaus eloquent dieses Motiv bestreiten, desto deutlicher entlarven sie sich selbst!

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1 Kommentar zu „Freiwild. Kein schönes Wort. Und kein schönes Thema.“

  1. „Bisweilen habe ich leider den Eindruck, dass es den virtuellen Heckenschützen nur noch um Selbstbefriedigung und Vernichtung Dritter geht.“
    Da habe ich andere Erfahrungen. Ich merke häufig, dass Menschen, die mit Ihrem Leben unzufrieden sind, dies kompensieren indem sie andere, die sich wagen, sich in die Schusslinie zu stellen, leider auch mit unfairen Methoden an den Pranger stellen – wie im wirklichen Leben. Nur im Netz geht es einfacher. Traurig bleibt es. Grüße in den Norden

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