Hein Bredendiek und der Nationalsozialismus

Vortrag von Andreas Wojak im Gröschlerhaus

Von Helmut Burlager

Hein Bredendiek in Jever im Jahr 1996. Foto: Helmut Burlager

Zu den bleibenden Erinnerungen unserer Familie, von uns Eltern und den damals noch halbwüchsigen Kindern, gehört ein Besuch von Hein Bredendiek in unserem Haus in Jever, das fünf Jahre älter ist als der damals schon hochbetagte Maler und Schriftsteller. Wir saßen am Kaffeetisch im Garten, unter großen Kirschbäumen, und während unser Freund Hein, der ein großer Erzähler war, tief in seine jeversche Vergangenheit eintauchte, saßen unsere Kinder oben in den Ästen und hörten aufmerksam zu.

Die NS-Zeit sparte Hein Bredendiek in solchen privaten Gesprächen nicht aus, sprach von der „dunklen Zeit“ und in Andeutungen auch davon, dass er selbst dem Treiben der Braunen nichts entgegengesetzt habe, was er im Nachhinein als beschämend, als einen Fehler ansah. Erwähnte er, dass er Parteimitglied gewesen ist? Ich glaube nicht, aber er behauptete auch nicht, es nicht gewesen zu sein. Wir haben ihn auch nicht gefragt, so wie wir unsere etwa gleichaltrigen Großeltern zeitlebens (leider) nicht gefragt haben, nicht fragen konnten. In Kürze wird man mehr wissen.

Hein Bredendiek (1906 – 2001), so heißt es in einer Pressemitteilung des Gröschlerhauses Jever, zählt zu den großen Fi­guren der niederdeutschen Literatur. Der Oldenburger Gymnasiallehrer, der aus Jever stammte und hier auch kurz am Mariengymnasium unterrichtete, machte sich zunächst vor allem als Kunstmaler einen Namen. Zu Lebzeiten erhielt er hohe Auszeichnungen und Preise; die Stadt Jever verlieh ihm 1986 die Ehrenbürgerschaft, die Stadt Oldenburg das Große Stadtsiegel, und posthum erfolgten in Jever und in drei weiteren Ortschaften Straßenbenennungen nach ihm.

Bredendiek verfasste viele Hörspiele und trat als Autor zahlreicher Bücher und Erzählungen in niederdeutscher Sprache hervor. Fünfundzwanzig Jahre lang führte er den Schrieverkring Weser-Ems. Auch der Nationalsozialismus spielte in seinen Texten hin und wieder eine Rolle; allerdings räumte er seine eigene Beteiligung erst im hohen Alter ein. In seinen Lebenserinnerungen, 1998 veröffentlicht, gibt er an, seit 1933 Mitglied der NSDAP und der paramilitärischen SA gewesen zu sein. Nicht lange davor noch hatte er in einem Interview eine Partei-Mitgliedschaft verneint. Das Eingeständnis in seiner Autobiografie blieb jedoch bisher fast ohne jede öffentliche Resonanz. Bis in die jüngste Zeit hinein wurde in ehrenden Rückblicken Bredendieks NS-Vergangenheit ausgespart. Dabei lassen Texte, davon einer aus der Nazizeit, der bisher unbeachtet blieb, deutliche Rück­schlüsse auf seine Haltung zu.

Der Arbeitskreis Gröschlerhaus im Heimatverein Jever freut sich sehr, mit Dr. Andreas Wojak einen engagierten Journalisten und Autor, begrüßen zu dürfen, der sich in Radiofeatures, Vorträgen und Veröffentlichungen intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus und seinen Folgen auseinandergesetzt hat. Wojak, geboren 1952, stammt aus Ostfriesland, ist plattdeutsch aufgewachsen und lebt in Oldenburg. Seine 1992 veröffentlichte sozialhistorische Dissertation über Moordorf in Ostfriesland erregte über die Region hinaus Aufsehen. In seinem Projekt „Kriegsbriefe“ ging es auch um die Verstrickung seiner eigenen Familie.

Ein Vortrag Wojaks über die Ehrung des ehemaligen SS-Mediziners Arend Lang durch die Ostfriesische Landschaft 1976 mit der „Ubbo-Emmius-Medaille“ führte erst vor kurzem zur posthumen Aberkennung dieser höchsten Auszeichnung Ostfrieslands. Neben Hein Bredendiek hat sich Wojak mit weiteren niederdeutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern beschäftigt, so mit Wilhelmine Siefkes, Oswald Andrae, Johann Schoon und Greta Schoon.

Im Anschluss an den Vortrag wird Gelegenheit sein, mit dem Referenten und untereinander ins Gespräch zu kommen. Der Eintritt ist frei.

Hinterlasse einen Kommentar