„Klang der Erinnerung“ in Jever

Zwei Gedenkveranstaltungen zum 88. Jahrestag der Novemberpogrome

Mit einem Konzert samt Vortrag unter dem Titel „Klang der Erinnerung“ wird am kommenden Montag, 9. November 2026, um 17.30 Uhr im Gröschlerhaus, Große Wasserpfortstraße 19 in Jever, an die Novemberpogrome erinnert. Die Veranstaltung findet aus Anlass des 88. Jahrestags des Pogroms gegen die Juden vom 9. November 1938 statt und schließt an die Gedenkfeier am Nachmittag an.

Von der jeverschen Synagoge blieb der Grundstein erhalten. Er befindet sich heute auf dem jüdischen Friedhof in Schenum bei Jever. Foto: Helmut Burlager

In Jever wurden in der von den Nationalsozialisten als „Reichskristallnacht“ bagatellisierten Pogromnacht jüdische Bürger drangsaliert, Wohnungen und Geschäfte beschädigt und die Synagoge in der Wasserpfortstraße in Brand gesetzt. Sie wurde vom Feuer völlig zerstört.

Heute befindet sich dort in dem Nachfolgerbau ein Erinnerungsort mit Bildungs- und Dokumentationszentrum. Das Gröschlerhaus erinnert mit seiner Namensgebung an Hermann und Julius Gröschler. Die beiden Brüder waren die letzten Vorsteher der jeverschen Synagogengemeinde und wurden von den Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Auschwitz ermordet.

Am Montag gestalten Agnes Grube (Oboe), Yevgeny Sapozhnikov (Cello) und Dr. Roman Salyutov (Klavier/Harmonium) das musikalische Programm. Salyutov, von dem das Konzept stammt, übernimmt die Moderation. Im Mittelpunkt steht ein Harmonium: Es gibt Hinweise darauf, dass ein solches Instrument einst in der Synagoge in Jever zur Unterstützung des Chors der Synagogengemeinde gespielt wurde. Zwischen den Musikstücken lässt Roman Salyutov persönliche Stimmen jüdischer Künstlerinnen und Künstler hörbar werden – ein emotionaler Zugang zu Zugehörigkeit, Verlust und Erinnerung, der Raum für Stille und Nachdenken bietet.

Veranstalterin ist die Volkshochschule Friesland / Wittmund in Kooperation mit dem Gröschlerhaus. Der Eintritt ist frei.

Bereits um 16 Uhr findet am selben Tag an der Synagogen-Gedenktafel am selben Ort die Gedenkfeier für die Opfer des Pogroms statt. Vorgesehen sind eine Gedenkrede und eine Kranzniederlegung durch die Stadt Jever, den Landkreis Friesland und die Kirchen in Jever. Organisatorin ist die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Im Anschluss an die Gedenkfeier ist das Gröschlerhaus geöffnet.

Schätze aus dem Kartenraum

Ausstellung über historische Lehrkarten in der Bibliothek des Mariengymnasiums

Wenn ein Schüler heute etwas über das soziale Leben der Braunbären wissen will, kann er sich bei Wikipedia schlau machen, bei Google Bilder anschauen oder auf Youtube Videos gucken. Und für einen Aufsatz darüber gibt es ja sowieso KI. Das war vor ein paar Jahrzehnten noch deutlich schwieriger. Vielleicht stand „Brehms Tierleben“ zu Hause im Bücherregal, vielleicht wurde zufällig eine Folge von Bernhard Grzimeks „Ein Platz für Tiere“ mit dem Thema Bären ausgestrahlt oder man hatte ein Abenteuerbuch von James Fenimore Cooper gelesen, in dem ein Trapper so ein Wildtier besiegt hatte. Ansonsten half nur das Biologie-Buch. Oder der Kartenraum der Schule.

Ursus arctos (Braunbär), Wandtafel / Pappe, um 1880; gezeichnet vom Lithographen und Tiermaler Friedrich Specht (1839 – 1909). Bild: Förderverein der Bibliothek des Mariengymnasiums

An diese alten Zeiten knüpft eine Veranstaltung des Fördervereins der Bibliothek des Mariengymnasium Jever an. Am Sonntag, 8. November, von 15 bis 18 Uhr und am darauffolgenden Sonntag, 15. November, zur gleichen Zeit präsentiert er in einer neuen Ausstellung einen seltenen Einblick in die Geschichte des Schulunterrichts. Gezeigt werden in den Räumen der Bibliothek historische Lehrkarten, die bis in das Jahr 1860 zurückreichen.

Raupe des Großen Kohlweißlings, Wandtafel / Leinwand, um 1900; gezeichnet vom Zoologen  Prof. Dr. Paul Pfurtscheller (1855 – 1927). Bild: Förderverein der Bibliothek des Mariengymnasiums

Den zeitlichen Schwerpunkt der bunten Auswahl von 30 Karten bildet die Epoche um 1900, doch sind auch spätere Karten mit dabei. Die Ausstellung umfasst vor allem Motive aus der Biologie, aber auch lange nicht mehr gezeigte regionale Landkarten. Bei den Exponaten handelt es sich meist um Rollkarten auf Leinwand, während die ältesten Stücke als stabile Papptafeln gefertigt sind.

Die Eröffnung findet Sonntag, 8. November 2026, um 15 Uhr in der Bibliothek des Mariengymnasiums, Terrasse 3, statt. Hans-Jürgen Klitsch, Christian Omonski, Werner Menke und Hartmut Peters berichten exemplarisch über die Künstler und Wissenschaftler hinter den Karten oder stellen ihre „Lieblingskarte“ vor.

Wissenschaft trifft Kunst und wird Didaktik

Die Lehrkarten bestechen durch ihre künstlerisch-detailreiche  Gestaltung, häufig handelt es sich um echte Farblithographien. Die Vorlagen für diesen aufwändigen Steindruck stammen von seinerzeit namhaften Wissenschaftlern  wie  dem Wiener Zoologen Paul Pfurtscheller (1855 – 1927) und wurden von Illustratoren wie dem bekannten niederländischen Vogellithographen John Gerrad Keulemans (1842 – 1912) umgesetzt. Um 1900 begegneten sich Wissenschaft, kunsthandwerkliche Ästhetik und Didaktik auf Augenhöhe.

Rettung und Erschließung durch den Förderverein

Lange schlummerten die Lehrmittel ausgesondert und unbeachtet in stillen Ecken des Schulgebäudes, ehe sie von den Aktiven des Fördervereins Bibliothek wiederentdeckt wurden. In zeitintensiver Kleinarbeit haben die Ehrenamtlichen rund 200 Karten gesichtet, fotographisch dokumentiert und archivarisch erschlossen. Jetzt sind  sie wieder für die Öffentlichkeit und die Schulgeschichte zugänglich.

Um auch diesen Bestand der Lehr- und Lerngeschichte des Mariengymnasiums für die Zukunft zu bewahren, ist die Restaurierung besonders beschädigter Exemplare geplant.

Vom Klassenzimmer zum nostalgischen Erinnerungsstück

Im Zeitalter digitaler Whiteboards und der Verfügbarkeit von allem im Internet spielen physisch erlebbare Karten keine Rolle mehr. Gerade deshalb entfalten sie ihre nostalgische Wirkung: Generationen von Schülerinnen und Schülern haben an ihnen gelernt, bevor sie aus dem Kartenraum, den es inzwischen gar nicht mehr gibt,  in den Ruhestand verabschiedet wurden. Die Ausstellung einer kollektiven Erinnerung schlägt eine Brücke von der analogen Lernkultur von damals zur Schule von heute.

Moderne Didaktik damals: Ausstellung historischer Lehrkarten des Mariengymnasiums Jever

Veranstalter: Förderverein Bibliothek des Mariengymnasiums e.V.

Bibliothek des Mariengymnasiums Jever, 26441 Jever, Terrasse 3

Sonntag, 8. November 2026, 15 – 18 Uhr, Eröffnung 15 Uhr

Sonntag, 15. November 2026, 15 – 18 Uhr

Eintritt frei

Hein Bredendiek und der Nationalsozialismus

Vortrag von Andreas Wojak im Gröschlerhaus

Von Helmut Burlager

Hein Bredendiek in Jever im Jahr 1996. Foto: Helmut Burlager

Zu den bleibenden Erinnerungen unserer Familie, von uns Eltern und den damals noch halbwüchsigen Kindern, gehört ein Besuch von Hein Bredendiek in unserem Haus in Jever, das fünf Jahre älter ist als der damals schon hochbetagte Maler und Schriftsteller. Wir saßen am Kaffeetisch im Garten, unter großen Kirschbäumen, und während unser Freund Hein, der ein großer Erzähler war, tief in seine jeversche Vergangenheit eintauchte, saßen unsere Kinder oben in den Ästen und hörten aufmerksam zu.

Die NS-Zeit sparte Hein Bredendiek in solchen privaten Gesprächen nicht aus, sprach von der „dunklen Zeit“ und in Andeutungen auch davon, dass er selbst dem Treiben der Braunen nichts entgegengesetzt habe, was er im Nachhinein als beschämend, als einen Fehler ansah. Erwähnte er, dass er Parteimitglied gewesen ist? Ich glaube nicht, aber er behauptete auch nicht, es nicht gewesen zu sein. Wir haben ihn auch nicht gefragt, so wie wir unsere etwa gleichaltrigen Großeltern zeitlebens (leider) nicht gefragt haben, nicht fragen konnten. In Kürze wird man mehr wissen.

Hein Bredendiek (1906 – 2001), so heißt es in einer Pressemitteilung des Gröschlerhauses Jever, zählt zu den großen Fi­guren der niederdeutschen Literatur. Der Oldenburger Gymnasiallehrer, der aus Jever stammte und hier auch kurz am Mariengymnasium unterrichtete, machte sich zunächst vor allem als Kunstmaler einen Namen. Zu Lebzeiten erhielt er hohe Auszeichnungen und Preise; die Stadt Jever verlieh ihm 1986 die Ehrenbürgerschaft, die Stadt Oldenburg das Große Stadtsiegel, und posthum erfolgten in Jever und in drei weiteren Ortschaften Straßenbenennungen nach ihm.

Bredendiek verfasste viele Hörspiele und trat als Autor zahlreicher Bücher und Erzählungen in niederdeutscher Sprache hervor. Fünfundzwanzig Jahre lang führte er den Schrieverkring Weser-Ems. Auch der Nationalsozialismus spielte in seinen Texten hin und wieder eine Rolle; allerdings räumte er seine eigene Beteiligung erst im hohen Alter ein. In seinen Lebenserinnerungen, 1998 veröffentlicht, gibt er an, seit 1933 Mitglied der NSDAP und der paramilitärischen SA gewesen zu sein. Nicht lange davor noch hatte er in einem Interview eine Partei-Mitgliedschaft verneint. Das Eingeständnis in seiner Autobiografie blieb jedoch bisher fast ohne jede öffentliche Resonanz. Bis in die jüngste Zeit hinein wurde in ehrenden Rückblicken Bredendieks NS-Vergangenheit ausgespart. Dabei lassen Texte, davon einer aus der Nazizeit, der bisher unbeachtet blieb, deutliche Rück­schlüsse auf seine Haltung zu.

Der Arbeitskreis Gröschlerhaus im Heimatverein Jever freut sich sehr, mit Dr. Andreas Wojak einen engagierten Journalisten und Autor, begrüßen zu dürfen, der sich in Radiofeatures, Vorträgen und Veröffentlichungen intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus und seinen Folgen auseinandergesetzt hat. Wojak, geboren 1952, stammt aus Ostfriesland, ist plattdeutsch aufgewachsen und lebt in Oldenburg. Seine 1992 veröffentlichte sozialhistorische Dissertation über Moordorf in Ostfriesland erregte über die Region hinaus Aufsehen. In seinem Projekt „Kriegsbriefe“ ging es auch um die Verstrickung seiner eigenen Familie.

Ein Vortrag Wojaks über die Ehrung des ehemaligen SS-Mediziners Arend Lang durch die Ostfriesische Landschaft 1976 mit der „Ubbo-Emmius-Medaille“ führte erst vor kurzem zur posthumen Aberkennung dieser höchsten Auszeichnung Ostfrieslands. Neben Hein Bredendiek hat sich Wojak mit weiteren niederdeutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern beschäftigt, so mit Wilhelmine Siefkes, Oswald Andrae, Johann Schoon und Greta Schoon.

Im Anschluss an den Vortrag wird Gelegenheit sein, mit dem Referenten und untereinander ins Gespräch zu kommen. Der Eintritt ist frei.

Zeitungsverleger über sechs Generationen – Ende einer langen Tradition in Jever

Die Mettcker-Dynastie prägte das Zeitungsgeschäft im Jeverland seit 210 Jahren

Von Helmut Burlager

Es ist nur eine Nachricht unter vielen ähnlichen in diesen Tagen; der Verkauf der Anteilsmehrheit des Brune-Mettcker-Verlages (Wilhelmshavener Zeitung, Jeversches Wochenblatt) an die NOZ-Gruppe in Osnabrück ist vom Kartellamt genehmigt worden. Die Nachricht reiht sich ein in die vielen anderen über Fusionen und Übernahmen, die derzeit den Weg der Medienbranche in eine gravierend veränderte Zukunft säumen. Für die Region stellt der Teilverkauf, der absehbar in eine Komplettübernahme münden wird, allerdings eine historische Zäsur da. Er bedeutet nicht weniger als das absehbare Ende einer 210-jährigen Familientradition. Nach sechs Generationen gibt die Verlegerfamilie Mettcker, heute Allmers, das Ruder aus der Hand.

Das Jeversche Wochenblatt, 1791 gegründet, gehört zu den ältesten Zeitungen in Deutschland. Nicht ganz von Anfang an, aber doch seit 1816, ist der Name der Zeitung untrennbar mit dem Namen Mettcker verbunden. In dem Jahr war der Gründer des Unternehmens, Hinrich Ludolph Borgeest, gestorben. Sein Gehilfe Christian Ludolph Mettcker bewarb sich beim Magistrat der Stadt Jever erfolgreich um die Nachfolge; seinerzeit mussten der Betrieb einer Druckerei und die Herausgabe einer Zeitung noch von der Stadt genehmigt werden.

Christian Ludolph Mettcker, Gründer des Zeitungsverlages in Jever.

So wurde Mettcker der neue „oldenburgisch-privilegierte Buchdrucker“ und brachte den bis dahin eher schlecht als recht existierenden Verlag technisch und wirtschaftlich auf Vordermann. Neben dem Jeverschen Wochenblatt, das zunächst „Jeverische wöchentliche Anzeigen und Nachrichten“ hieß, gab er ab 1844 die „Jeverländischen Nachrichten“ als vaterländische Wochenschrift heraus, gewann namhafte Autoren aus der intellektuellen Elite des Jeverlands, erhöhte die Zahl der Erscheinungstage, nahm 1854 seine Söhne Johann Ludolph und Andreas Wilhelm mit ins Boot, die 1890 die beiden Blätter zusammenführten. Seitdem ist das Wochenblatt eine Tageszeitung.

Sie hat, auch politisch, eine wechselvolle Geschichte durchgemacht, von einer fortschrittlich-aufklärerischen Vorkämpferin für Demokratie über eine völkisch-antidemokratische Wegbereiterin des Nationalsozialismus bis zu dem unabhängigen und überparteilichen Informationsmedium, als das die Zeitung sich seit der Gründung der Bundesrepublik versteht. 1862 hatte die Familie Mettcker zudem in Wittmund den „Anzeiger für Harlingerland“ gegründet – so erfolgreich, dass diese Zeitung über Jahrzehnte das wirtschaftliche Rückgrat des Verlagsunternehmens bildete.

1916 hatte mit Enno Mettcker die dritte Generation die Verantwortung übernommen, eine vierte Generation aktiver Verleger gab es nicht, weil beide Söhne von Enno und Maria Mettcker im Zweiten Weltkrieg fielen. Nach einer Interimszeit, in der der aus Rathenow stammende Verleger Dr. Fritz Blume sen. das Unternehmen als Generalbevollmächtigter, Geschäftsführer und Chefredakteur leitete, übernahm mit Hajo Allmers, dem Enkel von Maria Mettcker, und seiner Frau Elisabeth in den Achtzigerjahren die fünfte Generation, vor zehn Jahren ging dann mit Robert Allmers bereits die sechste Generation an den Start.

Die Familie Mettcker im Jahr 1889.

1999 hatte der Mettcker-Verlag mit dem Wilhelmshavener Brune-Verlag fusioniert, seitdem firmiert man unter Brune-Mettcker. Die Wilhelmshavener Zeitung, 1847 gegründet, gehört ebenfalls zu den familiengeführten deutschen Zeitungen mit langer publizistischer Tradition. Nach dem Tod des WZ-Verlegers Manfred Adrian übernahm Mettcker-Nachfahre Robert Allmers 2021 alle Anteile an dem Unternehmen, verkaufte dafür jedoch den „Anzeiger für Harlingerland“ an die NWZ-Mediengruppe (Nordwest-Zeitung) in Oldenburg.

Die Wilhelmshavener Zeitung und das Jeversches Wochenblatt wurden in den vergangenen Jahren organisatorisch und redaktionell ebenfalls stark in die NWZ-Gruppe integriert, blieben aber unternehmerisch selbstständig. Mehr als eine enge Zusammenarbeit ließen die Vorgaben des Bundeskartellamtes, das eine strenge Pressefusionskontrolle ausübt und den Wettbewerb am Zeitungsmarkt erhalten möchte, nicht zu.

Doch ein Ende der Geschichte als Familienunternehmen wurde, auch angesichts der dramatischen Veränderungen in der gesamten Medienbranche, mehr und mehr absehbar. Der Verkauf der NWZ-Gruppe an den Madsack-Konzern in Hannover erforderte endgültig eine Entscheidung über die Zukunft des Hauses. Mit der Verlagsgruppe NOZ/mh:n in Osnabrück wurde ein starker Partner gefunden, der den Fortbestand der traditionsreichen Zeitungstitel  gewährleisten kann, auch wenn es fortan kein Familienunternehmen mehr ist. Wie lange es dann noch auf Papier gedruckte Zeitungen sein werden, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ein Überlebender unter Alt-Nazis

Vortrag im Gröschlerhaus Jever über den Landwirt Robert de Taube vom Horster Grashaus

Zu den „Erinnerungsorten“, die in Friesland in den vergangenen Jahren zum Gedenken an das Leid von NS-Verfolgten eingerichtet wurden, gehört das Horster Grashaus zwischen Neustadtgödens und Kleinhorsten. Dass das Schicksal der hier bis Ende der 1930er-Jahre lebenden jüdischen Bewohner gut dokumentiert werden konnte, ist auch einem Zufallsfund zu verdanken.

Robert de Taube im Jahr 1935, bevor er sich vor den Nazis verstecken musste. Foto: Archiv Peters

Im Jahr 2018 kamen in Kentucky, USA, aus einem alten Schrank drei Audio-Kassetten ans Licht. Auf ihnen schildert der jüdische Landwirt Robert de Taube (1896 – 1982), langjähriger Inhaber des Horster Grashauses, seine Überlebensgeschichte. Den Bericht hatte Pfingsten 1971 sein Neffe Walter John Pohl (USA) bei einem Besuch aufgenommen.   

Er beginnt mit der Pogromnacht vom 9. November 1938 auf dem Horster Grashaus und im Ort Neustadtgödens. De Taube schildert anschließend seine Verschleppung in das KZ Sachsenhausen, die gescheiterten Bemühungen, ein rettendes Exilland zu finden, und den Raub des landwirtschaftlichen Eigentums durch die Nationalsozialisten, die ihn 1940 von Wilhelmshaven aus nach Berlin in die Zwangsarbeit vertrieben.

Als 1943 die Deportationszüge nach Auschwitz zu rollen begannen, nahm er sein Versteck auf den Straßen der Reichshauptstadt und in den Waggons der Stadtbahn. Er fuhr kreuz und quer durch Berlin bis hin in die Vorstädte, handelte mit Gemüse, Obst und Kleidung, arbeitete als Gärtner und wechselte ständig seinen Unterschlupf. Töchter aus Nazi-Familien verliebten sich in ihn. In einer Grunewald-Villa fand er als Hausmeister seine beste Bastion. Ohne mutige Unterstützer hätte er nicht überlebt.

Bereits wenige Monate nach seiner Befreiung in Berlin war Robert de Taube wieder zurück in Wilhelmshaven und versuchte, das geraubte Eigentum in Horsten von den nunmehr „Alt-Nazis“ zurückzuerlangen.  Das gelang ihm erst nach  Jahren unter Anspannung aller Kräfte und durch Hilfe von im Ausland überlebenden  Familienangehörigen. Robert de Taube gehörte – wie Fritz Levy in Jever – zu den Juden, die nach der Niederschlagung von Hitler-Deutschland an ein weiteres Leben in der Heimat glaubten, die aber dafür bitter bezahlen mussten.

Die Kompaktkassetten mit dem Interview, das sein Neffe Walter John Pohl 1971 mit Robert de Taube geführt hat. Bild: Archiv Peters

Im Gröschlerhaus, dem Erinnerungsort und Dokumentationszentrum in Jever, hält der Historiker Hartmut Peters am Mittwoch, 8. Oktober, um 19 Uhr einen Bildervortrag unter dem Titel „Ein Leben im offenen Versteck und unter Alt-Nazis. Der jüdische Landwirt Robert de Taube (1896 – 1982) aus Horsten“. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.

Hartmut Peters hat mit Unterstützung von Nachfahren der Familie de Taube in den USA, Mexiko und England den erschütternden Bericht ediert, kommentiert und unter dem Titel „Das offene Versteck“ im Bremer Verlag Fuego veröffentlicht.  In seinem Vortrag stellt Peters die Erinnerungen de Taubes  und auch die spannenden Recherchen dazu vor. Es werden die aufgefundenen Audiokassetten angespielt und auch ein Amateurfilm gezeigt, der 1971 auf dem Horster Grashaus entstand.

Das Gröschlerhaus steht an der Stelle der zerstörten ehemaligen Synagoge von Jever in der Großen Wasserpfortstraße 19.

Die Synagoge virtuell besichtigen

Gröschler-Haus öffnet am Tag des offenen Denkmals

Die prächtige Synagoge der jüdischen Gemeinde Jever ist in der Pogromnacht vom 9. November 1938 von den Nazis angezündet worden, sie wurde komplett zerstört. Trotzdem kann man sie am Sonntag, 14. September 2025, ab 11 Uhr besichtigen. Im Gröschler-Haus in der Großen Wasserpfortstraße 19, dem Dokumentationszentrum am ehemaligen Standort der jeverschen Synagoge, wird anlässlich des Tages des offenen Denkmals die virtuelle Rekonstruktion der 1938 zerstörten Synagoge gezeigt. Zu sehen sind in der Ausstellung auch die erhaltenen Relikte der Synagoge und die Keller-Mikwe. Geöffnet ist das Gröschler-Haus von 11 bis 14 Uhr.

Virtuelle Innenansicht der Synagoge von Jever (Reunion Media)

Das Erinnerungszentrum Gröschler-Haus befindet sich in einem Gebäude, das 1954 auf dem Grundstück der 1938 zerstörten Synagoge errichtet wurde. Bei Umbaumaßnahmen kamen in den vergangenen Jahren eine Reihe von baulichen Relikten des Gotteshauses ans Licht. Diese sowie der im unzerstörten Anbau der Synagoge erhaltene Raum der jüdischen Schule und die im Keller erhaltene Mikwe sind zu besichtigen. Die virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in 3D-Echtzeitsimulation mit VR-Brille und gleichzeitiger Projektion auf einen 2D-Screen steht  außerdem zur Verfügung.  Die realen und virtuellen Führungen werden durch Mitglieder des Arbeitskreises Gröschler-Haus  im Jeverländischen Altertums- und Heimatverein begleitet. Der Eintritt ist frei.

Am Nachmittag wird außerdem eine Führung über den jüdischer Friedhof von Jever im Ortsteil Schenum, Adresse Hohewarf 8, angeboten. Der Eintritt ist ebenfalls frei. Der Friedhof ist ein wichtiges Zeugnis der jüdischen Geschichte von Jever. Die erhaltenen Grabsteine gleichen einem steinernen Buch der Erinnerung.

Jüdischer Friedhof von Jever (Foto: Gröschler-Haus)

Der älteste, erhaltene Grabstein auf dem 1779 errichteten Friedhof stammt aus dem Jahr 1795. Das Kriegsende 1945 vereitelte den Plan der Nationalsozialisten, den Friedhof für die Lagerung von Straßenbaumaterialien einzuebnen. Die britische Militärregierung und der aus Berliner Zwangsarbeit befreite Erich Levy (1891 – 1967) setzten die Wiederherstellung der verwüsteten Grabstätten durch. Levy  ließ hier Denkmäler zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der NS-Zeit und die 1938 zerstörte Synagoge errichten. Zuletzt wurde hier der 1950 aus dem Exil zurückgekehrte Friedrich „Fritz“ Levy (1901- 1982) beerdigt. Auch wegen seiner gut erhaltenen Substanz ist der Friedhof ein für die gesamte Region bedeutsames Denkmal.

Walter Eichhorn war eine Fliegerlegende

Der in Jever geborene Berufspilot flog 60 verschiedene Flugzeuge und wirkte sogar in Kinofilmen mit

Von Helmut Burlager

Upjever – In Friesland ist der Name vielleicht in Vergessenheit geraten, weltweit dagegen ist er in Fliegerkreisen ein Begriff: Im Alter von 88 Jahren ist am 25. Mai 2025 der Pilot Walter Eichhorn gestorben, eine Fliegerlegende.

Walter Eichhorn vor der nach ihm benannten Halle auf dem Flughafen Siegerland. Foto: Eichhorn Airadventures

Sein bewegtes Leben begann 1936 in Jever. Walter Eichhorn wuchs in unmittelbarer Nähe des Fliegerhorstes Upjever auf, der nur wenige Wochen vor seiner Geburt eingeweiht worden war, und erlebte während seiner Kindheit und Jugend den Aufschwung und die Dramen der Militärfliegerei hautnah mit.

War das der Grund für seine eigene Leidenschaft für die Luftfahrt? Erst einmal absolvierte Eichhorn nach der Schulzeit aber eine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker, und mit 19 wanderte er mit seinen Eltern nach Kanada aus. Man hätte in Jever vielleicht nie wieder von ihm gehört, wäre er im Kfz-Beruf geblieben. Aber er machte den Pilotenschein, kaufte sich ein erstes eigenes Flugzeug, wurde 1963 vom Hobby- zum Berufspiloten. Als er trotz inzwischen erworbener kanadischer Staatsbürgerschaft keine Anstellung als Verkehrsflugzeugführer fand, ging er mit seiner ebenfalls deutschstämmigen Frau nach Deutschland zurück, ließ sich bei der Lufthansa weiterbilden und begann eine 30 Jahre währende Pilotenkarriere bei der größten deutschen Fluggesellschaft.

Aber das war nicht alles, er wurde auch erfolgreicher Fallschirmspringer, flog ab 1986 privat das berühmte deutsche Jagdflugzeug Messerschmidt Bf 109 aus dem Zweiten Weltkrieg, wirkte damit in Fernsehserien und Kinofilmen mit, unter anderem in „Operation Walküre“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle.  Eichhorn erwarb die Kunstfluglizenz, wurde Deutscher Meister in der Flugakrobatik. Seine Maschine, eine North American T-6, war nur sechs Jahre jünger als er selbst, er flog sie 44 Jahre lang. Er besaß und flog außerdem weitere Flugzeuge, von der berühmten „Tante Ju“ von Junkers bis zum Ostblock-Strahlflugzeug Aero L-29 Delfin. Insgesamt hat er 60 verschiedene Flugzeugmuster geflogen, bis hin zum Jumbo-Jet, kam auf eine Gesamtflugzeit von mehr als 20.000 Flugstunden und auf 2000 Fallschirmsprünge.

Walter Eichhorn, der in Bad Camberg lebte und zusammen mit seinem Sohn Toni ein Flugunternehmen betrieb, war bis zu seinem Tod vor wenigen Tagen fliegerisch aktiv. Er ist für seine Leistungen vielfach geehrt worden. 2018 nahmen ihn die „Living Legends of Aviation“ als Mitglied auf, ein exklusiver Kreis von 103 Stars der Weltluftfahrt. Auf dem Flughafen Siegerland ist vor einiger Zeit sogar eine Flugzeughalle nach ihm benannt worden. Vielleicht wird man in Jever oder Upjever eines Tages auch mit einer Straße oder einem Platz an ihn erinnern.

Er brachte Jever-Bier hinter den Eisernen Vorhang

Gastronom Broder Drees gestorben / 1989 eröffnete er die Kneipe „Tschaika“ in Leningrad

Von Theo Kruse

Jever/St. Petersburg. Die Nachricht ruft Erinnerungen wach: Der Wirt des Bierlokal „Tschaika“, Broder Drees, ist am 9. Mai im Alter von 78 Jahren in Hamburg-Altona gestorben. Er brachte 1989 das Jever Pilsener hinter den Eisernen Vorhang und schrieb damit Gastronomie-Geschichte. Vor 36 Jahren ein abenteuerliches Unterfangen .

Broder Drees.
Foto: Barbara Koch – aus Wikipedia. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

Gemeinsam mit seinem Kompagnon Peter Wolf und der Bavaria- und St. Pauli-Brauerei aus Hamburg, damals „Mutter“ des Friesischen Brauhauses, sowie der Stadtverwaltung Leningrad gründete der Nordfriese Drees das erste deutsch-russische  Gemeinschaftsunternehmen, ein Joint-Venture. Es waren die Zeiten von Glasnost und Perestroika. Michail Gorbatschow versuchte, das mächtige Sowjetreich zu öffnen und umzugestalten. Der Kalte Krieg schien ein für allemal beendet. Broder Drees, Sohn eines Tierarztes aus Bredstedt in Schleswig Holstein, hatte schon den Großneumarkt mit neuem  gastronomischem Leben erfüllt und damit nach Hamburger Ansicht das ganze Viertel gerettet.

Die Einrichtung der typisch norddeutschen Bierkneipe wurde auf dem Seeweg nach Leningrad gebracht – so hieß damals die heute wieder St. Petersburg genannte Metropole an der Newa. Zu den Merkwürdigkeiten des Umbaues am Gribojedow-Kanal Nr. 17 im Stadtzentrum zählte die Tatsache, dass einige hundert Kilometer Kupferkabel in Hamburg auf den Weg gebracht worden waren, aber in der Kneipe selbst nur wenige hundert Meter verlegt worden waren.

Die Eröffnung ließ sich die Hamburger Mutter des Friesischen Brauhauses einiges kosten. Per Flugzeug erreichte die Delegation aus Jever die Stadt Peter des Großen mit ihren prachtvollen  sakralen und aristokratischen Bauten. Allein für die Eremitage hätte man Monate benötigt, um alle Kunstwerke zu bewundern. Aber es ging natürlich nicht um das Zarengold, sondern um das jeversche Gold. Zusammen mit norddeutschen Spezialitäten und Köstlichkeiten aus der russischen Küche konnte man es sich in der „Tschaika“ (russisch Möwe) recht gut gehen lassen. Sowjetbürger durften in den ersten Jahren nicht hinein, denn es wurden nur Devisen akzeptiert, nicht der heimische Rubel. „Tschaika“ wurde schnell zum Treffpunkt internationaler Gäste der Stadt an der Newa; vor allem die Finnen rauschten schnell mal mit Tragflächenbooten über den Meerbusen, um sich am Jever-Pilsener zu laben.  

Nach der Rückkehr nach Hamburg gründete Broder Drees eine Reederei, die weltweit Seebestattungen anbot. Ein Schwerpunkt waren Urnenbeisetzungen in der Ostsee. Der Tausendsassa entwickelte zusammen mit dem Hamburger Konditormeister Walter Schmidt eine Urne aus Brotteig, die sowohl für See- als auch für Erdbestattung geeignet ist. Für seine Verdienste um die deutsch-russischen Verständigung erhielt Drees die Ehrendoktorwürde einer russischen Universität. „In seinen Kneipen am Hamburger Großneumarkt und St. Petersburg war er Gastgeber für Besucher aus aller Welt“, schreibt seine Tochter Heike Deutschmann in der Traueranzeige. 

Das zarte Pflänzchen  der deutschen-russischen Freundschaft ist spätestens seit dem Ukraine-Krieg zerstört. In Jever indes feierte man vom 6. bis 8. Oktober 1989 die „Deutsch-russische Woche“ unter Beteiligung des sowjetischen Botschafters, nachdem im August desselben Jahres auf dem Roten Platz in Moskau „Jever-Wochen“ für Furore gesorgt hatte. Von 1793 bis 1807 stand das Jeverland tatsächlich unter der Herrschaft der russischen Zarin Katharina der Großen; sie stammte aus dem Hause Anhalt-Zerbst. Doch wer will heute noch etwas von Russland wissen?

NS-Menschenhandel: Per Reichsbahn in die Freiheit

Änne Gröschler aus Jever und der Transport 222 aus Bergen-Belsen

Recht wenig ist bisher über die Austausche jüdischer Menschen aus den NS-Todeslagern gegen nichtjüdische Deutsche in britischer Internierung oder gegen Devisen bekannt. Der Historiker Hartmut Peters gibt am 31. Oktober 2024 (Donnerstag) ab 19 Uhr im GröschlerHaus Jever im Vortrag „Per Reichsbahn in die Freiheit. Änne Gröschler aus Jever und der NS-Menschenhandel“ einen Einblick in dieses verwirrende Randkapitel des Holocaust. 

Änne Gröschler um 1930 (Sammlung B. Löwenberg)

Wie kann es sein und wie kam es, dass NS-Deutschland buchstäblich alle jüdischen Menschen Europas und darüber hinaus ermorden wollte, gleichzeitig aber einige wenige vor ihrer Vernichtung in die Freiheit entließ?  Sechs Millionen wurden ermordet – insgesamt etwa 2500 in der Folge eines Austausches nicht.  

Im Mittelpunkt steht der „Transport 222“, mit dem 1944 die jeversche Jüdin Änne Gröschler (1888 – 1982) aus dem KZ Bergen-Belsen in das britische Mandatsgebiet Palästina entkommen konnte. Vor genau 80 Jahren, im Herbst 1944, schrieb sie sich auf Anraten von Ärzten ihre traumatischen Erfahrungen von der Seele.

Ihr Bericht ist die beste primäre Quelle zum „Transport 222“ und ein einzigartiges Dokument. Es schildert ein Panorama von Schrecken und Durchhaltewillen: die Verfolgung der Juden in einer deutschen Kleinstadt, die Flucht 1939 in die Niederlande, der Überfall Deutschlands 1940, der gescheiterte Versuch, mit dem Schiff nach England zu entkommen, das verratene Versteck in Groningen, die Haft im Lager Westerbork, die drohenden Deportationen nach Auschwitz und die Leiden im „Austauschcamp“ des KZ Bergen-Belsen, wo der Ehemann umkam. 

Wie in einem Wunder bestieg Änne Gröschler dann mit den anderen „Austauschjuden“ auf dem Celler Bahnhof einen zur Täuschung der Weltöffentlichkeit luxuriös ausgestatteten Sonderzug zur mehrtägigen Fahrt in die Freiheit. Das Manuskript des Berichts  wurde von der Familie Gröschler-Löwenberg  dem GröschlerHaus zur Verfügung gestellt und seitdem in verschiedenen kommentierten Ausgaben in Deutschland und den USA veröffentlicht.

Der Weg der Palästina-Austauschhäftlinge von Bergen-Belsen nach Haifa im Juni/Juli 1944 (mit Fluchtweg von Änne Gröschler, oben rechts). Grafik: Andreas Reiberg

Während der „Transport 222“ jüdische Menschen gegen eine identische Anzahl von Auslandsdeutschen aus britischer Internierung tauschte, kamen die sogenannten „Kasztner-Juden“ gegen Devisen frei. Der Budapester jüdische Rechtsanwalt Rudolf Kasztner schaffte es Ende 1944 nach schwierigsten Verhandlungen mit der SS, 1670 Juden aus dem KZ Bergen-Belsen in die rettende Schweiz freizukaufen. Kasztner galt manchen nach dem Krieg als Kollaborateur und wurde 1957 deshalb in Tel Aviv ermordet.

Die Veranstaltung gehört zur Reihe „Zehn Jahre GröschlerHaus“ des Arbeitkreises  GröschlerHaus im Jeverländischen Altertums- und Heimatverein. Der Eintritt ist frei. 

Quelle: Pressemitteilung GröschlerHaus Jever, 21. Oktober 2024

Die Nazis und die Eliten der Mitte im Jeverland

Es gibt nur wenige Regionen, die der NSDAP so früh und so massiv folgten wie das Jeverland. 1924 gaben ihr hier 22,6 Prozent (Deutsches Reich 6,6 %) der Wähler die Stimme, 1933 waren es dann 62,8 % (Reich 43,9 %). Aber damit nicht genug. Bei den Niedersächsischen Landtagswahlen 1951 machten 22,1 % der Wähler die Sozialistische Reichspartei zur zweitstärksten politischen Kraft des Jeverlands. Kurz danach wurde die NS-Nachfolgepartei vom Bundesverfassungsgericht verboten.

Das Gröschlerhaus Jever veranstaltet am Donnerstag, 29. August 2024, um 19 Uhr einen Vortragsabend mit dem Historiker Hartmut Peters über das Thema „Extremismus in der Mitte. Der Sufstieg der NSDAP im Jeverland bis zur Machtübefnahme 1933“. Der Eintritt ist frei.

Hartmut Peters sieht den Schlüssel zur Erklärung der frühen Effolg  er deff tv Nationalsozialisten im Jeverland nicht allein in den Rahmenbedingungen Weimars und in der begünstigenden Sozialstruktur des Jeverlands, sondern bei namhaften Exponenten der eingesessenen bürgerlichen Eliten: „Der Aufstieg war hausgemacht, getragen von Studienräten des Mariengymnasiums, leitenden Verwaltungsbeamten, dem Jeverschen Wochenblatt, Kaufleuten, Wortführern des Landvolks und den evangelischen Pastoren. Das möchte ich an Biografien und Dokumenten aufzeigen.“ Als verbindenden Kitt sieht Peters Judenhass und Ablehnung von Demokratie und kultureller Moderne quer durch beinahe alle etablierten politischen Lager. Laut Peters wurde bisher aber fast manisch nur auf die NSDAP gestarrt, während die im historischen Schatten der offenen Verbrecher operierenden Eliten der „Mitte“ ungeschoren davon kamen. Obwohl sie dieselben extremistischen Grundüberzeugungen besaßen .

Am Ende Vortrags stehen offensichtliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten der politischen Zeiten damals und heute zur Diskussion. Der langjährige Lehrer am Mariengymnasium Jever Hartmut Peters hat die NS-Geschichte des Jeverlands und der Juden der Region erforscht und seit 1984 darüber publiziert. Seine Aufsätze sind auch über die Webseite groeschlerhaus.eu zugänglich.

Quelle: Pressemitteilung Gröschlerhaus Jever