Unsere Reise durch Ghana: Accra-Kumasi-Wa-Kumasi-Obuasi-Cape Coast-Accra
JEVER/ACCRA/BRM – Die Eindrücke nach sieben Tagen in Ghana könnten vielfältiger nicht sein, die Botschaft dagegen ist eindeutig: Mit Mikrokrediten gelingt es, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen und den Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen. Die Mitglieder des Freundeskreises Weser-Ems, der seit drei Jahren die Hilfsorganisation Opportunity International unterstützt und bis Ende letzten Jahres mehr als 100000 Euro an Spendengeldern gesammelt hat, zu denen weitere 180000 von anderen Spendensammlern dazugekommen sind, konnte sich bei einer Rundreise in Ghana vor Ort davon überzeugen, dass die Hilfe zur Selbsthilfe durch die Gewährung von Klein- und Kleinstkrediten Früchte trägt und dass die Spendengelder wirklich da ankommen, wo sie gebraucht werden.
Brigitte Meiners auf dem 10 Hektar großen Markt von Kumasi
Zusammen mit weiteren Förderern von Opportunity International bekamen der ehemalige Präsident des Genossenschaftsverbands Weser-Ems, Jochen Ewald, Pastor Rüdiger Möllenberg, der Radiologe Dr. Benno Wördehoff und Helmut Burlager, Redaktionsleiter des Jeverschen Wochenblatts, tiefe Einblicke in das Leben der ghanaischen Bevölkerung , die in weiten Teilen bettelarm ist und die Hilfe zum Überleben braucht. Wurden bislang mit den Spendengeldern aus der Region Weser-Ems vor allem Frauen in der Voltaregion unterstützt, so steht nach der eindrucksvollen Reise ins schwül-heiße Westafrika fest: Das Engagement des Freundeskreises, zu dem als weitere treibende Kraft auch der IHK-Präsident Dr. Karl Harms gehört, soll nun ausgeweitet werden auf landwirtschaftliche Projekte, die Finanzierung von „Microschools“ und die spezielle Unterstützung von bedürftigen Jugendlichen, denen der Weg zu einer Ausbildung geebnet werden soll.
Von Brigitte Meiners
Kumasi – „Wir bräuchten mehr von ihrer Sorte“, sagt Anthony Gyasi-Fosu, Chef der Sinapi Aba Trust Bank, die ihren Hauptsitz in Kumasi hat. Seine Aussage bezieht sich auf die 38 Jahre alte Joyce Owusu Dabo, die als Marketing Managerin im dem Unternehmen tätig ist, zu dem 350 Mitarbeiter zählen.
Joyce ist eine der wenigen Frauen, die den Sprung in eine gehobene Position geschafft haben. Dabei war ihr der Erfolg keineswegs vorgezeichnet: Ihre geschiedene Mutter musste im Wesentlichen allein für die drei Kinder aufkommen. Und nur mit großer Anstrengung, so erzählt es die tatkräftige Managerin, sei es ihr gelungen, den Kindern das Schulgeld und die Universität zu zahlen.
Afrika: Im Wirtschaftsleben des Kontinents dominiert vielfach das „schwache“ Geschlecht“. Mikrofinanzierer berücksichtigen dies: Die meisten Kleinkredite werden an weibliche Klienten vergeben.
Von Brigitte Meiners
Die Straßenverkäuferin in Kumasi, der Millionenstadt mitten in Ghana, lacht. Sie freut sich, dass sie ihr Gebäck an den Mann gebracht hat. Das Geld verschwindet in den Weiten ihres Rockes, geschickt setzt sie ihr „Geschäft“, eine mit Glas versehene Holzvitrine, auf den Kopf und setzt anmutig ihren Weg fort, Ausschau haltend nach dem nächsten Kunden.
Im Wirtschaftsleben vieler afrikanischer Länder dominieren die Frauen. Sie sind es, die auf den Märkten zu finden sind, sie treiben Handel mit den unterschiedlichsten Produkten. Während in der Politik die Frauen wenig zu sagen haben, verweisen sie die Männer im wirtschaftlichen Leben auf die Plätze. Wen wundert es da, dass Opportunity International, eine gemeinnützige Entwicklungshilfeorganisation, die mit der Vergabe von Mikrokrediten versucht, die Menschen in Entwicklungsländern aus der Armut zu führen, die meisten Kleinkredite an Frauen vergibt. Denn dadurch, das weiß der ghanaische Opportunity-Partner, Sinapi Aba Trust, aus Erfahrung, profitieren die Familien am unmittelbarsten.
Die Frauen sind es, die das Familieneinkommen verwalten, etwa sechs Familienmitglieder werden davon versorgt. Und auch wenn die meisten Kleinstunternehmerinnen mit ihren Familien von der Hand in den Mund leben, so tragen doch viele ihre mageren Ersparnisse auf die Bank. Die meisten der über 90000 Klienten, die in Ghana von Sinapi Aba Trust mit einem Mikrokredit versorgt werden, haben auch ein Sparbuch. Dies ist zwar ein Verlustgeschäft, frisst doch die Inflationsrate die Sparzinsen auf, doch immerhin ist das Geld auf dem Sparbuch sicher. Denn solange Geld im Haus ist, würden die Frauen nach ghanaischer Tradition es auch für weiter entfernte Verwandte hergeben.
Nicht selten setzen die Frauen auf verschiedene Einkommensquellen, da sind sie erfinderisch. Denn Erfolg zu haben, das verschafft ihnen Respekt. Die „Queenmothers“, die in den Dörfern das Sagen haben, sind der Beweis dafür. Das hat in Ghana eine lange Tradition, schon immer setzten die Frauen auf Selbstständigkeit. Gut bezahlte Arbeitsplätze in der Stadt, vielleicht sogar in einer gehobenen Position, sind für Frauen aber eher selten. Häufig nämlich ermöglichen die kinderreichen Familien, die sich weder das Schulgeld für weiterführende Schulen noch gar eine Universitätsausbildung leisten können, eher den Jungen der Familie eine Ausbildung. Kein Wunder, dass mehr als ein Drittel der Frauen nicht lesen und schreiben können, bei den Männern liegt die Rate dagegen bei unter 20 Prozent.
Bei der Rundreise durch Ghana, die der Opportunity-Freundeskreis Weser-Ems Mitte März unternommen hat, bestand die Gelegenheit, mit etlichen Frauen zu sprechen. Hier sind ihre Geschichten.
Von Brigitte Meiners
Jever/Kumasi. Die dumpfen Trommeln sind von weitem zu hören. Sie geben den Takt für die Tänzer und Tänzerinnen vor, die sich rhythmisch zur Musik bewegen. Um sie herum sitzen Frauen in langen, bunten Gewändern auf der einen Seite, Männer mit Kaftanen auf der anderen Seite, und überall halbnackte Kinder, die mit großen Augen das Geschehen verfolgen. Diejenigen, die in Bulengha, einem kleinen Dorf in der Nähe der Provinzhauptstadt Wa im Norden Ghanas, etwas zu sagen haben, dürfen auf einem Teppich oder Plastikstühlen sitzen. Sie und die Stammesältesten aus zwei weiteren benachbarten Dörfern, die zu Fuß hergekommen sind, begrüßen die weißen Gäste aus Europa feierlich per Handschlag.
Die Gäste: Das sind Mitglieder des Freundeskreises Weser Ems, die sich auf den Weg gemacht haben in den ärmsten Teil des ohnehin schon armen Ghana, fast an der Grenze zu Burkina Faso. Hier läuft das „Sorghum-Projekt“ der Stiftung Opportunity International.
Sorghum heißt übersetzt Hirse. Und die Hirsebauern sind für die gewährten Kleinkredite dankbar. Das wird an diesem Vormittag bei schweißtreibenden Temperaturen deutlich: Den Leuten geht es jetzt besser. Doch es gibt auch Probleme: Ein Traktor müsste angeschafft. Aber, keine Frage, der Kleinkredit hilft wirklich, macht Abdul Najeed, einer der Kleinbauern, klar. Und Halidu Zenabu, offenbar die führende Frau im Dorf, formuliert noch einen Wunsch: Wenn es eine Wasserleitung gäbe, dann könnte vielleicht auch Gemüse angebaut werden. Der Traum von einem besseren Leben ist ausbaubar. Zwei Stunden dauert die Dorfversammlung. Der Besuch weißer Gäste – in diesem abgelegenen Landstrich ein Grund für ein Volksfest.
Eine halbe Stunde Autofahrt über sandige Schotterstraßen zurück nach Wa. Dort freut sich Mary Emori. Zusammen mit ihrer Tochter verkauft sie auf dem quirligen Markt ein wenig Hirse, vor allem aber Erdnüsse. Sie hat ihr Leben selbst in die Hand genommen und jetzt bereits zum sechsten Mal über den ghanaischen Partner von Opportunity International, „Sinapi Aba Trust“, einen Kleinkredit erhalten, der es ihr ermöglicht, größere Mengen an Erdnüssen billig einzukaufen und sie dann weiter zu vermarkten. Emori gehört zu den typischen Kreditnehmern, werden doch die meisten aller Mikrokredite an Frauen vergeben. Sie gelten zum einen als zuverlässige Rückzahler und stärken zudem unmittelbar ihre stets kinderreichen Familien. Im muslimisch geprägten Norden, wo Polygamie herrscht, besteht bei der Kreditvergabe an Männer dagegen die Gefahr, dass diese das Geld in Nebenfrauen investieren.
„Wir geben 95 Prozent aller Kredite an Frauen“, erklärt Elisha Gomnah, der die Sinapi-Filiale in Wa leitet und eines herausstellt: Auch wenn Sinapi christlich orientiert ist, spielt die Religionszugehörigkeit bei der Kreditvergabe keine Rolle. „Wir wollen, dass sich durch die Mikrokredite das Leben verbessert, dies gilt für alle“, sagt er.
Eine Tagesreise entfernt, mitten in Ghana, liegt Obuasi und noch einmal eine halbe Stunde entfernt das kleine Dorf Tweapease. Auch hier: Kleines Geld, große Wirkung. In der „Microschool“ von Joanna Benyin sitzen 90 Jungen und Mädchen auf Schulbänken, die aus dem Schulmuseum Bohlenbergerfeld stammen könnten. Sie lernen aus abgenützten Fibeln Lesen, Schreiben, Rechnen. 90 Kinder profitieren vom Kredit, den die 42 Jahre alte Joanna Benin im Rahmen des „Microschool-Programms“ erhalten hat. In den letzten sechs Jahren hat sie eine kleine Urwaldschule aufgebaut. Zwei Räume mit Dach, die vor dem Regen schützen, ein Brunnen, der das nötige Wasser liefert. Drei Lehrer hat die Frau, die selbst Analphabetin ist, angestellt. Die Eltern der Kinder müssen 10 bis 25 Cent am Tag, an Schulgeld zahlen, das tägliche Mittagessen ist dafür inklusive. Viel Geld für die Eltern, doch die investieren in ihre Kinder gerne, ist doch Bildung der Schlüssel gegen die Armut.
Auf Bildung setzen auch die Jugendlichen, die im Rahmen des Youth Apprenticeship Programms (YAP), einem speziellen Ausbildungsprogramm, eine kostenlose Lehre machen können und anschließend einen Starter-Kredit für die Selbstständigkeit erhalten. Zu ihnen gehört etwa der 19-jährige Stephen Dadzie in Cape Coast. Er lernt derzeit, Fenster aus Aluminum herzustellen und er ist glücklich, einen Platz im Programm ergattert zu haben. Aufgewachsen mit zehn Geschwistern, musste er die Schule abbrechen, weil kein Geld für die Schulgebühren da war. Jetzt aber erlebt er, dass sein Traum von einem Leben mit Perspektive wahr werden kann.
Der Freundeskreis Weser-Ems von Opportunity hat während der siebentägigen Reise von Süd nach Nord und Nord nach Süd viele Beispiele dafür gesehen, dass Entwicklungshilfe durch Mikrokredite funktioniert: Schneiderinnen, Friseurinnen, Händlerinnen, Fensterbauer, Landwirte. Sie alle wären in diesem politisch relativ stabilen und für afrikanische Verhältnisse recht gut entwickelten Land nicht verhungert. Die Mikrokredite haben ihnen jedoch geholfen, ihr Leben und das ihrer Familien auf eine sicherere Basis zu stellen und – was besser ist als jedes Geschenk aus reicheren Ländern – für sich selbst sorgen zu können.
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