Die Synagoge virtuell besichtigen

Gröschler-Haus öffnet am Tag des offenen Denkmals

Die prächtige Synagoge der jüdischen Gemeinde Jever ist in der Pogromnacht vom 9. November 1938 von den Nazis angezündet worden, sie wurde komplett zerstört. Trotzdem kann man sie am Sonntag, 14. September 2025, ab 11 Uhr besichtigen. Im Gröschler-Haus in der Großen Wasserpfortstraße 19, dem Dokumentationszentrum am ehemaligen Standort der jeverschen Synagoge, wird anlässlich des Tages des offenen Denkmals die virtuelle Rekonstruktion der 1938 zerstörten Synagoge gezeigt. Zu sehen sind in der Ausstellung auch die erhaltenen Relikte der Synagoge und die Keller-Mikwe. Geöffnet ist das Gröschler-Haus von 11 bis 14 Uhr.

Virtuelle Innenansicht der Synagoge von Jever (Reunion Media)

Das Erinnerungszentrum Gröschler-Haus befindet sich in einem Gebäude, das 1954 auf dem Grundstück der 1938 zerstörten Synagoge errichtet wurde. Bei Umbaumaßnahmen kamen in den vergangenen Jahren eine Reihe von baulichen Relikten des Gotteshauses ans Licht. Diese sowie der im unzerstörten Anbau der Synagoge erhaltene Raum der jüdischen Schule und die im Keller erhaltene Mikwe sind zu besichtigen. Die virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in 3D-Echtzeitsimulation mit VR-Brille und gleichzeitiger Projektion auf einen 2D-Screen steht  außerdem zur Verfügung.  Die realen und virtuellen Führungen werden durch Mitglieder des Arbeitskreises Gröschler-Haus  im Jeverländischen Altertums- und Heimatverein begleitet. Der Eintritt ist frei.

Am Nachmittag wird außerdem eine Führung über den jüdischer Friedhof von Jever im Ortsteil Schenum, Adresse Hohewarf 8, angeboten. Der Eintritt ist ebenfalls frei. Der Friedhof ist ein wichtiges Zeugnis der jüdischen Geschichte von Jever. Die erhaltenen Grabsteine gleichen einem steinernen Buch der Erinnerung.

Jüdischer Friedhof von Jever (Foto: Gröschler-Haus)

Der älteste, erhaltene Grabstein auf dem 1779 errichteten Friedhof stammt aus dem Jahr 1795. Das Kriegsende 1945 vereitelte den Plan der Nationalsozialisten, den Friedhof für die Lagerung von Straßenbaumaterialien einzuebnen. Die britische Militärregierung und der aus Berliner Zwangsarbeit befreite Erich Levy (1891 – 1967) setzten die Wiederherstellung der verwüsteten Grabstätten durch. Levy  ließ hier Denkmäler zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der NS-Zeit und die 1938 zerstörte Synagoge errichten. Zuletzt wurde hier der 1950 aus dem Exil zurückgekehrte Friedrich „Fritz“ Levy (1901- 1982) beerdigt. Auch wegen seiner gut erhaltenen Substanz ist der Friedhof ein für die gesamte Region bedeutsames Denkmal.

Drei Frauen aus Jever in drei journalistischen Top-Jobs

Neues von Rieke Havertz, Britta Kollenbroich und Hilke Janssen

Von Helmut Burlager

2025 wird anscheinend das Erfolgsjahr von Journalistinnen, die aus Jever stammen oder ihre Karriere hier begannen. Oder auf die beides zutrifft, wie auf die ZEIT-Redakteurin Rieke Havertz. Sie ist regelmäßiger Gast in politischen Talkshows sowie in der Presseschau des Morgenmagazins im Ersten und Zweiten Fernsehen und nicht nur dadurch einem breiten Publikum bekannt. Dass die 45-jährige USA-Expertin sich in letzter Zeit ein bisschen rarmachte, hat damit zu tun, dass sie sich bei der ZEIT eine kleine Auszeit genommen hat, um ein Buch zu schreiben. Das ist jetzt fertig.     

Rieke Havertz

„Goodbye, Amerika? Die USA und wir – eine Neuvermessung“ ist der Titel. Das Thema könnte aktueller nicht sein. „Das Amerikabuch, das wir jetzt brauchen“, kündigt der Aufbau-Verlag den 240-Seiten-Band an, der am 11. November erscheinen wird. „Ein zweites Mal Trump, Tech-Milliardäre im amerikanischen und im deutschen Wahlkampf, das transatlantische Bündnis in der Krise: Der Blick auf die USA macht zunehmend ratlos, die Berichterstattung hierzulande ist geprägt von Antiamerikanismus, Sensationalismus und dem Mantra vom gespaltenen Land. Aber es geht auch anders. Und vor allem produktiver. Denn die USA sind nach wie vor das mächtigste Land der Welt, ein echtes Verständnis als Basis einer zukunftsfähigen Beziehung ist daher unerlässlich. Die langjährige USA-Expertin und -Korrespondentin Rieke Havertz lädt uns ein in ihr Amerika. Sie spürt überraschenden Fakten nach, führt uns zu den Schlüsselorten des Landes und macht deutlich: Wer die US-Politik verstehen will, muss die Menschen verstehen.“

Soweit der Werbeblock. Dass Rieke Havertz die Richtige ist, uns Amerika zu erklären, daran besteht kein Zweifel. 1980 geboren, machte die Jeveranerin ihre ersten journalistischen Gehversuche in der kleinen Redaktion des NWZ-Jeverlandboten in ihrer Heimatstadt. Nach dem Journalistik-Studium an der Universität Leipzig und der Ohio University ging sie als Redakteurin zur taz und wechselte 2016 als Redaktionsleiterin und Chefin vom Dienst zu ZEIT ONLINE. Mehrfach war sie für die ZEIT als Korrespondentin in den USA tätig und berichtete unter anderem über spannende Wahlkämpfe. Seit 2020 betreibt sie zusammen mit Klaus Brinkbäumer den Podcast „OK, America?“, in dem die beiden Experten sehr regelmäßig und ausführlich die aktuelle politische Lage in den Vereinigten Staaten analysieren.

Soeben ist dieser Podcast mit dem renommierten scoop-Award der Initiative nextMedia in Hamburg ausgezeichnet worden. Die Verleihung an Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer wird am 10. September 2025 im Rahmen des „scoopcamp“ stattfinden, in der Vorankündigung heißt es, mit dem Preis sollten zwei herausragende Medienpersönlichkeiten und ein Format gewürdigt werden, das exemplarisch für journalistische Exzellenz und digitale Verbreitung stehe. „OK, America?“ liefere „fundierte Analysen zur US-amerikanischen Politik aus einer deutschen Perspektive – klug, kontinuierlich und journalistisch präzise. Einen entscheidenden Anteil am Erfolg haben Klaus Brinkbäumer und Rieke Havertz, deren Persönlichkeit und Expertise das Format tragen.“ Dr. Nina Klaß, Leiterin von nextMedia Hamburg und Verantwortliche für das scoopcamp und den Award, schrieb: „Wer die USA verstehen will, kommt an Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer nicht vorbei.“

Hilke Janssen

An Hilke Janssen kommt nicht vorbei, wer regelmäßig NDR-Fernsehen und NDR-Radioprogramme sieht und hört. Auch sie stammt aus Jever. In diesem Sommer (2025) hat sie die Leitung der Redaktion für Landespolitik, Wirtschaft und die ARD-Zulieferung übernommen. Seit 14 Jahren ist Hilke Janssen hauptberuflich für den NDR tätig. In Dortmund und Budapest hat sie Journalistik, Politik und Anglistik studiert und danach als freie Journalistin gearbeitet, bevor sie zum Norddeutschen Rundfunk kam. Seit 2023 ist sie Mitglied im Vorstand der Landespressekonferenz Niedersachsen und übernahm dort das Amt der Schatzmeisterin. „Ich habe diesen Beruf ergriffen, weil es nichts Besseres gibt, als Neues zu lernen, um die Welt besser zu verstehen“, hat sie vor einiger Zeit in einem Interview mit dem DJV Niedersachsen gesagt.

Britta Kollenbroich

Sie ist nicht die Erste, die ihr journalistisches Handwerk beim Jeverschen Wochenblatt gelernt hat und dann beim renommierten „SPIEGEL“ landete. Britta Kollenbroich (Jahrgang 1986) ist Anfang Juli bei dem Hamburger Nachrichten- und Meinungsmagazin einen weiteren Karriereschritt gegangen. Seit etlichen Jahren war die aus Wittmund stammende Redakteurin beim Spiegel stellvertretende Leiterin des Auslandsressorts. Anfang Juli hat sie ihre neue Position als Auslandskorrespondentin in Washington D.C. angetreten, ein Traumjob für die weitgereiste Friesin. Von 2006 bis 2008 hatte sie in Jever in der Lokal- und Sportredaktion volontiert und anschließend bis 2009 als Redakteurin gearbeitet. Dann wechselte sie zum Bachelor- und Masterstudium nach Hamburg, blieb aber vier Jahre lang nebenbei für die Financial Times Deutschland und bis 2016 für die Deutsche Presseagentur tätig.

2014 berichtete sie von der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien, unter anderem schrieb sie auch eine Kolumne über ihre Erfahrungen dort für das Jeversche Wochenblatt. Im selben Jahr stieg sie als studentische Hilfskraft beim Spiegel ein und ist dort seit Anfang 2016 Redakteurin. Schon zwei Jahre später wurde sie stellvertretende Ressortleiterin, zunächst bei Spiegel Online, dann im Auslandsressort. Nun ist sie mit ihrer ganzen Familie wieder dort, wo sie schon immer gerne war: im Ausland. Der spannende Korrespondentenjob in den Vereinigten Staaten ist zunächst auf zwei Jahre ausgelegt.

Bounty trat seine letzte Reise an

Bekannter und beliebter Wirt der „Kogge“ auf Wangerooge verstorben

Von Theo Kruse

Kaum jemand kannte seinen richtigen Namen, aber unter dem Spitznamen Bounty war er bekannt wie ein bunter Hund. Jetzt wurde seine Asche der See übergeben. Der Wirt des Wangerooger Bierlokals „Die Kogge“, Ralf Hugo Bösling, war im Mai im Alter von 74 Jahren verstorben.

In diesem Jahr hätte der beliebte und urige Gastwirt sein 40-jähriges Inseljubiläum begehen können. Die „Kogge“ als Treffpunt der Insulaner in  der Zedeliusstraße war auch ein Anlaufpunkt für Urlauber. Bounty schenkte ein gepflegtes „Jever-Pilsener“ und Hochprozentiges ein, am Tresen wurde geknobelt und geschnackt. Legendär die Zeiten, als auch der Shantychor „De Wangeroogers“ dort probte. Die Shantymen haben sich als Chor inzwischen  aus Altersgründen aufgelöst.

Bounty stammte aus Berlin und betrieb anfangs den Kiosk am Bahnhof, später war auch in der „Kellerklause“ tätig, bevor er vor etwa 30 Jahren die „Kogge“ übernahm. Das urige, mit allerhand Seefahrtsdeko ausgestattete Lokal ist eines der wenigen, in denen noch geraucht werden darf. Egal ob Bürgerversammlungen, Ratssitzungen oder Vereinsabende – den „Absacker“ nahm man oft und gerne in trauter Runde in der „Kogge“, wo Bounty am Zapfhahn stand und meist erst weit nach Mitternacht den Schlüssel umdrehte.

Nun  hat Ralf Bösling in der Nordsee vor Wangerooge seine letzte Ruhe gefunden. Viele Stammgäste werden den zuweilen kauzigen Kultzapfer vermissen. Er konnte mitunter grantig sein, trug aber das Herz auf der Zunge: Ein Wangerooger Urtyp. Sein Lieblingsspruch: „Wir sind hier nicht auf Sylt!“

Walter Eichhorn war eine Fliegerlegende

Der in Jever geborene Berufspilot flog 60 verschiedene Flugzeuge und wirkte sogar in Kinofilmen mit

Von Helmut Burlager

Upjever – In Friesland ist der Name vielleicht in Vergessenheit geraten, weltweit dagegen ist er in Fliegerkreisen ein Begriff: Im Alter von 88 Jahren ist am 25. Mai 2025 der Pilot Walter Eichhorn gestorben, eine Fliegerlegende.

Walter Eichhorn vor der nach ihm benannten Halle auf dem Flughafen Siegerland. Foto: Eichhorn Airadventures

Sein bewegtes Leben begann 1936 in Jever. Walter Eichhorn wuchs in unmittelbarer Nähe des Fliegerhorstes Upjever auf, der nur wenige Wochen vor seiner Geburt eingeweiht worden war, und erlebte während seiner Kindheit und Jugend den Aufschwung und die Dramen der Militärfliegerei hautnah mit.

War das der Grund für seine eigene Leidenschaft für die Luftfahrt? Erst einmal absolvierte Eichhorn nach der Schulzeit aber eine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker, und mit 19 wanderte er mit seinen Eltern nach Kanada aus. Man hätte in Jever vielleicht nie wieder von ihm gehört, wäre er im Kfz-Beruf geblieben. Aber er machte den Pilotenschein, kaufte sich ein erstes eigenes Flugzeug, wurde 1963 vom Hobby- zum Berufspiloten. Als er trotz inzwischen erworbener kanadischer Staatsbürgerschaft keine Anstellung als Verkehrsflugzeugführer fand, ging er mit seiner ebenfalls deutschstämmigen Frau nach Deutschland zurück, ließ sich bei der Lufthansa weiterbilden und begann eine 30 Jahre währende Pilotenkarriere bei der größten deutschen Fluggesellschaft.

Aber das war nicht alles, er wurde auch erfolgreicher Fallschirmspringer, flog ab 1986 privat das berühmte deutsche Jagdflugzeug Messerschmidt Bf 109 aus dem Zweiten Weltkrieg, wirkte damit in Fernsehserien und Kinofilmen mit, unter anderem in „Operation Walküre“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle.  Eichhorn erwarb die Kunstfluglizenz, wurde Deutscher Meister in der Flugakrobatik. Seine Maschine, eine North American T-6, war nur sechs Jahre jünger als er selbst, er flog sie 44 Jahre lang. Er besaß und flog außerdem weitere Flugzeuge, von der berühmten „Tante Ju“ von Junkers bis zum Ostblock-Strahlflugzeug Aero L-29 Delfin. Insgesamt hat er 60 verschiedene Flugzeugmuster geflogen, bis hin zum Jumbo-Jet, kam auf eine Gesamtflugzeit von mehr als 20.000 Flugstunden und auf 2000 Fallschirmsprünge.

Walter Eichhorn, der in Bad Camberg lebte und zusammen mit seinem Sohn Toni ein Flugunternehmen betrieb, war bis zu seinem Tod vor wenigen Tagen fliegerisch aktiv. Er ist für seine Leistungen vielfach geehrt worden. 2018 nahmen ihn die „Living Legends of Aviation“ als Mitglied auf, ein exklusiver Kreis von 103 Stars der Weltluftfahrt. Auf dem Flughafen Siegerland ist vor einiger Zeit sogar eine Flugzeughalle nach ihm benannt worden. Vielleicht wird man in Jever oder Upjever eines Tages auch mit einer Straße oder einem Platz an ihn erinnern.

Er brachte Jever-Bier hinter den Eisernen Vorhang

Gastronom Broder Drees gestorben / 1989 eröffnete er die Kneipe „Tschaika“ in Leningrad

Von Theo Kruse

Jever/St. Petersburg. Die Nachricht ruft Erinnerungen wach: Der Wirt des Bierlokal „Tschaika“, Broder Drees, ist am 9. Mai im Alter von 78 Jahren in Hamburg-Altona gestorben. Er brachte 1989 das Jever Pilsener hinter den Eisernen Vorhang und schrieb damit Gastronomie-Geschichte. Vor 36 Jahren ein abenteuerliches Unterfangen .

Broder Drees.
Foto: Barbara Koch – aus Wikipedia. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

Gemeinsam mit seinem Kompagnon Peter Wolf und der Bavaria- und St. Pauli-Brauerei aus Hamburg, damals „Mutter“ des Friesischen Brauhauses, sowie der Stadtverwaltung Leningrad gründete der Nordfriese Drees das erste deutsch-russische  Gemeinschaftsunternehmen, ein Joint-Venture. Es waren die Zeiten von Glasnost und Perestroika. Michail Gorbatschow versuchte, das mächtige Sowjetreich zu öffnen und umzugestalten. Der Kalte Krieg schien ein für allemal beendet. Broder Drees, Sohn eines Tierarztes aus Bredstedt in Schleswig Holstein, hatte schon den Großneumarkt mit neuem  gastronomischem Leben erfüllt und damit nach Hamburger Ansicht das ganze Viertel gerettet.

Die Einrichtung der typisch norddeutschen Bierkneipe wurde auf dem Seeweg nach Leningrad gebracht – so hieß damals die heute wieder St. Petersburg genannte Metropole an der Newa. Zu den Merkwürdigkeiten des Umbaues am Gribojedow-Kanal Nr. 17 im Stadtzentrum zählte die Tatsache, dass einige hundert Kilometer Kupferkabel in Hamburg auf den Weg gebracht worden waren, aber in der Kneipe selbst nur wenige hundert Meter verlegt worden waren.

Die Eröffnung ließ sich die Hamburger Mutter des Friesischen Brauhauses einiges kosten. Per Flugzeug erreichte die Delegation aus Jever die Stadt Peter des Großen mit ihren prachtvollen  sakralen und aristokratischen Bauten. Allein für die Eremitage hätte man Monate benötigt, um alle Kunstwerke zu bewundern. Aber es ging natürlich nicht um das Zarengold, sondern um das jeversche Gold. Zusammen mit norddeutschen Spezialitäten und Köstlichkeiten aus der russischen Küche konnte man es sich in der „Tschaika“ (russisch Möwe) recht gut gehen lassen. Sowjetbürger durften in den ersten Jahren nicht hinein, denn es wurden nur Devisen akzeptiert, nicht der heimische Rubel. „Tschaika“ wurde schnell zum Treffpunkt internationaler Gäste der Stadt an der Newa; vor allem die Finnen rauschten schnell mal mit Tragflächenbooten über den Meerbusen, um sich am Jever-Pilsener zu laben.  

Nach der Rückkehr nach Hamburg gründete Broder Drees eine Reederei, die weltweit Seebestattungen anbot. Ein Schwerpunkt waren Urnenbeisetzungen in der Ostsee. Der Tausendsassa entwickelte zusammen mit dem Hamburger Konditormeister Walter Schmidt eine Urne aus Brotteig, die sowohl für See- als auch für Erdbestattung geeignet ist. Für seine Verdienste um die deutsch-russischen Verständigung erhielt Drees die Ehrendoktorwürde einer russischen Universität. „In seinen Kneipen am Hamburger Großneumarkt und St. Petersburg war er Gastgeber für Besucher aus aller Welt“, schreibt seine Tochter Heike Deutschmann in der Traueranzeige. 

Das zarte Pflänzchen  der deutschen-russischen Freundschaft ist spätestens seit dem Ukraine-Krieg zerstört. In Jever indes feierte man vom 6. bis 8. Oktober 1989 die „Deutsch-russische Woche“ unter Beteiligung des sowjetischen Botschafters, nachdem im August desselben Jahres auf dem Roten Platz in Moskau „Jever-Wochen“ für Furore gesorgt hatte. Von 1793 bis 1807 stand das Jeverland tatsächlich unter der Herrschaft der russischen Zarin Katharina der Großen; sie stammte aus dem Hause Anhalt-Zerbst. Doch wer will heute noch etwas von Russland wissen?

Jubiläums-Jahrbuch der Seenotretter

DGzRS feiert 160-jähriges Bestehen und 150 Jahre Sammelschiffchen

DGzRS. Ohne Deine Spende geht’s nicht.

1775 Einsätze auf Nord- und Ostsee, 79 Menschen aus Seenot gerettet, 403 aus drohender Gefahr befreit, 2967 Personen Hilfe geleistet, 900 Wasserfahrzeuge aus schwierigen Situationen geborgen, 26 Schiffe und Boote vor dem Totalverlust bewahrt. Das ist die Bilanz der Seenotretter im Jahr 2024. Und noch eine Zahl: „Null“ steht für die Summe der Steuergelder, die in diese wichtige Arbeit flossen. Denn die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger finanziert sich ausschließlich über freiwillige Beiträge und Spenden.

Neben diesen und vielen anderen Zahlen präsentiert das Jahrbuch 2025 der Seenotretter, das soeben an die registrierten Spender verschickt wurde, wieder eine Fülle von Geschichte und Informationen rund um die einerseits segensreiche, andererseits auch spannende Arbeit der Männer und Frauen, die rund um die Uhr für die Sicherheit auf See im Einsatz sind. Das neue Heft feiert aber auch ein Doppeljubiläum. 160 Jahre Seenotretter und 150 Jahre Sammelschiffchen. Letztere tragen dank ihrer Präsenz an 13.000 verschiedenen Orten nicht wenig zum Spendenaufkommen für die DGzRS bei. 832.429,94 Euro „Kleingeld“ steckten Freunde der Seenotretter im vergangenen Jahr in die originellen Spendenbüchsen, die den historischen Rettungsbooten nachempfunden sind. 1875 wurde das erste aufgestellt, mittlerweile finden sie sich in Geschäften und Gaststätten, Apotheken und Arztpraxen, auf Inselfähren und auf Großcontainerschiffen, ja sogar auf Forschungsschiffen in der Arktis und Antarktis. 1996 wurde sogar eins auf der Zugspitze aufgestellt, weit weg von Nord- und Ostsee.

Sie sind bis heute nicht aus der Mode gekommen, auch wenn Spenden an die Seenotretter heute auf vielen anderen Wegen möglich sind, von der klassischen Banküberweisung über die Online-Spende bis zum mobilen Zugang per QR-Code. Der DGzRS fließen aber auch Bußgelder zu und in erheblichem Umfang auch Zuwendungen auch Nachlässen. Unterm Strich kam die Organisation zum Beispiel 2023 auf Spendenerträge von mehr als 60 Millionen Euro. Davon werden nicht nur die Personal- und Materialkosten der gesamten Rettungsorganisation mit fast 60 Rettungsstationen und der Zentrale in Bremen finanziert, sondern auch die laufende Modernisierung der großen Schiffs- und Bootsflotte der DGzRS.

Das Jahrbuch 2024 berichtet, neben Exkursen in die Geschichte der Seenotrettung und der Sammelschiffchen, auf 136 Seiten über die vielfältigen Aspekte dieser wertvollen Arbeit. Kaufen kann man es übrigens nicht, aber man erhält es als Spender. Schon dafür lohnt sich eine Zuwendung. https://www.seenotretter.de/magazin/jahrbuch

NS-Menschenhandel: Per Reichsbahn in die Freiheit

Änne Gröschler aus Jever und der Transport 222 aus Bergen-Belsen

Recht wenig ist bisher über die Austausche jüdischer Menschen aus den NS-Todeslagern gegen nichtjüdische Deutsche in britischer Internierung oder gegen Devisen bekannt. Der Historiker Hartmut Peters gibt am 31. Oktober 2024 (Donnerstag) ab 19 Uhr im GröschlerHaus Jever im Vortrag „Per Reichsbahn in die Freiheit. Änne Gröschler aus Jever und der NS-Menschenhandel“ einen Einblick in dieses verwirrende Randkapitel des Holocaust. 

Änne Gröschler um 1930 (Sammlung B. Löwenberg)

Wie kann es sein und wie kam es, dass NS-Deutschland buchstäblich alle jüdischen Menschen Europas und darüber hinaus ermorden wollte, gleichzeitig aber einige wenige vor ihrer Vernichtung in die Freiheit entließ?  Sechs Millionen wurden ermordet – insgesamt etwa 2500 in der Folge eines Austausches nicht.  

Im Mittelpunkt steht der „Transport 222“, mit dem 1944 die jeversche Jüdin Änne Gröschler (1888 – 1982) aus dem KZ Bergen-Belsen in das britische Mandatsgebiet Palästina entkommen konnte. Vor genau 80 Jahren, im Herbst 1944, schrieb sie sich auf Anraten von Ärzten ihre traumatischen Erfahrungen von der Seele.

Ihr Bericht ist die beste primäre Quelle zum „Transport 222“ und ein einzigartiges Dokument. Es schildert ein Panorama von Schrecken und Durchhaltewillen: die Verfolgung der Juden in einer deutschen Kleinstadt, die Flucht 1939 in die Niederlande, der Überfall Deutschlands 1940, der gescheiterte Versuch, mit dem Schiff nach England zu entkommen, das verratene Versteck in Groningen, die Haft im Lager Westerbork, die drohenden Deportationen nach Auschwitz und die Leiden im „Austauschcamp“ des KZ Bergen-Belsen, wo der Ehemann umkam. 

Wie in einem Wunder bestieg Änne Gröschler dann mit den anderen „Austauschjuden“ auf dem Celler Bahnhof einen zur Täuschung der Weltöffentlichkeit luxuriös ausgestatteten Sonderzug zur mehrtägigen Fahrt in die Freiheit. Das Manuskript des Berichts  wurde von der Familie Gröschler-Löwenberg  dem GröschlerHaus zur Verfügung gestellt und seitdem in verschiedenen kommentierten Ausgaben in Deutschland und den USA veröffentlicht.

Der Weg der Palästina-Austauschhäftlinge von Bergen-Belsen nach Haifa im Juni/Juli 1944 (mit Fluchtweg von Änne Gröschler, oben rechts). Grafik: Andreas Reiberg

Während der „Transport 222“ jüdische Menschen gegen eine identische Anzahl von Auslandsdeutschen aus britischer Internierung tauschte, kamen die sogenannten „Kasztner-Juden“ gegen Devisen frei. Der Budapester jüdische Rechtsanwalt Rudolf Kasztner schaffte es Ende 1944 nach schwierigsten Verhandlungen mit der SS, 1670 Juden aus dem KZ Bergen-Belsen in die rettende Schweiz freizukaufen. Kasztner galt manchen nach dem Krieg als Kollaborateur und wurde 1957 deshalb in Tel Aviv ermordet.

Die Veranstaltung gehört zur Reihe „Zehn Jahre GröschlerHaus“ des Arbeitkreises  GröschlerHaus im Jeverländischen Altertums- und Heimatverein. Der Eintritt ist frei. 

Quelle: Pressemitteilung GröschlerHaus Jever, 21. Oktober 2024

Die Nazis und die Eliten der Mitte im Jeverland

Es gibt nur wenige Regionen, die der NSDAP so früh und so massiv folgten wie das Jeverland. 1924 gaben ihr hier 22,6 Prozent (Deutsches Reich 6,6 %) der Wähler die Stimme, 1933 waren es dann 62,8 % (Reich 43,9 %). Aber damit nicht genug. Bei den Niedersächsischen Landtagswahlen 1951 machten 22,1 % der Wähler die Sozialistische Reichspartei zur zweitstärksten politischen Kraft des Jeverlands. Kurz danach wurde die NS-Nachfolgepartei vom Bundesverfassungsgericht verboten.

Das Gröschlerhaus Jever veranstaltet am Donnerstag, 29. August 2024, um 19 Uhr einen Vortragsabend mit dem Historiker Hartmut Peters über das Thema „Extremismus in der Mitte. Der Sufstieg der NSDAP im Jeverland bis zur Machtübefnahme 1933“. Der Eintritt ist frei.

Hartmut Peters sieht den Schlüssel zur Erklärung der frühen Effolg  er deff tv Nationalsozialisten im Jeverland nicht allein in den Rahmenbedingungen Weimars und in der begünstigenden Sozialstruktur des Jeverlands, sondern bei namhaften Exponenten der eingesessenen bürgerlichen Eliten: „Der Aufstieg war hausgemacht, getragen von Studienräten des Mariengymnasiums, leitenden Verwaltungsbeamten, dem Jeverschen Wochenblatt, Kaufleuten, Wortführern des Landvolks und den evangelischen Pastoren. Das möchte ich an Biografien und Dokumenten aufzeigen.“ Als verbindenden Kitt sieht Peters Judenhass und Ablehnung von Demokratie und kultureller Moderne quer durch beinahe alle etablierten politischen Lager. Laut Peters wurde bisher aber fast manisch nur auf die NSDAP gestarrt, während die im historischen Schatten der offenen Verbrecher operierenden Eliten der „Mitte“ ungeschoren davon kamen. Obwohl sie dieselben extremistischen Grundüberzeugungen besaßen .

Am Ende Vortrags stehen offensichtliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten der politischen Zeiten damals und heute zur Diskussion. Der langjährige Lehrer am Mariengymnasium Jever Hartmut Peters hat die NS-Geschichte des Jeverlands und der Juden der Region erforscht und seit 1984 darüber publiziert. Seine Aufsätze sind auch über die Webseite groeschlerhaus.eu zugänglich.

Quelle: Pressemitteilung Gröschlerhaus Jever

We kehr for you

Sabine Thümler. Foto: BSR

Den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern, nur weil eine Kehrmaschine vorbeifährt – das muss man erstmal hinkriegen.  „Wie kehr for you!“ steht auf den Fahrzeugen der Berliner Stadtreinigung (BSR). Das ist ein schönes Wortspiel mit dem englischen „to care for“, also sich um etwas oder jemanden kümmern. Für die legendäre Werbekampagne stand Sabine Thümler, Kommunikationschefin der BSR. Sie war bekannt wie ein bunter Hund und eine Legende unter den Berliner Pressesprechern. Im Dezember 2021, kurz vor Weihnachten, starb sie ganz plötzlich und unerwartet, wenige Monate vor ihrer Pensionierung. Etliche der Hauptstadtzeitungen veröffentlichten Nachrufe. Müllwagen ließ die PR-Chefin auch mit „Mülle grazie“ oder mit „Leerwagen“ beschriften, Nachweis ihres speziellen Humors, den sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatte. Sabine Thümler, die eigentlich Biologie und Geografie auf Lehramt studiert hatte, stammte gebürtig aus Friesland.

Fernsehserie „Der 7. Sinn“ lebt in Friesland weiter

Die zweite Folge der Video-Aufklärungsserie von Landkreis und Verkehrswachten ist auf Youtube veröffentlicht worden.

Von Helmut Burlager

Wer regelmäßig im Ausland unterwegs ist, weiß sie zu schätzen, für viele Verkehrsteilnehmer in Deutschland sind sie immer noch der Angstgegner: Kreisverkehre. Der Landkreis Friesland und die Verkehrswachten Jeverland und Varel haben deshalb das zweite Video ihrer neuen Reihe „Der 7. Sinn“ diesem Thema gewidmet. Es ist auf Youtube zu sehen.

In Friesland gibt es immerhin knapp ein Dutzend Kreisverkehre. Immer mal wieder kommt es zu kleineren und größeren Karambolagen oder zu Konflikten zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern, weil nicht alle Verkehrsteilnehmer wissen, wie man einen Kreisverkehr richtig nutzt. Dem soll das knapp vier Minuten lange Video entgegenwirken.

Denn eigentlich sorgen Kreisverkehre nicht nur für einen besseren Verkehrsfluss als Ampelkreuzungen, für weniger Umweltbelastung und auf längere Sicht auch für geringere Kosten. Sie sind im Prinzip auch sicherer, schon weil die Fahrzeuge mit niedrigerer Geschwindigkeit durchfahren und Unfälle oft glimpflicher ausgehen als bei Fahrfehlern auf konventionellen Kreuzungen und an Einmündungen.

Das Video zeigt anhand von Beispielsituationen an den verschiedensten Kreisverkehren in Friesland, wie man es richtig macht: Dass Vorfahrt hat, wer sich im Kreisel bewegt, dass man möglichst an den Verkehrsfluss angepasst hineinfährt, ohne zu blinken, und dass man beim Herausfahren den Blinker setzen muss. Dass Autofahrer wie auch Radfahrer beim Ein- und Ausfahren auf querende Radfahrer und Fußgänger achten müssen, die auch aus der „falschen“ Richtung kommen können. Und dass mit Rücksichtnahme alles besser geht – was die Quintessenz jedes Videos der neuen Reihe „Der 7. Sinn“ sein soll.

Im Juli 2021 hatten der Landkreis und die Verkehrswachten das erste Video der Reihe veröffentlicht, es drehte sich um das Thema Sicherheitsabstand zu Radfahrern. Bewusst knüpft das Projekt an die bekannte Fernsehserie an, die von 1966 bis 2005 im ersten Programm ausgestrahlt wurde und mit der Zeit Kultstatus bekommen hatte, Kultstatus – nicht nur wegen der eingängigen Titelmusik. Aus heutiger Sicht kuriose Folgen, etwa über „Frauen im Straßenverkehr“, werden bis heute auf Youtube viel geklickt.

Von der anhaltenden Popularität der Aufklärungsfilme wollen der Landkreis Friesland und die Verkehrswachten Jeverland und Varel-Friesische Wehde profitieren. Sie legen die Serie mit dem offiziellen Segen des Westdeutschen Rundfunks, der die Rechte besitzt, neu auf. Bei der Vorstellung des Projekts sagte Thorsten Hinrichs, der Leiter der Straßenverkehrsbehörde des Landkreises, im Juli, es sei beim „gemeinsamen Nachdenken“ von Polizei, Verkehrswachten und Landkreis darüber entstanden, wie sich die  Verkehrssicherheitsprävention noch verbessern lasse und wie man neue Zielgruppen erreichen könnte. Zudem höre man immer wieder die Klage, dass sich im Verkehrsrecht ständig so viele ändert, dass die Leute kaum nachkämen.

Die Serie „Der 7. Sinn Friesland“ soll mit drei bis vier Beiträgen im Jahr solche Themen aufgreifen. Ideen gibt es noch viele. Sie in Videoclips umzusetzen, damit wurden Jana und Manfred Eckhoff von FRI-Media aus Jever beauftragt. Die können aber nicht nur auf ihre eigene lange Erfahrung mit der Produktion von Kurzfilmen zurückgreifen, sondern werden bei der Konzeption und Umsetzung von den Fachleuten der Verkehrswachten und der Polizei unterstützt.

„Über allem“, so Thorsten Hinrichs, „schwebt der Gedanke der Rücksichtnahme im Verkehr. Rücksicht, Rücksicht und noch mal Rücksicht.“