Versicherung für Tagelöhner

Die Financial Times Deutschland beschäftigt sich heute mit dem Thema Mikroversicherungen: http://www.ftd.de/unternehmen/versicherungen/:agenda-versicherung-fuer-tageloehner/60013301.html

Weitere frische und ältere Links zum Thema sozale Mikrofinanzierung hier:  https://friesenblog.wordpress.com/mikrokredite-2/links-zum-thema-mikrofinanzierung/

Helfen mit landwirtschaftlichen Mikrokrediten

Ghana277 70 Prozent der 1.4 Milliarden afrikanischen Menschen leben in extremer Armut (mit weniger als einem Euro am Tag) in landwirtschaftlichen Regionen. Opportunity International setzt sich verstärkt für die Armutsbekämpfung in ländlichen Regionen durch die Ausweitung von Finanzdienstleistungen und der Entwicklung eines Finanzprogramms für Kleinbauern ein. Mehr zu diesem Thema hier:

http://www.oid.org/dokumente/neuigkeiten/landwirtschaftliche-mikrokredite.html

Mikrofinanz in der Diskussion

Verunsichert durch die Diskussion um Mikrokredite? Opportunity International lädt zu einem Fachgespräch ein: http://www.oid.org/dokumente/neuigkeiten/einladung-fachgespraech.html

Kleinkredite werden für große Profite geopfert

 

Ein Beitrag von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus in der New York Times vom 14. Januar 2011, übersetzt von Stefanie Reichenbach (Opportunity International Deutschland, Köln). Der Originaltext (Sacrificing Microcredit for Megaprofits) ist hier zu lesen: New York Times 

Kleinkredite werden für große Profite geopfert

Von Muhammad Yunus

In den 1970er Jahren, als ich angefangen habe an dem zu arbeiten, was man heute als „Mikrokredit“ kennt, war es eines meiner Ziele, die Kredithaie zu vertreiben, dich sich bereichern, indem sie die Armen ausnutzen. Im Jahr 1983 habe ich die Grameen-Bank gegründet, um kleine Kredite zu vergeben, damit die Menschen, und vor allem arme Frauen, sie nutzen können, um sich selbst aus der Armut zu befreien. Zu dieser Zeit hätte ich mir nie vorstellen können, dass die Mikrofinanzierung eines Tages ihre eigenen Kredithaie hervorbringen würde.

Doch genau das ist passiert. Und das Ergebnis davon ist, dass viele Kreditnehmer in Indien mit der Rückzahlung ihrer Kredite in Verzug geraten, was wiederum dazu führen könnte, dass Kreditgeber aus dem Geschäft gedrängt werden. Die Krise in Indien macht deutlich, dass es dringend notwendig ist, die Mikrofinanzierung wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Die Probleme mit den Mikrokrediten begannen um das Jahr 2005, als viele Kreditgeber nach Wegen suchten, wie sie von den Krediten profitieren können, indem sie ihren Status als Non-Profit-Organisation aufgeben und zu einem kommerziellen Unternehmen werden. Im Jahr 2007 ging Compartamos, eine mexikanische Bank, als erste Mikrokreditbank Lateinamerikas an die Börse. Und im letzten August brachte SKS Microfinance, die größte Bank dieser Art in Indien, bei ihrem Börsengang 358 Millionen US-Dollar auf.

Um sicherzustellen, dass die kleinen Kredite für ihre Anteilseigner profitabel sind, mussten solche Banken die Zinsen erhöhen und aggressive Methoden für das Marketing und die Kredite-Eintreibung anwenden. Das Mitgefühl, das gegenüber den Kreditnehmern einst gezeigt wurde, als die Kreditgeber noch Non-Profit-Organisationen waren, verschwand. Den Menschen, denen Mikrokredite helfen sollten, wurde Schaden zugefügt. In Indien kamen Kreditnehmer zu dem Schluss, dass die Kreditgeber sie ausnutzen, und hörten auf ihre Kredite zurückzuzahlen.

Die Kommerzialisierung war eine schrecklich falsche Wendung für die Mikrofinanzierung, und sie zeigt eine besorgniserregende Kursänderung in der Motivation derer, die den Armen Geld leihen. Armut sollte ausgerottet, nicht als Möglichkeit Geld zu verdienen betrachtet werden.

Es gibt ernste praktische Probleme, wenn Mikrokredite als gewöhnliches Geschäft zur Profitmaximierung behandelt werden. Anstatt große Fonds zu schaffen, die dazu dienen, Geld an Mikrofinanzinstitutionen zu verleihen, wie es Bangladesh getan hat, bringen diese kommerziellen Organisationen größere Summen auf volatilen internationalen Finanzmärkten auf und übertragen die finanziellen Risiken dann auf die Armen.

Des Weiteren bedeutet das, dass kommerzielle Mikrofinanzinstitute zum Gegenstand von Forderungen nach immer höheren Profiten werden, die nur durch höhere Zinsraten, die von den Armen verlangt werden, durchgesetzt werden können. Dadurch wird der eigentliche Zweck der Kredite zerstört.

Einige Verfechter der Kommerzialisierung sagen, dass dies der einzige Weg ist, um das Geld zu beschaffen, das notwendig ist, um die Verfügbarkeit von Mikrokrediten zu erweitern und das System von der Abhängigkeit von Stiftungen und anderen wohltätigen Gebern zu „befreien“. Doch es ist möglich, Investment in Mikrokredite nutzbar zu machen – und sogar Profit zu erwirtschaften – ohne auf Almosen oder den globalen Finanzmarkt zurückzugreifen.

Die Grameen-Bank, deren Geschäftsführer ich bin, hat 2.500 Filialen in Bangladesh. Sie verleiht mehr als 100 Millionen US-Dollar im Monat, durch Kredite von weniger als 10 Dollar für Bettler in unserem „Struggling Members“ Programm (Programm für Mitglieder, die sich in Schwierigkeiten befinden), bis zu Krediten für Mikrounternehmen von ungefähr 1.000 Dollar. Die meisten Filialen tragen sich finanziell selbst und sind nur von den Spareinlagen gewöhnlicher Bangladescher abhängig. Wenn Kreditnehmer der Bank beitreten eröffnen sie ein Sparkonto. Alle Kreditnehmer haben Sparkonten bei der Bank, viele mit Guthaben die höher sind als ihre Kredite. Und jedes Jahr werden die Gewinne der Bank an die Kreditnehmer – 97 Prozent davon sind arme Frauen – in der Form von Dividenden zurückgegeben.

Mehr Mikrokredit-Institutionen sollten dieses Modell anwenden. Die Gemeinschaft muss die ursprüngliche Definition der Mikrokredite noch einmal bestätigen, die Kommerzialisierung aufgeben und dazu zurückkehren den Armen zu dienen.

Eine strengere Regulierung durch die Regierung könnte hilfreich sein. Der maximale Zinssatz sollte nicht höher sein, als die Kosten für die Finanzierung – also die Kosten, die der Bank entstehen, um das Geld, das verliehen wird, aufzubringen – plus 15 % der Finanzierung. Diese 15 % sollen die Betriebskosten decken und zum Gewinn beitragen. Im Fall der Grameen-Bank betragen die Kosten für die Finanzierung 10 %. Deshalb könnte der maximale Zinssatz 25% betragen. Wir erheben jedoch nur 20% von den Kreditnehmern. Die ideale Spanne zwischen den Kosten für die Finanzierung und dem Zinssatz für den Kredit sollte nahe bei 10 % liegen.

Um eine solche Deckelung durchzusetzen braucht jedes Land, in dem Mikrokredite vergeben werden, eine Regulierungsbehörde. Bangladesh, das die meisten Mikrokreditnehmer pro Quadratmeile in der Welt hat, hat seit mehreren Jahren eine solche Behörde, und sie konzentriert sich darauf, Transparenz bei der Kreditvergabe zu garantieren, und hat übermäßige Zinssätze und Methoden zur Kredit-Eintreibung unterbunden. In Zukunft könnte sie dazu in der Lage sein Mikrofinanzbanken zu akkreditieren. Indien, mit seinem boomenden Mikrokreditsektor braucht eine solche Regulierungsbehörde dringend.

Es gibt immer Leute, die darauf erpicht sind, die Schwachen auszunutzen. Doch Kreditprogramme, die versuchen aus dem Leiden der Armen Profit zu schlagen, sollten nicht als „Mikrokredit“ bezeichnet werden und Investoren, die solche Programme besitzen, sollten nicht vom Vertrauen und dem Respekt, den sich Mikrokreditbanken rechtmäßig erworben haben, profitieren dürfen.

Regierungen sind dafür verantwortlich, solchen Missbrauch zu verhindern. Als im Jahr 1997 die damalige First Lady Hillary Clinton und Sheikh Hasina, die Premierministerin von Bangladesh, mit anderen führenden Politikern der Welt zusammentrafen, um sich zu verpflichten, bis zum Jahr 2005 Mikrokredite und andere Finanzdienstleistungen für 100 Millionen arme Menschen zur Verfügung zu stellen, da sah es aus, als wäre das eine absolut unmögliche Aufgabe. Doch 2006 hatten wir dieses Ziel erreicht. Die führenden Politiker der Welt sollten wieder zusammenkommen und eine mächtige und visionäre Führung anbieten, um zu helfen die Mikrofinanzierung wieder auf Kurs zu bringen.

Ghana-Seite umgezogen

Nach mehreren Umzügen ist unser Ghana-Reisebericht vom März 2010 jetzt auch im Friesenblog gelandet: https://friesenblog.wordpress.com/ghana-seite/

Wir, Brigitte Meiners, Jochen Ewald und Helmut Burlager, erzählen in mehreren Beiträgen über unsere Rundreise durch das westafrikanische Land, die uns zu zahlreichen Klienten von Opportunity International führt. Opportunity ist eine weltweit agierende Mikrokredit-Organisation, deren deutscher Ableger OID vom Freundeskreis Weser-Ems unterstützt wird. Mehr über die Entwicklungshilfearbeit mit Mikrofinanzierung unter www.oid.org

Neue Links zum Thema Mikrokredite

Seit Jahrzehnten funktioniert die Idee der Entwicklungshilfe mittels Mikrofinanzierung. Weltweit bekannt wurde sie erst mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Muhammad Yunus. Seit einigen Monaten aber sind Mikrokredite in Verruf geraten. Zu recht? Zu unrecht? Wer das beurteilen will, muss zunächst einmal Informationen haben. Eine Linksammlung zu wichtigen Beiträgen in der Debatte um Mikrokredite ist hier zu finden: https://friesenblog.wordpress.com/mikrokredite-2/

Den richtigen Mikrofinanzpartner auswählen

Eine Stellungnahme von Opportunity International, Großbritannien

Opportunity International war in den letzten 40 Jahren führend in der Kleinkreditvergabe an arme Menschen in der ganzen Welt. Während dieser Zeit ist die Zahl der Mikrofinanzanbieter deutlich angestiegen. Ein Ergebnis dieses Wachstums ist eine größere öffentliche Prüfung der ausgeübten Methoden und Prioritäten der Mikrofinanzorganisationen.

Es ist daher wichtig, dass jeder, der Mikrofinanzierung unterstützen möchte, zunächst die Ziele, Prioritäten und Methoden des potentiellen Mikrofinanzpartners bewertet. Wir bieten eine Liste mit Fragen und Antworten an, die bei der Bewertung helfen soll. Dahinter steckt die Überzeugung, dass Opportunity Internationals Mikrofinanzarbeit eine Vorreiterrolle einnimmt, anhand derer die Arbeit von anderen Mikrofinanzorganisationen bewertet werden kann.

Frage: Ist die Organisation vor allem daran interessiert, einen Profit zu erwirtschaften oder den Armen zu dienen?

Wichtig hierbei: Nicht alle Mikrofinanzorganisationen sind gemeinwohlorientiert. Manche kommerzielle Mikrofinanzanbieter konzentrieren sich vor allem darauf, Gewinne zu maximieren und den Unternehmenswert zu steigern. Es ist wichtig, herauszufinden, ob die Organisation vor allem im Interesse der Armen handelt oder eine Gewinnmaximierung anstrebt.

Die Hauptmotivation von Opportunity International war immer der Wunsch, Menschen in Armut zu stärken und ihnen ein Zugang zu Mikrofinanzierung zu ermöglichen. Da Opportunitys gemeinnützige Stiftungen die Mehrheiten an allen „Partnerbanken“ besitzen und nicht individuelle Aktienbesitzer, werden alle Gewinne wieder neu investiert, damit wir unsere Dienstleistungen ausbauen können und die Kosten für unsere Klienten reduziert werden können.

Frage: Welche Anzeichen gibt es dafür, dass eine Organisation tatsächlich in erster Linie Menschen in Armut unterstützt und nicht darauf fokussiert ist, Profit zu erwirtschaften?

Ein gemeinnütziger Rechtstitel ist nicht der einzige Anhaltspunkt, der darüber Aufschluss gibt, ob eine Mikrofinanzorganisation sich auch wirklich für Arme einsetzt. Andere Anhaltspunkte wie etwa die soziale Demografie der Klienten, der Einsatzort und der Umfang der Arbeit einer Organisation sowie ein Nachweis über bisherige Erfahrungen einer Organisation sind ebenfalls wichtig.

Soziale Demografie: Opportunity International möchte den ärmsten der arbeitenden Armen helfen. Dies wird zum einen daran deutlich, dass die durchschnittliche Höhe des Startkapitals für einen Klienten niedrig ist (er beträgt zum Beispiel in Malawi durchschnittlich 129 Euro) und zum anderen daran, dass Opportunitys Partner vor allem in Entwicklungsländern arbeiten.

Einsatzort und Umfang der Arbeit: Opportunity International arbeitet in 24 der ärmsten Länder der Welt. In diesen Ländern weiten wir unsere Arbeit von den städtischen Regionen in die ländlichen Regionen weiter aus, da vor allem in ländlichen Regionen Menschen keinen Zugang zu Mikrofinanzdienstleistungen haben. Die Arbeit in abgelegenen ländlichen Gegenden ist sehr kostspielig, aber essentiell, wenn Menschen die Chance gegeben werden soll, sicher und verlässlich Geld zu leihen und zu sparen.

angebotene Dienstleistungen: Opportunity International bietet vielfältige Mikrofinanzdienstleitungen an – Kredite, Sparmöglichkeiten und Versicherungen – da arme Menschen nicht nur Kredite haben wollen. Sie wollen ihr Geld sicher sparen und sich gegen unvorhergesehene Ereignisse versichern. Die Möglichkeit, Geld sicher zu sparen, ist besonders wichtig, da Menschen auf diese Weise die Möglichkeit eröffnet wird, einen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu bekommen, Nahrungsmittel zu kaufen und gegebenenfalls auf Notfälle reagieren zu können. Opportunitys Sparkonten bieten armen Menschen die Chance, ihr Geld sicher auf einem Bankkonto zu sparen anstatt es unter einer Matratze verstecken oder im Boden vergraben zu müssen.

Nachweis über Erfahrungen: Opportunity International hat 40 Jahre Erfahrung darin gesammelt, armen Menschen Mikrofinanzdienstleistungen anzubieten.

Frage: Wie bewahrt eine Organisation ihre Klienten davor, in finanzielle Schwierigkeiten zu kommen?

Wichtig hierbei: Ohne eine vernünftige Betreuung kann ein Kredit kein Segen, sondern ein Fluch sein.

Beziehungen aufbauen: Opportunity International baut zu allen Klienten eine Beziehung auf. Indem wir die individuelle Situation unserer Klienten kennenlernen, können wir auf ihre speziellen Bedürfnisse eingehen. Als ein verantwortungsbewusster Kreditgeber vergeben wir keine Kleinkredite an Menschen, die nicht in der Lage sind, diese zurückzuzahlen.

Schulungen zu Wirtschaftsthemen: Unsere Klienten erhalten Schulungen zu Wirtschaftsthemen, die ihnen dabei helfen sollen, vernünftig mit ihrem Geld umzugehen. Dank der Spenden, die wir von der britischen Regierung und anderen großen Spendern erhalten haben, können wir den Umfang unserer Schulungen vergrößern.

Frage: Welche Garantie gibt es, dass die Organisation sich auch in Zukunft um die Bedürfnisse von Armen kümmert?

Es ist wichtig zu untersuchen, welche Absicherungen eventuell existieren, um sicher zu gehen, dass die Organisation sich auch zukünftig für Arme engagiert.

Wie bereits dargestellt verfolgt Opportunity International mit dem Engagement für Arme eine gemeinnützige Mission. Wir streben danach, unsere Dienstleistungen für arme Menschen zu verbessern, indem wir kontinuierlich den Einfluss unserer Arbeit evaluieren und gegebenenfalls verbessern.

Die aktuelle Diskussion um Mikrokredite

Die Linksammlung zum Thema Mikrokredite ist umgezogen, und zwar hierher: https://friesenblog.wordpress.com/mikrokredite-2/

Die Meinung von Opportunity International zum Thema: https://friesenblog.wordpress.com/2010/11/27/schwarze-schafe-schaden-einer-guten-idee/. Ein Beitrag von Stefan Knüppel, Vorstand der Stiftung OID.


Schwarze Schafe schaden einer guten Idee

Von Stefan Knüppel

Die kommerzielle Mikrofinanzierung steht in der Kritik – zu Recht, denn einige Organisationen betreiben damit Missbrauch an einer guten Idee. Verzweifelte Kreditnehmerinnen in Indien sitzen in der Schuldenfalle. Trauriger Höhepunkt sind Selbstmorde von Frauen, die keinen Ausweg mehr wussten. Um diese Fehlentwicklungen zu verstehen, müssen wir an die Anfänge der Mikrofinanzierung zurückgehen.

Stiftungstag 2008 126

Vor ca. 40 Jahren gab es an verschiedenen Stellen dieser Welt – Muhammad Yunus in Bangladesch, Opportunity International in Südostasien, Accion in Lateinamerika – die fantastische Erkenntnis, dass Menschen, die bisher keinen Zugang zu Kapital hatten, vertrauenswürdig waren und einen kleinen Kredit nutzten, um sich aus der Armut zu befreien. Diese revolutionäre Idee setzten vor allem kleine gemeinnützige Vereine und kirchliche Gruppen erfolgreich um. Die erste gemeinnützige Stiftung Opportunity International gründete der australische Geschäftsmann David Bussau in seinem Heimatland.

Sowohl kommerzielle Banken als auch die allgemeine Öffentlichkeit nahmen jahrzehntelang keine Notiz davon. Wenn Mikrofinanz wahrgenommen wurde, dann wurde sie belächelt und in Frage gestellt, und gerade die kommerziellen Banken konnten sich nicht vorstellen, dass dies funktionieren kann. Doch der Erfolg war unaufhaltsam. Es wurde immer deutlicher, dass es für die ehemals „Unbankables“ einen großen Unterschied machte, ob ihnen jemand Vertrauen entgegen bringt und sich ihr Leben somit grundlegend verändern kann. Es entstanden die Trustbanks mit gegenseitiger Gruppenhaftung, und auch Opportunity konnte zeigen, dass Mikrofinanz gut funktioniert. Dabei war von Anfang an klar: Es geht nicht darum, Geld zu verdienen, sondern darum, Armut zu bekämpfen – mit dem Effekt, dass das zurückgezahlte Geld wieder eingesetzt werden kann, aber keine Aktionärsinteressen befriedigt werden müssen.

In Untersuchungen wurde ermittelt, dass rund eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben. Mit dieser Erkenntnis begann die Kommerzialisierung der Mikrofinanzierung. Das hatte nicht nur negative Auswirkungen, da mit guten Programmen auch mehr Menschen erreicht werden. Aber der Erfolg hat leider viele „schwarze Schafe“ angelockt. Diese nutzen die gute Idee aus und missbrauchen die Armut der Menschen für unmoralisches Verhalten. Opportunity lehnt dieses Verhalten scharf ab. Opportunity ist in großer Sorge, dass unter diesem Verhalten nicht nur die betroffenen Klienten leiden, sondern auch die Bereitschaft zurückgehen könnte, diese wichtige Arbeit der Armutsbekämpfung weiter zu unterstützen. Somit würden auch die bestraft, die dringend auf die Hilfe warten.

Wo findet Missbrauch statt?

1. Zinshöhe
Es gibt Beispiele, bei denen die Notlage der Kreditnehmer ausgenutzt wird und von kommerziellen Banken über 100 Prozent Zinsen p. a. genommen werden. Muhammad Yunus meint dazu, dass wir diese Idee nicht entwickelt haben, damit in unserem Namen die Kredithaie durch die Hintertür wiederkommen. Opportunity nimmt einen marktüblichen Zins, der in unsern 25 Ländern sehr unterschiedlich ist. Als Richtwert kann man festhalten, dass der Zins p. a. in etwa 10 Prozent über der Inflation liegt.

2. Überschuldung
Gerade in Indien wird nicht darauf geachtet, ob die Menschen überhaupt in der Lage sind, einen Kredit zurückzuzahlen. Kommerzielle Banken sind von Aktionären getrieben und haben Wachstumsziele von über 100 Prozent. Diese erreichen sie nur, wenn sie ohne ordentliche Vorprüfung einfach Kredite vergeben. Das führt dazu, dass Kreditnehmerinnen sich doppelt und dreifach verschulden, ihre Lage völlig aussichtslos ist und es zu diesen schrecklichen Ereignissen kommt. Dies erinnert an die US-amerikanische Schuldenkrise, die durch die leichtsinnige Vergabe von Immobilienkrediten vor ein paar Jahren ausgelöst wurde.

3. Gewinnmaximierung
Wenn man mit diesem Ansatz Menschen helfen möchte, müssen Missernten, Naturkatastrophen, aber auch persönliche Schicksale berücksichtigt werden. Nur die schwarzen Schafe unter den Mikrofinanz-Institutionen ignorieren dies und erpressen den Kredit von den Kreditnehmern zurück. Ich persönlich konnte es nicht glauben, als ich schon vor Jahren bei den Opfern des Tsunamis erlebt habe, dass kommerzielle Banken keine Rücksicht genommen haben. Sie haben Naturkatastrophen einfach ignoriert und die Kreditnehmer zur Rückzahlung gezwungen.

4. Kredite ohne Begleitung

Auch das ist für viele Kreditnehmer nicht gut. Sie sind häufig Analphabeten und brauchen eine gute Begleitung durch die Gruppe und die Kreditbetreuer. Zudem müssen sie die Möglichkeit haben, wieder aus dem Programm auszusteigen. Wenn ich jedoch alles unter dem Gesichtspunkt eines maximalen Gewinns sehe, dann werde ich die Kreditnehmer nicht begleiten, denn es kostet ja Geld. Opportunity International arbeitet mit über zwei Millionen Klienten zusammen. Dabei gibt es für uns nur ein Ziel: die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern! Wir wollen niemals Geld damit verdienen! Deshalb haben wir ein breites Schulungs- und Trainingsprogramm. Bevor der Kredit vergeben wird, beschäftigen wir uns mehrere Wochen lang mit den Kreditnehmern: Passt das Programm zu dir? Was kannst du machen? Was ist notwendig, damit du einen Schritt aus der Armut machen kannst? Durch diese intensive Vorbereitung schließen wir diejenigen von dem Programm aus, die schon woanders einen Kredit bekommen haben. Aber dies braucht natürlich die Hinwendung zu den Menschen. Wir sind nicht dort, wo schon große kommerzielle Angebote bestehen, sondern wir gehen dahin, wo die Menschen wirklich Not leiden. Durch diese intensive Begleitung wissen sie auch, was es heißt, das Geld so anzulegen, dass sie den Kredit mit einem angemessenen Zins zurückzahlen können. Wir kümmern uns auch um die Aspekte, die vielleicht den unternehmerischen Erfolg gefährden. Im Bereich Mikrofinanz für den ländlichen Raum („Agrifinance“) gründen wir mit den Bauern zum Teil Vermarktungsgenossenschaften oder helfen ihnen, Abnehmer zu finden. Unser ganzheitlicher Ansatz geht in eine völlig andere Richtung als die Gewinnmaximierung von kommerziellen Banken.

Opportunity ist tief erschüttert über die Fehlentwicklungen und in großer Sorge, dass diese brillante und so wirksame Idee der Mikrofinanzierung in Mitleidenschaft gezogen wird. Wir haben gerade in Afrika so viel neu angestoßen und sind auf Spenden angewiesen. Wir sind besorgt, dass Freunde und Förderer sich wegen dieser schrecklichen Fehlentwicklungen in einigen Regionen abwenden. Wir alle wissen, dass Mikrofinanz kein Allheilmittel für alle Probleme dieser Welt ist. Aber wem die Reduzierung der Armut am Herzen liegt und dieser mit einem wirkungsvollen, nachhaltigen Konzept begegnen möchte, findet im Bereich der sozial orientierten Mikrofinanzierung eine gute Antwort.

Stefan Knüppel ist Vorstand der Stiftung Opportunity International Deutschland

www.oid.org

Von Geschäftemachern und Missionaren

In derselben Woche, in der dem Freundeskreis Weser-Ems von Opportunity International in Jever eine stattliche Spende von 5000 Euro für die Gründung von Mikrobanken in Ghana übergeben wurde, ist international eine heftige Debatte über das Thema Mikrofinanzierung entbrannt. Eine geniale Idee, die vor wenigen Jahren mit einem Nobelpreis für Muhammad Yunus ausgezeichnet worden ist, droht durch unseriöse Geschäftemacher ruiniert zu werden, die statt der Hilfe für bitterarme Menschen in den Entwicklungsländern nur den eigenen Profit im Sinn haben und Kredite herausgeben ohne Rücksicht auf Verluste.

Skrupellose Banker haben sich den guten Ruf, den Mikrokredite haben, zunutze gemacht, um miese Geschäfte zu machen. Es soll zu einer Selbstmordwelle unter Kreditnehmern in Indien gekommen sein, das hat auch diejenigen erschreckt, die – wie der Freundeskreis Weser-Ems – mit seriösen, geprüften Organisationen zusammenarbeiten.

Die Vorweihnachtszeit, die nach diesem Wochenende beginnt, ist auch die Zeit der Wohltätigkeit. Die Menschen öffnen ihre Herzen und ihre Portemonnaies, um die Not in der Welt und auch in unserem Land zu lindern.

Die Spender sollten aber genau hinschauen. Nicht jede Aktion, die vordergründig Gutes tut, hat Gutes im Sinn. Es häufen sich die Hinweise, dass hinter mehreren der Hilfswerke, die Geschenke für Kinder in ärmeren Ländern einsammeln und in Schuhkartons dorthin liefern, Organisationen mit handfesten Missionsinteressen von evangelikalen Christen stehen, denen es mindestens so sehr um die Verbreitung ihrer teils radikalen Glaubensüberzeugungen geht wie um humanitäre Hilfe. Wenn Spenden missbraucht werden, ist das schlimm. Genauso schlimm ist, wenn gutwillige Menschen – in diesem Fall sogar Schulkinder – für falsche Zwecke eingespannt werden.

Quelle: Jeversches Wochenblatt, Ausgabe vom 20. November 2010, Wochenrückblick „Freitag 19 Uhr 30“