Tag 85 | Gedenksekunde

Homebanking ist ja keine sentimentale Angelegenheit, es sei denn, es fällt einem besonders schwer, sich von seinem Geld zu trennen. Ansonsten ist es ein nüchterner Vorgang, je nach Sicherheitsverfahren über mehrere Schritte verlaufend vom Aufrufen der Internetseite, Eingabe des Nutzers und des Passwortes über das Ausfüllen des Formulars bis hin zum Generieren der Transaktionsnummer – und weg damit. Beim Online-Banking eines Kreditkartenunternehmens mit englischem Namen und Sitz in Hamburg ist es allerdings ein wenig anders und rührt mich jedesmal an. Denn um ins Allerheiligste, zu den Kontoauszügen, zu gelangen, muss der Kunde hier nicht nur sein „Alias“ und sein Passwort eingeben, sondern wird in einem weiteren Sicherheitsschritt mit einer Frage konfrontiert, die in den meisten Fällen wohl tatsächlich nur der Kontoinhaber aus dem Stand beantworten kann. „Wie lautet der Mädchenname Ihrer Mutter?“, „Wo ist Ihr Vater geboren?“ und „In welchem Jahr wurde ihre Mutter geboren?“. Kein Problem, das schnell auszufüllen. Und jedesmal blitzt für einen Moment eine kleine Erinnerung an die längst verstorbenen Eltern auf. Bei einer Alltagshandlung, die profaner nicht sein könnte. Chapeau für die, die sich das ausgedacht haben.

Mit Kleinkrediten heraus aus dem Elend

Gaeten Dery macht die Arbeit von Opportunity International anschaulich

Jever – „Leute, das wird kein Urlaub hier!“ Ein Bankberater, der ein Gespräch bei uns so anfangen würde, wäre seine Kunden und seinen Job ziemlich schnell los. „That’s no holiday here“, genau so beginnt Gaeten Dery in der Volksbank Jever sein Treffen mit einer Kreditnehmergruppe. Und so geht es auch weiter: Dem Kunden, der seine Rate nicht zahlen kann, weil sein Kind krank war, gibt er mit auf den Weg, dann werde es Zeit, dass er sich eine Police der nationalen Krankenversicherung besorgt. Dem anderen, der einen höheren Kredit möchte, veranschaulicht er drastisch, was passieren wird, wenn er sein Geschäft zu schnell aufbaut und den Überblick verliert. Gaeten Dery ist ein Mann der klaren Ansage, er redet eindringlich, er gestikuliert, er wirkt bestimmend, wie ein strenger Lehrer. Aber er lächelt und überhaupt, er kann auch anders: Der Frau, die Schwierigkeiten hat, ihr Kind unterzubringen, wenn sie arbeitet, verspricht er: Bis zum nächsten Mal hab ich eine Lösung.

Gaeten Dery mit Statisten bei der simulierten Versammlung einer Kreditnehmergruppe. Der Kreditberater redet Klartext. Wer einen Mikrokredit haben will, muss zwar keine Sicherheiten bieten, aber gewisse Ansprüche erfüllen. Der Berater gibt zugleich Lebenshilfe. Foto (c): Helmut Burlager

Um Geld geht es nur am Rande, das ist das Besondere an dieser Art des „Bankings“, die rund 40 Zuschauern im Immobilienzentrum vorgeführt wurde. Eingeladen hatte die Volksbank zu einer Veranstaltung mit der Mikrofinanzorganisation Opportunity International, die auf Spendenbasis mit einem System von Dienstleistungen (Kredite, Sparen, Versicherungen, Bildung) den Ärmsten der Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika hilft. Opportunity hat den Besuch von Mitarbeitern aus Ghana genutzt, in einer Reihe von Vor-Ort-Terminen zu zeigen, wie diese ganzheitliche Arbeit praktisch läuft.

Einen Besseren als Gaeten Dery hätten sie dafür kaum finden können. Er hat die positiven Wirkungen der Sozialen Mikrofinanz am eigenen Leibe erfahren. In ärmsten Verhältnissen aufgewachsen, kaum dass die Eltern den Schulbesuch finanzieren konnten, wurde er früh Waise und musste sich selbst durchschlagen. Als Straßenkind von der Hand in den Mund lebend, brachte ihn eine Marktfrau mit Opportunity zusammen. Mit seinem ersten Kleinstkredit kaufte er Telefonkarten und verkaufte sie wieder. Ganz langsam baute er sich so eine Existenz auf, konnte sich Kleidung, ein Zimmer, eine Ausbildung leisten und schaffte es, als einziger Nichtakademiker die Banklaufbahn bei Opportunity einzuschlagen.

Für die Zuschauer beeindruckend wie auch ein wenig befremdlich, wie sehr Menschen wie Gaeten Dery ihren Beruf als Berufung sehen und wie stark die religiösen Motive für ihren Einsatz sind. Am Ende des Rollenspiels, das so harsch begonnen hatte, ein Gebet und ein „God bless you“ – „Gott segne dich!“ Und dann ein befreites Lachen.

„Business in Afrika“, sagt Kai Becker, der die Öffentlichkeitsarbeit von Opportunity
leitet, „ist was anderes als hier.“ (hbu)

Mehr über die Arbeit von Opportunity International erfahren: www.oid.org