Eine weltberühmte Klosterfrau aus Jever

Maria Clementine Martin, Erfinderin des „Melissengeists“, wuchs in Friesland auf

Jever. 94 Prozent aller Deutschen kennen „Klosterfrau Melissengeist“ und das klassische Emblem mit den drei Nonnen im gotischen Spitzbogen, mit dem das Kölner Unternehmen Klosterfrau für sein Heilmittel wirbt. maria Aber vermutlich weiß selbst in Jever nur ein kleiner Bruchteil der Menschen, dass die Erfinderin des Präparats aus der Marienstadt stammt. Am 5. Mai 1775 wurde die Carmeliter-Ordensschwester und späteren Unternehmensgründerin Maria Clementine Martin geboren, und zwar unter dem bürgerlichen Namen Wilhelmine Martin in Brüssel. Doch ist sie wohl in Jever aufgewachsen. Denn ihr Vater, der tirolisch königlich-kaiserliche Offizier Johann Heinrich de Martin, wurde nach ihrer Geburt im Auftrag des Zerbster Fürsten Friedrich-August vom Brüsseler Kürassierregiment zum Schloss nach Jever versetzt und wurde Schlosshauptmann oder „Capitän“ und damit Oberaufseher für alle Gebäude, Möbel und Hausrat der Zerbster Hofhaltung in Jever. Seine Gemahlin Christine geb. von Mergenthal brachte in Jever im Jahre 1783 dem Kirchenbuch zufolge eine ihrer drei Töchter zur Welt.

Die in Brüssel geborene Wilhelmine, die später Maria Clementine heißen sollte, zog es aber in die Welt hinaus. Im Alter von 17 Jahren trat sie 1792 Kloster St. Anna in Coesfeld (Westfalen) ein und ging nach dessen Auflösung in das Annunciatenkloster in Glane bei Gronau. In diesen zehn Jahren als Ordensschwester in der Krankenpflege setzte sie sich intensiv mit der Pflanzenheilkunde auseinander. Alte Rezepturen wurden verbessert und neue Arzneien entwickelt. Im Auftrag des Ortens reiste Maria Clementine Martin zu benachbarten Klöstern, wo ihre heilkundliche Hilfe gebraucht wurde. So kam sie auch nach Brüssel, ins Kloster der Carmeliterinnen. Fasziniert von den Möglichkeiten der Heilmittel aus der Natur, studierte sie diese und arbeitete in der Klosterapotheke. Hier entstand schließlich nach ihrer Rezeptur das „ächte Carmeliter- oder Melissenwasser“, der spätere „Klosterfrau Melissengeist“.

Während der napoleonischen Kriege wurden die Klöster aufgelöst, und auch Maria Clementine Martin musste in das weltliche Leben zurück. Sie gehörte zu den unerschrockenen Krankenpflegerinnen, die 1815 in der Schlacht bei Waterloo mühsam im aufgeweichten Lehmboden von Mann zu Mann eilten und verwundete Soldaten beider Seiten pflegten. Hier kam ihr das enorme Wissen über die Wirkung der Pflanzen zugute. Für ihren tapferen Einsatz erhielt sie neben der allerhöchsten Anerkennung seiner Majestät des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. eine jährliche Leibrente von 160 Goldtalern.

Mit diesem Geld konnte sie sich einen Traum erfüllen: Schon 50 Jahre alt, zog Maria Clementine Martin 1825 nach Köln, um den 86-jährigen Domvikar Gumpertz zu pflegen. Wie an verschiedenen Orten zuvor fand sie auch hier entsprechend ihrer klösterlichen Erziehung und christlichen Pflichtauffassung ein reiches Betätigungsfeld in Krankenpflege und Betreuung der Armen. Doch es kam etwas hinzu: Mit dem Geld aus ihrer Leibrente gründete sie am Fuße des Kölner Domes im Jahre 1826 ein kleines Unternehmen und begann mit der Produktion ihres „echten Klosterfrau Melissengeist“ sowie anderer Arzneien und Duftwässer („Kölnisch Wasser“) nach eigener Rezeptur. Im Handelsregister der Stadt Köln ließ sie ihren Herstellungsbetrieb unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ eintragen. Ein überliefertes Zitat der ehemaligen Ordensschwester lautet: „Der Himmel segne meine Unternehmung.“

Das tat er denn auch, und der Staat half ihr ebenfalls. Königliche und fürstliche Höfe ernannten die tüchtige Unternehmerin zur Hoflieferantin. Im November 1829 bat Maria Clementine Martin den preußischen König, der sie ja bereits hoch geehrt hatte, um das Privileg, das preußische Wappen auf den Etiketten ihrer Waren führen zu dürfen, was ihr noch im selben Jahr gestattet wurde. Dieses unverwechselbare Warenzeichen ließ sie sich 1831 beim Rat der Gewerbeverständigen der Stadt Köln eintragen und richtete, solchermaßen gegen Nachahmungen gewappnet, in Bonn, Aachen und sogar im fernen Berlin erste Depots ein.

Aus „Klosterfrau“ ist ein modernes Unternehmen geworden, das heute in Köln und Berlin mit mehr als 530 Mitarbeitern eine Vielzahl von Produkten für die Gesundheit herstellt und vertreibt. Maria Clementine Martin hat nur die Anfänge dieser rasanten Entwicklung miterlebt, sie starb am 9. August 1843, betrauert von der ganzen Stadt, und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Melaten-Friedhof beigesetzt. Zum Ruhm der Klosterfrau trug nicht unwesentlich bei, dass in den Folgejahren bis 1880 die Produkte auf Weltausstellungen in Düsseldorf, New York, Paris, London, Wien, Sydney und Melbourne prämiert wurden.

Ob sie jemals wieder nach Jever gekommen ist, darüber geben die Archive keine Auskunft. Ihr Vater aber, Schlosshauptmann Johann Heinrich Martin, blieb Zeit seines Lebens im Jeverland. Laut Kirchenbuch starb er im Jahre 1819 in einem Nebengebäude des Schlosses – hoch betagt mit 80 Jahren. Nach einer Anzeige im Jeverschen Wochenblatt regelte ein Feldwebel als Curator seinen Nachlass. Angehörige scheinen sich zu dieser Zeit nicht mehr in Jever aufgehalten zu haben. Seine Tochter Maria Clementine Martin war zu diesem Zeitpunkt – ausgestattet mit der königlichen Leibrente – im damals so fernen Rheinland schon auf dem Weg zu einer erfolgreichen Unternehmerin.

Der Beitrag erschien im Mai 2000 im Jeverschen Wochenblatt, Tageszeitung in Jever (Friesland)

Maria Clementine Martin in Wikipedia

Lions Club Jever will junge Ehrenamtler ehren

Aus Anlass des 40-jährigen Bestehens wird ein mit 500 Euro dotierter Preis ausgelobt. Nominiert werden können engagierte junge Leute bis 22.

Jever/Friesland. Dr. Peter Pietsch und Martin Schadewald wissen, wovon sie sprechen, wenn es um das Thema Ehrenamt geht. Der eine ist bei der DLRG in höchsten Ämtern aktiv, der andere beim MTV Jever, und beide zusammen engagieren sie sich beim Lions Club Jever. Beide wissen auch, wie schwer es ist, andere für ehrenamtliche Arbeit zu gewinnen und dafür, sich für verantwortungsvolle Positionen zur Verfügung zu stellen. Genau diese Bereitschaft zu fördern und für das Ehrenamt zu werben, ist Ziel einer Ausschreibung, die der Lions Club Jever gestern gestartet hat. Gesucht wird der „Ehrenamtler des Jahres“, und zwar unter jungen Leuten.

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Anlass der Ausschreibung des Ehrenamtspreises ist das Clubjubiläum des LC Jever, der 40 Jahre alt ist und dies am 1. April im Lokschuppen in Jever feiert. An diesen Abend soll der neue Preis dann auch erstmals verliehen werden – und fortan jährlich, wenn sich die Sache bewährt.

Ohne Ehrenamt geht es nicht, das gilt auch und gerade für die Jugendarbeit. Zahlreiche Vereine und Gruppen engagieren sich für das Gemeinwesen, und auch junge Leute sind dort unentgeltlich aktiv. Dieses Wirken jüngerer Menschen soll gewürdigt und hervorgehoben werden, ob es im sozialen, im sportlichen oder im kirchlichen Bereich passiert, im politischen, im kreativen oder bei der Feuerwehr. „Viele sind da ganz im Stillen tätig und werden nie herausgestellt. Das möchten wir mit dem Preis ändern“, so Dr. Peter Pietsch. „Und wir wollen bewusst keine Leute ehren, die schon seit 30 Jahren etwas machen, dafür gibt es andere Auszeichnungen. Wir möchten junge Menschen herausstellen, die erst am Anfang ihres Engagements stehen. Es muss auch mit keinem Amt im Verein verbunden sein“, erläuterte Martin Schadewald

Nominiert werden können junge Leute, die ab dem 1. April 1988 geboren wurden und ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Landkreis Friesland ausüben. Voraussetzung ist, dass das Ehrenamt mit gewissem zeitlichen und persönlichen Aufwand seit mindestens drei Jahren ausgeübt wird. Nominiert werden kann bis zum 10. März 2011. Eine Jury aus Mitgliedern des Lions Clubs Jever trifft dann die Auswahl. Der Ehrenamtspreis ist mit 500 Euro dotiert.

Anmeldungen sind an den Lions Club Jever, zu Händen Martin Schadewald, Ludwig-Meinardus-Straße 17, in 26441 Jever zu richten, per E-Mail an
martin.schade-wald@web.de. Nachfragen werden unter 04461/9151570 oder 0173/6047867 beantwortet. Den Nominierungsbogen kann man auch im Internet herunterladen: www.lions.de/jever

Der Beitrag ist dem Jeverschen Wochenblatt vom 25. Januar 2011 entnommen

Erinnerungen an Hein Bredendiek

Jever war seine Lebensform

Der Maler-Schriftsteller starb vor zehn Jahren

Von Helmut Burlager

Jever/Oldenburg. Es sollte ein kurzer Besuch werden, als wir ihn im Frühjahr 2001, das letzte Mal sahen. Hein Bredendiek sei schwach geworden, lange Besuche könne er nicht mehr verkraften, hatten uns Freunde erzählt. Wie immer meldeten wir uns telefonisch an. „Seid mir willkommen. Das ist die beste Idee dieses Wochenendes“, lud er uns mit unverhofft kräftiger Stimme ein. Als wir in der Huntemannstraße 5 a klingelten, kam er wie stets im Sonntagsanzug samt korrekt gebundener Krawatte an die Haustür und strahlte: „Willkommen Jever. Gut, dass Ihr pünktlich seid, ich habe den Tee fertig“, führte er uns in sein gemütliches Wohnzimmer.

Der Besuch, der ein Abschied war, dauerte länger als drei Stunden, und als wir uns bei Einbruch der Dunkelheit voneinander trennen mussten, da spürten wir, dass er gerne noch weiter erzählt hätte. Er war tief eingetaucht in die Vergangenheit, hatte uns die schon oft gehörte Geschichte seines Besuches beim großen Philosophen Karl Jaspers in den fünfziger Jahren in Basel noch einmal vorgetragen, aber auch Neues über seine gerade erschienene CD und vom Treiben seiner Enkelkinder berichtet und uns dann mit der Erzählung überrascht, er habe den betagten Maler Emil Nolde kurz vor dessen Tod im Jahre 1956 einmal in dessen Ruhesitz Seebüll besucht. „Kommt mal mit, ich will Euch etwas zeigen“, leitete er uns in sein Atelier und Bücherzimmer, suchte ein wenig und zog dann ein altes, schon etwas abgegriffenes Büchlein heraus, schlug die Titelseite auf und wies auf eine mit blauer Tinte hingesetzte Unterschrift: Emil Nolde.

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Hein Bredendiek (im Bild  während eines Empfangs zu seinen Ehren im Schloss Jever, mit Bürgermeisterin Margot Lorentzen und Pastor Volker Landig) lebte seine letzten Lebensjahre nicht wie so viele Hochbetagte in der Vergangenheit. Er war bis zuletzt von äußerst klarem Verstand und nahm Anteil an allen Diskussionen der Gegenwart. Aber er lebte in seiner Kunst, und die Wochen und Monate vor seinem Tod verbrachte er zunehmend damit, zu sichten, zu sortieren, zu bewerten und sich noch einmal zu erinnern, Rückschau auf ein langes, erfülltes Leben zu halten, dessen Kreis sich jetzt schloss.

In Jever, Alter Markt 12, wurde er am 18. September 1906 geboren. Wiewohl Hein Bredendiek die Stadt 1954 endgültig verlassen hat, um in Oldenburg als Studiendirektor am Alten Gymnasium Kunst zu unterrichten und am Staatlichen Studienseminar als Fachleiter für Kunst angehende Lehrer auszubilden, blieb er seiner Marienstadt immer treu.Bredendiek als Kind „Es ist ja so, dass man immer wieder heimkehrt“, sagte er, als Bürgermeister Dr. Heinz Behrends ihm 1986 im Auftrag des Rates die Ehrenbürgerschaft der Stadt Jever verlieh. Behrends zitierte damals Karl Veit Riedel mit den Worten: „Jever ist mehr als ein Wohnort, Jever ist eine Lebensform“. Auf wen hätte das mehr zugetroffen als auf Hein Bredendiek, der der Stadt und ihren Menschen in zahlreichen plattdeutschen Erzählungen, mit vielen Zeichnungen und Gemälden und in seinem jahrzehntelangen Engagement für das Schlossmuseum, die Heimatgeschichte und für die regionale Kultur ein bleibendes Denkmal gesetzt hat?

Leben und Arbeiten Bredendieks ging über diese kleine Stadt weit hinaus. Schon Studium und Berufsanfang hatten ihn aus provinzieller Enge herausgeführt, Berlin, Hamburg, Flensburg, Cottbus waren die Stationen, bevor er von 1940 bis 1945 Kriegsdienst bei der Marine leisten musste. Begegnungen seiner Jugendzeit, von Barlach bis Hindemith, von Yehudi Menuhin bis zum erwähnten Karl Jaspers, der seine Wurzeln ebenfalls in Jever hatte, prägten ihn bis zuletzt, doch keiner prägte sein künstlerisches Leben stärker als sein jeverscher Lehrer und väterlicher Freund, der Malerdichter Georg von der Vring, dessen Gedichte noch an seinem Sterbebett lagen.

Hein Bredendiek schrieb in seiner plattdeutschen Muttersprache, kraftvoll wie kaum ein anderer, und weitab von Heimattümelei und Verklärung. „Die plattdeutsche Dichtung muss vor allen Dingen echt und wahr sein, und sie muss einen guten Grund haben und muss jegliches Wortgeklingel vermeiden“, sagte der Schriftsteller einmal, und so war er als Leiter des Schrieverkrings, der Arbeitsgemeinschaft Niederdeutsche Sprache und der Bevensen-Tagungen auch ein kritischer Förderer und Wegbegleiter für viele andere, die Niederdeutsch schrieben. Sein plastisches Plattdeutsch und seine markante Stimme machten ihn auch zu einem beliebten Gast bei Radio Bremen, dessen Sendung „Hör mal’n beten to“ er viele Dutzend Mal mit seinen Beiträgen bereichert hat.

In seinen plattdeutschen Bildbetrachtungen über Breughel, Rembrandt und Barlach schlug er die Brücke zu seiner zweiten Leidenschaft, der Malerei. Hunderte und Tausende von Skizzen, Zeichnungen, Aquarellen, Ölbildern hat er im Laufe seines Lebens geschaffen, seinen Stil dabei oft gewandelt, sowohl gegenständlich als auch abstrakt gearbeitet – auch diese Arbeit von dem „echten und aufrichtigen Ernst geprägt, die Dinge unserer Anschauung zu analysieren und ohne Formgeklingel darzustellen“, wie der Oldenburger Oberbürgermeister Dr. Heinrich Niewerth es bei der Verleihung des Großen Stadtsiegels im Jahre 1986 ausdrückte.

Die größte Begabung Hein Bredendieks aber war es wohl, auf andere zugehen zu können, bis ins hohe Lebensalter. Befragt nach seinem Rezept fürs Altwerden, sagte der über 90-Jährige, der einen riesigen Freundes- und Bekanntenkreis hatte, einmal: „Das macht der dauernde Umgang mit den Menschen.“

Der Beitrag erschien 2001 in etwas längerer Fassung als Nachruf auf Hein Bredendiek im Jeverschen Wochenblatt.

Das Schlossmuseum Jever zeigt unter dem Titel “Summa summarum” vom 6. Februar bis zum 30. April aus Anlass des zehnten Todestages eine Retrospektive mit Werken des Malers Hein Bredendiek.  Programmvorschau des Schlossmuseums

Wikipedia-Eintrag zu Hein Bredendiek

Fusionsgerüchte – was ist dran?

Überraschend hat das Niedersächsische Innenministerium Jever, das Wangerland und Schortens als mögliche Kandidaten für eine Gemeindefusion genannt. Was ist dran? Darüber berichtet das Jeversche Wochenblatt in seiner Mittwochausgabe. Konkrete Fusionspläne gibt es wohl nicht, aber immerhin Gespräche zwischen Jever und dem Wangerland, und einen Termin mit dem Ministerium. Mehr dazu: zum Wochenblatt-Artikel

Neue Links zum Thema Mikrokredite

Seit Jahrzehnten funktioniert die Idee der Entwicklungshilfe mittels Mikrofinanzierung. Weltweit bekannt wurde sie erst mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Muhammad Yunus. Seit einigen Monaten aber sind Mikrokredite in Verruf geraten. Zu recht? Zu unrecht? Wer das beurteilen will, muss zunächst einmal Informationen haben. Eine Linksammlung zu wichtigen Beiträgen in der Debatte um Mikrokredite ist hier zu finden: https://friesenblog.wordpress.com/mikrokredite-2/

Als Kind im Land des Erbfeinds

Zu den Dingen, die mir aus meiner frühesten Kindheit in Erinnerung geblieben sind, gehört das alte Nordmende-Röhrenradio meines Großvaters, das auf einem Bord über seinem Lehnstuhl stand. Er saß dort mit dem Ohr am Lautsprecher und der Hand am rechten Drehknopf, auf der Suche nach Kurz-, Mittel- und Langwellenstationen. Und dann lauschte er den rauschenden und knisternden Sendern.
Sobald ich lesen konnte, studierte ich die fremdartig klingenden Namen der Städte, die auf der von hinten beleuchteten Skala aufgeführt waren, Beromünster, Hilversum, Bruxelles, Dunkerque. „Dünkirchen“, sagte mein Großvater, „das ist Dünkirchen, das ist weit weg, in Frankreich.“ Er war im Krieg dort gewesen.
Der erste Ausländer, den ich näher kennenlernte und der mein Jugendfreund wurde, hieß Jean-Marie, er kam aus Dünkirchen. Wir waren dreizehn oder vierzehn, er war wie ich Eisenbahnerkind aus einfachen Verhältnissen, er sprach anfangs so schlecht Deutsch wie ich Französisch, und wir trafen uns auf einer internationalen Jugendfreizeit des Bundesbahnsozialwerks. Eisenbahnerkinder durften damals umsonst durch Europa fahren, und so haben wir uns ein paar Jahre lang Sommer für Sommer gegenseitig besucht. Aus dem armseligen Ostfriesland der sechziger Jahre kam ich also mit dem Zug ins noch armseligere Nordfrankreich, die Familie von Jean-Marie nahm mich freundlich auf. Sie gaben mir Miesmuscheln zu essen und Artischocken, ich durfte Roséwein trinken und am Pastis nippen, der nach Lakritz schmeckte. Es war herrlich.
Merkwürdig waren nur die Ausflugsziele. Sie fuhren mit mir an die Küste und
zeigten mir, wo die Alliierten gelandet waren. Zur Gedenkstätte für die gefallenen
Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Trafen wir unterwegs oder in der Stadt Bekannte der Familie, so sprachen sie über mich, den kleinen „Boche“. Ich begriff nicht viel, nur dies: Sie strichen mir übers Haar und staunten, dass so ein kleiner, blonder und unschuldig dreinblickender „Allemand“ sich nach Nordfrankreich traute. Und dass er so vollkommen ungefährlich aussah.
Abends, zu Hause, erzählte der Vater voller Stolz heroische Geschichten von
Krieg und Widerstand. Jean-Marie verdrehte die Augen. Wenn wir seine Freunde trafen, sprachen wir nicht über Krieg, sondern über Musik und Comics und die Unterschiede zwischen französischen und deutschen Mädchen. Soweit wir diese schon beurteilen konnten.
Jean-Marie habe ich später aus den Augen verloren, selbst das Internet hat uns
nicht wieder zusammengebracht. Was geblieben ist, ist meine Zuneigung zu einem Land, von dem man meinem Großvater noch erzählt hat, dort lebe der „Erbfeind“, gegen den er ins Feld ziehen müsse. Wenn ich in ein paar Wochen wieder hinfahre, fahre ich zu Freunden.

Der Beitrag erschien im Juni 2009 im Rahmen einer Serie “Mein Europa” im Jeverschen Wochenblatt (Friesisches Tageblatt)

Jahresrückblick im Video

Das Jahr 2010 im Film: Wochenblatt-Kameramann Jürgen Eden hat aus den vielen Beiträgen, die er im Laufe dieses Jahres für den Internet-TV-Kanal des Jeverschen Wochenblatts erstellt hat, die schönsten, interessantesten, lustigsten zu einem kurzweiligen Jahresrückblick zusammengestellt. Zu Wort kommen in dem Video mit einem Grusswort zum Jahreswechsel auch Landrat Sven Ambrosy und Jevers Bürgermeisterin Angela Dankwardt. Viel Spass beim Zuschauen. www.youtube.com/wochenblatttv

Big Easy: Abschiedskonzert am Sonnabend

Um allen Missverständnissen aus dem Weg zu gehen, sagt Claus Fischer es gleich am Anfang: „Wir gehen nicht im Streit auseinander.“ Das wäre auch schade nach fast 20 Jahren Partnerschaft – auf der Bühne. So lange schon kennen sich Fischer (44) und Ingmar Viertel (44), die am morgigen Sonnabend zum (vorerst) letzten Mal gemeinsam auftreten.

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Claus Fischer, links, und Ingmar Viertel von “Big Easy”

Mit einem Abschieds- und Benefizkonzert ab 20 Uhr im „Café Maria“ bei Maurizio Esposito in der Großen Burgstraße sagt Ingmar Viertel seiner Band und den Fans von „Big Easy Acoustic“ adieu. Er wechselt zur Band „Black Jack“, wo er immer schon mal ausgeholfen hat. „Big Easy“ macht weiter, mit Claus Fischer und Dieter Schoon und ab Januar 2011 verstärkt um Claus Rettkowski und Yvo Herckelrath. Alles so Namen, die man in der Szene kennt, und eigentlich hat sowieso jeder schon mal mit jedem auf der Bühne gestanden.

Kein Wunder also, dass beim Abschiedskonzert morgen Abend Rettkowski und Herckelrath mit von der Partie sind und als Gäste einen Vorgeschmack auf das neue „Big Easy“ geben.

„Wir sind ja alle ein bisschen ruhiger geworden“, sagt Claus Fischer schmunzelnd. Aus seiner wilden Zeit sind die langen Haare geblieben, das ist er seinem Image als Metal-Rocker schuldig, auch wenn’s nicht so hundertprozentig zu seiner bürgerlichen Existenz als kaufmännischer Angestellter passt. 1979 stand er zum ersten Mal auf der Bühne. Heavy Metal war angesagt, und Fischer hatte die Röhre dafür: Er war und blieb ausschließlich Sänger.

Mit der Gruppe „Rave“ nahm er 1981 seine erste Single auf.  In dem Jahr lernte er auch Ingmar Viertel kennen, der im Sommer des Jahres bei „First Aid“ im Mariengymnasium spielte. Zusammen standen die beiden dann schon einmal für ein Jahr lang mit der Formation „Diamond Breaker“ auf der Bühne, unter anderem bei einem ausverkauften Konzert im Pumpwerk in Wilhelmshaven.

1985 gründete sich in Jever im damaligen „Studio Selznick“ (heute „Taverna“) die legendäre Band „Ballermann“, zu der Claus Fischer 1994 hinzustieß, ebenso Ingmar Viertel. Bis 1999 fuhren sie Erfolg um Erfolg ein, dann pausierten beide für eine ganze Weile, musizierten zwar, gaben aber keine Konzerte.</p><p>Ende 2007 gründeten Fischer und Viertel dann mit Dieter Schoon die Band „Big Easy Acoustic“, die in Jever regelmäßig in der Reihe „Treffpunkt Kirchplatz“ anzutreffen ist. Von Metal über Blues-Rock sind die „Dinos“ der friesländischen Musikszene inzwischen bei solide handgemachtem Akustik-Rock angekommen und haben ihr treues Publikum.

Das kriegt Samstagabend alles zu hören, was Viertel, Fischer, Schoon &amp; Co. im Laufe der Jahre so einstudiert und auf die Bühne gebracht haben. Gastwirt Maurizio Esposito serviert dazu einen Beviano Novello Italiano. Von jeder Flasche des roten Primeur-Weines gehen 5 Euro an die Kinderkrebshilfe.

Der Eintritt zu dem gemütlichen Konzertabend im „Café Maria“ ist frei.

Weihnachtsoratorium in Jever

Die Stadtkantorei Jever, ergänzt um die Solisten Susanne Martin, Sopran, Melanie Frenzel, Alt, Henning Klocke, Tenor, Dietmar Sander, Bass, und dem Ensemble „concertino jever“, führen am 11. und 12. Dezember in der Stadtkirche Jever das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, Kantaten I-III, auf. Die Leitung hat Kantor Klaus Wedel. Für die beiden Konzerte der Stadtkantorei Jever am Sonnabend, dem 11. Dezember, um 17 Uhr und am Sonntag, 12. Dezember, um 17 Uhr in der Stadtkirche zu Jever sind ab sofort Karten in den Buchhandlungen „Am Kirchplatz“ und „Babatz“ in Jever sowie „Lohse-Eissing“ in Wilhelmshaven erhältlich. Der Vorverkauf endet am 9. Dezember. Die Eintrittspreise der vier Kategorien liegen bei € 20, 15, 12 und 8 Euro; Ermäßigung in Höhe von drei Euro€ erhalten Schüler, Studenten, Auszubildende, behinderte und sozial schwach gestellte Menschen (Ausweis). Die Stadtkantorei, namhafte Solisten und Orchester musizieren unter der Leitung von Kreiskantor Klaus Wedel. In beiden Konzerten erklingen die ersten drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach. Unterstützt wird das Konzert durch die Annegret-Ruge-Stiftung, die Philipp-Orth-Stiftung, die Stadt Jever sowie von Noten Bartels (Bremen).