Tag 200 | Hinterzimmer

„Unter dem Deckmantel der Anonymität lästert es sich leicht…“ – ein interessanter WDR-Beitrag über Hintergrundgespräche, wie es sie im Lokalen ebenso gibt wie in Berlin. Wichtiger Hinweis an Politiker: „Besser keinen Alkohol trinken!“. Das hat man jüngst ja schon in dem Dokumentar-Spielfilm über die Spiegel-Affäre gelernt, wo ein völlig abgefüllter Franz-Josef Strauß vor (nüchternen) Journalisten so richtig die Sau rausließ.

Zum WDR-Beitrag

Tag 185 | Politjargon

Eine ostfriesische Zeitung hat von Gerüchten berichtet, der Europaabgeordnete Matthias Groote (SPD) überlege, in zwei Jahren für das Amt des Landrats im Kreis Leer zu kandidieren, wenn Amtsinhaber Bernhard Bramlage in Ruhestand geht. Wo Rauch ist, ist auch Feuer, denke ich, und frage heute Mittag einfach mal bei der SPD-Bezirksvorsitzenden Johanne Modder nach, die eine Pressekonferenz in Wilhelmshaven gibt. Ob denn an der Meldung was dran sei…

„Das ist reine Spekulation“, antwortet sie. Von Politiker-Sprech ins Deutsche übersetzt, klingt das fast wie eine Bestätigung.

Tag 178 | Gemein? Nützlich!

Die FDP im Düsseldorfer Landtag hat ganz ernsthaft den Antrag gestellt, Journalismus auf eine Stufe mit Sport, Kultur und Tierschutz zu stellen und als gemeinnützig anzuerkennen, berichtet der Mediendienst „Newsroom“. Klingt interessant, sollte aber nicht dazu führen, dass Arbeitgeber den Journalisten in Zukunft Spenden statt Gehälter überweisen …

Der Beitrag zum Thema in Newsroom.de

 

Tag 147 | Karrieren

Es ist gar nicht so leicht, die Namen all derjenigen noch zusammenzukriegen, die man im Laufe seines Lebens mit ausgebildet hat. Schön, wenn eine oder einer von ihnen mal unverhofft wieder reinschaut und erzählt, wie es ihr oder ihm ergangen ist. Von den Volontären, die beim Jeverschen Wochenblatt das Handwerkszeug für den Beruf des Redakteursberuf mitbekommen haben und die nicht im Hause geblieben sind, haben nahezu alle schöne Karrieren hingelegt. Gestern hat die Gesellschaft „mission:lebenshaus“ in Bremen in einer Pressemitteilung bekanntgegeben, dass Julia Grimm deren neue Pressesprecherin für die drei Hospize in Jever, Wilhelmshaven und Bassum wird. Das ist doppelt schön, erstens weil wir der jungen Kollegin, die erst Ende dieses Monats ihr Volontariat bei uns beendet, diesen spannenden Job von Herzen gönnen, und zweitens, weil das Jeversche Wochenblatt das Hospiz in der Stadt von Anfang an sehr unterstützt hat und deshalb gerne sieht, dass „eine von uns“ dort jetzt mitarbeiten wird.

Und dann kam gestern noch Britta Kollenbroich vorbei, die inzwischen  in Hamburg arbeitet und in wenigen Tagen für die Deutsche Welle und für die Deutsche Presseagentur zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Brasilien reisen wird. Früher hat sie über den FSV Jever und den Heidmühler FC geschrieben. So kann es kommen, wenn man „was mit Medien“ macht. Und ein bisschen neidisch macht es uns auch.

Tag 130 | Junge Welt

Zum 1. Mai hat mir jemand eine Zeitung in die Hand gedrückt, die ich schon lange nicht mehr wahrgenommen habe. Frisch kommt sie daher, modernes Layout in Rot und in Schwarz, als Tageszeitung wurde sie im Jahr 1947 gegründet, als jedermann noch wusste, welcher Klasse er sich zugehörig zu fühlen hat. Die Welt hat sich seitdem verändert, der Klassenkampf anscheinend nicht. „Moskau und Brüssel werben um Kuba“ lese ich auf Seite 1, und „Britische Transportarbeitergewerkschaft kämpft gegen Sparpläne und Stellenabbau“. „Rußland zieht Truppen ab“, heißt es auf Seite 2, auf Seite 3 wird berichtet, dass in Venezuela regierungsnahe Gewerkschafter zur Großdemonstration am 1. Mai aufrufen, die Stadt werde „ganz im Zeichen des Feiertags der Arbeiterklasse stehen“. „Klassenbewusstsein ist Voraussetzung für Erfolg, wird Nicolás Maduro zitiert, der das „Erbe von Hugo Chávez“ verteidigt. Die Erfolgsgeschichte von Griechenland sei „eine Propagandalüge“, heißt es auf Seite 5. Die US-Regierung bereite eine „“Wirtschaftskrieg“ gegen Russland vor. Und auf der letzten Seite ruft die antifaschistische Linke Berlin zu einer „revolutionären 1.-Mai-Demonstration in der Hauptstadt“ auf. Nun ja, genug gelesen. Einer kommt immerhin gut weg in der „Jungen Welt“. Das ist Altbundeskanzler Gerhard Schröder, der Putin umarmt und geherzt  hat. Das finden die Linken gut: „Kaum drückt Schröder Putin, beendet die russische Armee ihr Militärmanöver an der ukrainischen Grenze.“

Tag 111 | Robust

Der Jenaer Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Seufert glaubt, dass die Regionalzeitungen nicht aussterben werden. Zwar sind seit 1991 rund hundert Lokalausgaben eingestellt worden und ihre Zahl werde noch weiter sinken. Die meisten Verlage haben aber trotz sinkender Einnahmen und Leserschwund geschafft, kaum Gewinneinbußen hinnehmen zu müssen, so Seufert im Interview mit newsroom.de

Tag 101 | Nachruf

EZEr machte es anders als die anderen und er machte „sein Ding“. Zu den untereinander gut vernetzten Journalisten der übrigen Lokal- und Regionalzeitungen im Nordwesten pflegte er eher gar kein als ein distanziertes Verhältnis. Trotzdem schauten die Kollegen mit einiger Hochachtung auf den Mann, der die „Emder Zeitung“ revolutionierte und aus ihr Anfang der 80er Jahre ein Blatt machte, das bis heute völlig anders daherkommt als jede andere Zeitung. Am vergangenen Freitag ist Herbert Kolbe, wie die Deutsche Presseagentur meldet, im Alter von 72 Jahren gestorben.
Mit den Innovationen, die Kolbe bei der EZ veranlasste, die bis dahin „Rhein-Ems-Zeitung“ geheißen hatte, stieß er auch Neuerungen in anderen deutschen Blättern an. Besonders beachtet wurde in der Branche der Umstand, dass Kolbe in Emden wieder eine Vollredaktion schuf und sich vom sogenannten „Mantelbezug“ bei der Neuen Osnabrücker Zeitung löste. Damit konnte die EZ lokale, regionale und überregionale Nachrichten nach eigener Schwerpunktsetzung zusammenstellen, was seinerzeit noch wenig üblich war, heute bei vielen Lokalzeitungen gang und gäbe ist. Besonders ist auch die Titelseite der Emder Zeitung, die mittlerweile nur noch aus Überschriften, Unterzeilen und Vorspännen sowie Fotos besteht und optisch in jeder Hinsicht ungewöhnlich daherkommt.
2006 hatte Kolbe nach 25 Jahren das Amt an seinen Nachfolger und zuvor langjährigen Stellvertreter Klaus Fackert übergeben.

Tag 50 | Kluger Kopf

Der Südkurier, die Stuttgarter Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung liegen morgens im Lesesaal aus. Interessant zu sehen, wer zu welchem Blatt greift. Ein Herr muss immer die FAZ haben, sonst liest er lieber gar nichts. Er schätzt die intellektuelle Herausforderung. Ich bin ja mehr für die Süddeutsche, schon wegen des Streiflichts, und weil sie neuerdings noch investigativer daherkommen, was ein bisschen spannender ist als die behäbige Frankfurter Art, die Leser zu belehren. Das Lokalblatt lese ich natürlich auch gern, schon um mich daran zu erfreuen, dass die auch nur mit Wasser kochen. Heute war die FAZ frei, da dachte ich, doch mal was für den Intellekt tun zu müssen. Im zweiten Artikel im zweiten Absatz beginnt die Autorin einen wunderbar gedrechselten Satz, baut hier einen Nebensatz ein und dort noch einen Einschub, geht in einem weiteren eingeschobenen Zwischensatz noch einen kleinen Umweg und bleibt stecken, führt den angefangenen Gedanken nicht zu Ende. Ich lese ein zweites, ein drittes Mal, gebe auf und denke: Dahinter steckt bestimmt ein kluger Kopf. Morgen dann doch wieder den Südkurier.

Tag 31 | Papier

Seit gestern ist mir doch etwas mulmig, was die Zukunft der gedruckten Zeitung angeht. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass Papierausgaben journalistischer Produkte bald knapp werden. Ich erfahre es von meiner Blumenhändlerin. Beim Kauf eines Tulpenstraußes offenbart sie mir, was der ganzen Branche zu denken geben müsste. Die Zeitung sei für sie unverzichtbar, erklärt die Verkäuferin. Bei Temperaturen um null ginge es ja noch mit normalem Blumenpapier. Aber wenn es kälter werde… Sie zieht einen schwarzweiß bedruckten Bogen  unter der Ladentheke hervor, wickelt die Blumen sorgfältig ein. „Was machen Sie denn, wenn die Leute die Zeitung nur noch im Internet lesen“, frage ich die Dame, um das Gespräch in Gang zu halten. „Ach, das ist nicht so schlimm, wir haben noch einen ziemlichen Vorrat“, erklärt sie. „Lassen Sie mich schauen.“ Sie zieht den nächsten Bogen Zeitungspapier hervor, schaut in die obere linke Ecke der Ausgabe des Blattes und verkündet stolz: „März 2003!“. Man mag sich das Papierlager hinten in der Gärtnerei gar nicht vorstellen. Zehn, zwanzig Jahre wird sie damit locker überstehen, das reicht bis zu ihrer Rente. Aber warum hortet sie Zeitungen? Weiß sie mehr als wir?