Die Synagoge virtuell besichtigen

Gröschler-Haus öffnet am Tag des offenen Denkmals

Die prächtige Synagoge der jüdischen Gemeinde Jever ist in der Pogromnacht vom 9. November 1938 von den Nazis angezündet worden, sie wurde komplett zerstört. Trotzdem kann man sie am Sonntag, 14. September 2025, ab 11 Uhr besichtigen. Im Gröschler-Haus in der Großen Wasserpfortstraße 19, dem Dokumentationszentrum am ehemaligen Standort der jeverschen Synagoge, wird anlässlich des Tages des offenen Denkmals die virtuelle Rekonstruktion der 1938 zerstörten Synagoge gezeigt. Zu sehen sind in der Ausstellung auch die erhaltenen Relikte der Synagoge und die Keller-Mikwe. Geöffnet ist das Gröschler-Haus von 11 bis 14 Uhr.

Virtuelle Innenansicht der Synagoge von Jever (Reunion Media)

Das Erinnerungszentrum Gröschler-Haus befindet sich in einem Gebäude, das 1954 auf dem Grundstück der 1938 zerstörten Synagoge errichtet wurde. Bei Umbaumaßnahmen kamen in den vergangenen Jahren eine Reihe von baulichen Relikten des Gotteshauses ans Licht. Diese sowie der im unzerstörten Anbau der Synagoge erhaltene Raum der jüdischen Schule und die im Keller erhaltene Mikwe sind zu besichtigen. Die virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in 3D-Echtzeitsimulation mit VR-Brille und gleichzeitiger Projektion auf einen 2D-Screen steht  außerdem zur Verfügung.  Die realen und virtuellen Führungen werden durch Mitglieder des Arbeitskreises Gröschler-Haus  im Jeverländischen Altertums- und Heimatverein begleitet. Der Eintritt ist frei.

Am Nachmittag wird außerdem eine Führung über den jüdischer Friedhof von Jever im Ortsteil Schenum, Adresse Hohewarf 8, angeboten. Der Eintritt ist ebenfalls frei. Der Friedhof ist ein wichtiges Zeugnis der jüdischen Geschichte von Jever. Die erhaltenen Grabsteine gleichen einem steinernen Buch der Erinnerung.

Jüdischer Friedhof von Jever (Foto: Gröschler-Haus)

Der älteste, erhaltene Grabstein auf dem 1779 errichteten Friedhof stammt aus dem Jahr 1795. Das Kriegsende 1945 vereitelte den Plan der Nationalsozialisten, den Friedhof für die Lagerung von Straßenbaumaterialien einzuebnen. Die britische Militärregierung und der aus Berliner Zwangsarbeit befreite Erich Levy (1891 – 1967) setzten die Wiederherstellung der verwüsteten Grabstätten durch. Levy  ließ hier Denkmäler zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der NS-Zeit und die 1938 zerstörte Synagoge errichten. Zuletzt wurde hier der 1950 aus dem Exil zurückgekehrte Friedrich „Fritz“ Levy (1901- 1982) beerdigt. Auch wegen seiner gut erhaltenen Substanz ist der Friedhof ein für die gesamte Region bedeutsames Denkmal.

Drei Frauen aus Jever in drei journalistischen Top-Jobs

Neues von Rieke Havertz, Britta Kollenbroich und Hilke Janssen

Von Helmut Burlager

2025 wird anscheinend das Erfolgsjahr von Journalistinnen, die aus Jever stammen oder ihre Karriere hier begannen. Oder auf die beides zutrifft, wie auf die ZEIT-Redakteurin Rieke Havertz. Sie ist regelmäßiger Gast in politischen Talkshows sowie in der Presseschau des Morgenmagazins im Ersten und Zweiten Fernsehen und nicht nur dadurch einem breiten Publikum bekannt. Dass die 45-jährige USA-Expertin sich in letzter Zeit ein bisschen rarmachte, hat damit zu tun, dass sie sich bei der ZEIT eine kleine Auszeit genommen hat, um ein Buch zu schreiben. Das ist jetzt fertig.     

Rieke Havertz

„Goodbye, Amerika? Die USA und wir – eine Neuvermessung“ ist der Titel. Das Thema könnte aktueller nicht sein. „Das Amerikabuch, das wir jetzt brauchen“, kündigt der Aufbau-Verlag den 240-Seiten-Band an, der am 11. November erscheinen wird. „Ein zweites Mal Trump, Tech-Milliardäre im amerikanischen und im deutschen Wahlkampf, das transatlantische Bündnis in der Krise: Der Blick auf die USA macht zunehmend ratlos, die Berichterstattung hierzulande ist geprägt von Antiamerikanismus, Sensationalismus und dem Mantra vom gespaltenen Land. Aber es geht auch anders. Und vor allem produktiver. Denn die USA sind nach wie vor das mächtigste Land der Welt, ein echtes Verständnis als Basis einer zukunftsfähigen Beziehung ist daher unerlässlich. Die langjährige USA-Expertin und -Korrespondentin Rieke Havertz lädt uns ein in ihr Amerika. Sie spürt überraschenden Fakten nach, führt uns zu den Schlüsselorten des Landes und macht deutlich: Wer die US-Politik verstehen will, muss die Menschen verstehen.“

Soweit der Werbeblock. Dass Rieke Havertz die Richtige ist, uns Amerika zu erklären, daran besteht kein Zweifel. 1980 geboren, machte die Jeveranerin ihre ersten journalistischen Gehversuche in der kleinen Redaktion des NWZ-Jeverlandboten in ihrer Heimatstadt. Nach dem Journalistik-Studium an der Universität Leipzig und der Ohio University ging sie als Redakteurin zur taz und wechselte 2016 als Redaktionsleiterin und Chefin vom Dienst zu ZEIT ONLINE. Mehrfach war sie für die ZEIT als Korrespondentin in den USA tätig und berichtete unter anderem über spannende Wahlkämpfe. Seit 2020 betreibt sie zusammen mit Klaus Brinkbäumer den Podcast „OK, America?“, in dem die beiden Experten sehr regelmäßig und ausführlich die aktuelle politische Lage in den Vereinigten Staaten analysieren.

Soeben ist dieser Podcast mit dem renommierten scoop-Award der Initiative nextMedia in Hamburg ausgezeichnet worden. Die Verleihung an Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer wird am 10. September 2025 im Rahmen des „scoopcamp“ stattfinden, in der Vorankündigung heißt es, mit dem Preis sollten zwei herausragende Medienpersönlichkeiten und ein Format gewürdigt werden, das exemplarisch für journalistische Exzellenz und digitale Verbreitung stehe. „OK, America?“ liefere „fundierte Analysen zur US-amerikanischen Politik aus einer deutschen Perspektive – klug, kontinuierlich und journalistisch präzise. Einen entscheidenden Anteil am Erfolg haben Klaus Brinkbäumer und Rieke Havertz, deren Persönlichkeit und Expertise das Format tragen.“ Dr. Nina Klaß, Leiterin von nextMedia Hamburg und Verantwortliche für das scoopcamp und den Award, schrieb: „Wer die USA verstehen will, kommt an Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer nicht vorbei.“

Hilke Janssen

An Hilke Janssen kommt nicht vorbei, wer regelmäßig NDR-Fernsehen und NDR-Radioprogramme sieht und hört. Auch sie stammt aus Jever. In diesem Sommer (2025) hat sie die Leitung der Redaktion für Landespolitik, Wirtschaft und die ARD-Zulieferung übernommen. Seit 14 Jahren ist Hilke Janssen hauptberuflich für den NDR tätig. In Dortmund und Budapest hat sie Journalistik, Politik und Anglistik studiert und danach als freie Journalistin gearbeitet, bevor sie zum Norddeutschen Rundfunk kam. Seit 2023 ist sie Mitglied im Vorstand der Landespressekonferenz Niedersachsen und übernahm dort das Amt der Schatzmeisterin. „Ich habe diesen Beruf ergriffen, weil es nichts Besseres gibt, als Neues zu lernen, um die Welt besser zu verstehen“, hat sie vor einiger Zeit in einem Interview mit dem DJV Niedersachsen gesagt.

Britta Kollenbroich

Sie ist nicht die Erste, die ihr journalistisches Handwerk beim Jeverschen Wochenblatt gelernt hat und dann beim renommierten „SPIEGEL“ landete. Britta Kollenbroich (Jahrgang 1986) ist Anfang Juli bei dem Hamburger Nachrichten- und Meinungsmagazin einen weiteren Karriereschritt gegangen. Seit etlichen Jahren war die aus Wittmund stammende Redakteurin beim Spiegel stellvertretende Leiterin des Auslandsressorts. Anfang Juli hat sie ihre neue Position als Auslandskorrespondentin in Washington D.C. angetreten, ein Traumjob für die weitgereiste Friesin. Von 2006 bis 2008 hatte sie in Jever in der Lokal- und Sportredaktion volontiert und anschließend bis 2009 als Redakteurin gearbeitet. Dann wechselte sie zum Bachelor- und Masterstudium nach Hamburg, blieb aber vier Jahre lang nebenbei für die Financial Times Deutschland und bis 2016 für die Deutsche Presseagentur tätig.

2014 berichtete sie von der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien, unter anderem schrieb sie auch eine Kolumne über ihre Erfahrungen dort für das Jeversche Wochenblatt. Im selben Jahr stieg sie als studentische Hilfskraft beim Spiegel ein und ist dort seit Anfang 2016 Redakteurin. Schon zwei Jahre später wurde sie stellvertretende Ressortleiterin, zunächst bei Spiegel Online, dann im Auslandsressort. Nun ist sie mit ihrer ganzen Familie wieder dort, wo sie schon immer gerne war: im Ausland. Der spannende Korrespondentenjob in den Vereinigten Staaten ist zunächst auf zwei Jahre ausgelegt.

Walter Eichhorn war eine Fliegerlegende

Der in Jever geborene Berufspilot flog 60 verschiedene Flugzeuge und wirkte sogar in Kinofilmen mit

Von Helmut Burlager

Upjever – In Friesland ist der Name vielleicht in Vergessenheit geraten, weltweit dagegen ist er in Fliegerkreisen ein Begriff: Im Alter von 88 Jahren ist am 25. Mai 2025 der Pilot Walter Eichhorn gestorben, eine Fliegerlegende.

Walter Eichhorn vor der nach ihm benannten Halle auf dem Flughafen Siegerland. Foto: Eichhorn Airadventures

Sein bewegtes Leben begann 1936 in Jever. Walter Eichhorn wuchs in unmittelbarer Nähe des Fliegerhorstes Upjever auf, der nur wenige Wochen vor seiner Geburt eingeweiht worden war, und erlebte während seiner Kindheit und Jugend den Aufschwung und die Dramen der Militärfliegerei hautnah mit.

War das der Grund für seine eigene Leidenschaft für die Luftfahrt? Erst einmal absolvierte Eichhorn nach der Schulzeit aber eine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker, und mit 19 wanderte er mit seinen Eltern nach Kanada aus. Man hätte in Jever vielleicht nie wieder von ihm gehört, wäre er im Kfz-Beruf geblieben. Aber er machte den Pilotenschein, kaufte sich ein erstes eigenes Flugzeug, wurde 1963 vom Hobby- zum Berufspiloten. Als er trotz inzwischen erworbener kanadischer Staatsbürgerschaft keine Anstellung als Verkehrsflugzeugführer fand, ging er mit seiner ebenfalls deutschstämmigen Frau nach Deutschland zurück, ließ sich bei der Lufthansa weiterbilden und begann eine 30 Jahre währende Pilotenkarriere bei der größten deutschen Fluggesellschaft.

Aber das war nicht alles, er wurde auch erfolgreicher Fallschirmspringer, flog ab 1986 privat das berühmte deutsche Jagdflugzeug Messerschmidt Bf 109 aus dem Zweiten Weltkrieg, wirkte damit in Fernsehserien und Kinofilmen mit, unter anderem in „Operation Walküre“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle.  Eichhorn erwarb die Kunstfluglizenz, wurde Deutscher Meister in der Flugakrobatik. Seine Maschine, eine North American T-6, war nur sechs Jahre jünger als er selbst, er flog sie 44 Jahre lang. Er besaß und flog außerdem weitere Flugzeuge, von der berühmten „Tante Ju“ von Junkers bis zum Ostblock-Strahlflugzeug Aero L-29 Delfin. Insgesamt hat er 60 verschiedene Flugzeugmuster geflogen, bis hin zum Jumbo-Jet, kam auf eine Gesamtflugzeit von mehr als 20.000 Flugstunden und auf 2000 Fallschirmsprünge.

Walter Eichhorn, der in Bad Camberg lebte und zusammen mit seinem Sohn Toni ein Flugunternehmen betrieb, war bis zu seinem Tod vor wenigen Tagen fliegerisch aktiv. Er ist für seine Leistungen vielfach geehrt worden. 2018 nahmen ihn die „Living Legends of Aviation“ als Mitglied auf, ein exklusiver Kreis von 103 Stars der Weltluftfahrt. Auf dem Flughafen Siegerland ist vor einiger Zeit sogar eine Flugzeughalle nach ihm benannt worden. Vielleicht wird man in Jever oder Upjever eines Tages auch mit einer Straße oder einem Platz an ihn erinnern.

Er brachte Jever-Bier hinter den Eisernen Vorhang

Gastronom Broder Drees gestorben / 1989 eröffnete er die Kneipe „Tschaika“ in Leningrad

Von Theo Kruse

Jever/St. Petersburg. Die Nachricht ruft Erinnerungen wach: Der Wirt des Bierlokal „Tschaika“, Broder Drees, ist am 9. Mai im Alter von 78 Jahren in Hamburg-Altona gestorben. Er brachte 1989 das Jever Pilsener hinter den Eisernen Vorhang und schrieb damit Gastronomie-Geschichte. Vor 36 Jahren ein abenteuerliches Unterfangen .

Broder Drees.
Foto: Barbara Koch – aus Wikipedia. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

Gemeinsam mit seinem Kompagnon Peter Wolf und der Bavaria- und St. Pauli-Brauerei aus Hamburg, damals „Mutter“ des Friesischen Brauhauses, sowie der Stadtverwaltung Leningrad gründete der Nordfriese Drees das erste deutsch-russische  Gemeinschaftsunternehmen, ein Joint-Venture. Es waren die Zeiten von Glasnost und Perestroika. Michail Gorbatschow versuchte, das mächtige Sowjetreich zu öffnen und umzugestalten. Der Kalte Krieg schien ein für allemal beendet. Broder Drees, Sohn eines Tierarztes aus Bredstedt in Schleswig Holstein, hatte schon den Großneumarkt mit neuem  gastronomischem Leben erfüllt und damit nach Hamburger Ansicht das ganze Viertel gerettet.

Die Einrichtung der typisch norddeutschen Bierkneipe wurde auf dem Seeweg nach Leningrad gebracht – so hieß damals die heute wieder St. Petersburg genannte Metropole an der Newa. Zu den Merkwürdigkeiten des Umbaues am Gribojedow-Kanal Nr. 17 im Stadtzentrum zählte die Tatsache, dass einige hundert Kilometer Kupferkabel in Hamburg auf den Weg gebracht worden waren, aber in der Kneipe selbst nur wenige hundert Meter verlegt worden waren.

Die Eröffnung ließ sich die Hamburger Mutter des Friesischen Brauhauses einiges kosten. Per Flugzeug erreichte die Delegation aus Jever die Stadt Peter des Großen mit ihren prachtvollen  sakralen und aristokratischen Bauten. Allein für die Eremitage hätte man Monate benötigt, um alle Kunstwerke zu bewundern. Aber es ging natürlich nicht um das Zarengold, sondern um das jeversche Gold. Zusammen mit norddeutschen Spezialitäten und Köstlichkeiten aus der russischen Küche konnte man es sich in der „Tschaika“ (russisch Möwe) recht gut gehen lassen. Sowjetbürger durften in den ersten Jahren nicht hinein, denn es wurden nur Devisen akzeptiert, nicht der heimische Rubel. „Tschaika“ wurde schnell zum Treffpunkt internationaler Gäste der Stadt an der Newa; vor allem die Finnen rauschten schnell mal mit Tragflächenbooten über den Meerbusen, um sich am Jever-Pilsener zu laben.  

Nach der Rückkehr nach Hamburg gründete Broder Drees eine Reederei, die weltweit Seebestattungen anbot. Ein Schwerpunkt waren Urnenbeisetzungen in der Ostsee. Der Tausendsassa entwickelte zusammen mit dem Hamburger Konditormeister Walter Schmidt eine Urne aus Brotteig, die sowohl für See- als auch für Erdbestattung geeignet ist. Für seine Verdienste um die deutsch-russischen Verständigung erhielt Drees die Ehrendoktorwürde einer russischen Universität. „In seinen Kneipen am Hamburger Großneumarkt und St. Petersburg war er Gastgeber für Besucher aus aller Welt“, schreibt seine Tochter Heike Deutschmann in der Traueranzeige. 

Das zarte Pflänzchen  der deutschen-russischen Freundschaft ist spätestens seit dem Ukraine-Krieg zerstört. In Jever indes feierte man vom 6. bis 8. Oktober 1989 die „Deutsch-russische Woche“ unter Beteiligung des sowjetischen Botschafters, nachdem im August desselben Jahres auf dem Roten Platz in Moskau „Jever-Wochen“ für Furore gesorgt hatte. Von 1793 bis 1807 stand das Jeverland tatsächlich unter der Herrschaft der russischen Zarin Katharina der Großen; sie stammte aus dem Hause Anhalt-Zerbst. Doch wer will heute noch etwas von Russland wissen?

NS-Menschenhandel: Per Reichsbahn in die Freiheit

Änne Gröschler aus Jever und der Transport 222 aus Bergen-Belsen

Recht wenig ist bisher über die Austausche jüdischer Menschen aus den NS-Todeslagern gegen nichtjüdische Deutsche in britischer Internierung oder gegen Devisen bekannt. Der Historiker Hartmut Peters gibt am 31. Oktober 2024 (Donnerstag) ab 19 Uhr im GröschlerHaus Jever im Vortrag „Per Reichsbahn in die Freiheit. Änne Gröschler aus Jever und der NS-Menschenhandel“ einen Einblick in dieses verwirrende Randkapitel des Holocaust. 

Änne Gröschler um 1930 (Sammlung B. Löwenberg)

Wie kann es sein und wie kam es, dass NS-Deutschland buchstäblich alle jüdischen Menschen Europas und darüber hinaus ermorden wollte, gleichzeitig aber einige wenige vor ihrer Vernichtung in die Freiheit entließ?  Sechs Millionen wurden ermordet – insgesamt etwa 2500 in der Folge eines Austausches nicht.  

Im Mittelpunkt steht der „Transport 222“, mit dem 1944 die jeversche Jüdin Änne Gröschler (1888 – 1982) aus dem KZ Bergen-Belsen in das britische Mandatsgebiet Palästina entkommen konnte. Vor genau 80 Jahren, im Herbst 1944, schrieb sie sich auf Anraten von Ärzten ihre traumatischen Erfahrungen von der Seele.

Ihr Bericht ist die beste primäre Quelle zum „Transport 222“ und ein einzigartiges Dokument. Es schildert ein Panorama von Schrecken und Durchhaltewillen: die Verfolgung der Juden in einer deutschen Kleinstadt, die Flucht 1939 in die Niederlande, der Überfall Deutschlands 1940, der gescheiterte Versuch, mit dem Schiff nach England zu entkommen, das verratene Versteck in Groningen, die Haft im Lager Westerbork, die drohenden Deportationen nach Auschwitz und die Leiden im „Austauschcamp“ des KZ Bergen-Belsen, wo der Ehemann umkam. 

Wie in einem Wunder bestieg Änne Gröschler dann mit den anderen „Austauschjuden“ auf dem Celler Bahnhof einen zur Täuschung der Weltöffentlichkeit luxuriös ausgestatteten Sonderzug zur mehrtägigen Fahrt in die Freiheit. Das Manuskript des Berichts  wurde von der Familie Gröschler-Löwenberg  dem GröschlerHaus zur Verfügung gestellt und seitdem in verschiedenen kommentierten Ausgaben in Deutschland und den USA veröffentlicht.

Der Weg der Palästina-Austauschhäftlinge von Bergen-Belsen nach Haifa im Juni/Juli 1944 (mit Fluchtweg von Änne Gröschler, oben rechts). Grafik: Andreas Reiberg

Während der „Transport 222“ jüdische Menschen gegen eine identische Anzahl von Auslandsdeutschen aus britischer Internierung tauschte, kamen die sogenannten „Kasztner-Juden“ gegen Devisen frei. Der Budapester jüdische Rechtsanwalt Rudolf Kasztner schaffte es Ende 1944 nach schwierigsten Verhandlungen mit der SS, 1670 Juden aus dem KZ Bergen-Belsen in die rettende Schweiz freizukaufen. Kasztner galt manchen nach dem Krieg als Kollaborateur und wurde 1957 deshalb in Tel Aviv ermordet.

Die Veranstaltung gehört zur Reihe „Zehn Jahre GröschlerHaus“ des Arbeitkreises  GröschlerHaus im Jeverländischen Altertums- und Heimatverein. Der Eintritt ist frei. 

Quelle: Pressemitteilung GröschlerHaus Jever, 21. Oktober 2024

Zeitungen im Nordwesten sammeln Spenden für Flutopfer in Rheinland-Pfalz

Überflutete Straße im Katastrophengebiet. Bild: THW/Jan Herpertz

Wer hinterm Deich wohnt, den lässt es nicht kalt, wenn irgendwo auf der Welt Flutkatastrophen über eine Region hereinbrechen. Ob Elbehochwasser, Oderflut oder Tsunami im Indischen Ozean, immer war die Spendenbereitschaft im Nordwesten Deutschlands riesig. Und immer haben sich auch die Zeitungen der Region besonders engagiert. Das ist auch nach der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen nicht anders. Die Nordwest-Zeitung, das Jeversche Wochenblatt, die Wilhelmshavener Zeitung und der Anzeiger für Harlingerland haben sich diesmal allerdings entschlossen, keine eigene Sammelaktion zu starten, sondern die ihrer Kollegen von der Rhein-Zeitung in Koblenz zu unterstützen. Ab sofort wird um Spenden gebeten, die dann direkt und ohne zeitlichen Verzug im Hochwasser-Gebiet eingesetzt werden können.

„Viele Familien stehen vor dem Nichts und haben nicht mehr als ihr nacktes Leben retten können“, schreibt Wochenblatt-Redaktionsleiterin Cornelia Lüers in der heutigen Ausgabe des Jeverschen Wochenblatts (21. Juli 2021). Deshalb unterstützten die Zeitungen der Region die Spendenaktion, die die Rhein-Zeitung gemeinsam mit dem Verein „Helft uns leben“ initiiert habe. Die Kollegen in Koblenz hätten das Unterstützungsangebot dankend angenommen.

Manuela Lewentz-Twer, Vorsitzende der Hilfsaktion „Helft uns leben“, wird mit den Worten zitiert: „Man möchte sofort losfahren und helfen, helfen, helfen. Aber im Moment ist es erst einmal das Beste, ein wenig abzuwarten und dann in Gesprächen mit den zuständigen Behörden zu schauen, wo man Gutes tun kann, ohne die übrigen Abläufe zu stören.“

Erste Spenden sind bereits verteilt worden: „Ein Beispiel, wie der Verein vor Ort hilft: Eine Firma stellte ihr Verkaufsfahrzeug zur Verfügung, das mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Kindernahrung bestückt wurde und nach Bad Neuenahr fuhr. In der Kurstadt konnten so rund 400 Familien mit dem Nötigsten versorgt werden.“

Spendenkonto: Helft uns Leben, Sparkasse Koblenz, DE72 5705 0120 0000 0013 13, Stichwort „Der Nordwesten hilft“

Levy und die vergebliche Suche nach Heimat

Eckhard Harjes hat sein neues Buch über den letzten Juden von Jever veröffentlicht

Von Helmut Burlager

„Diese Gegend hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe solange, bis man ihr das anmerkt.“ Nein, das ist keiner von den vielen Sprüchen, die Fritz Levy auf kleine Zettel geschrieben und in der ganzen Stadt verteilt hat. Aber der Satz hätte von ihm stammen können, wie so viele, die er mit seiner Schreibmaschine verfasste, die nun im Mittelpunkt eines neuen Buches steht.

„Fritz Typewriter oder: Eine Reise mit Fritz Levy um die Welt und andere Geschichten von Heimatsuchenden“ heißt das Werk. Eckhard Harjes ist der Autor, und er bringt in seinem zweiten Buch über den letzten Juden von Jever nicht nur neue Facetten des 81 Jahre währenden Lebens von Fritz Levy ans Licht. Es ist auch eine intensive Erzählung über den Verlust von Heimat.

Cover des neuen Buchs von Eckhard Harjes über Fritz Levy.

„Die Behauptung, ein Idiot zu sein, habe ich mit dem Argument zu bestätigen, dass ich nach Deutschland zurückgekehrt bin.“  Dieser Spruch stammt tatsächlich von Fritz Levy, der seine Heimat   zurückerobern wollte. Er hat es nicht geschafft, aber er blieb in Jever, jahrzehntelang ein Stachel im Fleisch der Kleinstadt. Wie der Komantsche aus dem Film von Herbert Achternbusch, von dem das im Buch wiedergegebene Eingangszitat stammt, war auch er wild entschlossen, so lange zu bleiben, bis man der Stadt anmerkt, wie sie ihn und die anderen Juden von Jever kaputt gemacht hat.

Die Geschichte, die Eckhard Harjes erzählt, beginnt damit, dass vor wenigen Jahren die alte Schreibmaschine von Fritz Levy, eine „Wanderer Continental“, wieder aufgetaucht ist. Sie weckte bei Harjes nicht nur Erinnerungen an seinen alten Freund, sondern auch die Fantasie. Der Autor begab sich gedanklich selbst auf die lange Reise, die Fritz Levy 1939 in Hamburg antrat und von der er erst 1950 zurückkehrte. Er erzählt von der beschwerlichen Fahrt auf verschiedenen Dampfern bis nach Shanghai, vom harten Alltag der Flüchtlinge dort. Davon, wie der Lebenskünstler Levy sich durchschlägt, schreibt, liebt und leidet, von seiner Sehnsucht, wieder nach Hause zu kommen, was ihm nach dem Krieg über eine Zwischenstation in San Francisco schließlich gelingt. Als er wieder da ist, findet er nicht Heimat, sondern Ablehnung.

Die meisten Menschen, die Levy noch gekannt haben, erinnern sich an den renitenten, oft verwirrt wirkenden Alten. Eckhard Harjes macht in seiner Fiktion den jungen Fritz Levy sichtbar, eine starke Persönlichkeit voller Tatendrang, ein Frauentyp, immer den Schalk im Nacken. Und den sensiblen Levy, der in der Fremde nicht glücklich wird, dem seine Familie fehlt, der charmant und romantisch sein kann und für seine Freunde da ist. Harjes hat sich das nicht nur ausgedacht. Er hat als Jugendlicher viel Zeit mit Levy verbracht und bei der Recherche den kompletten schriftlichen Nachlass Levys, einige tausend Dokumente, ausgewertet.

In Nebensträngen erzählt Harjes von seiner eigenen Jugend in Jever und seinem zwiespältigen Verhältnis zur Heimatstadt, die sich so schwer damit tat anzuerkennen, was während der NS-Zeit passiert ist und was sie den Juden angetan hat. Er geht zurück in die Zeit, als die Jugendlichen in der Stadt rebellierten, um ein Jugendzentrum kämpften, die Nazigeschichte aufarbeiteten und sich gegen das Verdrängen und Vergessen wehrten. Und dann geht es noch um die alte Schule, das Mariengymnasium, um seinen Lehrer Hartmut Peters, dem Harjes im Buch ebenso ein Pseudonym verpasst wie vielen anderen Akteuren, die man leicht wiedererkennt. Und Musik spielt eine große Rolle, denn sie war für die Jugendlichen das wirkliche Vehikel, sich vom ganzen Mief und Muff der Nachkriegszeit zu befreien. Das lesenswerte Buch endet in einer Träumerei des Autors, in der Fritz Levy mit all seinen Wegbegleitern und seiner Familie nach Jever zurückkehrt und sich hier wohlfühlt. Zurück in der Heimat, die es für Levy in Wirklichkeit nie wieder gegeben hat.

Eckhard Harjes: Fritz Typewriter oder: Eine Reise mit Fritz Levy um die Welt und andere Geschichten von Heimatsuchenden. Taschenbuch, 248 Seiten, Fuego Verlag, 14,90 Euro, ISBN 978-3-86287-963-2

Dieser Beitrag erschien zuerst im Jeverschen Wochenblatt.

„Eine Zensur findet nicht statt“

Presse – Was dürfen Redakteure und was dürfen sie nicht? Der lange Weg zur Pressefreiheit

Von Helmut Burlager

Rechte und Aufgaben von Journalisten werden heute wieder heftig diskutiert. Aber das wurden sie eigentlich zu allen Zeiten.

JEVER. Was ist die Aufgabe von Redakteuren? Diese Frage stellt sich der Berufsstand, seit es ihn gibt, und auch Außenstehende diskutieren regelmäßig darüber: Was dürfen Journalisten eigentlich? Wozu sind sie da, welche Rechte haben sie, welche Pflichten? Für wen arbeiten sie, wem muss ihre Loyalität gelten? Dienen sie den Regierenden, dem Staat, der Gesellschaft, der Demokratie oder nur den wirtschaftlichen Interessen ihrer Verleger? Sind sie frei oder unfrei, schreiben sie ihre eigene Meinung auf oder werden sie von irgendjemand gesteuert?

Erstausgabe des Jeverschen Wochenblatts vom 5. Mai 1791. Foto: Helmut Burlager

Fragen über Fragen, und die Antworten darauf fielen zu allen Zeiten verschieden aus. Denn in vierhundert Jahren Zeitungsgeschichte hat sich der Journalismus immer wieder gewandelt. Und mit ihm das Bild vom Berufsstand des Redakteurs.

Aktuell ist dieses Bild ein wenig ramponiert. „Lügenpresse“, schallt es Kollegen entgegen, wenn sie sich einer Demonstration der politischen Rechten nähern, die ohnehin glaubt, Redakteure aller Medien bekämen Anweisungen darüber, was sie zu schreiben hätten, direkt von Angela Merkel aus dem Kanzleramt.

Von den einen als Handlanger und Schreibknechte der Mächtigen gescholten, von anderen als Störenfriede, notorische Einmischer, Wichtigtuer und neunmalkluge Besserwisser verachtet, sehen die Journalisten selbst sich zumeist ganz anders. Nämlich als institutionellen Teil der demokratischen Gesellschaft, als „vierte Gewalt“, die den Herrschenden auf die Finger haut und auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen hat, nicht einmal auf die eigenen Arbeitgeber. Doch ist dem wirklich so?

Die Wahrheit ist, wie so oft, vielschichtig. Und lässt sich am besten an Beispielen erzählen, etwa an der Geschichte des Jeverschen Wochenblatts. Denn begonnen hat alles schon im Jahr 1723. Da hat als erster überhaupt der Buchdrucker-Altgeselle Johann Christoph Keil aus Bremen den Versuch gemacht, in Jever eine Druckerei zu eröffnen. Von Pressefreiheit war damals noch keine Rede, der Antrag des Bremers wurde von der fernen Regentschaft in Anhalt-Zerbst kurzerhand abgelehnt. Ebenso zwei weitere Gesuche anderer Buchdrucker in den Folgejahren.

Dabei lechzte zumindest die gebildete Öffentlichkeit nach Lesestoff. 300 Jahre nach der Erfindung des modernen Buchdrucks durch Gutenberg machte zum Beispiel der Rektor der Lateinschule (des heutigen Mariengymnasiums) das Thema Buchdruckerkunst im Jahr 1740 geschickt zum Thema der damals üblichen Abschiedsreden der Abiturienten.

Erfolgreich war dann erst der Auricher Buchdrucker Borgeest, der 1787 den vierten Antrag stellte, eine Druckerei betreiben zu dürfen. Nach einigen Rückschlägen konnte er am 16. April 1791 dem Publikum ankündigen, dass er künftig jeden Donnerstag die Zeitung „Jeverische wöchentliche Anzeigen und Nachrichten“ veröffentlichen werde, in der neben Nachrichten und Bekanntmachungen auch „historische, öconomische und sonstige wissenschaftliche, das allgemeine interessirende Aufsätze“ gedruckt würden. Um in einem Halbsatz klarzustellen: „… wenn selbige die Censur passieren.“

Eine Zeitung ja, Pressefreiheit nein. In der ersten Ausgabe vom 5. Mai 1791 lesen die ersten Abonnenten denn auch Unverfängliches, unter anderem einen Aufsatz über die Frage, wie eigentlich die Muscheln, die für die Kalkbrennerei genutzt werden, auf das Watt kommen und wie sie sich vermehren. Belehrendes, Unterhaltendes, Wissenswertes, aber auch bald erste Anzeigen prägen das Bild der jungen Zeitung. Journalismus im heutigen Sinne gab es so wenig wie den dazugehörigen Beruf. Der erste Schriftleiter des Wochenblatts war zugleich der „Rechnungssteller“, des Verlages, ein offenbar tüchtiger Mann namens Carl Hübling; seine Position entsprach der eines heutigen Verlagsleiters. Was er zu veröffentlichen gedachte, musste er zuerst der Polizei im Rathaus zur Zensur vorlegen.

Eine inhaltliche Erweiterung erfuhr das Blatt Mitte des 19. Jahrhunderts, in einer Phase, in der in Deutschland die Einigungs- und Demokratisierungsbestrebungen Fahrt aufnahmen. 1844 erschienen als Beiblatt erstmals die „Jeverländischen Nachrichten“, redigiert unter anderem von Hofrat G. H. Ehrentraut, Karl Strackerjan und dem Landwirt und Wissenschaftler Friedrich von Thünen aus Canarienhausen, der in der Freiheitsbewegung von 1848 das Jeverland im Oldenburgischen Landtag vertrat. Das Blatt machte sich Ziele wie „die Teilnahme an den gemeinsamen Angelegenheiten der Staatsbürger zu beleben und zu fördern“ oder „der Freiheit werth zu sein und die Verläumder der Presse zu beschämen“ zu eigen und richtete sich damit auch gegen die weiter bestehende Zensur.

Wurde die Zeitung unter diesen drei Köpfen zu einem wichtigen Organ liberaler Ideen und Meinungen sowie sozialer Reformen in den bewegten Zeiten der Märzrevolution, so schwenkte sie gegen Ende des Jahrhunderts, nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, langsam ins nationalkonservative Lager.

Journalistisch nahmen ab 1890 das Jeversche Wochenblatt und die Jeverländischen Nachrichten als nunmehr verschmolzenes Blatt die moderne Form des Generalanzeigers ein. So wurden und werden Zeitungen bezeichnet, die sich an breite Bevölkerungsschichten richten, politisch und konfessionell unabhängig sind, die Nachricht gegenüber dem Kommentar, die Unterhaltung gegenüber der Meinungsbildung bevorzugen.

Dafür stand als Name Gerhard Wettermann. Der Schriftleiter war von 1891 bis 1914 für die Redaktion verantwortlich. Danach begannen publizistisch unruhige Zeiten, vier verschiedene Redaktionsleiter in vier Kriegsjahren. Mit Friedrich Lange folge 1919 ein Schriftleiter, der das Blatt weit vor Hitlers „Machtergreifung“ auf stramm nationalsozialistischen Kurs brachte. Hätte die Redaktion bis 1933 noch Alternativen gehabt, so wurde den Schriftleitern vom Zeitpunkt der „Gleichschaltung“ der Medien im NS-Staat an mit „Sprachregelungen“ aus Berlin genau vorgegeben, wie zu berichten und zu kommentieren war.

Als der Krieg 1945 beendet und das Hitlerreich untergegangen war, verschwanden vorübergehend auch die gleichgeschalteten Blätter von der Bildfläche; die Alliierten hatten sie allesamt verboten. Erst mit der Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 wurde endgültig jene Pressefreiheit erreicht, von der im Jahr 1740 schon jeversche Abiturienten geträumt hatten.

Zu den Errungenschaften der Bundesrepublik gehört neben der äußeren auch die innere Pressefreiheit. Während sich die äußere auf den Staat bezieht, ist unter innerer Pressefreiheit die Freiheit der Redakteure gegenüber dem Verleger oder Herausgeber der Zeitung zu verstehen. Der Verleger legt die grundsätzliche Haltung der Zeitung fest; innerhalb dieser Vorgabe (die zum Beispiel „unabhängig und überparteilich“ lauten kann) ist die Redaktion eigenverantwortlich tätig. Mit der klaren Trennung von Verlags- und Redaktionsleitung wird diese innere Pressefreiheit beim Jeverschen Wochenblatt seit Anfang 1990 gelebt.

Was darf ein Journalist? Diese Frage beantworten heute nicht der Staat oder die Regierung, nicht Verleger oder Anzeigenkunden. Sie beantwortet sich aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch, aus den Landespressegesetzen, vor allem aber aus dem Pressekodex des Deutschen Presserates, der als ethische Leitlinie so etwas wie die „zehn Gebote“ des Journalismus formuliert hat. Über allem aber steht das Grundgesetz mit seinem Artikel 5. Er lautet: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

(Dieser Beitrag erschien zuerst im Jeverschen Wochenblatt und Anzeiger für Harlingerland, Ausgaben vom 21. Januar 2020)

Sinti-Verfolgung in der NS-Zeit: Auf Spurensuche in Auschwitz

Die sehr junge Frau blickt ernst in die Kamera. Sie sitzt auf einem Sofa in einem Hotel in der Stadt Auschwitz. Das Sprechen kostet sie Überwindung: „Erst dachte ich, wir machen einen Ausflug“, sagt sie. „Aber als wir durch das Tor gingen, habe ich realisiert: Wir besuchen unsere Verwandten auf dem Friedhof.“ Sie hat gerade mit anderen Familienmitgliedern an diesem Herbsttag 2019 die steinernen Reste des sogenannten Zigeunerfamilienlagers im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau besucht. Viele ihrer Vorfahren, zuvor ansässig in Zetel, wurden hier ermordet. Ihre Urgroßmutter Margot Schwarz überlebte.

Eine Szene aus dem Film „Auf Spurensuche: Jever – Sachsenhausen – Auschwitz“ von Omid Mohadjeri und Michael Telkmann, der am Mittwoch, 22. Januar 2020, in der „Filmpalette“ in Jever, Bahnhofstraße 44, gezeigt wird (Einlass ab 19.30 Uhr, Filmbeginn 20.05 Uhr).

Der Film begibt sich auf die Spuren der Sinti-Familien Schwarz und Laubinger, von denen siebenundzwanzig Angehörige im März 1943 aus Zetel und Oldenburg zusammen mit 250 anderen Sinti über den Sammelpunkt Bremer Schlachthof nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden – nur wenige überlebten. Der 2019 entstandene Film wird in einer Premiere von den Kino-Freunden Friesland e.V. und dem GröschlerHaus Jever aus Anlass des bevorstehen 75. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz gezeigt. 

Initiator und verbindendes Element des Films ist Christel Schwarz, 71, der Vorsitzende des Freundeskreises der Sinti und Roma e.V. in Oldenburg. Sein Vater Friedrich Schwarz wurde 1938 in Jever verhaftet und war bis 1945 im KZ Sachsenhausen, seine Mutter Margot Franz durchlitt Auschwitz-Birkenau, Flossenbürg und Buchenwald. Ursprünglich geplant war eine große, gemeinsame Reise der Nachkommen an die Stationen der Verfolgung und des Mordes. Realisiert wurden schließlich zwei kürzere, mehrtägige Reisen: eine von Jever über die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg bis zur Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald – und eine nach Auschwitz-Birkenau.

Obwohl es ein vergleichbares Projekt, in dem Sinti ihre Geschichte selbst darstellen, noch nicht gegeben hat, hielten die großen deutschen Stiftungen ihre Taschen zu. Der Film konnte schließlich durch Unterstützung des Landkreises Friesland und der Städte Jever und Oldenburg sowie durch private Spenden doch noch realisiert werden. Das Filmteam arbeitete praktisch unbezahlt. „Das kleine Budget macht ja das Thema nicht unwichtiger“, sagt Filmemacher Michael Telkmann. „Die Zeitzeugen werden nicht jünger. Wir haben gesagt: Wir machen das trotzdem.“

„Es geht im Film viel mehr um die Gegenwart, als wir am Anfang gedacht haben. Es ist kaum jemandem bewusst“, so Telkmann, „wie sehr die Erfahrungen der NS-Zeit bis heute auch in der jungen Generation nachwirken. Jeder einzelne Gesprächspartner berichtet von massiven Diskriminierungen.“Auf dem Weg nach Oranienburg kündigte ein Campingplatzbesitzer plötzlich den gebuchten Stellplatz – er habe ja nicht gewusst, dass es sich um „Zigeuner“ handele. Konsterniert berichtet der Vater eines kleinen Jungen, wie sich beim Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau seine Gedanken an die ermordeten Verwandten mischten mit der Erinnerung an die Beleidigungen, die er selbst als Jugendlicher zu hören bekam. Und heute werde eben sein Sohn als „Zigeuner“ beschimpft.

 „Ich habe etwas über Schmerz gelernt, über Trauer und Wut“, sagt der Kameramann Omid Mohadjeri, 23. „Ich möchte mit dem Film ohne Umwege das Herz treffen. Damit die Zuschauer über das Gefühl verstehen, wie wichtig das Thema ist.“ Die beiden Filmemacher staunen immer noch darüber, mit welcher Offenheit die Angehörigen ihnen begegnet sind.

Man merkt dem Film die vertrauensvolle Atmosphäre an; dass Begegnungen und Gespräche auch weitergingen, als die Kameras ausgeschaltet waren. Die Aussagen der kleinen Reisegruppe erreichen tiefere Schichten des Verständnisses für die Auswirkungen des Völkermordes in der Gegenwart, als das  die meisten TV-Dokus hinbekommen.

„Ich möchte die zum Nachdenken bringen, die mit dem Thema sonst nichts zu tun haben“, sagt Christel Menni Schwarz. „Der Film soll eine Warnung sein, dass so etwas nie wieder passieren darf“. 

22. Januar 2020, 20.05 Uhr, Filmpalette Jever, Bahnhofstraße 44: Auf Spurensuche: Jever – Sachsenhausen – Auschwitz. Dokumentarfilm Omid Mohadjeri und Michael Telkmann, 40 Minuten. Mit Christel Menni Schwarz und vielen Familienangehörigen. Moderation: Christel Menni Schwarz und Hartmut Peters. Musikalischer Rahmen: Sinti Swing Oldenburg. Karten (10 Euro) an der Abendkasse

Anke Luckja neuer Vorstand bei Opportunity International

Vor 22 Jahren wurde Opportunity International Deutschland aus der Überzeugung heraus gegründet, durch den Ansatz der sozialen Mikrofinanz mit dem Ziel der „Hilfe zur Selbsthilfe“ Armut an der Wurzel nachhaltig zu bekämpfen. Die Stiftung hat ihren Sitz in Köln, in Jever wird ihre Arbeit durch den Freundeskreis Weser-Ems um die Unternehmer Dr. Karl Harms und Jochen Ewald sowie Pastor Rüdiger Möllenberg von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Jever aktiv unterstützt. Der Freundeskreis hat seit 2007 Spenden in Höhe von nahezu 800.000 Euro für die Arbeit von Opportunity, vor allem im westafrikanischen Ghana, eingeworben.
Mit dem heutigen 1. Februar gibt es eine personelle Veränderung in der Stiftung. Anke Luckja, die seit Jahren in engem Kontakt zum Freundeskreis in Jever steht und die aus dem Nordwesten finanzierten Projekte entwickelt und betreut hat, ist durch den Stiftungsrat zum Vorstand von Opportunity International Deutschland bestellt worden. Anke Luckja ist seit mehr als zwölf Jahren in verschiedenen Funktionen für OID tätig und leitete zuletzt die internationale Projektarbeit der Stiftung. Seit drei Jahren war sie zudem Mitglied der Geschäftsleitung. Sie ist Nachfolgerin von Mark Ankerstein, der zu einer anderen Entwicklungsorganisation wechselt. „Wir freuen uns sehr, mit Anke Luckja eine ausgewiesene Expertin für Entwicklungszusammenarbeit als neuen Vorstand gewonnen zu haben. Anke Luckja ist aufgrund ihrer internationalen Erfahrung und ihres jahrelangen Engagements für Opportunity der Garant für eine erfolgreiche Weiterführung unserer gemeinnützigen Stiftungsarbeit“, sagte der Vorsitzende des Stiftungsrates, Dr. Andre Stoffels.
OID ist eine christlich motivierte Organisation, die seit 22 Jahren „Hilfe zur Selbsthilfe“ leistet. Mit dem Glauben an die Fähigkeit armer Menschen, sich selbst dauerhaft aus dem Kreis der Armut befreien zu können, bekämpft OID Armut im globalen Süden. In Kooperation mit erfahrenen Partnerorganisationen vor Ort werden Bildung und Unternehmertum als Investition in die Zukunft gefördert. Durch persönliche Betreuung, Vermittlung von fachlichem und unternehmerischem Wissen, den Zugang zu Schul- und Berufsausbildung sowie zu finanziellen Ressourcen wird armen Menschen die Chance gegeben, ihre wirtschaftlichen Aktivitäten auf- und auszubauen. Dadurch werden diese Menschen und ihre Familien dauerhaft in die Lage versetzt, ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben zu führen – frei von Armut.

Opportunity International Deutschland