Tag 136 | Paradoxon

Manches, was selbstverständlich erscheint, scheint nicht selbstverständlich zu sein. Überschrift der Woche in einer Pressemeldung der Polizei Wilhelmshaven: „Anti-Gewalt-Veranstaltung in Wilhelmshaven verlief friedlich“

Tag 135 | Royals

Man muss ja kein Monarchist sein, um den König von Holland zu mögen. Bei mir reicht es, dass er früher mal den Spitznamen „Prins Pilsje“ trug. Schade, dass er auf seiner Norddeutschland-Reise nicht nach Jever kommt, das Bier hätte ihm bestimmt geschmeckt. Aber immerhin wird er sich in Ostfriesland umschauen. Hier das Besuchsprogramm: NiederlandeNet

Tag 134 | Oben ohne

Dem Kollegen, der mich vor ein paar Jahren auf die Idee gebracht hat, mich ebenfalls von der Drei-Millimeter-Frisur zu verabschieden, geht es auch nicht besser als mir. Läuft gerade mit einer großen Macke auf dem kahlen Schädel herum. „Na, auch beim Rasieren geschnitten?“ „Nein“, antwortet er, „im Garten an einem  Ast gestoßen.“ Tragen wir also beide sichtbar einen Schorf herum – der Preis für wahre Schönheit. „Man könnte sich ja die Haare wieder wachsen lassen“, sag ich noch im Weggehen. „Nein, auf keinen Fall“, ruft er mir hinterher. Wie recht er hat.

Tag 129 | Relegation

Also, auf die Gefahr hin, dass ich der einzige hier bin, aber mir täte es schon Leid, wenn der HSV absteigen müsste. Obwohl ich ja eigentlich Werder-Fan bin. Einfach aus nordischem Regionalpatriotismus, und überhaupt. Dass die Dinos ausgestorben sind, bedauern wir ja heute auch. In dem Sinne: 1:0 gegen Mainz. Mehr verlangen wir doch gar nicht …

Tag 123 | Not und Elend

Als einer, der dafür in Frage käme, weil er schon so lange malocht, denkt man ja über die Rente mit 63 nach, die uns von der GroKo beschert wurde. Jetzt lese ich allerdings eine Ankündigung der Selbsthilfekontaktstelle Wittmund-Wilhelmshaven, wonach in Esens gerade eine neue Selbsthilfegruppe „Junge Rentner“ gegründet wird.

„Endlich nicht mehr zur Arbeit, ausschlafen bis in den Vormittag, ein Leben ohne Verpflichtung und Druck. Man kann tun und lassen, was man möchte. Herrlich so ein Rentnerdasein! So oder so ähnlich stellt man sich diese Lebensphase vor. Doch nach und nach, wenn das „Urlaubsgefühl“ verflogen ist, Keller und Dachboden aufgeräumt, Garten und Haushalt auf dem neuesten Stand der Dinge sind, schleicht sich die Frage ein: Und jetzt? Hierauf möchte die Selbsthilfegruppe Junge Rentner Antworten finden, wie auch immer sie aussehen mögen…“

Ich glaub, ich lass es bleiben …

Tag 122 | Alles gut?


Von Heike Pohl


„Und bei euch? Alles gut so weit …?“ Eine Frage, wie ich sie oft stelle, aus Sympathie heraus. Und wenn ich jemanden länger nicht gesehen habe. Eine Frage, die voraussetzt, dass die Antwort so positiv ist wie die Laune, in der ich sie stelle.

Heike hatte ich das letzte Mal auf dem Markt gesehen. Mit ihrem lebenslustigen und fröhlichen Mann und ihrem Hund. Es mag ein paar Monate her sein? Ein halbes Jahr? Und eben heute wieder. 

„Nicht so gut“, lautete ihre Antwort. Und dass ihr Mann im Dezember gestorben sei. So ist das, wenn man voraussetzt, dass das Leben zu den anderen Menschen auch so gut ist.

Tag 119 | Spielregeln

Morgen ist der 1. Mai, da werden wieder überall Maibäume aufgestellt. Was zumindest in Friesland überhaupt nicht der Tradition entspricht. Hier stellt man sie nämlich eigentlich am Vorabend auf und bewacht sie über Nacht. Und klauen darf man Maibäume auch, wenn man bestimmte Regeln einhält.

„Der Maienbaum und seine Regeln“

Tag 118 | Vielseitig

Zu viele Stationen im Lebenslauf können in Bewerbungsunterlagen genauso tödlich sein wie zu wenige. Gilt der eine als Job-Hopper, setzt der andere sich dem Verdacht aus, wenig Mut und Neugier zu zeigen und ein Langweiler zu sein. Der Top-Fotograf, der mit knapp 30 Jahren die Ausbildungs- und Arbeitsorte Düsseldorf, London, Tokio, Jever, Shanghai, Singapur, Los Angeles und Berlin angeben kann, sollte sich keine Sorgen machen müssen. „Was machen Sie denn zurzeit?“, fragt man ihn ganz arglos. „Oh, zurzeit“, sagt er. „Zurzeit arbeite ich als Barkeeper in einem Fünf-Sterne-Hotel“.

Tag 117 | Humor

Über den subtilen Humor eines Unternehmers, der mit Getränken handelt und Unckenboldt heißt, hab ich mich ja schon immer gewundert, wenn ich auf meiner Lieblingsradtour im Kanalhafen in Wilhelmshaven am Depot dieser Firma vorbeikam. Aber der Mann versteht wirklich Spaß, wie gestern vor dem „Tatort“ auf Twitter zu lesen war.

Unckenboldt

Tag 116 | Die Hütte

Mein Lieblingsgastwirt gehört nicht zu den Aufschneidern. La Casetta hat er sein Lokal ganz bescheiden genannt, und von außen sieht es ganz genau so aus. Eine Holzbude mitten auf einem hässlichen Parkplatz, aber mit einer schönen Außenterasse, wo der Verkehr vorbeirauscht, doch es wird einem wenigstens nicht langweilig, wenn man dort sitzt und auf seine Pizza wartet. Man kann in der Zeit die jungen männlichen Angeber angucken, die auf der Bahnhofstraße noch mal richtig Gas geben, bevor sie am Bahnübergang abheben und mit einem heftigen „Plupp“ auf der Schützenhofstraße wieder aufsetzen. Man kann den viel zu leicht bekleideten Mädchen nachschauen, die die ersten Aprilsonnenstrahlen mit Sommer verwechselt haben und nun gegen halb acht hübsche Gänsehautpickel bekommen, wie sie da vorbeiflanieren oder viel zu gerade auf ihren Hollandrädern sitzen. Und dann die Speisekarte. Quattro Stagioni für sechs Euro, Insalata Italia für sechs zwanzig, der Wein immer gut gekühlt, einen Grappa oder “ ’n klein‘ Marsala“  gibt’s hinterher. Man muss allerdings erst mal einen Platz bekommen bei Stefano, und das sieht schon mal schlecht aus. So wie gestern. Nur noch ein Tisch frei, und da steht „reserviert“ drauf. Man geht also rein zu Stefano, er strahlt wie immer. „Moin Helmut, wie geht’s? Wollt Ihr essen? Drinnen oder draußen?“ „Am liebsten draußen, aber da ist ja alles voll und der eine Tisch reserviert.“ „Ja“, strahlt Stefano weiter. „Für Dich!“ – Was soll man sagen?

La Casetta