Asylheime sind keine Tabuzonen für Journalisten

Der Deutsche Journalisten-Verband hat die Betreiber von Flüchtlingsunterkünften aufgefordert, journalistische Vor-Ort-Recherche in den Heimen zu ermöglichen.

BFF_1508_ButtonBlau2-300x300„Journalistische Arbeit in Flüchtlingsunterkünften darf nicht zum Tabu gemacht werden“, sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. Eine Umfrage des DJV hatte zuvor ergeben, dass es in mehreren Bundesländern Probleme für Journalistinnen und Journalisten gibt, die die Unterkünfte betreten und dort recherchieren wollten. „Die Berichterstattung der Medien darf nicht auf Ereignisse außerhalb der Unterkünfte beschränkt werden, wie zuletzt etwa in Heidenau“, sagte Konken. Die Öffentlichkeit wolle wissen, wie die Flüchtlinge untergebracht seien, wie sie lebten, welche Erlebnisse sie hätten. Das sei nur möglich, wenn Journalisten mit den Flüchtlingen sprechen und sie in ihrem Heimalltag beobachten könnten.

Der DJV-Vorsitzende stellte klar, dass Journalisten die Privatsphäre der Flüchtlinge zu beachten hätten: „Es geht nicht darum, die Menschen mit Mikrofon und Kamera zu bedrängen, sondern mit ihnen zu sprechen, wenn sie dazu bereit sind.“ Das sei aber nur möglich, wenn die Journalisten die Unterkünfte betreten könnten. Länder und Kommunen als Betreiber der Heime seien in der Pflicht, Berichterstattung zu ermöglichen, statt sie zu verhindern.

Quelle: DJV-Pressemitteilung

Werbeanzeigen

Tag 270 | Auf der Flucht

Die Bilder, die es in dieser Woche aus Ayn al Arab in Syrien in unsere Fernsehnachrichten geschafft haben, müssen vielen Deutschen schon deshalb an die Nieren gegangen sein, weil sie so viel Ähnlichkeit haben mit den historischen Aufnahmen, die wir aus unseren eigenen Geschichtsbüchern kennen: Zehntausende von Menschen in langen Kolonnen unterwegs auf der Flucht vor Gewalt und Gefangenschaft, auf der Suche nach einem sicheren Platz, wo das Leben nicht mehr in Gefahr ist.

Die Umstände mögen andere gewesen sein, die Verzweiflung und Panik ist die gleiche, egal ob Flüchtlinge sich aus Ostpreußen oder Schlesien in langen Trecks auf den Weg machten oder ob Jesiden, Christen oder nicht-sunnitische Muslime in Syrien oder im Irak ihre Dörfer verlassen, weil sie mit dem Tod bedroht werden.

Deshalb ist befremdlich, mit wie wenig Empathie manche Menschen bei uns dem Leid der Flüchtlinge dort begegnen. So lange sie in Lagern nahe der Grenze zu ihrer Heimat eingepfercht sind, mag ja noch Mitgefühl für die Bürgerkriegsopfer da sein, aber sobald sie als Asylbewerber in Deutschland angekommen sind, ändert sich schlagartig die Einstellung. Die möchten doch bitteschön woanders bleiben, aber nicht auf unsere Kosten bei uns leben wollen, es ist ja eng genug hier, und uns schenkt auch keiner was und überhaupt, sie sehen anders aus und passen nicht zu uns …

So ähnlich war übrigens auch die Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten, als sie auf der Flucht vor den Russen nach Westdeutschland kamen. Man kann das in vielen Flüchtlingsbiografien nachlesen.

Der Städte- und Gemeindebund Friesland hat sich in dieser Woche für die Schaffung einer zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge im Landkreis ausgesprochen, weil die Wohnungen für Asylbewerber knapp werden. Machen wir uns nichts vor: Da kommen Diskussionen und sicher auch neue Probleme auf uns zu. Vielleicht sollten wir uns dann ab und zu vor Augen halten, dass Flucht und Verfolgung auch deutsches Schicksal war und ist.

Tag 128 | Flüchtlingsschicksal

Die "Exodus". Bildquelle: Wikimedia Commons / Pikiwiki Israel
Die „Exodus“. Bildquelle: Wikimedia Commons / Pikiwiki Israel

Im Sommer 1947 versuchten 4500 heimatlose Juden mit dem Dampfer Exodus nach Palästina auszuwandern. Unter den Augen der entsetzten Weltöffentlichkeit holten britische Soldaten die Passagiere in Haifa mit Waffengewalt vom Schiff und deportierten sie ausgerechnet ins kalte Nachkriegsdeutschland. In niedersächsischen Kasernengebäuden warteten sie einen Winter lang, um schließlich endgültig nach Israel auswandern zu können. Die Geschichte der jüdischen Flüchtlinge wird nun zum Thema der dokumentarischen Theatervorstellung „Exodus“, die vom Theater Das Letzte Kleinod in den kommenden Monaten in Israel und Norddeutschland an originalen Spielorten aufgeführt wird.

Damals in Hamburg hatte man die aus dem Schiff rausgeprügelt. Die wollten nicht an Land. Die kamen ja wieder nach Deutschland, hinter Stacheldraht. Denn mussten sie Namen sagen. Da haben sie alles Mögliche gesagt. Bloß ihren eigenen Namen nicht. (Gerda, Zeitzeugin aus Emden)

Für das Buch interviewte der Autor und Regisseur Jens-Erwin Siemssen zehn Zeitzeugen, die auf der Exodus mitfuhren oder das Geschehen in Emden und Wilhelmshaven als Anwohner miterlebten. Die originalen Aussagen wurden in diesem Buch dialogisiert und nur geringfügig verändert.

Aus den Erzählungen der Zeitzeugen entsteht das Theaterstück „Exodus“. Die Aufführung wird von einem internationalen Ensemble an drei originalen Schauplätzen der Geschichte inszeniert. Die Proben und eine Werkpräsentation fanden an einem besonderen Ort statt: Im ehemaligen britischen Haftlager in Atlit bei Haifa wurden früher illegale Einwanderer interniert. Vom ehemaligen Lager sind die Barracken, Stacheldrahtzäune, Wachtürme und Güterwagen erhalten. In Atlit kam das Ensemble auch mit israelischen Zeitzeugen in Kontakt, die Gedenkstätte wurde zum Schauplatz der dokumentarischen Inszenierung.

Seit Ende April 2014 finden die Proben in Emden statt. Auf dem Gelände der Karl-von-Müller-Kaserne wird die Uraufführung von „Exodus“ an einem weiteren originalen Schauplatz stattfinden. Mit Schauspielern aus Israel, Deutschland und aus den Niederlanden wird das Stück vor den illuminierten Fassaden des Kasernengebäudes gespielt. Die Vorstellung wird an die individuellen Möglichkeiten des Gebäudes angepasst: Bühnenorte, Bewegungsmöglichkeiten und der Raumklang beeinflussen die Spielhandlung. Als zusätzliche Objekte werden Gegenstände genutzt, die in leerstehenden Gebäuden zurück bleiben.

Ein Chor unter der Leitung des israelischen Komponisten Shaul Bustan singt in den brachliegenden Gebäuden der Kaserne. Die Zuschauer sitzen unter freiem Himmel auf einer Tribüne auf dem Kasernenhof. Die Uraufführung von „Exodus“ findet am Mittwoch, 14. Mai 2014, in Emden statt, die Vorstellung wird bis zum 17. Mai jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang um 21 Uhr gespielt.

Anschließend wird die Vorstellung  in der Armin-Zimmermann-Kaserne in Wilhelmshaven-Sengwarden aufgeführt. Auch hier waren im Winter 1947/48 über Tausend  jüdische Flüchtlinge vom Schiff „Exodus“ untergebracht. Bei diesen Vorstellungen wirkt der Jugendclub der Landesbühne Nord mit. Ein weiterer Spielort in Norddeutschland wird eine ehemalige amerikanische Kaserne in Bremerhaven sein, die Carl-Schurz-Kaserne in Bremerhaven.

Weitere Informationen und Reservierungen unter Tel. 04749-10 25 64 und www.das-letzte-kleinod.de

Vorstellungen von EXODUS

Mittwoch, 14. Mai 2014, 21:00 Uhr, Uraufführung in Emden
14. – 17. Mai 2014, Karl-von-Müller-Kaserne, Gerhard-Hauptmann-Straße, 26721 Emden, in Kooperation mit dem Kulturbunker Emden,

22. – 24. Mai 2014, Armin-Zimmermann-Kaserne, Wilhelmshaven-Sengwarden,
in Kooperation mit dem Heimatverein Sengwarden

29. – 31. Mai, 02. – 04. Juni 2014, Carl-Schurz-Kaserne, Amerikaring, 27580 Bremerhaven

Beginn der Vorstellungen jeweils um 21:00 Uhr