Tag 60 | Liebe ist …

Die weißhaarige Nachbarin, hoch in den Achtzigern, verlässt das Haus, biegt auf den Bürgersteig, offensichtlich ist sie auf dem Weg zum Einkaufen. Im Vorbeigehen grüßt sie mich freundlich, wie immer. Plötzlich macht sie kehrt, geht ein paar Meter zurück, bis sie ihre Wohnung wieder im Blick hat und winkt kurz Richtung Wohnzimmerfenster. Dann dreht sie erneut um und setzt sie ihren Weg fort. Sie bemerkt meinen irritierten Blick und klärt mich lächelnd auf: „Da steht mein Mann. Er schaut immer aus dem Fenster, wenn ich aus dem Haus gehe und winkt mir nach. Ich habe vergessen zurück zu winken.“ Sie wohnen dort übrigens seit fast fünfzig Jahren.

Tag 59 | Saniunfair

Eins haben die Dixi-Klos auf dem Rastplatz an der Sauerlandlinie A 45, die als Ersatz für ein in Renovierung befindliches Toilettenhäuschen dienen, ja für sich. Wer sie benutzen muss, wird sich nie wieder über die 70 Cent Eintritt bei Sanifair in deutschen Raststätten beschweren.

Tag 57 | Glückskeks

Angebot eines Bäckers in Stein am Rhein, Schweiz. Foto: Helmut Burlager
Angebot eines Bäckers in Stein am Rhein, Schweiz.
Foto: Helmut Burlager

Das Bäckerhandwerk hat’s schwer gegen die Konkurrenz der Industriebrothersteller und Backstationen in Supermärkten, bei Aldi und Lidl. Da heißt es Nischen suchen, und warum nicht eine Anleihe nehmen bei Kollegen, die schon neue Wege gehen? Mit Glückskeksen aus Hanfprodukten ließen sich bestimmt neue Kundenkreise erschließen. Und wer hat’s erfunden? Natürlich die Schweizer!

Tag 55 | Je oller …

Alma Rodyk (82) reist mit Tochter, Enkelin und Urenkelin nach Gambia.  Foto: Helmut Burlager
Alma Rodyk (82) reist mit Tochter, Enkelin und Urenkelin nach Gambia.
Foto: Helmut Burlager

Wo wir doch vorgestern gerade beim Thema Respekt für ältere Menschen waren, da hätte ich noch einen anzubieten. Da gibt es mitten in Ostfriesland, in Spetzerfehn, eine 82-Jährige, die hört Weihnachten, dass ihre Tochter mit Enkelin und Urenkelin nach Gambia reisen will. Und erklärt kurzerhand: „Ich fahre mit.“ Morgen, Dienstag, startet diese ungewöhnliche Reise von vier Generationen Frauen zu den Wurzeln der Jüngsten des Quartetts. Der Vater der kleinen Jaye stammt vom schwarzen Kontinent:  Alma will naa Afrika

Tag 53 | Die Lehrerin

Die alte Dame mit dem Rollator sieht so aus, als ob sie in dieser süddeutschen Touristenstadt wohnen könnte, das würde die Suche nach einer Apotheke erleichtern. Bevor ich sie anspreche, sehe ich schon ein Arztrezept im offenen Korb ihres Stützwägelchens liegen, so dass sich die Frage eigentlich erübrigt. „Guten Tag, Entschuldigung. Sie kennen sich hier doch bestimmt aus…?“ „Ich wohne seit fünf Jahren hier“, erklärt die Dame. Also komme ich auf mein Anliegen zu sprechen: „Ich suche eine Apotheke.“ „Dann können Sie mich begleiten, ich bin gerade auf dem Weg dorthin“, antwortet sie.

Gut, das wird also etwas länger dauern als geplant, denn die Schnellste ist sie nicht, dafür sehr nett und auskunftsfreudig, wenn die Stimme auch schon etwas brüchig ist und die Ohren nicht mehr gut hören, so dass ich laut antworten muss. Ich erfahre also auf zweihundertfünfzig Metern, dass sie an der Ostsee geboren wurde, auf einer Insel, deren Namen ich nicht kenne („Sie haben wohl in der Schule nicht aufgepasst, junger Mann?“), dass sie früher in Lübeck gelebt hat, Lehrerin von Beruf war, schon lange hier in der Gegend ansässig ist. Hergezogen, um näher bei ihrem jüngsten Sohn zu sein, und neuerdings, also seit fünf Jahren, wohne sie eben hier in einer Seniorenresidenz. Da sei es recht schön, das Essen lasse sie sich aufs Zimmer kommen. Mal sei es gut, mal nicht, denn es gebe zwei Köche. Der eine könne gut kochen, der andere… Ihr Vater sei Arzt gewesen auf Poel, jener Insel, von der sie stamme, die liege vor Wismar, er habe dort als erster ein Auto gehabt. In die Stadt sei man natürlich mit dem Schiff gefahren.

Wir unterhalten uns blendend. „Oh, Sie können ja lachen, das ist schön“, freut sie sich, als ich eine Bemerkung witzig finde. Doch, erzählt sie auf Nachfrage, ihr gehe es gut, besser jedenfalls als ihren Kindern. Der Älteste sei ja nun auch schon über siebzig und der jüngere mit Anfang sechzig aus gesundheitlichen Gründen bereits im Ruhestand. Ich muss gar nicht fragen, sie erzählt es mir von selbst: Sie ist 95. In der Apotheke angekommen, verlangt sie erstmal freundlich, aber bestimmt, von einer ganz bestimmten Mitarbeiterin bedient zu werden. Als ich aus der Apotheke herauskomme, wartet sie draußen, um sich zu verabschieden, wie es sich gehört. Respekt!

Tag 52 | Fremdsprache

Das Buch bestellen: Hier klicken!
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Wer im Norden wohnt und ab und zu ein paar plattdeutsche Brocken in sein Reden einbaut, wird verstanden und wundert sich, wenn es woanders nicht funktioniert. Die nette Dame aus Süddeutschland, die sich mal kurz das Buch „Respekt“ mit Lebensgeschichten älterer Menschen aus dem Jeverland ausgeliehen hat, erzählt beim Mittagessen, sie habe schon etliche Geschichten gelesen, sie sei sehr beeindruckt. „Da oben wird ja anscheinend noch viel Plattdeutsch gesprochen“, sagt sie, jedenfalls sei sie an solchen kurzen Passagen im Buch hängengeblieben. „Verstanden“, gibt sie zu, „habe ich kein Wort.“

Tag 50 | Kluger Kopf

Der Südkurier, die Stuttgarter Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung liegen morgens im Lesesaal aus. Interessant zu sehen, wer zu welchem Blatt greift. Ein Herr muss immer die FAZ haben, sonst liest er lieber gar nichts. Er schätzt die intellektuelle Herausforderung. Ich bin ja mehr für die Süddeutsche, schon wegen des Streiflichts, und weil sie neuerdings noch investigativer daherkommen, was ein bisschen spannender ist als die behäbige Frankfurter Art, die Leser zu belehren. Das Lokalblatt lese ich natürlich auch gern, schon um mich daran zu erfreuen, dass die auch nur mit Wasser kochen. Heute war die FAZ frei, da dachte ich, doch mal was für den Intellekt tun zu müssen. Im zweiten Artikel im zweiten Absatz beginnt die Autorin einen wunderbar gedrechselten Satz, baut hier einen Nebensatz ein und dort noch einen Einschub, geht in einem weiteren eingeschobenen Zwischensatz noch einen kleinen Umweg und bleibt stecken, führt den angefangenen Gedanken nicht zu Ende. Ich lese ein zweites, ein drittes Mal, gebe auf und denke: Dahinter steckt bestimmt ein kluger Kopf. Morgen dann doch wieder den Südkurier.

Tag 48 | Es-Zett

Dass die Schweizer meinen, ohne das „ß“ auskommen zu können, fand ich etwas sonderbar, aber es wird mir immer sympathischer. Gestern zum Beispiel, in der „Sonntagszeitung“, hieß es in einem Beitrag über ein Gesundheitsthema: „In Massen genossen kann Rotwein durchaus entspannen.“ Das kann ich so unterschreiben …

Tag 46 | Komma

KommaErst wenn das Steuertipps-Programm plötzlich eine Steuerrückerstattung von 43.597,13 Euro ausweist und einem die Kaffeetasse aus der Hand fällt, weiß man, wie wichtig ein richtig gesetztes Komma bei der Eingabe der Sonderausgaben ist.

Tag 45 | Abenteuerurlaub

SchweizPlane für heute übrigens eine Fahrt in die Schweiz. Gehe aber fest davon aus, dass mich die 49,7 Prozent der Schweizer, die gegen die SVP-Initiative gestimmt haben, so freundlich aufnehmen wie in all den vergangenen Jahren.