Rauchen ist ja eine Frage der Haltung. Die Rauchenden tun es wahlweise mit Stolz oder eher verschämt. Die Nichtrauchenden sind mal tolerant, mal militant. Eine Meinung zum Rauchen hat jeder. In meiner Firma haben die Nichtraucher die Raucher jahrelang mit allerdings nachlassender Geduld ertragen. Als Jungredakteur habe ich in einem Sechs-Mann-Kleinraumbüro gearbeitet, in dem ich der einzige Nichtraucher war. Über das Rauchverbot wurde später nicht groß gestritten, die verbliebenen Süchtigen rotten sich seit Jahren an einem ungemütlichen Ort vor dem Damenklo zusammen, bei gutem Wetter wird eine Seiteneingangstür geöffnet, bei schlechtem zieht der Qualm durchs Gebäude. Oft wurde ihr Reservat dort in Frage gestellt, lange konnten sie es verteidigen, doch nun ist Schluss. Der Hausmeister baut ihnen draußen gerade ein Gartenhäuschen aus dem Baumarkt auf, dort sollen sie bald weitab von Arbeitsplätzen ihrem Laster frönen, ein letzter Rückzugsort für diese armen Menschen. Der Verschlag misst zweimal zwei Meter, viel höher ist er auch nicht, die Tür hat jemand konstruiert, der früher für Pygmäen in Afrika baute. Ein wenig mitleidig schauen die Nichtraucher jetzt auf die Raucher, die da demnächst in bußfertig gebeugter Haltung hineinschlüpfen müssen, und fragen sich: Ist das eigentlich artgerecht?
Tag 83 | Erinnerung
Mehr als 300 Jahre lang haben Juden in Ostfriesland friedlich Tür an Tür mit ihren christlichen Nachbarn gewohnt. Die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Einwohner in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangene Jahrhunderts hat nicht nur eine ganze Bevölkerungsgruppe ausradiert, auch die Erinnerung an diese Menschen scheint ausgelöscht zu sein. Nur selten wird noch über die Familien gesprochen, die einst hier lebten, und wer Spuren jüdischen Lebens im Nordwesten entdecken will, muss schon sehr genau hinschauen. Das hat der Autor und Buchverleger Theo Schuster aus Leer getan und vor drei Jahren das Buch „Weet ji wall, wor Löbje wohnt… Spuren jüdischen Lebens in Sprache und Literatur“ herausgegeben. Er trug darin viel Material zusammen, zahlreiche Texte, deren Protagonisten Juden waren. Nach Erscheinen des Buches erhielt Schuster so viele weitere Hinweise, dass er jüngst die Fortsetzung herausgebracht hat. „Aber die Juden sind fort…“ heißt der Band, indem der Autor weitere Spuren jüdischen Llebens in Sprache und Literatur in und um Ostfriesland offenlegt.
Anekdoten und Geschichten, Volkskundliches, Literaturbeispiele aus Lyrik und Prosa hat Schuster zusammengetragen, darunter bemerkenswerte Lesefunde wie das Gedicht eines Juden aus Bunde, der 1933 seine fast hellseherische Klage darüber in Reime fasste, warum Deutschland, dem er Treue und Liebe versprochen habe, ihn ächte und meide. „Ich habe keine Heimat mehr“, schreibt er, „und dennoch lieb ich dieses Land, in dem schon meine Wiege stand.“ Das Buch dokumentiert Vorurteile und Aberglauben im Zusammenhang mit Juden, die zunehmenden Vorbehalte ihnen gegenüber ebenso wie die Verzweiflung mancher Nichtjuden darüber, was ihren Nachbarn in der Nazizeit angetan wurde. Ein faszinierendes Mosaik literarischer „Stolpersteine“, die die Erinnerung an das einst so friedliche und selbstverständliche Miteinander von Christen und Juden lebendig halten soll.
Illustriert ist das neue Buch mit 14 Radierungen von Gerd Rokahr aus Esens, die einzelne Kapitel des Bandes und das jüdische Leben in Ostfriesland veranschaulichen.
Theo Schuster (Hrsg.): Aber die Juden sind fort… 122 Seiten, 14 Illustrationen, gebunden, 19,90 Euro. Verlag Schuster, Leer, ISBN 978-3-7963-0394-4 | Buchbestellung
Tag 82 | Alptraum

„Die Vorstellung, dass die Kommunikation von Journalisten abgehört, mitgelesen, gespeichert und ausgewertet wird, ist ein Alptraum für die ganze Gesellschaft“ – sagt der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Michael Konken (Wilhelmshaven). Der DJV hat die Mitglieder des Bundestags-Untersuchungsausschusses zur Aufklärung der NSA-Affäre aufgefordert, intensiv möglichen Verletzungen der Pressefreiheit und des Informantenschutzes nachzugehen. Konken: „Wo die Freiheit der Medien eingeschränkt wird, ist es um die Freiheit der Gesellschaft schlecht bestellt.“
Tag 81 | Antiquarisch

Das Ding ist ja längst vergriffen, im eigenen Bücherregal verstauben noch einige wenige Exemplare so vor sich hin. Aus den Augen, aus dem Sinn, und plötzlich wird einem das eigene Buch zum Verkauf angeboten. Hat leichte Gebrauchsspuren, wie der Herausgeber inzwischen auch. Nicht schlecht: Der Wert hat sich in 14 Jahren jedenfalls ungefähr verdreifacht. Grund genug, vom Altbestand nichts mehr rauszurücken. Immerhin, „100 Jahre Jeverland“ gibt’s wieder, und zwar hier!
Tag 80 | Muss haben

Ein „Must-Have“ für Frauen, etwas Unverzichtbares also, was fällt Euch dazu ein? Handtaschen, Schuhe, Schmuck? Cabrio? diamantenbesetztes I-Phone? Die Firma ALKO behauptet von ihrem neuesten Produkt, es sei so ein „Must-Have. Es ist der Lady-Mäher Comfort in den Modefarben purpur oder bordeaux. Macht richtig was her beim Rasenmähen, wie der PR-Text verspricht: „Mit dem neuen Lady-Mäher geht die Gartenarbeit gleich noch leichter von der Hand und dabei hat die auffällig gestaltete Farbvariante einen praktischen Nebeneffekt: Sie zieht die neidischen Blicke der Nachbarinnen auf das eigene Grün.“ Das gönnt man seiner Frau doch. Und in Afrika ist Muttertag.
Tag 79 | Kreativ
Die Homepage der Werbeagentur ist wirklich eins a. Das Team sprüht nur so vor Ideen, das kann, soll und wird potenzielle Kunden auf den Geschmack bringen. Auch die Texter der Agentur stellen sich mit einem eingängigen Satz vor: „Man nehme gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.“ Darauf muss man erst mal kommen. Na ja, Kreative eben. Der Spruch passt perfekt in meine kleine Zitatensammlung. Bevor man es veröffentlicht, sichert man sich allerdings gern noch mal schnell ab, und siehe da: Der olle Schopenhauer hat’s gesagt. Aber wen interessiert schon geistiges Eigentum?
Tag 78 | Pechvogel
Unglücksrabe, weiblich: Eine 54-jährige Frau hat am vergangenen Sonnabend nach ihrem Einkauf in Wilhelmshaven auf dem Parkplatz versehentlich ihr Portemonnaie in einen unverschlossenen grünen Golf gelegt, der ihrem eigenen sehr ähnlich sah. Als sie den Irrtum bemerkte, war der Wagen nicht mehr da und ihre Geldbörse leider auch nicht. Nun hoffen die Dame und die Polizei auf einen ehrlichen Finder.
Tag 77 | In der Kürze
An Telefonzellen (jüngere Leser wissen mit dem Begriff etwas anzufangen) stand früher (mein Gott, ich werde alt) der Hinweis „Fasse Dich kurz!“ Das war vor allem denen sympatisch, die in der Schlange darauf warteten, dass sie endlich an die Reihe kommen. In Zeiten des Mobiltelefons und der Flatrates labert jeder so lange und so viel er will. Für Schreiber gilt die Aufforderung „Fasse dich kurz“ ja im Grunde auch, wenngleich eher diejenigen berühmt geworden sind, die sich nicht daran gehalten haben, was jeder erinnert, der die „Glocke“ auswendig lernen oder die Buddenbrooks lesen musste. Journalisten aber plagen sich tagtäglich mit mangelndem Platz herum und müssen deshalb schon aus Eigeninteresse einen Weg finden, die Wörterdiarrhoe aufzuhalten. Eine Kollegin einer befreundeten Zeitung hat’s darin inzwischen zu wahrer Meisterschaft gebracht, sie schreibt – wenn auch privat und nicht für die Zeitung – seit einiger Zeit Haikus. Japanisches Versmaß. Drei Zeilen, siebzehn Silben. Konzentrierte Botschaft, alles drin. Vielleicht sollte ich sie abwerben. Würde ja mordsmäßig Honorar sparen, wenn man sie losschickte: „Berichte doch bitte für uns über die Ausstellungseröffnung im Schloss. Ach, übrigens, ein Haiku reicht!“
Susannas neues Buch mit Haikus: Hier
Tag 76 | Verkauft
Wenn Drucker genau dann kaputt gehen würden, wenn die letzte Druckerpatrone verbraucht ist, lägen in unseren Schubladen nicht so viele originalverpackte teure Tintenbehälter herum wie es seit Jahren der Fall ist. Nachdem auch der letzte Versuch gescheitert ist, den Tintenstrahler wieder in Gang zu kriegen, stellt sich erneut die Frage: Wohin damit? Gleich in den Müll? „Stell es doch bei Ebay rein“, rät ein Freund. Gesagt, getan, nach wenigen Stunden ist tatsächlich ein Käufer gefunden, der sich die Patronen für kleines Geld abholen will. Er freut sich, ich freue mich. Braucht übrigens noch jemand einen Berg Tintenpatronen für den Canon Pixma 4200?
Tag 75 | Weltreise
Von England über die Türkei nach Amerika, und das mit dem Fahrrad, das geht nirgendwo anders als im Friesischen. Allerdings gibt es Ortsnamen, die zugleich Namen von Ländern oder gar Kontinenten sind, nicht nur auf der Ostfriesischen Halbinsel, sondern auch in anderen Regionen Deutschlands, wenn auch nicht so gehäuft. Die Zeit hat in ihrer Serie „Deutschlandkarte“ eine schöne Landkarte dazu veröffentlicht, die man sich glatt als Poster an die Wand hängen könnte. Hier geht’s zum Artikel und hier zur Karte.